Otto Hostettler's Blog

Artikel getaggt mit ‘Kinderheime

Kirche «vergisst» Rathausen-Vergangenheit

Hinterlasse einen Kommentar »

Direktor Anton S. war bei den Kindern gefürchtet wegen sei­ner drakonischen Strafen in der Erziehungsanstalt Rathausen Anfang der fünfziger Jahre. Nun ist er 96­jährig gestorben. In der Todesanzeige des Bistums Basel klafft im Lebenslauf eine Lücke: die Zeit in Rathausen.

«Für alle Kinder, die unter Anton S. gelitten haben, ist das ein Affront», sagt ein 78­jähri­ ger ehemaliger Bewohner. Wie schon sein Vorgänger habe S. immer wieder «brutal» zuge­schlagen, auch bei Mädchen. «Sie mussten sich auf den Tisch legen und den Hintern frei ma­chen. Dann kam Direktor S. mit dem Stock.» Betroffene berich­ten aus dieser Zeit von zahlrei­chen physischen, psychischen und sexuellen Übergriffen.

Die Todesanzeige führt Bischof Felix Gmür als Erstunterzeich­ner auf. Es sind alle priesterli­chen Stationen von S. aufgelis­tet, ausser der Direktorenstelle in Rathausen. Das Bistum gibt an, er sei in dieser Zeit Vikar in Basel gewesen. Darauf ange­sprochen, lässt Bischof Gmür ausrichten, dem Bistum sei nicht bekannt, wer den Auftrag für die Anzeige erteilt habe.

Für den ehemaligen Kinder­heimbewohner ist klar: Die Kir­che wolle nicht zur Rathausen­ Vergangenheit des Priesters stehen. Das Heim wurde bis in die siebziger Jahre vom Kloster Ingenbohl geführt, als Direktor amtete jeweils ein Priester. Das Kinderheim steht zurzeit im Zentrum einer Untersuchung des Kantons Luzern über die damaligen Zustände. Sie soll auch die Hintergründe zu meh­ reren Todesfällen aufklären, darunter wahrscheinlich auch Suizide. Auch die vom Kloster Ingenbohl beauftragte Kom­mission hat mit der Aufarbei­tung der düsteren Vergangen­heit begonnen.

 

(Bild: www.kinderheime-schweiz.ch)
 

Geschrieben von Otto Hostettler

2. Februar 2012 um 14:49

Rolf Horst Seiler lebte 40 Jahre im Wald

Hinterlasse einen Kommentar »

Die Schweiz hat jahrzehntelang Personen bevormundet, sterilisiert, weggesperrt und verdingt. Rolf Horst Seiler ist einer von ihnen. Er lebte 40 Jahre im Wald. Wie ein Tier. Ein Tier auf der Flucht.

«Der Staat hat mein Leben zerstört. 1952, als ich neun Jahren alt war, erkrankte ich an einer Hirnhautentzündung. Ich erlitt bleibende Schäden, war in der Motorik eingeschränkt, hatte  Konzentrationsstörungen. Bis heute leide ich unter Schlaflosigkeit. Das wollte damals niemand wahrhaben. Erst 1987, also 35 Jahre später, diagnostiziert ein Gutachter meine Arbeitsunfähigkeit, die auf die Meningitis meiner Kindheit zurückzuführen sei.

Nach der Schulzeit wollte man mich zwingen, zu arbeiten. Es hiess, ich sei arbeitsscheu, ein Simulant. Ich konnte mich nicht erklären. Mit knapp 20 Jahren durfte ich nicht mehr nach Hause, der Kanton Aargau verfügte ein Kontaktverbot zu meiner Mutter. Die Gesellschaft hat mich damals verstossen, ausgesetzt. In dieser Zeit versorgte man mich auch noch für fast zwei Jahre in Dielsdorf, in der Anstalt für Schwererziehbare.

Anfang der 60er Jahre hatte ich keine Bleibe, ich ging in den Wald. Mein Hab und Gut hatte Platz in zwei Plastiksäcken. Ich hauste in Erdhöhlen. Um mich vor dem Regen zu schützen spannte ich eine Blache vor eine Scheiterbeige oder verkroch mich in der Kanalisation. Ich lebte wie ein Tier. Ein Tier auf der Flucht.

