Otto Hostettler's Blog

Internet-Chat: User belästigen Minderjährige, niemand greift ein

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Von wegen harmloser Plauderei: Auf Schweizer Chat-Plattformen tummelt sich Männern, die Minderjährigen Geld und Geschenke versprechen. Im Gegenzug wollen sie Sex.

Die Testperson war 15-jährig, weiblich und wollte auf den Schweizer Chat-Plattformen nur ein bisschen plaudern. Nicht in einschlägigen Erotiktalks, sondern in der allgemeinen Runde von Swisstalk, im Ausgeh-Chat Partyguide oder im Teentalk von Chatmania.

Das Resultat der Stichprobe ist ernüchternd. In praktisch allen Dialogen auf allen Plattformen ging es den Männern nur ums Eine. Ein Versicherungsangestellter bot «ballerina15» ein «Sackgeld», wenn sie ihn sexuell befriedigen würde, ein anderer versprach der 15-jährigen ein iPhone oder einen iPod, wenn sie sich vor ihm ausziehe. Auch wenn «ballerina15» die Männer auf ihr eigenes, jugendliches Alter ansprach, liessen sie nicht von ihr ab. Einer meinte sogar: «je jünger, desto besser.»

Ein User mit dem Pseudonym «Haskypower», hinter dem ein Anbieter harter Pornografie steckt, versuchte «ballerina15» mit mehreren Tausend Franken zu ködern (siehe Bild). Die Gegenleistung: Sex vor der Kamera. Der minderjährigen Chaterin schrieben Männer im Alter zwischen knapp 20 und  fast 70 Jahren. Der Älteste berichtete stolz von seinem Enkelkind.

Der Betreiber von Swisstalk reagierte gereizt auf die Anfrage des Journalisten. Er stellte die Aufforderung zur Stellungnahme sowie seine schönfärberische Rechtfertigung gleich im Chat-Forum online. Doch die Gemeinschaft verbündete sich nicht gegen den Journalisten. Im Gegenteil. Mehrere Chat-Userinnen meldeten sich und bestätigten die Recherche: Jeder kann sich unter falschem Namen und erfundenen Altersangaben im Chat anmelden. Kontrolle existiert so gut wie keine. Moderatoren schreiten höchst selten ein. Sprich: Die Betreiber überlassen das Tummelfeld sich selber.

Die Bundesstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität schaut mehr oder weniger tatenlos zu. Letztes Jahr verzeichnete die Stelle des Bundesamts für Polizei kein einziges Verdachtsdossier.

Lesen Sie das  Protokoll zwischen «ballerina15 und «juerg_m».

Tipps für Jugendliche und Eltern finden sich hier.

Ausführlicher Bericht und Tipps, was Eltern über Chat-Plattformen wissen sollten, finden sich im Beobachter 17/2011.

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Written by Otto Hostettler

17. August 2011 um 15:19

5 Antworten

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  1. wie sollen die moderatoren denn eingreiffen, wenn sie die privatchats gar nicht abhören dürfen?

    chatter

    23. August 2011 at 17:15

    • Die Moderatoren greifen leider oft auch dann nicht ein, wenn sie eine Meldung erhalten. Problematisch ist auch, dass es in einem der grössten Talks keine weiblichen Moderatoren gibt. Die Chatplattformn könnten auch enger mit den Ermittlungsbehörden zusammenarbeiten und selber Meldung bei der KOBIK (Koordinationsstelle Internetkriminalität) erstatten. Wenn User merken, dass strafrechtlich relevantes Verhalten verfolgt wird, hat das garantiert Auswirkungen auf ihr Verhalten.

