Otto Hostettler's Blog

Düstere Jahre im Kinderheim

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Die Gesellschaft wollte sie «erziehen», doch die Kinder wurden systematisch gedemütigt, verprügelt, missbraucht. Jetzt berichten Betroffene, was ihnen angetan wurde. Eine davon: Eveline Kuster*).

Eveline Kuster erzählt regungslos die Geschichte, die nicht einmal ihr eigener Sohn kennt: Das Mädchen ist neun Jahre alt, eines Nachts steht der Waisenvater, der sie regelmässig im «grünen Gang» windelweich schlägt, neben ihrem Bett. Er weckt sie und flüstert ihr zu, sie müsse mitkommen. Aus dem Tiefschlaf gerissen, versteht das Mädchen nicht, was vor sich geht. Der Waisenvater geht mit ihr in ein kleines Zimmer nebenan. Niemand sonst im Heim weiss, was sich hinter dieser Tür verbirgt. Niemand hat einen Schlüssel. Nur der Waisenvater. Er nennt das Zimmer «s Chämmerli». Darin steht ein Bett, sonst nichts. In dieser Nacht berührt er das Kind intim, es muss ihn befriedigen, übergibt sich dabei. Fast 50 Jahre später sagt die Frau: «Ich werde den Geruch, das Stöhnen und die Stimme nie in meinem Leben vergessen.»

Doch das Schlimmste steht ihr noch bevor. Einige Wochen später steht der Waisenvater wieder neben ihrem Bett, sie muss mit ins «Chämmerli». Er vergewaltigt sie. Ihr Blick versteinert, wenn sie erzählt. «In dieser Nacht ging ein Wandel in mir vor.» Eveline duscht sich in der Folge oft, schrubbt sich immer wieder blutig, will den Geruch des Waisenvaters loswerden. Vergeblich. Immer wieder steht er nachts neben dem Bett, befiehlt sie ins «Chämmerli». Über vier Jahre dauert die Pein. Eveline Kuster zieht sich von allen Heimkindern zurück. Sie wird aggressiv, verweigert das Essen, übergibt sich immer wieder. Sie wird mager, sehr mager. Am Abend hat sie Angst vor dem Einschlafen, in der Nacht Alpträume. Ihrer Aggressivität lässt sie in der Schule freien Lauf, prügelt sich mit den Knaben, wird zur Einzelgängerin. Immer wieder muss sie die Klasse wiederholen, gilt als schwierig. Als sie die Schule verlässt, hat sie gerade mal die fünfte Klasse beendet.

Wenn der Waisenvater sich sexuell an Eveline Kuster vergeht, hat sie dafür eine Woche Ruhe vor dem «grünen Gang». Doch dann prügelt der verheiratete Vater von acht Kindern sie weiter. Einmal steht plötzlich eine Angestellte im Keller, der Waisenvater hatte vergessen abzuschliessen. «Alle wussten, was der grüne Gang ist», sagt Eveline Kuster. «Die Angestellten, seine Frau, mein Vormund. Niemand hat etwas gegen den Waisenvater unternommen.» Zweimal wird sie mit einem gebrochenen Arm ins Spital eingeliefert. Es kommt zu einem Gerichtsverfahren. Eveline Kuster wird vorgeladen und muss aussagen. Auch zu den sexuellen Übergriffen. «Ich hatte das Gefühl, niemand glaubt mir.»

Kurz danach wird Eveline Kuster in ein anderes Heim versetzt, später kam sie in die geschlossene Erziehungsanstalt «Lärchenheim» im appenzellischen Lutzenberg. Was sie damals nicht wusste: Der zuständige Winterthurer Stadtrat liess Mitte der sechziger Jahre Vorfälle im Waisenhaus wegen «Missbrauchs des Züchtigungsrechts» untersuchen. Schliesslich verbot die Behörde dem Waisenvater sogar «jedwelche körperlichen Züchtigungen» (siehe nachfolgender «Hintergrund»). Trotzdem konnte er unbehelligt weiter Kinder missbrauchen. Weshalb er nicht seines Amts enthoben wurde, ist unklar. Aktenkundig ist nur, dass der Waisenvater 1967 seine Stelle selbst kündigt – er wechselt als Heimleiter ins evangelische Kinderheim in Freienstein. Dort bleibt er nur zwei Jahre. Nach seinem Abgang heisst es im Jahresbericht vielsagend: «Das Erziehungsheim hat kaum je so grosse Erschütterungen erlebt und ist kaum je durch solch grosse Schwierigkeiten gegangen.» Die Rede ist von «mannigfachen Problemen», von «Gottes Fügung» und von «Schicksal». Was genau vorgefallen ist, wird mit frömmelnden Worten verwedelt.

Die Jahre im Heim liessen Menschen zurück, die in ihrem Innersten verletzt sind, auch heute noch. Menschen, die sich ihrer Kindheit und Jugend beraubt fühlen und sich entwurzelt vorkommen. Die meisten haben lange gebraucht, bis sie sich gegenüber anderen öffnen konnten.

Hart sind die damaligen Heimkinder geworden, auf eine schon fast unheimliche Art. «Mit der Zeit machten mir die Prügel nichts mehr aus, ich spürte keinen Schmerz mehr.» Eveline Kuster kann nicht mehr weinen, die Tränen sind ihr ausgegangen. «Wenn ich mich heute beim Kochen in die Finger schneide, fühle ich nichts.»

*Name geändert

Den vollständigen Artikel erschien im Beobachter 10/2010.
Weitere Artikel zu diesem Thema: «Misshandelt im Kinderheim»; «Die Schwester mit dem Stock gab das Kommando»; «Rathausen: Gewalt, Missbrauch, Suizide», «Privater lanciert Aufarbeitung», «Die Liste wird länger».

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Written by Otto Hostettler

14. Mai 2010 um 08:32

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