Ich habe nie Weihnachten oder Geburtstag gefeiert. Ich hatte keine sozialen Kontakte. Weder IV noch Sozialhilfe. Auf Abfallhalden sammelte ich Flaschen. Vom Pfand kaufte ich mir Essen. 40 Jahre lang.

Bei Minustemperaturen schmerzte mein Körper fürchterlich. Dann habe ich in Gasthäusern gegessen oder in Pensionen übernachtet. Natürlich konnte ich das nicht bezahlen. Ich wurde verhaftet, wegen Zechprellerei verurteilt. Ich weiss nicht wie oft, wahrscheinlich hunderte Male. Statt dass mir jemand geholfen hätte, wurde ich bestraft.

Wenn ich einem Richter von meiner Invalidität erzählte, wurde ich ausgelacht. Es hiess, ich sei uneinsichtig, ein Vagabund, ein Lump. Man nahm mir meine Gesundheit, mein Obdach und meine Menschenwürde.

1979 lernte ich eine Frau kennen, bald darauf wurde sie schwanger. Als ihre Familie von meinem Leben erfuhr, verstiessen sie mich. Meine Tochter heisst Claudia, sie wurde 1980 in Brugg geboren. Ich habe sie kein einziges Mal gesehen. Bis heute.

Die Gemeinde weigerte sich, mir bei der Suche nach meiner Tochter zu helfen. Überhaupt hat mir nie eine Behörde geholfen. Man gab mir jahrzehntelang nicht einmal einen Ausweis. Ich war  sozusagen inexistent.

Seit vor zehn Jahren mein Unterstand im Wald geräumt wurde, musste ich X mal umziehen. Ich konnte die Miete nicht bezahlen. Jetzt wohne ich in einem Bauernhaus im Emmental. Das erste Mal in meinem Leben fühle ich mich zu Hause. Jetzt möchte ich endlich meine Tochter kennen lernen und ihr erzählen, wer ich wirklich bin.»

Rolf Horst Seiler lebt heute trotz AHV und Ergänzungsleistungen am Existenzminimum. Nach wie vor weigern sich die Behörden, ihm bei der Suche nach seiner Tochter zu helfen.

Siehe auch: Erika Benz, mit 19 Jahren zwangssterilisiert.

«Schöne Worte genügen uns nicht»; Verdingkinder und Zwangssterilisierte leiden noch heute – ein Hilfsfonds muss her. Beobachter 21/2011.

Weitere Artikel zu diesem Thema: «Düstere Jahre» (Beobachter 10/2010), «Misshandelt im Kinderheim»; «Die Schwester mit dem Stock gab das Kommando»; «Rathausen: Gewalt, Missbrauch, Suizide», «Privater lanciert Aufarbeitung»,  «Die Liste wird länger».

Geschrieben von Otto Hostettler

13. Oktober 2011 um 09:08

Kanton Bern entschuldigt sich bei Verdingkindern

mit einem Kommentar

Der Schritt war fällig und ist für viele Betroffene eine späte Genugtuung. Jetzt hat sich der Kanton Bern bei den tausenden von Verding- und Heimkindern entschuldigt.

Anlass zur öffentlichen Entschuldigung bildete die Studie einer Forschergruppe von Juristen, Historikerinnen und Soziologen. Sie untersuchten am Beispiel der Gemeinden Lützelflüh und Sumiswald die Fremdplatzierungspraxis im Kanton Bern von 1912 bis 1978. Anlässlich der Buchpräsentation sagte Regierungsrat Christoph Neuhaus vor rund 100 früheren Verding- und Heimkindern: «Die damalige Praxis der Fremdplatzierungen ist eines der dunkelsten Kapitel der jüngeren Geschichte in der Schweiz. Der Kanton Bern spielt dabei eine traurige Rolle.»

