Otto Hostettler's Blog

Selbstherrliche Ärzte und spendierfreudige Pharma

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Pharmafirmen finanzieren Ärzten Reisen und Computer und geben Rabatte ab einer bestimmten Anzahl eingesetzter Hüftgelenke – wer glaubt, Ärzte seien unabhängig, liegt falsch.

Für die allermeisten Ärzte ist es einfach normal. Es ist normal, dass Orthopäden ab einer bestimmten Anzahl eingesetzter Hüftgelenke einige Prothesen gratis dazu erhalten. Es ist normal, dass sich Ärzte von der Industrie die Weiterbildung bezahlen lassen, es ist normal, dass sich Ärzte von Pharmafirmen Handys, Computer und für Alibistudien bezahlen lassen. «Normal ist, was alle tun – nicht was einer ethischen Norm entspricht», sagt der Berner Gesundheitsökonom Heinz Locher.

Er nimmt kein Blatt vor den Mund: «Es herrscht überhaupt kein Unrechtsbewusstsein.» Mehr noch: «Ärzte werden zu dieser Haltung sozialisiert.»

Diese Einschätzung hat sich während der Recherchen zur Beobachter-Titelgeschichte «Gekaufte Ärzte» mehr als bestätigt. Ein Arzt beispielsweise, fand überhaupt nichts zwiespältiges an der Tatsache, dass er von Pharmavertretern 3000 Franken verlang, nur dass dieser während 20 Minuten ein neues Medikament präsentieren darf.

Als er aber vom Beobachter um eine Stellungnahme zu diesem gesetzeswidrigen verhalten  gefragt wurde, reagierte er selbstherrlich. Der besagte Arzt wollte seine schriftliche Stellungnahme nur dann abgeben, wenn er den gesamten Artikel des Beobachters vor der Publikation lesen und korrigieren dürfe. Als der Beobachter klar machte, dass dieser Fall ohnehin veröffentlicht werden würde, traf die Stellungnahme dann doch noch ein. Er blieb unbeirrt, zeigte sich fehlerlos und glaubt sich im Recht.

Ähnlich von sich selbst überzeugt reagierte auch das Spitalzentrum Biel, das  zur Stellungnahme aufgefordert wurde, weil Chefchirurg Urban Laffer seine Chirurgiekassen ausserhalb der Spitalrechnung führt und bei der Akquirierung von Sponsorengeldern offensichtlich keine Berührungshemmungen hat («Halb Gott, halb Kassenwart»). Die Spital-Presseverantwortliche schrieb darauf dem Beobachter sogar: «Bitte lassen Sie mich wissen, wann wir den Text zur Genehmigung erhalten.

Written by Otto Hostettler

29. März 2012 um 21:16

Eine Antwort

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  1. Ich mach das jetzt auch so. Ich will meine Steuerrechung sehen, zur Bewilligung. Ich kann schon jetzt sagen, dass ich sie nicht erteilen werde.
    Journalismus als Bewilligungsverfahren – grossartig!

    Hubler Rolf

    30. März 2012 at 07:18


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