Otto Hostettler's Blog

Atommüll: «Welche Technik hält schon eine Million Jahre?»

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© Beobachter 2009/Thomas Angeli & Otto Hostettler

Nichts kann garantieren, dass aus einem Atommüll-Tiefenlager keine Radioaktivität in die Umwelt gelangt, sagt der Wiener Risikoforscher Wolfgang Kromp. Er fordert kleinere, dezentrale Lager.

Wo soll ein geologisches Tiefenlager für hochradioaktive Abfälle zu liegen kommen, bei Benken im Zürcher Weinland, an der Lägern oder am Bözberg? Dass von betroffenen Gemeinden Widerstand zu erwarten ist, weiss man. Die Angst vor Unfällen und Lecks in der unterirdischen Anlage im Opalinuston lässt die Emotionen hochgehen. Das Modell eines einzigen, zentralen Lagers für die hochradioaktiven Abfälle galt bisher als unbestritten. Nun stellt es der österreichische Risikoforscher Wolfgang Kromp in Frage. Der Leiter des Instituts für Risikoforschung an der Uni Wien fordert ein Lagerungskonzept, bei dem der grösste anzunehmende Unfall für die Menschheit noch beherrschbar wäre – bei einem zentralen Lager sei das nicht der Fall.

Beobachter: Herr Kromp, die für die Entsorgung zuständige Nagra sagt, ein geologisches Tiefenlager für hochradioaktive Abfälle im Opalinuston sei «technisch machbar». Wie sehen Sie das?

Wolfgang Kromp: Mit den Theorien über die sicheren Gesteinsarten ist es wie mit der Mode. Die wechselt auch immer mal wieder. Die Schweiz will ein Endlager im Opalinuston, die Schweden bleiben beim Granit, die Deutschen setzen auf Salz. Wo einer zu bohren beginnt und jemand Geld investiert hat, wird dies früher oder später als die technische Lösung betrachtet. Und irgendwann kommt man dann darauf, dass es eben doch nicht geht. Vor über 20 Jahren sah man in Deutschland das Salzgestein als Ort für ein Endlager. Schliesslich fand man heraus, dass Wasser durch einen Salzstock durchlaufen kann. In der Asse ist das Lager auch tatsächlich abgesoffen. Jetzt haben sie den Scherbenhaufen.

Beobachter: Als Beweis, dass der Opalinuston sicher ist, präsentiert die Nagra gern eine 180 Millionen Jahre alte versteinerte Schnecke…

Kromp: Solchen Versteinerungen sieht man nicht an, wie oft sie im Lauf der Jahrmillionen nass wurden. Es mag Gebiete auf der Erde geben, die die kommenden Millionen Jahre relativ unbeschadet überstehen. Aber wir können nicht sagen, wo sich diese befinden. Aus der Vergangenheit jedenfalls lässt sich nicht auf eine ferne Zukunft schliessen. Über kurze Zeiträume mag das gehen, aber über geologische Zeiträume hinweg ist das fahrlässig. Die Erdkruste ist in Bewegung, in Zehntausenden, ja Hunderttausenden von Jahren können sich etwa Wasserwege verschieben. Plutonium oder andere radioaktive Substanzen, die bis zu diesem Zeitpunkt schön konzentriert in Behältern aufbewahrt waren, breiten sich dann plötzlich über viele Quadratkilometer aus. Das ist nie mehr rückholbar. Kurz: Ich bin der Meinung, dass die Tiefenlagerung eine Fehlentwicklung ist.

Beobachter: Und was ist Ihrer Ansicht nach die Alternative?

Kromp: Ein Lager muss so beschaffen sein, dass es für alle Zeiten überwachbar und reparierbar ist und die Abfälle rückholbar sind. Im Ernstfall kann Wasser eindringen, ein Vulkan ausbrechen oder die Lagerstätte von einem der in Hunderttausenden Jahren zahlreich wiederkehrenden Gletscher ausgeschürft werden. Dann wäre der Opalinuston mit seinen schönen versteinerten Schnecken im Rhein – oder sonst irgendwo. Und wer wird in Zehntausenden von Jahren noch wissen, wo genau diese wahnwitzigen Vorfahren ihren Abfall vergraben haben? Mir ist das unheimlich. Ich möchte, dass diese Lager in Oberflächennähe bleiben. Da kann der Mensch eingreifen.

Beobachter: Das wäre in einem Tiefenlager auch möglich.

Kromp: Wenn das Tiefenlager – und das ist für jedes Tiefenlager früher oder später zwingend vorgesehen – einmal zubetoniert ist, bleibt es zu. Glauben Sie wirklich, dass in einem Ernstfall irgendjemand das grausliche Ding ausgräbt, um zu sehen, wo das Problem liegt? Das wäre dann ohnehin viel zu spät. Die radioaktiven Stoffe hätten sich längst ausgebreitet.

Beobachter: Hochradioaktive Abfälle an einem oberirdischen Ort gelagert – da dürfen wir gar nicht daran denken, was passieren könnte.

Kromp: Etwas Fels und Beton sollten schon noch dazwischen sein. Aber ich möchte das Lager sicher nicht in 500 oder 1000 Meter Tiefe bauen. Da wäre langfristig gesehen jede Art von Inspektion extrem schwierig. Wenn man ein solches Lager zugänglich halten will, muss man sicherstellen, dass kein Wasser dazukommt. Aber in Benken etwa müssen Sie zwei Wasserhorizonte durchstossen. Und wo ist der Nachweis, dass es eine Technik gibt, die einen verfüllten Zuführungsschacht für Jahrmillionen dicht hält?

Beobachter: Sie plädieren für ein dezentrales Lagerungskonzept. Wie stellen Sie sich das konkret vor?

Kromp: Meiner Meinung nach braucht man für eine begrenzte Anzahl Menschen jeweils auch ein Lager für atomaren Abfall. Es geht darum, die optimale Grösse zu finden.

Beobachter: Soll denn jede Gemeinde ein eigenes Atommülllager betreiben?

Das ganze Interview lesen Sie im Beobachter 14/2009

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Written by Otto Hostettler

10. Juli 2009 um 13:17

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