Otto Hostettler's Blog

Das Märchen von der Stromlücke

with one comment

Seit den 60er Jahren wollen die Stromproduzenten der Bevölkerung einreden, in der Schweiz gebe es bald eine Stromlücke. Jetzt muss die Alpiq eingestehen: sie ist schon wieder nicht eingetreten.

Im Ohr des komfortverwöhnten Schweizers klingt der Begriff «Stromlücke» nach Einschränkungen, nach Stromabschalten, nach Finsterheit. Wie ein Mantra wiederholen die grossen Stromkonzerne seit den 60er Jahren immer wieder das Szenario der Stromlücke. In den letzten paar Jahren war es die eigentliche argumentative Grundlage für neue Atomkraftwerke in der Schweiz (siehe Beobachter 17/08).

 Doch die Realität ist eine andere. In Europa herrschen auf dem Strommarkt gewaltige Überkapazitäten, die Strompreise liegen entsprechend tief, manchmal werden an der Börse sogar Negativ-Preise bezahlt. Aus dem aktuellen Jahresergebnis des grössten Schweizer Stromproduzenten Alpiq geht Ernüchterndes hervor: Der Überschuss in Europa führte dazu, dass Strom während des Tagesverlaufs zu viel geringeren Preisdifferenzen gehandelt wird als bisher. Gewöhnlich kostete der Strom an der Leipziger Strombörse beispielsweise über Mittag, wenn ganz Europa das Mittagessen kocht und die Industrie auf vollen Touren läuft, wesentlich mehr als abends, wenn die Bevölkerung ruht und die Produktion in Firmen vielerorts still steht.

Diese unterschiedliche Nachfrage war bisher das Erfolgsmodell der Schweizer Pumpspeicherkraftwerke. Diese tragen zwar nichts zur eigentlichen Stromproduktion bei, denn um Wasser in höher gelegene Speicherseen zu pumpen, verbrauchen sie mehr Energie als sie später wieder produzieren. Sie sind aber eigentliche Stromveredelungswerke. Sie pumpen nachts mit  überflüssigem – und folglich billigem Atom- und Kohlestrom – aus ganz Europa Wasser in die Speicherseen hoch. In nachfragestarken Stunden verstromen die Schweizer Werke das gleiche Wasser wieder zu Strom und verkaufen ihn teuer in ganz Europa. Eine Gelddruckmaschine. Besonders eindrücklich ist dieser Mechanismus an der Produktionsanalyse der Kraftwerke Oberhasli KWO zu sehen (Grafik).

Jetzt schlägt sich der aktuelle Stromüberschuss erstmals in der Bilanz der Schweizer Energiekonzerne nieder. Alpiq hat zwar 2010 mengenmässig 8 Prozent mehr Strom verkauft, aber damit 5 Prozent weniger Umsatz erzielt. An der Jahresmedienkonferenz mussten die Verantwortlichen der Alpiq eingestehen, dass man sich bei den Prognosen zur Energieproduktion verschätzt habe. Die noch vor wenigen Jahren lauthals für jetzt prognostizierte Stromlücke ist nicht eingetreten. Neuerdings kommt sie jetzt ein bisschen später, Ende 2013.

Interessant sind auch die Pläne der Alpiq. Laut CEO Giovanni Leonardi will die Alpiq die Stromproduktion in Europa verdoppeln. Dafür will Alpiq rund 10 Milliarden Franken investieren – in ganz Europa. In der Schweiz will der Energiekonzern in dieser Zeitspanne eine Leistung von 700 Megawatt zubauen, vornehmlich in Wasserkraftwerken. Das entspricht etwa der doppelten Leistung des AKW Mühleberg. In den Ausbauplänen von 700 Megawatt ist das im Bau stehende Pumpspeicherkraftwerk Nate de Drance (VS) nicht eingerechnet.

Neue Kraftwerke für 10 Milliarden, darunter neue Pumpspeicherkraftwerke in der Schweiz, während in Europa Stromüberschuss herrscht? Das könnte für die Schweizer Energiekonzerne, die letztlich der öffentlichen Hand und somit den Steuerzahlern gehören, zum finanziellen Albtraum werden. Etwa dann, wenn der Strompreis nicht mehr dazu reicht, das Kapital eines Kraftwerkes zu verzinsen und zu amortisieren. Das gab es in der Schweiz schon einmal. Ende der 90er Jahre nannte man das «stranded investments» oder: nicht amortisierbare Investitionen. In der Schweiz schätzte damals die Credit Suisse die gesamten «stranded investments» auf 5,3 Milliarden Franken («Bonitätsanalyse der Schweizerischen Elektrizitätswerke»), die Hälfte davon fielen alleine auf das AKW Leibstadt zurück – ein Kraftwerk der Alpiq.

Advertisements

Written by Otto Hostettler

11. März 2011 um 13:22

Eine Antwort

Subscribe to comments with RSS.

  1. Die Frage der angeblichen „Stromlücke“ war schon vor anderthalb Jahren „weniger dringlich als bisher angenommen“. Siehe http://www.angelisansichten.ch/?p=436

    Thomas Angeli

    11. März 2011 at 15:45


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s