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Wo die Pharma-Gelder hinfliessen
Die grossen Pharmakonzerne lassen sich ihnen wohlgesinnte Selbsthilfegruppen jedes Jahr Millionen kosten.
Für jede erdenkliche Krankheit gibt es eine Selbsthilfegruppe, die Liste umfasst weit über 100 Vereinigungen. Doch sind sie tatsächlich in erster Linie für die Patienten da oder dienen sie nicht vielmehr den Pharma-Konzernen – als verlängerter Arm der Marketingabteilungen?
Eine Erhebung unter den 17 grössten Pharma-Unternehmen mit Schweizer Niederlassung zeigt: Sie lassen ihre Sponsoring-Gelder praktisch ausschliesslich jenen Vereinigungen zukommen, die sich um Krankheiten kümmern, für die die jeweiligen Konzerne auch Medikamente und Therapien anbieten. Sprich: sie unterstützen ihnen wohlgesinnte Vereinigungen. Kritiker behaupten, genau dies zeige, dass viele dieser Selbsthilfegruppen lediglich ein verlängerter Arm der jeweiligen Marketingabteilung seien.
Die Auswertung der Sponsoring-Vergabepraxis zeigt zudem: Die neue Transparenzregel, die sich die pharmazeutische Industrie auferlegt hat, funktioniert nur schlecht: Sieben der 17 analysierten Firmen lieferten unvollständige, veraltete oder gar keine Angaben über ihre Zuwendungen an Selbsthilfegruppen. Bei fast jedem der untersuchten Konzerne finden sich zudem teils gravierende Fehler. Dazu kommt, dass die Pharma-Konzerne die neue Pflicht zur Transparenz eigenartig interpretieren: Sie weisen zwar Sponsoring-Gelder aus, nicht aber Zuwendungen an Organisationen in Form von Inseraten in deren Publikationen oder als klassische Spenden. Eine Stichprobe zeigt: die Zuwendungen der Pharma an die Selbsthilfegruppen können gut und gerne doppelt so hoch sein wie offiziell deklariert.
Problematisch: In einem Fall zeigt die Recherche, dass die Mitbesitzerin einer medizinischen Dienstleistungsfirma auch gleich noch im Vorstand jener beiden Selbsthilfegruppen sitzt, deren Mitglieder explizit als Zielgruppe ihrer Kundschaft definiert ist. Die Organisation selber behauptet trotz der offensichtlichen Interessenkollision: «Wir sind vollständig unabhängig, das hat überhaupt keinen Einfluss.»
Der vollständige Bericht über die Pharma-Millionen findet sich im Beobachter 13/2013 (Beo_13_10_013_Pharma-Sponsoring)
(Bild: © psdesign1 – Fotolia.com)Lobbys drängen ins Schulzimmer
Lobbyismus an Schulen hat ein «alarmierendes» Ausmass angenommen. Zu diesem Schluss kommt die deutsche Organisation Lobbycontrol und fordert, die Firmen und Interessenverbände aus dem Unterricht zurückzudrängen.
Die Wirtschaft nimmt immer stärker Einfluss auf den Unterricht an Schulen. Kein Wunder: Hier sitzen die Konsumenten morgen. Firmen und Interessenverbände publizieren Unterrichtsmaterialien, veranstalten Schulwettbewerbe oder bilden Lehrer fort. Die deutsche Non-Profitorganisation Lobbycontrol kommt in einer Analyse zu einem klaren Schluss: «Es geht es nicht um Erkenntnis oder Bildung, sondern um Meinungsmache und Marketing.» Die indirekte Lobbyarbeit an Schulen sei «alarmierend». Denn: «Die Einflussnahme auf Kinder und Jugendliche wird professionell organisiert und ist Teil umfassender und langfristiger Lobbystrategien.» Gleichzeitig hätten die gesetzlichen Rahmenbedingungen und gesellschaftlichen Mechanismen mit dieser Entwicklung nicht Schritt gehalten.
