Otto Hostettler's Blog

Internet-Chats: Die Polizei schaut zu

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Wer in Internet-Chaträumen minderjährige Frauen belästigt, hat wenig zu befürchten. 2011 hat die Polizei nur gerade in 16 Fällen ermittelt – und mehrere davon schon wieder ad acta gelegt.

In Internet-Chaträumen haben Minderjährige wenig zu lachen. Vor allem junge Mädchen werden auf den gängigen Plattformen Swisstalk, Chatmania oder Partyguide regelrecht sexuell bedrängt. In einer verdeckten Recherche konnte der Beobachter bei allen drei Plattformen in zahlreichen Fällen strafrechtlich relevantes Verhalten dokumentieren.

Doch die allermeisten Männer, die in solchen Chats Minderjährige belästigen, haben nichts zu befürchten. Im neusten Jahresbericht der Anlaufstelle für Internetkriminalität (KOBIK) listet das Bundesamt für Polizei für 2011 nur gerade 16 Ermittlungsfälle auf. Ernüchternd dabei: Nur gerade für eine Handvoll hat dies auch ernsthafte Konsequenzen.

Von den ursprünglich 16 Fällen habe in vier Fällen der Täter nicht identifiziert werden können oder der Anfangsverdacht liess sich nicht erhärten, heisst es im Jahresbericht. In einem Fall sind die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen, in einem anderen Fall stellte der Staatsanwalt das Verfahren ein. Vier weitere Fälle sind noch pendent. Lediglich in fünf Fällen kam es zu Befragungen der jeweiligen Tatverdächtigen, bei vier dieser fünf Personen kam es auch zu einer Hausdurchsuchung, heisst es im Jahresbericht.

Als Gründe für die geringe Anzahl Ermittlungen verweist das Bundesamt für Polizei auf die Anfang letztes Jahres geänderte Strafprozessordnung des Bundes. Tatsächlich wurde mit dieser Änderung dem Bundesamt für Polizei die Kompetenz für verdachtsunabhängige verdeckte Ermittlungen entzogen. Die Kantone, die ihrerseits nun die Ermittlungen führen sollten, haben teils bis heute nicht die rechtlichen Voraussetzungen dazu geschaffen, um auch tätig zu werden. Allerdings hat der Bund mit verschiedenen Kantonen längst eine Vereinbarung abgeschlossen, womit trotz der kuriosen Rechtslage verdachtsunabhängig ermittelt werden kann. Die Ermittlungen der Bundespolizei laufen seither über den Kanton Schwyz.

Weshalb es nur gerade zu etwas mehr als einem Dutzend Ermittlungen gekommen ist, steht nicht im Jahresbericht der Anlaufstelle für Internetkriminalität nicht. Dem Beobachter liegen Informationen vor, wonach zumindest eine der grossen Plattformen regelmässig problematische Unterhaltungen zwischen Männern und minderjährigen Frauen dokumentiert und diese dem Bundesamt für Polizei abliefert. Was daraus wird, ist unklar.

Gleichzeitig negieren Chat-Plattformen bis heute die Problematik sexueller Belästigungen in ihren Talks. Vor allem Swisstalk reagierte auf die Recherchen des Beobachters empört. In einer umfangreichen Recherche überprüfte der Beobachter, wie Chat-Teilnehmer auf eine 15-jährige Teenagerin reagieren. Noch heute behauptet die Chat-Plattform, die im Beobachter zitierten Dialoge seien erfunden. Was sich eine Minderjährige in Chatrooms gefallen lassen muss, lässt sich in diesem Protokoll nachlesen.

Bis heute sind zahlreiche Chatter, die sich mit teils bedenklichen Angeboten mit einer Minderjährigen einlassen wollten, auf der Plattform aktiv. Hingegen werden Frauen von den Plattformbetreibern offensichtlich willkürlich gesperrt, wie mehrere Betroffene dem Beobachter erzählten. Nur weil sie sich bei den Moderatoren über anuzügliche Bemerkungen von Männern beschwerten.

Written by Otto Hostettler

12. Juni 2012 um 15:51

2 Antworten

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  1. ich habe selten einen undiffernzierten Artikel gelesen und das von einem schweizer Journalisten. Da werden verschieden Anbieter wild durcheinnder „gemischelt“ und Printscreens eines Anbieters sollen den Beweis der Pausschalaussagen sein. Schade schade, aber wirklich eine schlechte Arbeit! Freundliche Grüsse Tanja

    Tanja C. aus Z

    5. Juli 2012 at 21:18

    • danke für Ihr Feedback. Ich kann aber Ihre Kritik nicht nachvollziehen. Was konkret ist «undifferenziert» und «schlecht»?
      Die Recherche des Beobachters erstreckte sich über mehrere Wochen und erfolgte auf den wichtigsten Chatplattformen der Schweiz. Einen Bericht darüber finden Sie hier:
      https://ottohostettler.wordpress.com/2011/08/17/internet-chat-user-belastigen-minerjahrige-niemand-greift-ein/
      Sämtliche Dialoge wurden mit Screenshots dokumentiert, im Bericht wurden die Pseudonyme anonymisiert, weil auch jene Menschen Persönlichkeitsrechte haben, die andere belästigen. Ein grosser Teil der bedenklich aufgetretenen User sind übrigens noch heute aktiv! Wer nun behauptet, die im Artikel erwähnten Dialoge seien erfunden, begibt sich auf sehr dünnes Eis. beste Grüsse, Otto Hostettler

      Otto Hostettler

      9. Juli 2012 at 13:01


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