Otto Hostettler's Blog

Heilsarmee will Journalist einbinden

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Eben erst musste die Heilsarmee im Beobachter über sich die Schlagzeile lesen: «Heilsarmee foutiert sich um 82-jährige Frau». Der Hintergrund: Frühere Bewohner des Heilsarmee-Kinderheims in Mettmenstetten ZH mit dem wohlklingenden Namen «Paradies» berichteten dem Beobachter von entwürdigenden Zuständen, Gewalt und Demütigungen. Eine 82-jährige Frau verlangte darauf von der Heilsarmee eine Stellungnahme – und wurde von den Verantwortlichen über Monate hinweg ignoriert. Erst als sich der Beobachter einschaltete, fand man Zeit, sich bei der betagten Frau zu entschuldigen.

Jetzt unternimmt die Heilsarmee einen ungewöhnlichen Schritt: Sie kontaktierte mich als Journalist, um mir einen Auftrag zuzuhalten. Gegen Bezahlung, wohlverstanden. Die Vorstellung der Heilsarmee: Ich soll für die Weihnachts-Spendenaktion eine «berührende Lebensgeschichte» einer Person schreiben. Damit ich nicht etwa auf die Idee kommen könnte, die Lebensgeschichte  der besagten 82-jährigen Frau zu erzählen, würde diese Person durch die Heilsarmee bestimmt. Ganz wichtig aber: «Selbstverständlich würden wir ihren Aufwand nach Absprache vergüten», hält der Sprecher fest, der gleichzeitig PR-Beauftragter ist. Honorar nach Wunsch, sozusagen.

«Embedded journalism» nennt sich das, eingebetteter Journalismus. Eine Institution zeigt sich gegenüber einem Journalisten mit einem Auftrag erkenntlich. Dieser wiederum – so vermutlich die Hoffnung – hat später nicht nur keine Zeit mehr für weitere Recherchen. Und er hat aufgrund des gutbezahlten Auftrags auch Hemmungen, seinen neuen Auftraggeber kritisch zu beleuchten.

Das Angebot der Heilsarmee habe ich dankend abgelehnt.

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Written by Otto Hostettler

24. September 2010 um 15:27

Eine Antwort

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  1. Es ist traurig die Entwicklung einer Organisation zu beachten, in welcher man den grössten Teil seiner Jugend und die besten Jahre des Lebens verbrachte. Mit 15 wurde ich Heilsarmeesoldat, engagierte mich 100% für die gute Sache. Mit 23 trat ich in die Offiziersschule ein und wurde 1985 Heilsarmeeoffizier. Bis 1992 engagierte ich mich weiter 100% für die gute Sache. Als ich mich jedoch 1992 outete und zu meiner Homesexualität stand, kam sowohl der brutale Rauswurf aus dem Amt und der Dienstwohung. Auf einmal war ich für alle fremd und mang grüsste mich auf der Strasse nicht einmal mehr.
    Totale Lieblosigkeit und absolut kein Mitgefühl erlebte
    ich von diesen Menschen, welche sich als Diener Gottes bezeichnen und ein Gelübde abgelegt haben die Nackten zu kleiden und denen ein Freund zu sein die keine Freunde haben. Das sind schöne Worte, entsprechen aber meistens und traurigerweise nicht der Realität. Pharisäer sind in der Heilsarmee gut vertreten – wasser predigen und selber wein trinken !
    Ich arbeite heute als eidg. dipl. Heimleiter, habe Freude an meiner Aufgabe, die Erinnerung an die Heilsarmee weckt in mir viel Traurigkeit und das Gefühl einer grossen Ungerechtigkeit.

    Ernst Gerber

    22. Oktober 2010 at 12:54


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