Beispiele dazu finden sich auch in der Schweiz – und kaum jemand scheint sich daran zu stören. Jahrelang schon bietet etwa die Erdölvereinigung einen Ausbildungsordner für Schulen an. Und die anfängliche Kritik am landesweiten Projekt «Schulen ans Internet» der Swisscom ist längst verstummt. Nicht zuletzt, weil Gemeinden und Kantone dem Bildungsbereich landauf landab Sparprogramm nach Sparprogramm diktieren. Viele Schulen waren deshalb der Swisscom dankbar, den Zug ins digitale Zeitalter nicht komplett verpasst zu haben. Von den gleichzeitig angebotenen pfannenfertigen Arbeitsblätter, Ratgeber und anderen Unterrichtsmaterialien spricht kein Mensch. Ähnlich im Energiebereich: Die Vereinigung der Schweizerischen Elektrizitätswerke VSE, in dem die AKW-Betreiber Axpo und BKW den Ton angeben, betreibt zur Einflussnahme auf Schulen unter dem Namen poweron sogar eine eigene Internetplattform. Hier bietet die Stromlobby Unterrichtsmaterial für Kinder ab 9 Jahren an, so genannte «E-Dossiers», und deckt die Lehrerschaft auch gleich mit dem dazu gehörigen «didaktischen Leitfaden» ein.
Lobbycontrol Deutschland zitiert in diesem Zusammenhang die Pisa-Studie 2006, wonach bereits 87,5 Prozent der 15-Jährigen eine Schule besuchen, an der Wirtschaft und Industrie Einfluss auf die Lerninhalte ausüben würden. Die Schulhaustür öffne sich ohnehin relativ leicht. Dazu müsse ein Interessensverband lediglich einen Mangel im Bildungswesen thematisieren und anschliessend mit passenden Lerninhalten bereit stehen. Als Beispiel nennt die Organisation den Bankenverband, der 2012 eine Jugendsstudie präsentierte. Das wenig erstaunliche Fazit: Fast bei jedem zweiten Jugendlichen gebe es grössere Defizite im Verständnis von Wirtschaft und im Wissen über Wirtschaftsthemen. Ähnliche Studien über angebliche Mängel im Bilidungssysstem gebe es zuhauf. Der Grund liege darin, das Engagement von Unternehmen und Verbänden an Schulen «argumentativ zu untermauern». In der Analyse schreibt Lobbycontrol: «In der Öffentlichkeit werden diese Studien selten hinterfragt und meist unkritisch wiedergegeben.»
Die Schulen sind für Lobbys deshalb zentral, weil dort nicht nur Werbung betrieben werden kann und Nachwuchskonsumenten sind finden sind, sondern auch weil sie mit Unterrichtsmaterialien Einfluss auf wichtige gesellschaftliche Themen nehmen können – motiviert von privaten geschäftlichen Interessen. Daraus entsteht einseitiges Lehr- und Lernmaterial und die ohnehin bestehende Ungleichheiten im Bildungssystem werden weiter vergrössert. Für Schulen mit knappen finanziellen Mitteln sind die ansprechenden Unterrichtsmaterialen verlockend. Lobbys schicken aber auch «Experten» ins Klassenzimmer und organisieren ausserhalb der obligatorischen Schulzeit Wettbewerbe und Spiele.
Weil der Einfluss auf den Inhalt der Schule weiter voranschreite, fordert Lobbycontrol in einem offenen Brief an die Bildungsministerien der Bundesländer:
- Finanzierung von Unterrichtsmaterial offen legen. Lehrer, Schüler und Eltern müssen auf den ersten Blick erkennen, von wem das Material stammt und wessen Interessen darin vertreten werden.
- Aufsichtsstellen und Schulen müssen komerzielle Kooperationen besonders kritisch prüfen. Denn Kooperationen können zu Abhängigkeit und mangelnder Distanz führen.
- Werbung umfassend verbieten. Schulen müssen in der Lage sein, aktuelle Schulbücher zu kaufen, ein modernes Chemielabor einzurichten und einen Computerraum gut auszustatten.
- Zukünftige Lehrkräfte müssen bereits in der Ausbildung für die Gefahren der Einflussnahme sensibilisiert werden.
Hier findet sich das Diskussionpapier «Einflussnahme auf den Unterricht und was man dagegen tun kann».