      Otto Hostettler

      24. August 2011 at 08:55

      • Ich hinterlasse hier nun auch noch ein Kommentar für jene, die das lesen wollen: Wie schon gesagt, Sie beschreiben hier genau unsere tägliche Arbeit. Auf der Plattform Chatmania hat es weibliche Moderatoren und die Plattform arbeitet auch mit der KOBIK zusammen.

        ein bemühter Moderator

        26. August 2011 at 18:58

    • Ich weiss nicht ob es so ganz legal ist – was Sie hier treiben??? Auf jeden Fall riecht es sehr nach Wichtigtuerei durch Sensationsberichte… Sie wären bei so einem beschriebenen Fall lieber zur Polizei gegangen!

      spiri

      5. November 2011 at 12:16

  2. Was ich damit meine, einfach um Missverstaendnisse auszuschliessen, ist das man fehlendes interesse in der sache oftmals dort findet wo man es nicht vermuten wuerde. Betreiber einer platform, die behoerden in form des kobik und schlussendlich auch besorgte benutzer engagieren sich und gehen im rahmen ihrer moeglichkeiten dagegen vor. Und genau das ist der springende punkt…im rahmen der moeglichkeiten, widerstand droht von anderswo. Alle beteiligten muessen sich in einem definierten rahmen bewegen. Seien dies die agb, das gesetz oder sonstige faktoren die es zu beruecksichtigen gilt, es kann nicht einfach jeder wursteln wie er will 🙂 als wir vor jahren die sms-aktivierung eingefuehrt hatten war dies das ergebnis von langen diskussionen ueber passkopien und dergleichen. Ziel war es damals, einen user eindeutig technisch identifizieren zu koennen damit eine sperrung als solche auch wirksam ist und man nicht gleich einen neuen account eroeffnen kann. Natuerlich hat es solche mit 100 handynummern gegeben…und solche die am bahnhof fremden 10 franken geben um das handy kurz fuer die aktivierung auszuleihen :)) ausweiskopien bieten auch nicht mehr sicherheit. Man weiss ja doch nicht wer einem da die (ev noch nachbearbeitete) ausweiskopie von wem schickt. User zwecks identifikation ‚vorladen‘ scheidet auch aus, da muessen wir hoffentlich nicht weiter drauf eingehen, aber alles andere kann gefakt werden. Auch wenn es nur einer von 1000 tut, es wird passieren 🙂 in deutschland gibt es von der telecom einen netzausweis, sowas braeuchte es hier auch. Dieser dient genau dem altersnachweis.

    @hr hostettler: wieso keine stiftung gruenden und genau sowas wie den netzausweis anbieten zb mit der post als partner ? So koennen wir aktiv was unternehmen dagegen und das wuerde auch wirklich was bewirken

    Nachdem ich mich nun jahrelang mit den ganzen sorgen und noeten einer solchen art von platform auseinandergesetzt habe erlaube ich mir zu sagen ihr sucht am falschen ort nach dem problem. Und es geht auch nicht darum wer jetzt wieviele tibetanische moderatoren hat und wie lange schon :))) ….das primaere problem sind (aber immer weniger) die gesetze und dann auch etwas die gleichgueltigkeit der grossen provider. Aber das problem wird nicht groesser wenn man auf den kleinen rumhackt und die grossen ziehen laesst. Eines morgens als ich ins buero fuhr las ich im 20min wieder mal wie toll man doch wieder jenes boese mp3 downloader aus dem verkehr gezogen haette…super sache, wenn die industrie ruft dann wird sofort gehandelt und wenn auf einer platform was passiert interessiert es im ersten moment mal keinen so wirklich und die leute die handeln wollen werden gebremst.

    Die ganze sache ist halt nicht ganz so einfach und da einfach mal draufhauen find ich nicht so toll. Obwohl das bei mir 2 jahre her ist fuehle ich mich durch den artikel auf eine art doch etwas getroffen weil gerade das thema mit paedophilen hat mich stets rasend gemacht und ich hab jeweils riesen terror gemacht intern wenn sowas war und es tut mir weh wenn dann einfach einer behauptet ’stimmt nicht – alles scheisse‘ :)) deshalb habe ich mich jetzt auch in die diskussion eingemischt, ich mag sonst keine blogs :)))

    Gute nacht 🙂

    ToM201

    6. September 2011 at 21:09


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