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Wasserkraft: Der Mythos der sauberen Energie

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© Beobachter 2008/Otto Hostettler

Einzelne Wasserkraftwerke brauchen mehr Strom, als sie produzieren – verdienen aber Geld damit. Und neue Projekte für diese erneuerbare Energie bedrohen die letzten unverbauten Flüsse.

Stromproduktion

Der Tagesverlauf der Stromproduktion im Grimselgebiet zeigt, wann die Schweiz viel Elektrizität verbraucht und wie die Kraftwerke in Spitzenzeiten Geld verdienen können. (Daten vom 4. September 2008 Quellen: KWO, Swissix/European Energy Exchange)

Ohne Wasserkraft läuft in der Schweiz gar nichts: 50 bis 60 Prozent des hierzulande produzierten Stroms stammen aus Wasserkraftwerken. Die Strombranche und Politiker von links bis rechts rühmen die Wasserkraft als erneuerbare Energie. In den Worten des Bundesamts für Energie tönt das so: «Wasserkraft ist die grösste erneuerbare inländische und damit von Rohstoffimporten unabhängige Energiequelle.»

Tatsächlich ist Wasser als Energiequelle fast unerschöpflich. Würde jeder Wassertropfen zur Stromerzeugung genutzt, könnte die Schweiz daraus jährlich rund 150 Milliarden Kilowattstunden gewinnen, heisst es in einer Studie des Bundes. Dies entspricht fast der dreifachen Strommenge, die unser Land jedes Jahr verbraucht. Doch dieses theoretische Potential schrumpft in der Praxis zusammen: Technisch gesehen liegt das Machbare nach Schätzungen des Bundesamts für Energie bei maximal 42 Milliarden Kilowattstunden.

Die Strommenge, welche die 430 Laufkraftwerke (Kleinstkraftwerke nicht eingerechnet), 86 Speicher- und 16 Pumpspeicher- und Umwälzwerke in der Schweiz jährlich produzieren, hängt zudem stark vom Wetter ab. Je nach Niederschlagsmenge können die Wasserkraftwerke mal 36 Milliarden Kilowattstunden Strom liefern (2007) oder auch mal nur knapp 30 Milliarden Kilowattstunden (1996).

Weil aber die Wasserkraft auch wirtschaftlich und ökologisch vertretbar und damit sozial akzeptiert sein soll, ist ein weiterer Ausbau in der Schweiz nur noch beschränkt möglich. Während in anderen europäischen Ländern «erst» rund 75 Prozent des wirtschaftlichen Wasserkraftpotentials ausgeschöpft werden, liegt die Schweiz bereits bei weit über 90 Prozent.

«Wasserkraft ist nicht a priori Ökostrom», sagt der WWF-Wasserspezialist Andreas Knutti. «Eine umweltfreundliche Wasserkraft braucht strenge ökologische Auflagen», betont er. Doch die meisten Wasserkraftwerke foutieren sich um gesetzliche Vorgaben. 15 Jahre erhielten die Kantone einst Zeit, um die Kraftwerke auf die gesetzlich verlangten Restwassermengen zu verpflichten.

Mit wenig Erfolg: Heute noch werden die Bäche teilweise derart gestaut, dass sie unterhalb der Kraftwerke oft trocken bleiben. Knutti: «Die Kraftwerke müssen endlich die gesetzlichen Restwassermengen einhalten.»

Grosses Engagement legen die Kraftwerke an den Tag, wenn es um die Vermarktung des Stroms geht. Fast jedes Stromunternehmen hat inzwischen ein eigenes Stromlabel kreiert, um den eigenen Strom in möglichst gutem Licht darzustellen. Aus Kundensicht herrscht inzwischen ein eigentlicher Stromlabelsalat. Das verlässlichste Label für Ökostrom ist «naturemade star», hinter dem unter anderen Pro Natura, WWF, Wasserwirtschaftsverband, Konsumentenforum, aber auch Unternehmen wie etwa die BKW stehen. Das Label garantiert, dass bei der Stromproduktion verschiedenste ökologische Vorgaben eingehalten werden.

Dieser Ökostrom hat sich aber alles andere als durchgesetzt: Nur gerade ein Dreissigstel der gesamten Stromproduktion aus Schweizer Wasserkraft wurde letztes Jahr als Ökostrom zertifiziert. Verkauft wurde davon aber lediglich die Hälfte, nämlich rund 580 Millionen Kilowattstunden.