Die Studie der Forschergruppe bestätigt Erzählungen von Betroffenen und zeigt, wie die Gesellschaft während Jahrzehnten mit Kindern umgegangen ist. Ganz offensichtlich wurde der Obhutsentzug im Kanton Bern gezielt zur Bekämpfung der Armut eingesetzt. Sprich: Kinder wurden nicht zu ihrem Wohl in fremde Familien platziert, sondern aus finanziellen Gründen. Familien, die den Behörden aus verschiedensten Gründen ein Dorn im Auge war, wurden teils auch genötigt, einen Teil ihrer Kinder wegzugeben. Mit den Verdingkindern konnten die Behörde zwar die finanzielle Situation der Familien verbessern.

Offiziell tönte es anders: Behörden wollten mit der Fremdplatzierung die Verwahrlosung der Kinder verhindern. Doch tatsächlich diente der Entzug der Obhut auch dazu, Eltern unter Druck zu setzen, ihren Lebenswandel zu ändern. Oft war den örtlichen Behörden das Wohl der Kinder egal, die Aufsicht funktionierte nur schlecht – oder gar nicht.

Justizdirektor Neuhaus sagte vor den Verding- und Heimkindern: «Die damals verantwortlichen Behörden haben leider das Wohl des Kindes allzu häufig nicht beachtet. Im Namen des Regierungsrats entschuldige ich mich hiermit ausdrücklich bei den damaligen Pflegekindern. Solche Fehler dürfen wir nicht wiederholen.»

Für viele Betroffene ist die Entschuldigung eine spät Genugtuung. Viele leiden bis heute unter ihrer schweren Kindheit. Andernorts warten ehemalige Fremdplatzierte weiterhin darauf, dass ihr Leid nicht weiter unter den Teppich gekehrt wird (etwa Kloster Ingenbohl, Heilsarmee).

«Die Behörde beschliesst – zum Wohl des Kindes?»; Fremdplatzierte Kinder im Kanton Bern 1912 – 1978. ISBN: 978-3-03919-203-8. Herausgeber: Historischer Verein des Kantons Bern; Verlag: hier+jetzt

Geschrieben von Otto Hostettler

16. März 2011 um 16:01

Kanton Bern prüft Opfer-Entschädigung

Hinterlasse einen Kommentar »

Der Kanton Bern will es nicht bei einer Entschuldigung bei administrativ Versorgten bleiben lassen. Die Kantonsregierung schlägt jetzt die Schaffung eines nationalen Unterstützungsfonds für Verdingkinder, Heimkinder, administrativ Versorgte und Zwangssterilisierte vor.

Mit ihrer Haltung stellt sich die Berner Regierung hinter einen entsprechenden Vorstoss der Grünen-Grossrätin Christine Häsler. Justizdirektor Christoph Neuhaus: «Tatsächlich leiden noch heute Betroffene unter ihrer Vergangenheit, sind traumatisiert und leben häufig in prekären wirtschaftlichen Verhältnissen.» Es sei deshalb angezeigt, neben der moralischen Wiedergutmachung auch die «Möglichkeiten einer finanziellen Entschädigung zu prüfen». Neuhaus will die Idee des Härtefall-Fonds in der Konferenz der Kantonsregierungen zur Sprache bringen: «Was im Kanton Bern geschehen ist, ist leider nicht einzigartig.» Deshalb wolle er sich auf nationaler Ebene für dieses Anliegen persönlich engagieren.

Die Idee eines Härtefall-Fonds hatte erstmals der Baselbieter SP-Regierungsrat Urs Wüthrich im vergangenen Herbst an einem Treffen ehemaliger Heimkinder im Laufener Waisenhaus «Maria Hilf» aufgebracht. Betroffene beklagten damals, eine Entschuldigung sei zwar wichtig, helfe aber den Betroffenen wenig, die noch heute unter den Folgen der Übergriffe leiden.

Bis weit in die 70er Jahre wurden in der Schweiz Tausende Kinder und Jugendliche in Heime und Anstalten gesteckt, weil sie als «schwererziehbar» eingestuft wurden, einen angeblich «lasterhaften Lebenswandel» hatten oder unehelich geboren waren. Verdingkinder mussten unter unwürdigen Bedingungen arbeiten, in Kinderheimen und Anstalten kam es regelmässig zu Gewaltübergriffen und sexuellem Missbrauchsfällen. Erschütternde Berichte stammen aus dem Waisenhaus Winterthur, der Erziehungsanstalt Rathausen LU, und vielen anderen Heimen und Anstalten (siehe: die Liste wird immer länger).