Wer kennt weitere Beispiele von auffälligen Unterrichtsmaterialen? Bitte hierhin senden: otto.hostettler@beobachter.ch
Volles Rohr für Olympia
Der Medienkonzern Ringier («Blick», «Schweizer Illustrierte») kämpft mit voller publizistischer Kraft für die Bündner Olympiakandidatur – eine Ringier-Tochterfirma hat den Vermarktungsauftrag.
Zurückhaltung ist nicht Sache der «Schweizer Illustrierten». Auf 22 Seiten preist sie Graubündens Olympiakandidatur 2022 und präsentiert 100 Promis aus Sport, Unterhaltung, Wirtschaft und Politik. Sie erklären, weshalb die Schweiz nach 1928 und 1948 unbedingt wieder Olympische Winterspiele durchführen sollte. Sekundiert vom «Blick» und weiteren Titeln der umsatzstärksten Schweizer Medienfirma, lautet die Botschaft: Die ganze Schweiz profitiere vom sportlichen Grossanlass.
Was nirgends steht: Ringier profitiert schon heute vom Olympiatraum. Die Tochterfirma Infront Ringier vermarktet für Swiss Olympic die Kandidatur, führt das Generalsekretariat der Olympiapromotoren und verwaltet die Finanzen von Graubünden 2022. Das sind immerhin budgetierte 60 Millionen Franken – zumeist Steuergeld, je 30 Millionen Franken von Bund und Gemeinden sowie Sponsoren.
Sagt das Bündner Stimmvolk am 3. März 2013 Ja, hat die Schweiz gute Chancen, die Olympischen Winterspiele 2022 durchzuführen. Damit steigen auch die Chancen der Ringier-Tochter, mit dem Ticketverkauf und der Vermarktung allfälliger TV-Rechte das grosse Geschäft zu machen. Was für Ringier gut ist, könnte für die Schweizer Steuerzahler teuer werden. Graubünden 2022 kostet den Bund mindestens zwei Milliarden Franken (Durchführung und Investitionen), möglicherweise aber viel mehr. Das Internationale Olympische Komitee verlangt von der Schweiz nämlich eine Defizitgarantie in unbeschränkter Höhe.
Wie viel Ringier für die wohlwollende Berichterstattung von Infront Ringier erhält, ist nicht bekannt. Ringier-CEO Marc Walder lässt ausrichten: «Kommerzielle Interessen sind nicht im Spiel.» Aber: «Zahlen kommunizieren wir keine.» Die Aktion der «Schweizer Illustrierten» sei aus «voller Überzeugung» zustande gekommen. Die Frage, ob die Aktivitäten der Infront Ringier nicht die Glaubwürdigkeit der Ringier-Medien gefährde, beantwortet Walder nicht.
Höhepunkt der Parade der 100 Prominenten ist ein Interview mit Fifa-Chef Sepp Blatter. Auf die Frage, ob er «überhaupt einen persönlichen Bezug» zu Olympischen Spielen habe, erzählt er ausschweifend aus seinem Leben. Was er verschweigt: Verwaltungsratspräsident von Infront Ringier ist sein Neffe Philippe Blatter.
© Beobachter (Ausgabe 4/2013)
Mais fürs Bisi vom Büsi
Statt auf dem Teller im Katzenklo: Die Landi vertreibt ein Katzenstreu, das aus Mais hergestellt wird – und sieht kein Problem dabei.
Der grösste Teil der weltweiten Maisernte landet nicht auf dem Teller, sondern im Tank von Autos. Jener Teil, der Menschen ernährt, wird immer kleiner. Eindrücklich zeigt dies die Statistik der USA, grösster Maisroduzent der Welt:Im Erntejahr 2010/2011 verarbeiteten die USA 128 Millionen Tonnen Mais zu Ethanol, fünfmal so viel wie vor zehn Jahren. Nur etwa 35 Millionen Tonnen enden als Müesliflocken oder Stärke. Hilfswerke kritisieren, die Nachfrage nach Ethanol erhöhe die Preise für Mais. Das werde für die Ärmsten, die sich von Mais ernähren, immer mehr zum Problem.
