Beitrag verschlagwortet mit ‘Waisenhaus Winterthur’
Winterthur entschädigt Heim-Opfer
Die Stadt Winterthur bezahlt einer heute 60-jährigen Frau eine Entschädigung von 5000 Franken – als symbolische Wiedergutmachung für ihr erlittenes Leid. Die Frau wurde als Kind in den 60er Jahren im Waisenhaus Winterthur vom damaligen Waisenvater regelmässig windelweich geprügelt und über Jahre hinweg sexuell missbraucht. Jetzt will Winterthur die lokale Geschichte der fremdplatzierten Kindern historisch aufarbeiten, um aus Fehlern der Vergangenheit zu lernen.
Eveline Kuster (Name geändert) trat mit ihrer erschütternden Geschichte vor zwei Jahren im «Beobachter» an die Öffentlichkeit («Düstere Jahre im Kinderheim»). Mit der Schilderung ihrer tragische Kindheit machte sie anderen Betroffenen von vormundschaftlichen Zwangsmassnahmen Mut, über die eigene Vergangenheit zu reden und so das düstere Kapitel Schweizer Geschichte zu einem öffentlichen Thema zu machen. Bis weit in die 70er Jahre wurden Kinder in Heimen offensichtlich systematisch gedemütigt, geprügelt, missbraucht. Vielerorts herrschte ein drakonisches Strafensystem.
Artikel im «Beobachter» lösten Dutzende Reaktionen von Betroffenen aus. Viele haben ein Leben lang nicht einmal mit ihren nächsten Angehörigen über ihre tragische Kindheit gesprochen. Die Liste der Kinderheime, in welchen Übergriffe dokumentiert sind, wird immer länger («Die Liste wird immer länger»).
Auch wenn Behörden das Leid dieser Betroffenen inzwischen anerkennen: Auf eine Entschuldigung der offiziellen Schweiz und auf eine systematische historische Aufarbeitung warten einstige Heimkinder, Verdingkinder, in Anstalten und Gefängnissen «versorgte» Menschen und Zwangssterilisierte bis heute.
Zum vollständigen Artikel: Winterthur zahlt Wiedergutmachung; Beobachter 17/2012.
Kanton Bern prüft Opfer-Entschädigung
Mit ihrer Haltung stellt sich die Berner Regierung hinter einen entsprechenden Vorstoss der Grünen-Grossrätin Christine Häsler. Justizdirektor Christoph Neuhaus: «Tatsächlich leiden noch heute Betroffene unter ihrer Vergangenheit, sind traumatisiert und leben häufig in prekären wirtschaftlichen Verhältnissen.» Es sei deshalb angezeigt, neben der moralischen Wiedergutmachung auch die «Möglichkeiten einer finanziellen Entschädigung zu prüfen». Neuhaus will die Idee des Härtefall-Fonds in der Konferenz der Kantonsregierungen zur Sprache bringen: «Was im Kanton Bern geschehen ist, ist leider nicht einzigartig.» Deshalb wolle er sich auf nationaler Ebene für dieses Anliegen persönlich engagieren.
Die Idee eines Härtefall-Fonds hatte erstmals der Baselbieter SP-Regierungsrat Urs Wüthrich im vergangenen Herbst an einem Treffen ehemaliger Heimkinder im Laufener Waisenhaus «Maria Hilf» aufgebracht. Betroffene beklagten damals, eine Entschuldigung sei zwar wichtig, helfe aber den Betroffenen wenig, die noch heute unter den Folgen der Übergriffe leiden.
Bis weit in die 70er Jahre wurden in der Schweiz Tausende Kinder und Jugendliche in Heime und Anstalten gesteckt, weil sie als «schwererziehbar» eingestuft wurden, einen angeblich «lasterhaften Lebenswandel» hatten oder unehelich geboren waren. Verdingkinder mussten unter unwürdigen Bedingungen arbeiten, in Kinderheimen und Anstalten kam es regelmässig zu Gewaltübergriffen und sexuellem Missbrauchsfällen. Erschütternde Berichte stammen aus dem Waisenhaus Winterthur, der Erziehungsanstalt Rathausen LU, und vielen anderen Heimen und Anstalten (siehe: die Liste wird immer länger).
