Otto Hostettler's Blog

Etikettenschwindel, amtlich bewilligt

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Nicht immer zeigt die Etikette, was in der Flasche ist. Das ist ärgerlich, aber legal. Absurd ist hingegen, dass mit Stevia gesüsste Produkte das Pflänzli nicht einmal abbilden dürfen.

Das Bundesamt für Gesundheit hat sich mit den «Informationsschreiben 158» selbst überboten: Es regelt in allen Einzelheiten, wie Hersteller ihre mit Stevia gesüssten Lebensmittel anschreiben dürfen. Nicht zulässig ist zum Beispiel, wenn Hersteller auf der Verpackung eine Stevia-Pflanze abbilden. Ebenso «täuschend» ist in den Augen der Bundesbehörden die Bezeichnung «enthält Extrakt aus der Steviapflanze». Korrekt ist die Angabe «mit Steviol Glycoside». So heisst die Bezeichnung für das im Labor hergestellte – chemisch aber unveränderte – Extrakt der Steviapflanze.

Anders ist die Praxis für Hersteller von Lebensmittel, die für den Geschmack ihrer Produkte vorwiegend Aromen statt Fruchtanteile beimischen. Sie dürfen üppige Früchte auf der Etikette zeigen, auch wenn der Anteil nur im Prozent- oder sogar nur im Promillebereich liegt.

Auf die Spitze treibt das Spiel mit den schönen Bildern und den geringen Fruchtanteilen die Migros mit ihrem Getränk «Oasis-Tropical». Neben einem Schnitz Orange und Apfel dominiert eine aufgeschnittene Mango und eine Passionsfrucht das Bild. Doch die Realität liegt fern der Tropen. Das 2,5-dl-Fläschchen enthält neben Wasser vor allem Zucker – über 22 Gramm, also mehr als fünf Stück Würfelzucker.

Drin sind auch 5,5 Prozent Apfel und 6,4 Prozent Orangen. Der Anteil tropischer Früchte liegt hingegen hinter dem Komma: 0,1 Prozent Passionsfrucht, 0,07 Prozent Mango. Seit wenigen Wochen wird der Anteil Mango mit 0,1 Prozent angegeben, das Getränk heisst nicht mehr «Mehrfruchtsaft mit Quellwasser», sondern unverfänglich «Tafelgetränk mit Fruchtanteil».

Beispiele dieser Art gibt es fast endlos. Die «Himbeer-Nugets» der Migros tragen die Bezeichnung «100 Prozent Fruit», enthalten aber nur 5 Prozent Himbeer-Püree. Das Bio-Orangen-Dinkel-Biscuits von Coop hat gerade mal 1 Prozent Orangenschalen. Im Actimel-«Powerfrucht» Pfirsich-Maracuja steckt 1,5 Prozent Pfirsich und 0,6 Prozent Passionsfrucht drin.

Das Absurde dieser Desinformation der Lebensmittelhersteller: Sie ist gesetzeskonform. Die Branche stützt sich auf ein Urteil des Zürcher Verwaltungsgerichts, das im Januar 2010 zum Schluss kam: Ein Erdbeersirup darf Früchte abbilden, auch wenn der Geschmack im Wesentlichen durch Aromen erzeugt wird. Die Fruchtabbildung diene dazu, dass sich der durchschnittliche Konsument vorstellen könne, was er für einen Geschmack zu erwarten habe. Wer mehr über ein Produkt wissen wolle, müsse die Angaben der Produktezusammensetzung lesen.

Immerhin: Der Getränkemulti Coca-Cola, der in der Schweiz Nestea vertreibt, löschte aufgrund eines Hinweises des Beobachters in der Internetwerbung des Drinks «Red fruits» den Slogan «mit vielen roten Beeren». Nestea-«Red fruits» enthält gerademal 0,3 Prozent Heidelbeeren, Himbeeren und Erbeeren. Die üppigen Früchte auf der Etikette sind hingegen geblieben.

(Bild: Nestea.ch)
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Written by Otto Hostettler

30. Juni 2011 um 17:10

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