In der Schweiz promotet beispielsweise die Landi ein Maisprodukt – als Einstreu im Katzenklo. Die Katzenstreu Biscat natur bestehe «zu 100 Prozent aus nachwachsenden, pflanzlichen Rohstoffen», lobt die Landi. Klingt gut. Doch es handelt sich nicht um irgendeinen pflanzlichen Rohstoff, sondern eben um gemahlenen Mais. Anders gesagt: Katzen entleeren Blase und Darm also auf ein Nahrungsmittel.
«Das ist pietätlos», kritisiert Marianne Schmid (Name geändert). Sie kaufte in der Landi Schänis SG eine Packung und bemerkte zu Hause: «Das riecht und schmeckt wie Frühstücksmüesli.» Tatsächlich steht auf der Packung: «aus Mais und Getreide».
Bei der Landi sieht man kein Problem: Es handle sich um ein «Abfallprodukt». Bevor Mais zu Nahrungsmitteln verarbeitet werde, werde er gesiebt, dabei falle «Maisbruch» an. «Biscat-Naturkatzenstreu besteht zu 100 Prozent aus Maisbruch», sagt Landi-Sprecherin Sonja Schild. Dieser werde vermahlen, wodurch die «vielporige» Einstreu entstehe.
Ob es sinnvoll ist, Mais ins Katzenklo zu streuen, statt als Nahrungsmittel zu verwenden, beantwortet Sonja Schild nicht.
Den vollständigen Artikel finden Sie im Beobachter 1/2013 (online nicht verfügbar) (Bild: © mirpic – Fotolia.com)Strom: Clever teilen spart Kraftwerk
Mit einem virtuellen Kraftwerk liesse sich so viel Strom ins Netz einspeisen wie mit einem mittelgrossen Gaskraftwerk. Doch die Stromkonzerne setzen lieber auf Gas.
Die Schweizer Stromwirtschaft hat ihr eigenes Rezept, um die Energiewende zu schaffen: Sie möchte die jahrzehntealten Atomkraftwerke durch neue Gaskraftwerke ersetzen. Vier, lieber fünf, noch besser sechs sollen es sein. Es gibt aber eine Alternative dazu, die bisher kaum diskutiert wurde: sogenannte virtuelle Kraftwerke.
Ihr Prinzip ist einfach, die Technik vorhanden, die Einführung überraschend günstig: Grosse Strombezüger werden mit einer intelligenten Computersteuerung untereinander vernetzt. Der Strom, der durch kurzzeitig nicht benutzte Motoren, Pumpen oder Kühlaggregate für Sekunden oder Minuten frei wird, kann praktisch in Echtzeit anderen Strombezügern geliefert werden, die just in jenem Moment einen höheren Bedarf haben. So lassen sich Lastspitzen brechen, die sonst durch ein konventionelles Kraftwerk produziert werden müssten.
Trotz grossem Potential steckt das sogenannte Lastspitzenmanagement in der Schweiz noch in den Kinderschuhen. Das einzige konkrete Projekt heisst Flex Last, wird vom Bundesamt für Energie gefördert und wurde im September mit grossen Worten angekündigt. Dahinter stehen neben IBM die Migros und der bernische Stromkonzern BKW. Als Strompuffer dienen hier die Kühlhäuser der Migros-Verteilzentrale in Neuendorf SO.
In eine andere Dimension will ein Projekt von Xamax vorstossen, einer auf Energieeffizienz spezialisierten Tochterfirma des Stromkonzerns Alpiq. Xamax bewirtschaftet und optimiert schon heute bei über 1000 Industrie- und Gewerbebetrieben (Spitäler, Milch-, Fleisch-, Getränkeverarbeiter, Hotels, grosse Industriebetriebe) den Stromverbrauch in Spitzenzeiten. Beispielsweise lassen sich mit einer ausgeklügelten Steuerung die Öfen einer Grossbäckerei kurzzeitig ausschalten, wenn sie gerade nicht heizen müssen, weil im Herstellungsprozess erst die Knetmaschinen laufen. Von der Reduktion solcher Verbrauchsspitzen profitieren Firmen doppelt: Sie sparen Stromkosten und verhindern erst noch, dass sie wegen steigenden Strombedarfs in ihre Infrastruktur investieren müssten.