Der Kanton Bern hat sich bereits im vergangenen Herbst an der öffentlichen Veranstaltung in der Strafanstalt Hindelbank beteiligt. Damals hatte sich Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf und verschiedene Kantonsvertreter bei jenen Betroffenen entschuldigten, die ohne juristisches Verfahren teils jahrelang im Gefängnis verwahrt wurden. Bern setzte zudem eine Historikergruppe ein, die anhand zweier Gemeinden die damalige Praxis der Fremdplatzierungen untersuchte. Der Bericht dazu soll Mitte März veröffentlicht werden. Gleichzeitig will sich Justizdirektor Neuhaus bei den Verding- und Heimkindern öffentlich für das Betroffenen zugefügte Leid entschuldigen.

Morgenröte im Kloster Ingenbohl

Hinterlasse einen Kommentar »

Sie sollten in Kinderheimen für das Wohl der Kinder sorgen. Doch im Alltag waren die Ingenbohler Schwestern damit oft überfordert. Mehr noch: Sie führten in ihren Heimen die Kinder mit harter Hand – buchstäblich. Jetzt setzt das Kloster eine externe Arbeitsgruppe ein.

Einstige Zöglinge erzählen von rabiaten Erziehungsmethoden und drakonischen, folterähnlichen Strafen. Willy Mischler etwa, der in den 60er Jahren mehrere Jahre im Waisenhaus «Maria hilf» in Laufen (damals BE) lebte, berichtete von grausamen Vorgängen: Minutenlang wurde er zur Strafe kopfüber in einen Wassereimer gesteckt. Weit verbreitet war auch, Kinder kalt abzuduschen. Oder ihnen den Nachthafen mit einem Lederriemen an den Hintern zu binden und die Kleinen so stundenlang sitzen zu lassen («Misshandelt im Kinderheim»; «Die Schwester mit dem Stock gab das Kommando»; «Rathausen: Gewalt, Missbrauch, Suizide»). 

Schon vor Monaten hat die Provinzoberin des Klosters Ingenbohl, Schwester Marie-Marthe Schönenberger, eine externe Untersuchung angekündigt. Erst jetzt wurde bekannt, wie sich die Arbeitsgruppe zusammensetzt, die die Vorfälle in den Heimen der Ingenbohler Schwestern aufarbeiten soll:

-        Magnus Küng, Fürsprecher und Notar (Präsident der Arbeitsgruppe)

-        Hardy Notter, Rechtsanwalt

-        Beatrix Staub-Verhees, Psychologin

-        Anton Strittmatter, Erziehungswissenschaftler

-        Simon Rickenbacher, Kommunikationsberater

Nicht in der Gruppe vertreten sind Historiker sowie Betroffene von Übergriffen im Kinderheimen.

Ein anderes Projekt zur Aufarbeitung der Geschichte der Kinderheime der Schweiz wird von der Guido-Fluri-Stiftung getragen. In den nächsten drei Jahren wird der Zürcher Historiker Thomas Huonker Vorfälle in Kinderheimen der ganzen Schweiz dokumentieren und Zeitzeugen anhören ( «Privater lanciert Aufarbeitung»).   Einstige Bewohnerinnen und Bewohner von Kinderheimen, die in früheren Jahren Opfer von Übergriffen geworden sind, erhalten auch Unterstützung bei der Einsicht in ihre Akten.

Anlaufstelle für Betroffene: www.Kinderheime-Schweiz.ch

Geschrieben von Otto Hostettler

22. Dezember 2010 um 10:20

Gewalt in Kinderheimen: Privater lanciert Aufarbeitung

mit einem Kommentar

Die düstere Geschichte der Schweizer Kinderheime dokumentieren: Weil die offizielle Schweiz noch immer davor zurückschreckt, macht sich jetzt die private Stiftung von Guido Fluri daran.

Viele von ihnen sind über 50, einige weit über 80. Doch damals, da waren sie Kinder. Etwa Karin Bürgisser: Anfang der siebziger Jahre war sie im Töchterinstitut auf der Steig in Schaffhausen von einer jähzornigen Erzieherin fast ertränkt worden. Oder Eveline Kuster (Name geändert), die in den sechziger Jahren im Waisenhaus Winterthur tagsüber vom Waisenvater windelweich geprügelt und nachts während Jahren sexuell missbraucht wurde – das erste Mal im Alter von neun Jahren.

