Otto Hostettler's Blog

Kinderheime: Hiebe statt Liebe

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© Beobachter 2010/Otto Hostettler/Christoph Schilling/Markus Föhn

Die Gesellschaft wollte sie «erziehen», doch die Kinder wurden systematisch gedemütigt, verprügelt, missbraucht. Das Leben in Kinderheimen, ein dunkles Kapitel der Schweizer Jugendfürsorge, blieb bisher unbewältigt. Jetzt berichten Betroffene, was ihnen angetan wurde. 

Samstag ist Badetag. Wöchentlicher Höhepunkt der Demütigungen Anfang der siebziger Jahre im Töchterinstitut «auf der Steig» Schaffhausen. Die Mädchen müssen sich halbnackt vor dem Badezimmer aufstellen. Auf Kommando treten sie ein. Links die Waschbecken, vorne die Toiletten, rechts eine Sitzbadewanne, davor Fräulein Arnet, die Erzieherin mit der rabenschwarz gefärbten Ponyfrisur. Mit steinerner Miene fertigt sie jedes der Mädchen ab, vom siebenjährigen Kind bis zum 13-jährigen Teenager.

In der einen Hand die Seife, in der anderen den Waschlappen. «Hinstellen!», brüllt sie, reisst die Mädchen an Armen, Beinen, Haaren, verteilt Hiebe, schert sich einen Deut um die Wassertemperatur. «Beine auseinander!» Wer Gegenwehr leistet oder sich nicht zwischen den Beinen einseifen lassen will, spürt Fräulein Arnets harte Hand. Schluchzend verlassen die Mädchen das Badezimmer. «Die Nächste!»

Karin Bürgisser, damals Karin Hefty, kommt 1970 ins Töchterinstitut, als uneheliches Kind einer 19-Jährigen. Die ersten Jahre wuchs das Mädchen bei seinen Grosseltern auf. Mit fünf holte ihre Mutter sie zurück, aber in ihrer neuen Familie war die Kleine ein Störfaktor. Als sie elf war, steckte die Mutter sie ins «Institut» nach Schaffhausen. Ein «Badetag» ist der inzwischen 51-Jährigen in allen Einzelheiten in Erinnerung geblieben: Eines Samstags schickt sie die Erzieherin überraschend in den zweiten Stock. Dort durften die älteren Mädchen eine richtige Badewanne benutzen. Sie schliesst das Badezimmer ab und geniesst es, fern der Erniedrigungen alleine in einer Badewanne zu liegen. Bis die Erzieherin zur Kontrolle erscheint. Sie tobt vor verschlossener Tür. Eingeschüchtert öffnet Karin, die Erzieherin stürmt herein, wirft sich auf das Kind und drückt es so lange unter Wasser, bis es beinahe ertrinkt. «Mir ging die Luft aus. Plötzlich begriff ich, dass ich mich wehren musste, sonst würde sie mich ersäufen.» Die Zwölfjährige kann sich befreien, die Erzieherin ist klitschnass. «In wenigen Sekunden lernte ich, dass ich mir mit Gewalt Raum und Respekt verschaffen konnte.»

Bis weit in die siebziger Jahre benutzten die Vormundschaftsbehörden den dehnbaren Begriff der «Verwahrlosung» als Disziplinierungsmittel für Familien, die sich nicht gesellschaftskonform verhielten. Ins Heim kamen sogenannte Sozialwaisen. Uneheliche Kinder, deren Mütter gezwungen waren, einer Arbeit nachzugehen. Kinder aus zerrütteten Verhältnissen. Kinder aus geschiedenen Ehen. Kinder, die eines gemeinsam hatten: Aus Sicht der Behörden verhielten sich ihre Eltern «pflichtwidrig» und waren nicht willens oder in der Lage, sie vor «Verwahrlosung» zu schützen. Waren Kinder auch nur ansatzweise auffällig, eigensinnig oder aufbegehrend, wurden sie als «schwererziehbar» eingestuft und weggesperrt. Erst der gesellschaftliche Wandel als Folge der 68er Bewegung leitete einen grundsätzlichen Umbruch ein.

Über Jahrzehnte arbeiteten Vormundschaftsbehörden, Kinderheime und Erziehungsanstalten in einem Beziehungsgeflecht zusammen, sagt Thomas Huonker, Experte für die Geschichte der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen wie Kindswegnahmen und Anstaltseinweisungen (siehe Nebenartikel «Die Heime brauchten Zöglinge, die Behörden lieferten sie»). Gisela Hürlimann, die über «versorgte Kinder» an der Uni Zürich ihre Lizentiatsarbeit schrieb, kommt gar zum Schluss: «Die Kindsversorgung wurde wie ein Geschäft gehandhabt.»

Vielerorts war die Vielfalt an sadistischen Ideen beachtlich. Wie ein roter Faden zieht sich aber eines durch Heime, Anstalten und andere Einrichtungen: Prügel. Im Waisenhaus Winterthur war es der «grüne Gang», vor dem die Kinder Angst haben mussten. Eveline Kusters* Blick ist leer, wenn sie erzählt. Wer zu spät zum Essen kam oder jemandem einen Streich spielte, wurde vom Waisenvater in den «grünen Gang» gerufen. Alle wussten, was das bedeutete. Der Waisenvater führte die Kinder in den Keller und schloss ab. Im grün gestrichenen Korridor schlug er zu. Immer auch in den Bauch. Der Waisenvater suchte sich mit Vorliebe jene Kinder aus, die aufmuckten. Eveline Kuster erzählt: «Ich war eines seiner bevorzugten Opfer. Ich war ihm zu rebellisch, zu bockig.» Nach der Prügelstrafe stieg der Waisenvater, ein Liedchen pfeifend, die Treppe hoch. Die Opfer schickte er ohne Essen ins Zimmer.

Über eines haben viele einstige Heimkinder bis heute kaum gesprochen: sexuelle Übergriffe. Als Zwölfjährige darf Karin Bürgisser, die damals im Töchterinstitut Schaffhausen wohnt, im benachbarten Dorf den Kunstturnunterricht besuchen. Einmal fährt der Leiter der Mädchenriege sie zurück. «Unterwegs hielt er an und vergriff sich an mir.» Zurück im Heim, gab sie bekannt, sie werde nicht mehr ins Kunstturnen gehen. Den Grund dafür hat sie niemandem erzählt. Heute sagt sie: «Wem hätte ich das melden sollen? Der Heimleiterin? Dem Jugendstaatsanwalt? Der Mutter, die kaum je zu Besuch kam? Mir hätte ja sowieso niemand geglaubt.»

Den vollständigen Artikel lesen Sie im Beobachter 10/2010

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Written by Otto Hostettler

12. Mai 2010 um 11:08

Veröffentlicht in Gesellschaft

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