Der Kanton Bern hat sich bereits im vergangenen Herbst an der öffentlichen Veranstaltung in der Strafanstalt Hindelbank beteiligt. Damals hatte sich Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf und verschiedene Kantonsvertreter bei jenen Betroffenen entschuldigten, die ohne juristisches Verfahren teils jahrelang im Gefängnis verwahrt wurden. Bern setzte zudem eine Historikergruppe ein, die anhand zweier Gemeinden die damalige Praxis der Fremdplatzierungen untersuchte. Der Bericht dazu soll Mitte März veröffentlicht werden. Gleichzeitig will sich Justizdirektor Neuhaus bei den Verding- und Heimkindern öffentlich für das Betroffenen zugefügte Leid entschuldigen.
Gewalt in Kinderheimen: Die Liste wird länger
Auch Monate nach der Publikation «Qualen im Kinderheim» im Beobachter melden sich Betroffene bei der Redaktion. Sie berichten von einer erschütternden Kindheit im Heim, von täglichen Demütigungen, Gewalt und Missbrauch. Viele haben ihre Geschichte bis heute nicht bewältigt, sie wurden mit ihren Erlebnissen alleine gelassen. Andere müssen damit leben, dass man ihnen ihre Geschichte nicht glaubt.
Immerhin, in einigen Fällen wollen heutige Behörden die Verfehlungen untersuchen und sich bei Betroffenen entschuldigen. Im Kanton Luzern beispielsweise hat das Gesundheits- und Sozialdepartement den Historiker Markus Furrer beauftragt, die Vorkommnisse in Erziehungsanstalten und Kinderheimen aufzuarbeiten. Inwiefern die Ingenbohler Schwestern ihre eigene unrühmliche Geschichte aufarbeiten werden, ist nach wie vor unklar. Vor Monaten kündigten sie die Einsetzung einer Arbeitsgruppe an, bis heute ist aber nicht einmal bekannt, wer diese Kommission leiten soll. Das Kloster war in der Schweiz verantwortlich für eine ganze Reihe von Heimen, darunter die berüchtigte Erziehungsanstalt Rathausen oder das Waisenhaus “Maria Hilf” in Laufen (damals BE).
In diesen Heimen sind Gewalt, Demütigungen und Missbrauch durch Betroffene dokumentiert:
|
Vorwürfe |
Name des Heims |
Ort |
Kanton |
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Gewalt |
Kinderheim Klösterli |
Wettingen |
AG |
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Elektroschock auf Hintern |
Kinderheim Soldanella |
Klosters |
GR |
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brutales Baderitual, Gewalt |
Töchterinstitut auf der Steig |
Schaffhausen |
SH |
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Gewalt, Psychoterror |
Erziehungsanstalt Lärchenheim |
Lutzenberg |
AR |
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kopfüber in Wassereimer, kalt abduschen |
Kinderheim Maria hilf Laufen |
Laufen |
BE (BL) |
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Gewalt, Psychoterror, Bettnässer |
Kinderdörfli Rathausen |
Rathausen |
LU |
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Prügel, sexueller Missbrauch |
Waisenhaus Winterthur |
Winterthur |
ZH |
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Prügel, Bettnässer, auf Boden schlafen |
Kinderheim Paradies |
Mettmenstetten |
ZH |
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Gewalt, sex. Missbrauch unter Jugendl. |
Schulheim Gott hilft, Wiesen |
Herisau |
AR |
|
Gewalt |
Sanatorium für schwächliche und |
Steinen |
SZ |
|
nackt stramm stehen, Schläge |
Kinderheim Selzach |
Selzach |
SO |
|
Gewalt |
Kinderstube Hubelmatt |
Luzern |
LU |
|
Gewalt, Wassertortur, fesseln, Topf an Hintern |
Kinderheim Courtepin |
Courtepin |
FR |
|
Gewalt, Erbrochenes essen |
Kinderheim Birnbäumen |
St. Gallen |
SG |
|
Essensentzug, Essen auf Toilette |
Kinderheim Sonnhalde, ? |
Luzern |
LU |
|
“ganz schlimm” |
Kinderheim St. Benedikt |
Hermettschwil |
AG |
|
Prügel, Nötigung von Bettnässer |
Landerziehungsheim Alsbisbrunn |
Hausen a.A. |
ZH |
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massive Prügel, Verletzungen |
Evangelisches Kinderheim Freienstein |
Freienstein |
ZH |
|
Prügel, Tritte, Schläge |
Seraphisches Liebeswerk |
Luzern |
LU |
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Sexuelle Gewalt unter Jugendl. |
Kinderheim Blaurain |
Basel |
BS |
|
Sexuelle Gewalt, Bock im Keller! |
Kinderheim Knuttwil |
Knuttwil |
LU |
|
Pflaster Mund, Erbrochenes essen |
Kinderheim Bombinasco |
Bombinasco |
TI |
|
Sexueller Missbrauch |
Kinderheim Oberzil |
St. Gallen |
SG |
Kinderheime: Weitere Opfer klagen an
Als Reaktion auf den Artikel «Düstere Jahre» im Beobachter meldeten sich zahlreiche weitere Opfer.