Unter dem Namen Powerallianz will Xamax solche Betriebe jetzt gezielt zum virtuellen Kraftwerk vernetzen. Gemeinsam mit der Laufenburger Softwarefirma Senergy konnte die Alpiq-Tochter in ersten Tests zeigen, dass ein solcher Pool in der Praxis tatsächlich funktioniert. «In der Schweiz liegt ein beachtliches Potential einfach brach», sagt Projektleiter Rafael Osswald. Sein virtuelles Kraftwerk könnte mit den bestehenden Xamax-Kunden bereits etwa 150 Megawatt Leistung ins Schweizer Stromnetz einspeisen. Die Kosten schätzt er auf rund zwei Millionen Franken.
Doch das sei erst der Anfang. «Diese Leistung lässt sich mit geringem Aufwand vervierfachen», ist Osswald überzeugt. Das wäre fast die doppelte Leistung des AKWs Mühleberg oder würde einem Gaskraftwerk entsprechen, wie es von der Grössenordnung her nun für die Schweiz geplant ist. Noch im laufenden Jahr will Alpiq der nationalen Netzgesellschaft Swissgrid mit Tests die technische Machbarkeit belegen.
Fachleute haben hohe Erwartungen an solche Projekte, weil mehr Sonnen- und Windstrom zu Schwankungen im Netz führen wird. «Virtuelle Kraftwerke werden in Zukunft nötig sein, um das Stromnetz zu stabilisieren», sagt Matthias Gallus, Experte für Energieversorgung im Bundesamt für Energie. Tatsächlich steht die Strombranche vor einem radikalen Umbruch. Seit Jahrzehnten liefern Atom- und Wasserkraftwerke Grundstrom für Haushalte und die Industrie. Um den Spitzenverbrauch abzudecken, produzierten Regelwerke (etwa Speicherkraftwerke) die zusätzliche elektrische Energie. Hat die Schweiz zu viel Strom oder ist der Strom im Ausland günstig zu haben, pumpen die Kraftwerke Wasser in höher gelegene Speicherseen. In nachfragestarken Zeiten wird das Wasser turbiniert – und der Strom teuer exportiert.
Dieses alte Modell funktioniert aber nicht mehr. Die Stromproduktion aus deutschen und italienischen Solaranlagen hat in den letzten zwei Jahren derart zugenommen, dass an schönen Tagen eine Menge Solarstrom ins Netz fliesst, die der 20-fachen Leistung des AKWs Gösgen entspricht. In den Mittagsstunden besteht also plötzlich nicht mehr ein für die Schweiz lukrativer Stromengpass, sondern ein Überangebot. «Es ist wesentlich effizienter, die Spitzen im Schweizer Stromverbrauch zu optimieren, als Ersatzkraftwerke auf Vorrat zu bauen», glaubt Projektleiter Osswald.
Vollständiger Artikel im Beobachter 23/2012. (Bild: © strippenzieher – Fotolia.com)Das Dessert schon zum zMorge
Nestlé senkt den Zuckeranteil in Frühstücksflocken. Nun sind sie nicht mehr extrem süss, sondern nur noch sehr süss.
Jüngst hat Nestlé vollmundig angekündigt, ab 2013 den Zuckergehalt in ihren fünf Frühstücksflocken für Kinder um bis zu 29 Prozent zu senken. Das klingt gut. Doch die absoluten Zahlen relativieren die Sache: Alle fünf Nestlé-Sorten werden auch künftig zu über einem Viertel ihres Gewichts aus purem Zucker bestehen. «Lion» beispielsweise kommen noch immer auf einen Zuckeranteil von fast 30 Prozent.
Die Aargauer Ernährungsberaterin Franziska Widmer spricht zwar von einem «positiven Zeichen», sagt aber: «Realistischerweise lösen wir damit das Problem der übergewichtigen Kinder nicht.» Die Industrie habe «eine sehr starke Stellung», sie gehe leider nur «in winzigen Schrittchen» vorwärts. Immerhin stagniere seit drei Jahren der Anteil übergewichtiger Kinder, sagt die Vizepräsidentin des Fachverbands Adipositas im Kindes- und Jugendalter.