Wie Tausende andere Kinder kamen sie ins Heim, weil sie entweder unehelich zur Welt gekommen waren oder das Leben ihrer Eltern nicht der damaligen Norm entsprach. Manchmal reichte es, wenn eine Vormundschaftsbehörde befand, ein Kind sei «schwer erziehbar».

Bis heute hat die offizielle Schweiz wenig getan, um die unrühmliche Geschichte der Kinderheime aufzuarbeiten. Aktiv wird jetzt ein Privater. Der 44-jährige Guido Fluri, der sich mit seiner nach ihm benannten Stiftung unter anderem gegen Gewalt an Kindern engagiert, startet ein umfangreiches Projekt zur Aufarbeitung der Geschichte sämtlicher Kinderheime der Schweiz.

Anlaufstelle für Betroffene, die zum Projekt «Historische Aufarbeitung Kinderheime der Schweiz» bei­tragen können: www.kinderheime-schweiz.ch; E-Mail: info@kinderheime-schweiz.ch; Telefon 078 658 04 31

Musterbrief für Betroffene zur Akteneinsicht findet sich hier.

Den vollständigen Artikel lesen Sie im Beobachter 24/2010

Geschrieben von Otto Hostettler

24. November 2010 um 21:16

Heilsarmee will Journalist einbinden

mit einem Kommentar

Eben erst musste die Heilsarmee im Beobachter über sich die Schlagzeile lesen: «Heilsarmee foutiert sich um 82-jährige Frau». Der Hintergrund: Frühere Bewohner des Heilsarmee-Kinderheims in Mettmenstetten ZH mit dem wohlklingenden Namen «Paradies» berichteten dem Beobachter von entwürdigenden Zuständen, Gewalt und Demütigungen. Eine 82-jährige Frau verlangte darauf von der Heilsarmee eine Stellungnahme – und wurde von den Verantwortlichen über Monate hinweg ignoriert. Erst als sich der Beobachter einschaltete, fand man Zeit, sich bei der betagten Frau zu entschuldigen.

Jetzt unternimmt die Heilsarmee einen ungewöhnlichen Schritt: Sie kontaktierte mich als Journalist, um mir einen Auftrag zuzuhalten. Gegen Bezahlung, wohlverstanden. Die Vorstellung der Heilsarmee: Ich soll für die Weihnachts-Spendenaktion eine «berührende Lebensgeschichte» einer Person schreiben. Damit ich nicht etwa auf die Idee kommen könnte, die Lebensgeschichte  der besagten 82-jährigen Frau zu erzählen, würde diese Person durch die Heilsarmee bestimmt. Ganz wichtig aber: «Selbstverständlich würden wir ihren Aufwand nach Absprache vergüten», hält der Sprecher fest, der gleichzeitig PR-Beauftragter ist. Honorar nach Wunsch, sozusagen.

«Embedded journalism» nennt sich das, eingebetteter Journalismus. Eine Institution zeigt sich gegenüber einem Journalisten mit einem Auftrag erkenntlich. Dieser wiederum – so vermutlich die Hoffnung – hat später nicht nur keine Zeit mehr für weitere Recherchen. Und er hat aufgrund des gutbezahlten Auftrags auch Hemmungen, seinen neuen Auftraggeber kritisch zu beleuchten.

Das Angebot der Heilsarmee habe ich dankend abgelehnt.

Geschrieben von Otto Hostettler

24. September 2010 um 15:27

Qualen im Kinderheim: Heilsarmee schaut weg

mit 2 Kommentaren

Es sind ergreifende Worte, die die 82-jährige S.W. schreibt: «Wenn die Köchin sah, dass ich den Teller mit Haberbrei stehen liess, zog sie mich am Arm in die Küche und blockierte meine Arme und Hände zwischen ihren Knien. Mit einem Suppenlöffel stopfte sie mir den kalten Brei in den Mund. Ich musste mich übergeben und schrie, trotzdem stopfte sie ungeachtet weiter. Sie klemmte mir die Nase zu, damit ich den Mund wieder öffnen musste. So ging die Prozedur dann weiter.»