So berichtet etwa C. M. über folterähnliche Strafen im Kinderheim Soldanella in Klosters in den sechziger Jahren. Der Heimleiter (genannt «Onkel») hielt den Kindern Elektroden an den nackten Hintern, seine Frau (das «Tanti») drehte derweil an einem verkabelten Telefoninduktor und erzeugte so Strom. Andere Kinder mussten dem Prozedere im Halbkreis zuschauen.
In Winterthur sucht Stadträtin Pearl Pedergnana aufgrund des Beobachter-Berichts Kontakt zu einem Opfer des früheren Winterthurer Waisenvaters. Das tut auch die Frau des schwer beschuldigten, vor einigen Jahren verstorbenen Heimleiters.
Die Ingenbohler Schwestern, die zahlreiche Heime führten, riefen öffentlich Betroffene auf, sich beim Orden zu melden. Willy Mischler, der im Kinderheim Laufen (damals BE) von Ingenbohler Schwestern misshandelt wurde, sagt dazu: «Ich zweifle, ob es den Schwestern ernst ist, sich ihrer Geschichte zu stellen.» Mischler hatte dem Orden geschrieben – aber auch nach drei Wochen keine Antwort erhalten. Er erwartet von den Ingenbohler Schwestern eine offene Aufarbeitung ihrer Geschichte und symbolische Wiedergutmachung für die Opfer. Dazu will er sich nun mit anderen Betroffenen zusammenschliessen.
Im Kanton Luzern hat der Regierungsrat den Geschichtsprofessor Markus Furrer beauftragt, die Vergangenheit in den Luzerner Heimen zu untersuchen. Im Fokus steht insbesondere das Kinderheim Rathausen.
Wer sich über seinen Heimaufenthalt bei den Ingenbohler Schwestern austauschen will: kinderheim-vergangenheit@.gmx.ch
Zum Musterbrief, mit dem Betroffene Akteneinsicht verlangen können, geht es hier
Misshandelt im Kinderheim
Bis weit in die 70er Jahre wurden Kinder in Schweizer Kinderheimen offensichtlich systematisch gedemütigt, geprügelt und missbraucht. Der Artikel im Beobachter hat dutzendweise Reaktionen ausgelöst. Gemeldet haben sich auch zahlreiche weitere Opfer, wie etwa C.M., der im Kinderheim Soldanella in Klosters Elektroschocks als Strafe erlebte.
Wer mehr wissen will über die eigene Vergangenheit im Kinderheim kann Einsicht in seine Akten verlangen. Ein Musterbrief findet sich hier: Musterbrief_Akteneinsicht.
Wer sich über Erlebnisse in Kinderheimen mit anderen Betroffenen austauschen will, wendet sich an: kinderheim-vergangenheit@gmx.ch
Düstere Jahre im Kinderheim
Die Gesellschaft wollte sie «erziehen», doch die Kinder wurden systematisch gedemütigt, verprügelt, missbraucht. Jetzt berichten Betroffene, was ihnen angetan wurde. Eine davon: Eveline Kuster*).
Eveline Kuster erzählt regungslos die Geschichte, die nicht einmal ihr eigener Sohn kennt: Das Mädchen ist neun Jahre alt, eines Nachts steht der Waisenvater, der sie regelmässig im «grünen Gang» windelweich schlägt, neben ihrem Bett. Er weckt sie und flüstert ihr zu, sie müsse mitkommen. Aus dem Tiefschlaf gerissen, versteht das Mädchen nicht, was vor sich geht. Der Waisenvater geht mit ihr in ein kleines Zimmer nebenan. Niemand sonst im Heim weiss, was sich hinter dieser Tür verbirgt. Niemand hat einen Schlüssel. Nur der Waisenvater. Er nennt das Zimmer «s Chämmerli». Darin steht ein Bett, sonst nichts. In dieser Nacht berührt er das Kind intim, es muss ihn befriedigen, übergibt sich dabei. Fast 50 Jahre später sagt die Frau: «Ich werde den Geruch, das Stöhnen und die Stimme nie in meinem Leben vergessen.»