«Solche Reduktionen entstehen entweder unter Druck der Konsumenten oder sind reine Marketingmassnahmen», sagt Heinrich von Grünigen, Präsident der Adipositas-Stiftung. Er ist überzeugt, dass die Nahrungsmittelkonzerne damit bloss versuchen, «regulatorischen Massnahmen» zuvorzukommen. So auch Nestlé.
Der Schweizer Multi betont ständig, wie wichtig eine ausgewogene Ernährung sei. Entsprechend dick trägt er in der Werbung auf: «‹Lion› garantiert einen super Start in den Tag.» Und: «Ernährungsexperten empfehlen ein Frühstück auf der Basis von Getreide.» Da Nestlé-Flocken 35 Prozent Vollkorngetreide enthalten, preist die Firma die Zuckerbomben kühn als «vollwertig».
Was Nestlé nicht sagt: Einzelne Flocken bestehen aus mehr Zucker als Vollkorn. So stecken in den beliebten «Cini Mini» pro 30-Gramm-Portion acht Gramm Vollkorngetreide – und 9,6 Gramm Zucker. Das Problem dabei: Die wenigsten Konsumenten – und Kinder schon gar nicht – sind sich bewusst, dass sie bei einer mittelgrossen Schale dieser «Cini Mini» (50 Gramm) vier Stück Würfelzucker essen.
«Viel Zucker bringt viel Umsatz»
«Frühstücksflocken sind von der Zusammensetzung her nichts anderes als zerbrochene Guetsli, die in Milch aufgelöst werden», sagt Ernährungsberaterin Widmer. Zum Vergleich: Selbst wer statt Flocken eine Mousse au Chocolat zum Zmorge essen würde, nähme nicht mehr Zucker zu sich.
Den vollständigen Artikel findet sich im Beobachter 23/2012.
Ex-Lyoness-Partner fordern Geld zurück
Die «Einkaufsgemeinschaft» Lyoness kommt nicht zur Ruhe: 54 Ex-Mitglieder fordern ihre gesamten investierten Gelder zurück.

Nach aussen ist das Bild perfekt: Lyoness nennt sich «Einkaufsgemeinschaft», bietet bei Firmen ermässigte Preise, verspricht verschiedene Boni und Rabatte – und ist karitativ tätig. So präsentierten sich Lyoness-Verantwortliche um Firmengründer Hubert Freidl (im Bild links) bei einem Spendenprojekt stolz mit Nobelpreisträger Nelson Mandela.
Doch hinter Lyoness verbirgt sich ein schwer durchschaubares Geschäftsmodell. Mitglieder können sich mit erzielten Rabatten auf Einkäufen «Einheiten» gutschreiben lassen, um weitere Prämien zu erreichen. Weil das zu lange dauert, wird den Mitgliedern in Seminaren empfohlen, solche «Einheiten» mit «Gutscheinanzahlungen» zu kaufen und dank neu geworbenen Mitgliedern und deren zugekauften «Einheiten» in der Hierarchie aufzusteigen und so noch höhere Prämien zu erreichen.
Eine ganze Reihe bisheriger Mitglieder glaubt nicht mehr an das Modell. Etwa Christian Koller*. Er hatte Lyoness innert eines Jahres 38’000 Franken überwiesen. Heute reibt er sich die Augen: «Ich darf gar nicht daran denken, wie naiv ich war.» Wie viele ist er überzeugt, vom System profitiere vor allem der enge Kreis um den österreichischen Firmenchef Hubert Freidl. Inzwischen fordern 54 Ex-Mitglieder investierte Gelder zurück – total über 420’000 Franken. Obwohl Lyoness die Rückzahlung schriftlich zusicherte, zahlte sie nur 75 Prozent der gesamthaft investierten Gelder aus. Jetzt fordert Koller seinen noch offenen Teil auf gerichtlichem Weg ein.
Ungemütlich wird die Situation für Lyoness auch wegen der verschärften Gesetzgebung in der Schweiz. Seit April können Firmen mit schneeballähnlichen Geschäftsmodellen wirkungsvoller belangt werden. Flugs hat nun Lyoness die allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) geändert. Auffällig: Verschwunden ist genau jener Artikel, der Mitgliedern bisher Ausstieg und Rückerstattung investierter Gelder ermöglichte. Lyoness Schweiz betont gegenüber dem Beobachter, Kulanzregelungen seien weiterhin möglich: «Wir können Ihnen versichern, dass wir für jedes Mitglied eine Lösung finden.»
