Otto Hostettler's Blog

Gaddafis Leiche: Schweizer Medien kennen keine Grenzen

with 7 comments

Die Reizfigur Gaddafi rechtfertigt Schweizer Medien zu buchstäblich grenzenloser Berichterstattung. Praktisch in Echtzeit schilderten die Online-Portale der grossen Verlagshäuser, wie der ehemalige Diktator gefangengenommen und vom Mob erschossen wird. Die Leser quittieren den Service mit hemmungslosem Voyerismus – und vielen Clicks.

Aber: Wollen Leserinnen und Leser tatsächlich wissen, wie Gaddafi ums Leben kam? In allen Einzelheiten? Diese Fragen scheinen sich die Online-Medien nicht zu stellen. Die Handyfilme und Bilder haben sich innerhalb kürzester Zeit quer über die Welt verbreitet. Also werden sie auch in der Schweiz serviert.

20 Minuten beispielsweise bietet eine «Bilderstrecke im Grossformat», darunter der tote Gaddafi von allen Seiten, auf dem Schragen, im eigenen Blut liegend oder das Loch in der linken Schläfe per Nahaufnahme. Die AZ betitelt die Gaddafi-Fotos mit «Bildergalerie» und bietet eine ähnliche Auswahl.

Eine bestechende Version, wie man sich als Medium trotz diese Bilder und Videos selbst aus der Verantwortung nehmen kann, bietet der Blick. Er macht zum Thema, dass sich die Rebellen über die Leiche hermachen. Dazu der heuchlerische Titel: «Rebellen halten Handys drauf». Und: «Hier wird Gaddafis Tod dokumentiert». Dazu zahlreiche Bilder und Videos mit Gaddafis blutüberströmtem Oberkörper.

Die Online-Medien können zu ihrer Rechtfertigung sagen, die grausigen Bilder und respektlosen Amateurfilme würden bei der Leserschaft auf eine grosse Nachfrage stossen, deshalb biete man dieses Material an.

Tatsächlich, die Bilder und Filme von Gaddafis Tod bringen punkto Einschaltquoten einsame Spitzenwerte. Je grausiger, desto öfters angeklickt (Angaben Stand 21.10.2011; 16.30 Uhr):

Video «In diesem Loch hat sich Gadaffi versteckt»: 15 182 Aufrufe

Video: «Leiche von Gadaffi-Sohn Mutassim»: 26 442 Aufrufe

Video «Beim Versteck: hier packten sich die Rebellen Gaddafi»: 107 741 Aufrufe

Video «Die letzten Momente Gaddafis» (er wird gefangen genommen, ist aber noch nicht tot): 249 148 Aufrufe

Video «Töteten diese Schüsse Gaddafi»: 39 033 Aufrufe

Zum Vergleich: Das Video-Interview mit Erich Gysling zur Lage in Libyien haben nur gerademal 9 Personen angeschaut.

Ähnlich bei 20 Minuten:

Video « Feiernde Libyer nach Gaddafis Tod»: 4150 Aufrufe

Video «Aus der Nähe erschossen»: 34 489 Aufrufe

Zum Vergleich: Das Video «48 Zootiere erschossen» (Ohio, USA) bringt gerademal 2207 Clicks.

Irgendwann, in grauer Medienvorzeit, hatten sich Journalistinnen und Journalisten einmal selbst Regeln auferlegt. Dazu verfassten die Berufsverbände «Erklärung der Pflichten der Journalistinnen und Journalisten». Dort hiess es noch unter Punkt 8. (…) «Die Grenzen der Berichterstattung in Text, Bild und Ton über Kriege, terroristische Akte, Unglücksfälle und Katastrophen liegen dort, wo das Leid der Betroffenen und die Gefühle ihrer Angehörigen nicht respektiert werden.»

Die Jagd auf Clicks  lässt solche Grundsätze vergessen. Leider.

Advertisements

Written by Otto Hostettler

21. Oktober 2011 um 22:32

Veröffentlicht in Gesellschaft, Konsum

Tagged with , , , , ,

7 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. Diese Videos sind eine Sauerei. Zum Teil sogar kriminell: Noch übler war kürzlich das vom Blick veröffentlichte Video eines kleinen chinesischen Mädchens, das von einem Laster überfahren wird. Es wurde vom Netz genommen, offenbar aufgrund von negativen Reaktionen. Auch von meiner Seite: Ich habe es der Kobik gemeldet.

    Frage an die Juristen: Wann sind solche Videos illegal? (Ohne Jugendschutz)

    Bruno

    22. Oktober 2011 at 08:23

  2. ich denke nicht nur aufgrund der videoklickzahlen bestätigt sich die frage das die menschen solche szenen offenbar sehen wollen. auch wenn die leute nicht bewusst blutrünstig sind. das video von hussein hat damals auch „jeder“ gesehen, wenn ich das mal so verallgemeinern darf.
    schließlich hat sich die menschheit schon immer an der zurschaustellung von gewalt ergötzt. ich denke dabei zb an gladiatorenkämpfe, öffentliche hinrichtungen,..

    S. Van Lure

    22. Oktober 2011 at 10:17

  3. nn nicht „die Schweizer Medien …zu einer Berichterstattug …rechtfertigen“. Bitte auch auf Facebook die Sprache pflegen!

    Georg Müller

    22. Oktober 2011 at 15:19

  4. „Aber: Wollen Leserinnen und Leser tatsächlich wissen, wie Gaddafi ums Leben kam? In allen Einzelheiten?“

    Das finde ich wirklich die entscheidende Frage. Man kann fast nicht nicht klicken, wenn man etwas in der Art sieht. Das alte Unfall-Phänomen: Man will’s nicht sehen, kann aber auch nicht wegschauen.

    Roman Rey (@derrey)

    22. Oktober 2011 at 21:49

  5. Nachdem Gaddafi liquidiert wurde, können die Tunesier nun endlich aufatmen. Die Regierung Tunesiens wird auf diesem Wege eine weitere Gefahr für die Demokratisierung des Landes los. Heute ist übrigens Wahltag: http://wp.me/pNjq9-3jj!

    2010sdafrika

    23. Oktober 2011 at 11:56

  6. bitte last mich mit Blick Postings in Ruhe 🙂

    Carl Just

    23. Oktober 2011 at 13:06

  7. Blut am Boden lockt die Masse immer, wenn es nicht das eigene ist.
    Spiegel der Massen da andert sich nichts.
    Dank der modernen Medien internet wird dies ausgelebt. Befriedigt offensichtlich Bedurfnisse.

    Jules Schwarz

    30. Oktober 2011 at 17:43


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s