Otto Hostettler's Blog

Wer richtig liegt, hat noch nicht unbedingt recht

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Was macht eine Patientenschützerin, die vernimmt, dass ein Chefarzt einer Patientin den offenen Bauch mit einer hochgiftigen Substanz (Methylenblau) spült, was zuvor erst an Ratten getestet worden war? Was, wenn sie erfährt, dass der Chefarzt bei Darmoperationen keine künstlichen Darmausgänge anlegt, wie es die Standardtherapie vorsieht?  Und was, wenn sie erfährt, dass der gleiche angesehene Chefarzt an einem Tag zwischen 8.15 Uhr und 16.15 Uhr in vier Operationssälen dreizehn Eingriffe persönlich vorgenommen haben soll?

Richtig: die Präsidentin der Schweizerischen Patientenorganisation Margrit Kessler stellte Fragen. Denn: Der Chefarzt führte seine experimentellen Behandlungen durch, ohne die Patienten umfassend zu informieren. Mehrere Patienten starben bei diesen unüblichen Eingriffen.

Doch nicht etwa der Chefarzt rückte ins Zentrum des Interesses, sondern die Patientenschützerin. Plötzlich fand sie sich selber inmitten von zahlreichen Gerichtsverfahren. Fast zehn Jahre stand Margrit Kessler vor  Gerichten. Der Fall nahm geradezu groteske Züge an. Zehn mal entschieden St. Galler Gerichte über sie, vier mal beschäftigte sich das Bundesgericht mit dem Fall. 2005 wurde sie vom St. Galler Kreisgericht verurteilt wegen falsches Zeugnisses, übler Nachrede, Verleumdung und sah sich auf einmal mit Verfahrens- und Genugtuungskosten von über 200’000 Franken konfrontiert. Kessler liess sich nicht unterkriegen und forderte beharrlich ihr Recht ein. Erst 2009 rehabilitierte sie das Bundesgericht.

Jetzt hat die Präsidentin der Schweizerischen Patientenorganisation SPO ihren zehnjährigen Kampf gegen die «Halbgötter in Schwarz und Weiss» als Buch zusammengefasst. In zahlreichen Details und Episoden schildert sie, wie ihre Kritik an den experimentellen Behandlungsmethoden für sie zum Albtraum wurde. Sie zeigt auch die eigenartige Dynamik der St. Galler Justiz, wem die Behörde Glauben schenkte, wie sie offensichtliche Widersprüche und Merkwürdigkeiten nicht hinterfragte und wie sie die hartnäckige Patientenschützerin ganz generell behandelte.

Das Buch dokumentiert die problematische Tätigkeit eines Arztes, der Forschung an Patienten betrieb und dies den Betroffenen vorenthielt. Das Buch zeigt gleichzeitig, wie es in der Schweiz um die Rechte der Patienten steht: leider alles andere andere als gut.

«Halbgötter in Schwarz und Weiss»; Rückblick auf einen Medizinskandal, der zum Justizskandal wurde. Margrit Kessler; Verlage Xanthippe. Erhältlich im Buchhandel oder direkt  hier.

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Written by Otto Hostettler

15. April 2010 um 20:21

3 Antworten

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  1. Sehr geehrter Herr Hostettler
    Vielen Dank für den super Eintrag. Er freut mich sehr. Nur wenn viele Menschen lesen was in der Schweiz möglich ist und wie schlecht es mit den Patientenrechten steht, wird sich etwas bewegen. Es braucht Widerstand von aussen. So wie es gestern die Aktionäre der UBS aufgezeigt haben. Wenn der Druck nicht von aussen kommt, läuft es weiter wie bisher.
    Ich danke Ihnen für diesen Artikel.
    Mit herzlichen Grüssen
    Margrit Kessler

    Margrit Kessler

    15. April 2010 at 21:50

  2. Ich ziehe den Hut vor Frau Kessler. Es gibt sehr viele ausgezeichnete Ärzte in der Schweiz, aber leider auch einige inkompetente Ärzte. Das Schlimmste ist die oft fehlende ‚Fehlerkultur‘. Bei Behandlungsfehlern fehlt seitens des Verantwortlichen oft jegliche Einsicht, häufig gedeckt durch die hochbezahlten ‚Spitalmanager‘, um ja den Ruf des Spitals nicht aufs Spiel zu setzen….

    Andreas Jenzer

    16. April 2010 at 00:24

  3. Hartnäckigkeit führt zum Ziel, wie Frau Kessler es bewiesen hat – Bravo.
    Bedenklich, dass der Weg so steinig und hindernissreich belegt war – da hatten wohl einige Instanzen nicht den Durchblick. Aber Ähnliches ist in allen Berufs- und Gesellschaftsschichten zu beobachten.
    Gut dass es Personen gibt die es nicht beim Beobachten belassen, sondern unbeirrt handeln.
    Ihnen gehört mein Respekt und Dank !

    Anton Saxer

    17. April 2010 at 15:17


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