Ein guter Teil dieser Mehrproduktion basiert auf drei Grossprojekten: Das neue, 1,4 Milliarden Franken teure Pumpspeicherkraftwerk «Linthal 2015» soll dereinst jährlich mehr als zwei Milliarden Kilowattstunden Strom liefern. Das unterirdische Pumpspeicherkraftwerk «Nante de Drance» von Atel und SBB im Unterwallis soll 2014 ans Netz gehen und 1,5 Milliarden Kilowattstunden Strom erzeugen – bei einer Milliarde Franken Baukosten. Beide Projekte kommen planmässig voran, Opposition dagegen ist keine auszumachen.

Anders im Grimselgebiet. Hier arbeitet die BKW-Tochtergesellschaft Kraftwerke Oberhasli AG (KWO) seit Jahren an einem mehrstufigen Ausbauprojekt. Die umstrittene Staumauererhöhung ist nur ein Teil davon. Eigentlich wollte die KWO auch noch ein neues Pumpspeicherkraftwerk bauen, das Grimselwerk 3. Doch die Planung ist inzwischen auf Eis gelegt. Gleichzeitig ist die eingeleitete Optimierung der bestehenden Anlagen teilweise durch baurechtliche Unklarheiten blockiert.

Die Umweltverbände kämpfen geradezu verbissen gegen die Erhöhung der heutigen Grimselstaumauer um 23 Meter und vergessen dabei fast, dass mit einem früheren Ausbauprojekt einst eine zusätzliche 200 Meter hohe und 800 Meter breite Mauer in den heutigen Stausee hätte gebaut werden sollen. Wann und vor allem wie es mit dem aktuellen Ausbau an der Grimsel weitergehen wird, ist offen.

Diese drei Grossprojekte haben, sollten sie je verwirklicht werden, aber eine Kehrseite: Gemäss einer Aufstellung des Bundesamts für Energie würden sie – den KWO-Vollausbau vorausgesetzt – zwar jährlich 3,9 Milliarden Kilowattstunden zusätzlichen Strom produzieren. Weil das Wasser der Pumpspeicherkraftwerke aber immer wieder hochgepumpt werden muss, würden dazu fast fünf Milliarden Kilowattstunden Strom verbraucht. Unter dem Strich werden die geplanten Grossprojekte also dereinst gut eine Milliarde Kilowattstunden mehr Strom verbrauchen, als sie selber produzieren werden – und das Jahr für Jahr.

Doch so lange Herr und Frau Schweizer just zur Mittagszeit nicht nur kochen, sondern gleichzeitig auch noch waschen wollen, schnellt die Verbrauchskurve tagsüber steil nach oben. Um diese Verbrauchsspitzen abzudecken, ist das Stromsystem auf Speicherkraftwerke angewiesen. Denn: Atomkraftwerke oder Kohlekraftwerke lassen sich nicht kurzfristig hoch- oder zurückfahren. Benötigt das Netz kurzfristig zusätzlichen Strom, kann man hingegen in den Alpen mühelos die Schieber öffnen, und die Stromproduktion läuft an. Für das Bundesamt für Energie ist dies «ein wichtiger Standortvorteil für die schweizerische Elektrizitätswirtschaft im europäischen Umfeld».

Was im Stromproduktionssystem der Schweiz sinnvoll ist und von den Kraftwerkbetreibern gern hervorgehoben wird, hat zusätzlich einen für die Kraftwerke angenehmen Nebeneffekt – über den die Kraftwerkbetreiber aber weniger gerne sprechen: Der Strom aus Pumpspeicherwerken lässt sich tagsüber teuer verkaufen, wohingegen der Strom, der nötig ist, um das Wasser nachts wieder in die höher gelegenen Speicherseen zu pumpen, auf dem Strommarkt billig zu haben ist.

Weiterlesen im Beobachter 19/2008

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Written by Otto Hostettler

17. September 2008 um 11:12

Veröffentlicht in Ökologie/Umwelt, Energie, Strom, Wirtschaft

Eine Antwort

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  1. Problematisch wird es dann, wenn versucht wird, die Wasserkraft aus Pumpspeicherwerken als „Saubere Energie“ zu vermarkten.
    Anderseits macht es natürlich Sinn, den Strom aus der nicht benötigten Grunddeckung- produziert u.A. von AKW’s- zu nutzen um die Speicher wieder zu füllen.
    Dennoch ist es natürlich paradox, dass solche Werke mehr Energie verbrauchen als sie produzieren und trotzdem gut rentieren.

    Novo

    18. Juni 2009 at 00:41


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