Doch das Schlimmste steht ihr noch bevor. Einige Wochen später steht der Waisenvater wieder neben ihrem Bett, sie muss mit ins «Chämmerli». Er vergewaltigt sie. Ihr Blick versteinert, wenn sie erzählt. «In dieser Nacht ging ein Wandel in mir vor.» Eveline duscht sich in der Folge oft, schrubbt sich immer wieder blutig, will den Geruch des Waisenvaters loswerden. Vergeblich. Immer wieder steht er nachts neben dem Bett, befiehlt sie ins «Chämmerli». Über vier Jahre dauert die Pein. Eveline Kuster zieht sich von allen Heimkindern zurück. Sie wird aggressiv, verweigert das Essen, übergibt sich immer wieder. Sie wird mager, sehr mager. Am Abend hat sie Angst vor dem Einschlafen, in der Nacht Alpträume. Ihrer Aggressivität lässt sie in der Schule freien Lauf, prügelt sich mit den Knaben, wird zur Einzelgängerin. Immer wieder muss sie die Klasse wiederholen, gilt als schwierig. Als sie die Schule verlässt, hat sie gerade mal die fünfte Klasse beendet.
Wenn der Waisenvater sich sexuell an Eveline Kuster vergeht, hat sie dafür eine Woche Ruhe vor dem «grünen Gang». Doch dann prügelt der verheiratete Vater von acht Kindern sie weiter. Einmal steht plötzlich eine Angestellte im Keller, der Waisenvater hatte vergessen abzuschliessen. «Alle wussten, was der grüne Gang ist», sagt Eveline Kuster. «Die Angestellten, seine Frau, mein Vormund. Niemand hat etwas gegen den Waisenvater unternommen.» Zweimal wird sie mit einem gebrochenen Arm ins Spital eingeliefert. Es kommt zu einem Gerichtsverfahren. Eveline Kuster wird vorgeladen und muss aussagen. Auch zu den sexuellen Übergriffen. «Ich hatte das Gefühl, niemand glaubt mir.»
Kurz danach wird Eveline Kuster in ein anderes Heim versetzt, später kam sie in die geschlossene Erziehungsanstalt «Lärchenheim» im appenzellischen Lutzenberg. Was sie damals nicht wusste: Der zuständige Winterthurer Stadtrat liess Mitte der sechziger Jahre Vorfälle im Waisenhaus wegen «Missbrauchs des Züchtigungsrechts» untersuchen. Schliesslich verbot die Behörde dem Waisenvater sogar «jedwelche körperlichen Züchtigungen» (siehe nachfolgender «Hintergrund»). Trotzdem konnte er unbehelligt weiter Kinder missbrauchen. Weshalb er nicht seines Amts enthoben wurde, ist unklar. Aktenkundig ist nur, dass der Waisenvater 1967 seine Stelle selbst kündigt – er wechselt als Heimleiter ins evangelische Kinderheim in Freienstein. Dort bleibt er nur zwei Jahre. Nach seinem Abgang heisst es im Jahresbericht vielsagend: «Das Erziehungsheim hat kaum je so grosse Erschütterungen erlebt und ist kaum je durch solch grosse Schwierigkeiten gegangen.» Die Rede ist von «mannigfachen Problemen», von «Gottes Fügung» und von «Schicksal». Was genau vorgefallen ist, wird mit frömmelnden Worten verwedelt.
Die Jahre im Heim liessen Menschen zurück, die in ihrem Innersten verletzt sind, auch heute noch. Menschen, die sich ihrer Kindheit und Jugend beraubt fühlen und sich entwurzelt vorkommen. Die meisten haben lange gebraucht, bis sie sich gegenüber anderen öffnen konnten.
Hart sind die damaligen Heimkinder geworden, auf eine schon fast unheimliche Art. «Mit der Zeit machten mir die Prügel nichts mehr aus, ich spürte keinen Schmerz mehr.» Eveline Kuster kann nicht mehr weinen, die Tränen sind ihr ausgegangen. «Wenn ich mich heute beim Kochen in die Finger schneide, fühle ich nichts.»
*Name geändert
Den vollständigen Artikel erschien im Beobachter 10/2010.
Weitere Artikel zu diesem Thema: «Misshandelt im Kinderheim»; «Die Schwester mit dem Stock gab das Kommando»; «Rathausen: Gewalt, Missbrauch, Suizide», «Privater lanciert Aufarbeitung», «Die Liste wird länger».