Jahrzehntelang hatte sie ihre Geschichte verdrängt, bis der Beobachter über genau dieses Kinderheim der Heilsarmee berichtete. S.W. verbrachte mit ihren Geschwistern die Jahre zwischen 1938 und 1945 im Kinderheim «Paradies» in Mettmenstetten ZH. Eine leidvolle Zeit. Im schwach beleuchteten Kellergang wurde sie mit dem Teppichklopfer traktiert, weil sie das Bett nässte. Die Heimleiterin trichterte ihr ein: «Wenn Du im Dorf, in der Schule oder einem Lehrer ‚etwas’ über das ‚Paradies’ erzählst, dann wirst Du von Deinen Geschwistern getrennt und kommst in eine Erziehungsanstalt.»

Schläge, Prügel und rigides Strafensystem waren nur das Eine. Jeden Abend nach dem Essen musste S.W. im Nähzimmer dreckige, von Schweiss durchtränkte Knabensocken flicken. Bis ihre Finger derart wund waren, dass sie tagsüber in der Schule den Füllfederhalter kaum noch in der Hand halten konnte. Ihre Schwester kam nie über die Zustände im Kinderheim hinweg und nahm sich später das Leben.

Als der Beobachter über die in Schweizer Kinderheimen bis weit in die 70er Jahre verbreiteten Demütigungen, Misshandlungen und Missbräuche berichtete, schreibt S.W. ihre Erlebnisse aus der Zeit im Heilsarmee-Kinderheim auf. Darauf wendet sie sich an die Leitung der Heilsarmee, in der Hoffnung auf ein mitfühlendes Wort oder sogar auf eine Entschuldigung. Doch es passierte nichts. Sie schreibt ein zweites Mal. Wieder keine Antwort.

Erst als der Beobachter bei der Heilsarmee nachfragt, befasst man sich mit dem Fall. Lapidar heisst es, der Heilsarmee liege neben jener Schilderung von S.W. auch eine «sehr positive» Rückmeldung über das Kinderheim vor. Sprecher Künzi kommt zum Schluss, es dränge sich deshalb «keine umfassende Aufarbeitung» der Geschichte im Kinderheim «Paradies» auf. Immerhin sagt der Heilsarmee-Sprecher zum Fall: «Die Heilsarmee bedauert das erlittene Unrecht ihrer Kindheit sehr.» Im Beobachter 10/2010 tönte es noch anders.  Damals versicherte er man sei bereit, sich bei betroffenen Personen zu entschuldigen. Jetzt ist davon nicht mehr die Rede.

Geschrieben von Otto Hostettler

31. August 2010 um 14:48

«Die Schwester mit dem Stock gab das Kommando»

Hinterlasse einen Kommentar »

 © Beobachter 2010/Otto Hostettler

Sie waren Täter und Opfer zugleich: Angestellte in Kinderheimen der sechziger und siebziger Jahre hatten es schwer, wenn sie sich gegen Gewalt an den Kindern wehrten.

Als Vorspeise gab es eine Tracht Prügel. Beim Essen wurde gebetet, anschliessend ging es im Heimleiterbüro mit neuen Strafaktionen weiter. «Alle Angestellten wussten von den Zuständen, aber was sollten wir tun?», erzählt Elisabeth Stadler. Sie litt unter Schlaflosigkeit, fühlte sich schuldig und überfordert. Sie war verzweifelt über die eigene Machtlosigkeit. Immer wieder wälzte die damals 25-Jährige Suizidgedanken.

Als frischgebackene Sozialarbeiterin hatte Stadler 1966 den Kopf voller Ideale – landete aber in der harten Realität. An ihrem ersten Arbeitsort im damaligen Landerziehungsheim Albisbrunn in Hausen am Albis herrschte Mitte der Sechziger ein Strafsystem, das ihr noch 44 Jahre später Angst macht. Ausgerechnet in diesem Vorzeigeheim, das zuvor jahrzehntelang von Koryphäen der Sozialarbeit geführt worden war und die Entwicklung schweizweit prägte.

