Otto Hostettler's Blog

Der «Gnädige-Herren»-Journalistenpreis

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In Bern wird die Einführung eines staatlichen Journalisten-Preises diskutiert. Der Regierungsrat als Jury? Da läuft es einem kalt den Rücken herunter. rr-aussen-web-klein

Der bernische SP-Grossrat Roland Näf will auf politischem Weg einen „Preis für Qualitätsjournalismus“ einführen. In der Debatte um das Streichkonzert der Verleger ein interessanter Diskussionsbeitrag. Wer sich aber ein paar grundsätzliche Fragen stellt, wird schnell zum Schluss kommen: Die Idee ist grotesk.

Denn: Wer genau soll die Arbeiten beurteilen? Eine vom Regierungsrat befähigte Jury? Das Amt für Desinformation Information? Oder der Regierungsrat gleich selber? Auf der anderen Seite muss man sich fragen: Sollen sich Journalisten tatsächlich vom Staat direkt oder indirekt in ihrer Arbeit beurteilen lassen? Würden Journalisten ihre Beiträge selber einreichen? Oder dürfte die Regierung jene Artikel auswählen, die ihr am besten gefallen?

Wie sich bernische Regierungsräte die Arbeit der Medien ist hinlänglich bekannt. Wenn auf der Autobahnbaustelle in Biel die Tunnelbohrmaschine in Betrieb genommen wird, ruft Baudirektorin Barbara Egger (SP) zum Fototermin. Noch berühmter sind die Presseeinladungen der einstigen Volkswirtschaftsdirektorin Elisabeth Zölch (SVP). Via das Amt für Information teilte sie alljährlich mit, sie fahre nun zur Uhren- und Schmuckmesse nach Basel, Journalisten (und vor allem Fotografen) mögen ihr doch bitte folgen. Zölch besuchte auch gerne Bauern im Wald (mit grossen Traktoren) oder auf der Alp (mit dem Helikopter). Ihr Nachfolger schaut mindestens so gerne einheimischen Firmenpatrons über die Schultern – und gleichzeitig in die Kamera der Fotografen.

Führt man sich vor Augen, was die Kantonsregierung den letzten Jahren in Bern hätte prämieren können, wird klar, wie unsinnig der Gedanke eines solchen Preises ist. Hätte die hartnäckige Berichterstattung der Berner Zeitung über die städtischen Parteikollegen und ihr Chaos in der Sozialbehörde eine Auszeichnung bekommen? Oder wären die Berichte über das Debakel auf der Millionenbaustelle am Berner Frauenspital und die millionenteure Schlamperei beim INO-Bau des Inselspitals prämiert worden? Beide Skandale liegen im Verantwortungsbereich der kantonalen Baudirektion. Oder vor wenigen Jahren als die Pensionskasse der Lehrer unter den Augen der staatlichen Aufsicht und mit Wissen der politischen Behörde mehrere Hundert Millionen Franken verspekulierte? Kämen Berichte über diese Machenschaften ebenfalls in die Kränze? Und wie wäre es beim Skandal um die Kantonalbank in den 90er Jahren gewesen, bei dem höchste politische Honorabilen involviert waren? Und noch einige Jahre zuvor, von vielen vergessen, von anderen bis heute verdrängt: der bernische Finanzskandal. Gäbe ein Bericht über den Regierungsrat, der seinen Jaguar auf Staatskosten in der Garage reparieren liess und dessen Hund auf Staatskosten zum Coiffeur ging ebenfalls staatliche Gelder als Auszeichnung? Den «Gnädige-Herren»-Preis sozusagen? Hiermit verleiht Ihnen der Regierungsrat des Kantons Bern den Preis für Ihre mutige Berichterstattung über die Steuergelder, die meine Regierungskollegen verschleudert haben?

Nein, auf solche Preise können Medienschaffende verzichten. Es gibt schon genügend Journalisten-Preise, die in erster Linie der PR dienen. Der «AGRO»-Preis will nicht kritische Berichte über die denkwürdige Agrarpolitik aus Bundesbern würdigen, ebenso wenig will der «Bedag-Medienpreis» (der jetzt neutraler «Eugen» heisst) Berichte über die Marktdominanz von Microsoft ehren. Oder glauben Sie, der «Pfizer Journalistenpreis» würde Journalisten prämieren, die über die hohen Medikamentenpreise oder das finanzkräftige Lobbying der Pharmakonzerne schreiben würde? Und wie ist es wohl beim «Türler Medienpreis»? Oder beim «Medienpreis Davos», den Davos Tourismus vergibt? Ein Schmutzfink, der an Berichte denk, die beim «Katholischen Medienpreis» der Schweizer Bischofskonferenz keine Chance haben.

(Bild: Webseite Kanton Bern)

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Written by Otto Hostettler

3. Juni 2009 um 21:52

4 Antworten

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  1. Du schreibst dich um Ehr und Preisgeld, lieber Otto, aber wo du Recht hast, hast du Recht. Da bleiben bloss noch Henri-Nannen- und Pulitzerpreis übrig. Dranbleiben!

    Thomas Angeli

    3. Juni 2009 at 22:38

  2. Ich schlage den goldenen Otto vor für unabhängige Berichterstattung über alles (ausser Otto).

    Dominique Strebel

    5. Juni 2009 at 15:05

  3. […] Posted in Nicht kategorisiert by ugugu on Juli 6, 2009 Die Berner Mullahs Regierung soll einen Medienpreis einführen. Da kugeln sich ja die Bären vor lachen. leave a comment « Helden […]

  4. […] die Medien als verlängerten Arm der Regierung benutzen kann? Keine guten Voraussetzungen, einen staatlichen Medienpreis ins Leben zu […]


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