Otto Hostettler's Blog

Lobbys drängen ins Schulzimmer

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Lobbyismus an Schulen hat ein «alarmierendes» Ausmass angenommen.  Zu diesem Schluss kommt die deutsche Organisation Lobbycontrol und fordert, die Firmen und Interessenverbände aus dem Unterricht zurückzudrängen.

lobbyinschule KopieDie Wirtschaft nimmt immer stärker Einfluss auf den Unterricht an Schulen. Kein Wunder: Hier sitzen die Konsumenten morgen. Firmen und Interessenverbände publizieren Unterrichtsmaterialien, veranstalten Schulwettbewerbe oder bilden Lehrer fort. Die deutsche Non-Profitorganisation Lobbycontrol kommt in einer Analyse zu einem klaren Schluss: «Es geht es nicht um Erkenntnis oder Bildung, sondern um Meinungsmache und Marketing.» Die indirekte Lobbyarbeit an Schulen sei «alarmierend». Denn: «Die Einflussnahme auf Kinder und Jugendliche wird professionell organisiert und ist Teil umfassender und langfristiger Lobbystrategien.» Gleichzeitig hätten die gesetzlichen Rahmenbedingungen und gesellschaftlichen Mechanismen mit dieser Entwicklung nicht Schritt gehalten.

Beispiele dazu finden sich auch in der Schweiz – und kaum jemand scheint sich daran zu stören. Jahrelang schon bietet etwa die Erdölvereinigung einen Ausbildungsordner für Schulen an. Und die anfängliche Kritik am landesweiten Projekt «Schulen ans Internet» der Swisscom ist längst verstummt. Nicht zuletzt, weil Gemeinden und Kantone dem Bildungsbereich landauf landab Sparprogramm nach Sparprogramm diktieren. Viele Schulen waren deshalb der Swisscom dankbar, den Zug ins digitale Zeitalter nicht komplett verpasst zu haben. Von den gleichzeitig angebotenen pfannenfertigen Arbeitsblätter, Ratgeber und anderen Unterrichtsmaterialien spricht kein Mensch. Ähnlich im Energiebereich: Die Vereinigung der Schweizerischen Elektrizitätswerke VSE, in dem die AKW-Betreiber Axpo und BKW den Ton angeben, betreibt zur Einflussnahme auf Schulen unter dem Namen poweron sogar eine eigene Internetplattform. Hier bietet die Stromlobby Unterrichtsmaterial für Kinder ab 9 Jahren an, so genannte «E-Dossiers», und deckt die Lehrerschaft auch gleich mit dem dazu gehörigen «didaktischen Leitfaden» ein.

Lobbycontrol Deutschland zitiert in diesem Zusammenhang die Pisa-Studie 2006, wonach bereits 87,5 Prozent der 15-Jährigen eine Schule besuchen, an der Wirtschaft und Industrie Einfluss auf die Lerninhalte ausüben würden. Die Schulhaustür öffne sich ohnehin relativ leicht. Dazu müsse ein Interessensverband lediglich einen Mangel im Bildungswesen thematisieren und anschliessend mit passenden Lerninhalten bereit stehen. Als Beispiel nennt die Organisation den Bankenverband, der 2012 eine Jugendsstudie präsentierte. Das wenig erstaunliche Fazit: Fast bei jedem zweiten Jugendlichen gebe es grössere Defizite im Verständnis von Wirtschaft und im Wissen über Wirtschaftsthemen. Ähnliche Studien über angebliche Mängel im Bilidungssysstem gebe es zuhauf. Der Grund liege darin, das Engagement von Unternehmen und Verbänden an Schulen «argumentativ zu untermauern». In der Analyse schreibt Lobbycontrol: «In der Öffentlichkeit werden diese Studien selten hinterfragt und meist unkritisch wiedergegeben.»

Die Schulen sind für Lobbys deshalb zentral, weil dort nicht nur Werbung betrieben werden kann und Nachwuchskonsumenten sind finden sind, sondern auch weil sie mit Unterrichtsmaterialien Einfluss auf wichtige gesellschaftliche Themen nehmen können – motiviert von privaten geschäftlichen Interessen. Daraus entsteht einseitiges Lehr- und Lernmaterial und die ohnehin bestehende Ungleichheiten im Bildungssystem werden weiter vergrössert. Für Schulen mit knappen finanziellen Mitteln sind die ansprechenden Unterrichtsmaterialen verlockend. Lobbys schicken aber auch «Experten» ins Klassenzimmer und organisieren ausserhalb der obligatorischen Schulzeit Wettbewerbe und Spiele.

Weil der Einfluss auf den Inhalt der Schule weiter voranschreite, fordert Lobbycontrol in einem offenen Brief an die Bildungsministerien der Bundesländer:

  • Finanzierung von Unterrichtsmaterial offen legen. Lehrer, Schüler und Eltern müssen auf den ersten Blick erkennen, von wem das Material stammt und wessen Interessen darin vertreten werden.
  • Aufsichtsstellen und Schulen müssen komerzielle Kooperationen besonders kritisch prüfen. Denn Kooperationen können zu Abhängigkeit und mangelnder Distanz führen.
  • Werbung umfassend verbieten. Schulen müssen in der Lage sein, aktuelle Schulbücher zu kaufen, ein modernes Chemielabor einzurichten und einen Computerraum gut auszustatten.
  • Zukünftige Lehrkräfte müssen bereits in der Ausbildung für die Gefahren der Einflussnahme sensibilisiert werden.

Hier findet sich das Diskussionpapier «Einflussnahme auf den Unterricht und was man dagegen tun kann».

Wer kennt weitere Beispiele von auffälligen Unterrichtsmaterialen?  Bitte hierhin senden: otto.hostettler@beobachter.ch

 

 

Written by Otto Hostettler

1. Mai 2013 um 13:10

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