Otto Hostettler's Blog

Gaddafis Leiche: Die scheinheilige Selbstkritik

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Die scheinheilige Rechtfertigung von Newsnet nach der Gaddafi-Orgie.

Gnadenlos berichteten die Medien fast in Echtzeit über die letzten Lebensminuten des libyschen Diktators Gaddafi. In Worten, vor allem aber in Bildern und noch viel mehr in Videos. In der Schweiz führend waren «20 Minuten» und «Blick», deren Onlineportale Videos veröffentlichten, die mit grenzenloser Zurschaustellung Gaddafis Leiche präsentierten. Von vorne, von hinten, aus der Nähe, mit Einschlussloch, untermalt mit viel Blut. Die Zuschauer belohnten diese Art der Berichterstattung mit vielen, vielen Clicks. Je grausiger die Videos, desto höher die Einschaltquote, zeigte eine Stichprobe dieses Blogs.

Eine Woche später kommt doch noch so etwas wie Selbstkritik auf in den Schweizer Medien, die Süddeutsche Zeitung brauchte einen Tag, um die elementaren Fragen zu stellen («Screenshots haben keine Würde»). Allerdings sind die moralischen Analysen von Tagi und BAZ der letzten Tage etwas gar scheinheilig. Denn die gleichen Medien haben zuvor selbst an der «regelrechten Bildorgie» teilgenommen, «die vor Blut nur so triefte», wie die BAZ-Online die Gaddafi-Berichterstattung jetzt plötzlich umschreibt.

Dazu stellte Newsnetz (neu Newsnet), der Online-Verbund von TA-Medien (inkl. BAZ), einen Text mit dem Titel «Warum die baz.ch/Newsnet die Bilder veröffentlichte». In dieser Rechtvertigung vergleicht Newsnet-Chefredaktor Peter Wälty Gaddafis Ende mit dem Tod anderer Despoten, von welchen einst ebenfalls Leichenbilder veröffentlicht worden sei. Ceausescu, Goebbels, Mussolini, Saddams Söhne. Solche Bilder würden «in aller Regel ikonografischen Charakter» erhalten und tauchten Jahre später in Geschichtsbüchern auf. «Deshalb haben wir das Bild des toten Muammar al-Gaddafi publiziert.» Wälty: «Wir wollen den Lesern ein historisches Dokument nicht vorenthalten.»

Nun, das tönt geradezu ehrenhaft. Aber: Es ging nicht um ein einziges Bild des toten Gaddafis. Es waren «Bilderstrecken» oder «Bildergalerien» und vor allem waren es zahlreiche Videos mit grenzenlosem Voyeurismus. Mit der Dokumentation eines toten Diktators hat das nichts mehr zu tun. Es war eine Quotenbolzerei im Blutrausch.

Ein einziger selbstkritischer Satz lässt Newsnet-Chef Wälty aber dann doch noch zu: «Trotzdem aber muss ich im Nachhinein eingestehen, dass man vor allem am Folgetag auch zurückhaltender mit dem Bildmaterial hätte umgehen können.»

Das sind schöne Worte. Nur sind sie etwas scheinheilig.

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Written by Otto Hostettler

27. Oktober 2011 um 13:10

Veröffentlicht in Gesellschaft, Konsum

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