Als junge Angestellte leitete sie mit ihrem Mann eine Gruppe mit einem guten Dutzend Burschen im Alter von 15 bis 21 Jahren. Ein Vorfall veränderte ihr weiteres Berufsleben: Ein Bewohner hatte eine Lehrstelle als Koch in Aussicht. Sein Makel: Er war Bettnässer. Der Heimleiter sagte ihm kurzerhand, er könne die Lehre nur antreten, wenn er das Bett nicht mehr nässe. Der Bursche liess sich fortan heimlich über Wochen jede Nacht mehrmals von Zimmerkollegen wecken, um rechtzeitig die Toilette zu erreichen. Aus Angst, dennoch ins Bett zu machen, schnürte er sich sogar das Glied zu. War das Bett am Morgen trotzdem nass, schaffte Stadlers Mann die nassen Laken heimlich in die Wäscherei.

Der Heimleiter wusste von alledem nichts. Seiner jungen Angestellten sagte er deshalb schulterklopfend: «Sehen Sie, es geht doch. Man muss nur wollen!» Das war Elisabeth Stadler zu viel. Sie sprach Mitarbeiter auf die Missstände an. Schliesslich wandte sie sich an die Heimkommission.

Was als Aktion des Personals gedacht war, funktionierte aber nicht. Die anderen Mitarbeiter hielten sich zurück, Elisabeth Stadler und ihr Mann standen plötzlich alleine da – und erhielten die Kündigung. Die allgemein gehaltene Begründung lautete: «unterschiedliche Arbeitsauffassung». Am Rand einer Sitzung aber sprach ein Mitglied der Heimkommission Klartext: «Wir seien störende Elemente und müssten aus dem Mitarbeiterstab eliminiert werden.»

Den vollständigen Artikel lesen Sie im Beobachter 15/2010

 

Geschrieben von Otto Hostettler

9. August 2010 um 16:10

Kinderheime: Weitere Opfer klagen an

Hinterlasse einen Kommentar »

Als Reaktion auf den Artikel «Düstere Jahre» im Beobachter meldeten sich zahlreiche weitere Opfer.

So berichtet etwa C. M. über folterähnliche Strafen im Kinderheim Soldanella in Klosters in den sechziger Jahren. Der Heimleiter (genannt «Onkel») hielt den Kindern Elektroden an den nackten Hintern, seine Frau (das «Tanti») drehte derweil an einem verkabelten Telefon­induktor und erzeugte so Strom. Andere Kinder mussten dem Prozedere im Halbkreis zuschauen.

In Winterthur sucht Stadträtin Pearl Pedergnana aufgrund des Beobachter-Berichts Kontakt zu einem Opfer des früheren Winterthurer Waisenvaters. Das tut auch die Frau des schwer beschuldigten, vor einigen Jahren verstorbenen Heimleiters.

Die Ingenbohler Schwestern, die zahlreiche Heime führ­ten, riefen öffentlich Betroffene auf, sich beim Orden zu melden. Willy Mischler, der im Kinderheim Laufen (damals BE) von Ingenbohler Schwestern miss­handelt wurde, sagt dazu: «Ich zweifle, ob es den Schwestern ernst ist, sich ihrer Geschichte zu stellen.» Mischler hatte dem Orden geschrieben – aber auch nach drei Wo­chen keine Antwort erhalten. Er erwartet von den Ingenbohler Schwes­tern eine offene Aufarbeitung ihrer Geschichte und symbolische Wie­dergutmachung für die Opfer. Dazu will er sich nun mit anderen Betroffenen zusammenschliessen.

Im Kanton Luzern hat der Regierungsrat den Geschichts­professor Markus Furrer be­auftragt, die Vergangenheit in den Luzerner Heimen zu untersuchen. Im Fokus steht insbe­sondere das Kinderheim Rathausen.

Wer sich über seinen Heimaufenthalt bei den Ingenbohler Schwestern ­austauschen will: kinderheim-vergangenheit@.gmx.ch

Zum Musterbrief, mit dem Betroffene Akteneinsicht verlangen können, geht es hier

Geschrieben von Otto Hostettler

28. Mai 2010 um 22:30

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.