Neu gibt es gar zwei Sorten Geschäftsbedingungen: Mitglieder kommen erst in den Genuss aller Lyoness-Vorteile, wenn sie die «erweiterten» Nutzungsbedingungen akzeptieren. Erst hier wird auch das eigentliche Geschäftsmodell erklärt: Wer neue Mitglieder rekrutiert, steigt auf und kassiert mehr. Wer das höchste «Karrierelevel» 8 erreicht, dem winkt ein monatlicher Bonus von 75’000 Franken – zumindest in der Theorie.
Neuen Ärger kommt nun noch von einer anderen Seite: Die Revisionsfirma von Lyoness Europe und Lyoness International legte ihr Mandat nieder, wie die Handelszeitung schreibt.
Weitere Artikel zu Lyoness sowie ein Musterbrief zur Vertragskündigung finden sich hier.So fertigen Pressestellen Journalisten ab
Wer glaubt, Firmensprecher würden Anfragen individuell bearbeiten, liegt falsch. Bei einem Grossverteiler werden Journalisten mit einer «Sprachregelungsdatenbank» abgefertigt.
Es ist der Job eines Pressesprechers, «sein» Unternehmen im besten Licht darzustellen. Tagtäglich verwedeln sie deshalb kritische Anfragen von Journalisten, fertigen sie mit Standardantworten ab. Immer höflich und korrekt im Umgang. Längst bereiten sie sich bis ins letzte Details auf alle möglichen Anfragen vor. Ein Schweizer Grossverteiler führt dazu sogar eine offensichtlich umfangreiche «Sprachregelungsdatenbank». Daraus wird klar: Statt die Anliegen der Kunden ernst zu nehmen und Fragen konkret zu beantworten, übernehmen sie die Vorgaben einer Maschine und beschränken ihre Tätigkeit auf «Copy-Paste». Das Resultat: eine Ansammlung aus Allgemeinplätzen.
Es war eine einfache und konkrete Anfrage zu einem neuen Label des besagten Grossverteilers. In der E-Mail-Antwort des Pressesprechers blieben dann aber ausgerechnet jene Zeilen erhalten, die der Mitarbeiter der Medienstelle einem internen Sachbearbeiter schrieb und nicht für den Journalisten gedacht war: «Die erste Frage habe ich mittels Sprachregelungsdatenbank beantwortet.»
Was in diesem Beispiel herauskam, könnte nichtssagender nicht sein: «Unser Unternehmen geniesst generell hohes Vertrauen. Dieses wollen wir weiter stärken. Oberste Priorität hat dabei die Zufriedenheit der Kundinnen und Kunden. Diese erreichen wir unter anderem mit mehreren Qualitätskontrollen. Trotzdem kann es natürlich vorkommen, dass irgendwo ein Qualitätsmangel vorliegt – denn die absolute Sicherheit gibt es nicht (…).» Er hätte auch schreiben können: «Blabli bla bla.»
«Gesundheit Sprechstunde»: Zum Schluss eine saftige Busse
Seit Jahren wirbt die TV-Sendung «Gesundheit Sprechstunde» gesetzwidrig für Produkte und Sponsoren. Kurz bevor Ringier die Sendung einstellt, verhängt das Bakom noch eine saftige Busse.
«Gesundheit Sprechstunde», die von Ringier produzierte TV-Sendung auf SF1, hat ein weiteres Mal gegen die Radio- und TV-Gesetze des Bundes verstossen. Zu diesem Schluss kommt das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) als Aufsichtsbehörde in einer jüngst veröffentlichten Verfügung. Was das Bakom aber erst auf Nachfrage Preis gibt: «Gesundheit Sprechstunde» muss dem Bakom eine so genannte Verwaltungssanktion in der Höhe von 50’000 Franken sowie Fr. 13’230.- Verfahrenskosten bezahlen, wie die zuständige Stelle bekannt gibt. Der Entscheid ist noch nicht rechtskräftig.
