Otto Hostettler's Blog

Alibiübung Jugendschutz

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Fachleute der Mobilfunkindustrie haben keine Ahnung, wie Jugendliche mit Leichtigkeit gesperrte Internetseiten aufrufen.

«Science-Brunch» nennt sich die Veranstaltungsreihe der Forschungsstiftung Mobilkommunikation. Diese als öffentliche Stiftung organisierte Lobbyorganisation von Swisscom, Sunrise, Orange und Nokia – lädt zwei Mal jährlich Fachleute der Handy- und Internet-Branche sowie Prominenz aus Forschung und Verwaltung ein. Thema bei der neusten Zusammenkunft: «Handys und Jugendschutz: Regulation oder Medienkompetenz».

Die Forscher zeigten, dass Jugendliche im Netz «Hinterhöfe» von der Erwachsenenwelt suchen. Die Polizei belegte, dass die Fälle von konfiszierten Handys mit verbotenen Gewalt- und Sexdarstellungen massiv zurückgingen und inzwischen gegen Null tendieren. Lehrervertreter und Pro Juventute durften erklären, wie sehr sie sich für einen verantwortungsvollen Umgang mit Medien engagieren.

Erschreckend an der Tagung: Als ein knapp 18-jähriger Jugendlicher demonstrierte, wie seine Alterskollegen mit zwei Klicks eine als «Jugendschutz» propagierte Internetsperre umging, mussten von 60 Anwesenden 58 zugeben, dass sie keine Ahnung von solchen Möglichkeiten haben.

Der Trick der Jugendlichen: Man «googelt» die gewünschte Seite, klickt sie aber anschliessend nicht direkt an (weil sie ja auf dem benutzten Computer gesperrt ist und folglich nicht erscheinen würde), sondern wählt die Google-Funktion «Übersetzen». Google übersetzt die Seite in diejenige Sprache, in der sie bereits existiert. Sprich: die gewünschte Seite erscheint ein-zu-eins.

Unsäglich dabei: Auch Tina Willibald, bei der Swisscom zuständig für den «Jugendmedienschutz» (schützt sie eigentlich die Medien vor der Jugend oder die Jugend vor den Medien?), kannte den Trick nicht. Sie beteuerte aber, dass es der Swisscom ernst sei, Jugendliche vor illegalen Gewalt- und Sex-Darstellungen und anderen dubiosen Inhalten des Internets zu schützen. Doch diese Absicht ist nicht viel mehr als ein PR-Spruch. Denn die Realität sieht anders aus: Dubiose Internetinhalte sind ein gutes Geschäft, wie verärgerte Eltern dem «Beobachter» praktisch täglich berichten. In der Tat: Swisscom, Sunrise und Orange verdienen kräftig mit, wenn Jugendliche auf fingierte «Flirt-Chats» und nutzlose SMS-Dienste hereinfallen. Die Kommunikationskonzerne übernehmen für die zwielichtigen Angebote das Inkasso und helfen so mit, den Jugendlichen die Handyrechnung in die Höhe zu treiben.

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Written by Otto Hostettler

12. Juni 2009 um 16:25

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