Die Gesundheitssendung aus dem Hause Ringier hat seit 2005 praktisch jedes Jahr gegen die Werbe- und Sponsoringbestimmungen des Bundes verstossen. Ende 2011 kam das Bakom zum Schluss, die TV-Sendung haben alleine zwischen September 2009 und März 2010 fünf Mal gegen das Gesetz verstossen, «wiederholt und in schwerer Weise» («Wiederholungstäterin Gesundheit Sprechstunde»). Die Masche ist immer die gleiche, Firmelogos werden unerlaubterweise ins Szene gesetzt, Produkte werden sloganhaft angepriesen und Sponsoren unzulässig ins Zentrum gerückt. Vor knapp einem Jahr zog das Bakom das bedenkliche Fazit, die Sendung habe «zum Ausdruck gebracht, dass sie nicht gewillt oder nicht in der Lage ist, sich an gesetzliche Vorgaben zu halten». Damals musste «Gesundheit Sprechstunde» lediglich 7536.10 (und 2000 Franken Verfahrenskosten) bezahlen.
Das neuste Urteil gegen die von der Tierärztin Jeanne Fürst moderierte Gesundheitssendung wird wohl das letzte sein. Nicht etwa, weil sich die Verantwortlichen um Ringier-Kadermann Hans Jürg Deutsch geläutert sehen, sondern weil die Sendung Ende Jahr eingestellt wird.
(Bild: http://www.gesundheitsprechstunde.ch)
Deutscher Solarstrom vermiest BKW und Co. das Geschäft
Jahrelang haben sich die Schweizer Stromkonzerne konsequent dem Strom aus Sonne und Wind verweigert. Neben ein paar Prestiganlagen setzten BKW, Axpo, Alpiq konsequent auf Atomkraft, Kohle und Gas. Jetzt erhält sie die Quittung.
Das bisherige Geschäftsmodell der BKW war simpel: Ihr AKW Mühleberg produzierte so genannte Bandenergie und deckte so den Grundbedarf an Strom für den Alltag. War die Nachfrage nach Strom hoch, etwa über die Mittagszeit, produzierte ihre Tochtergesellschaft Kraftwerke Oberhasli (KWO) zusätzlich Strom aus den Speicherseen. Das nannte sich Spitzenenergie. War die Nachfrage klein, etwa nachts, konnte die KWO mit dem überlfüssigen AKW-Strom das Wasser zurück in höher gelegene Speicherseen pumpen. Das erlaubte den KWO, tagsüber den Strom teuer zu verkaufen. Dafür kreierte man den Begriff Stromveredelung.
Jetzt ist plötzlich alles anders. Der Zubau von Solaranlagen in Deutschland entwickelte sich innerhalb von wenigen Jahren dermassen schnell, dass heute in den Mittagsstunden Strom in der Grössenordnung von 20 grossen AKWs ins Netz gespiesen wird. Ausgerechnet in diesen Stunden verkaufte aber bisher die BKW ihre Spitzenenergie aus den Speicherseen – mit schönem Gewinn. Dieser MIttagsmarkt ist nun zusammengebrochen, bestätigt die BKW. Von höchster Stelle heisst es nun, der deutsche Solarstrom «kannibalisiere» den Strom aus den Schweizer Bergen (siehe: «Dunkle Wolken über den ‘Batterie Europas’»; Beobachter 17/2012).
In der Sendung 10-vor-10 (Ausgabe 16. August 2012) bezifferte BKW-Chef Kurt Rohrbach die Verluste für die Schweizer Stromwirtwschaft wegen der Deutschen Solarkraft auf 100 Millionen Franken pro Jahr. Und was genau passiert in der Schweiz? Axpo und Alpiq investieren zurzeit mehrere Milliarden in neue Pumpspeicherkraftwerke und Bundesrätin Doris Leuthard bejubelt die Pumpspeicherkraftwerke unverdrossen als «Batterie Europas».
Jetzt will die BKW in den nächsten zehn Jahren auch noch für fast 400 Millionen ihr 40-jähriges AKW nachrüsten. Sprich: Die BKW beharrt auf ihrer längst überholten Geschäftsstrategie.
(Bild: © Waldteufel – Fotolia.com)