Otto Hostettler's Blog

Zeitung rät bei spielenden Kindern: «hart durchgreifen»

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Wenn Kinder nicht gehorchen, soll man «hart durchgreifen», empfiehlt das «Bieler Tagblatt». Das erinnert an eine längst vergangen geglaubte Zeit.

hartdurchgreifenDer Fall stammt nicht aus grauer Vorzeit. Und doch klingt der Rat der Lokalzeitung «Bieler Tagblatt» (Ausgabe 18. Juli 2013) an die 60er und 70er Jahre, als Behörden entschieden, wie man mit Kindern umgehen soll, wenn sie nicht gehorchen. In einem gross aufgemachten Artikel über Trampolin steht als Ratschlag: «Es muss ebenfalls hart durchgegriffen werden, wenn die Kinder trotz aller Warnungen zu zweit oder zu dritt hüpfen wollen.»

«Hart durchgreifen»? Was genau sich die Autorin unter diesem Ratschlag vorstellt, führt sie nicht weiter aus. «Hart durchgreifen» war einst ein oft  verwendeter Begriff von Vormundschaftsbehörden. Er findet sich in unzähligen Akten von Betroffenen so genannter «fürsorgerischer Zwangsmassnahmen» wieder.

Unter dieser Bezeichnung steckte der Staat bis Anfang der 80er Jahre tausende von Kindern und Jugendlichen zur «Nacherziehung» in Anstalten und Gefängnisse, platzierte sie in Waisenhäuser, auch wenn sie gar keine Waisen waren oder gab die Kinder gegen den Willen der Eltern zur Adoption frei. Oft reichte es, wenn die Kinder und Jugendlichen nicht parierten, so genannt «schwer erziehbar» oder «renitent» waren, in den Augen der Behörden ein «liederliches Leben» führten oder «arbeitsscheu» waren. Übrig geblieben aus dieser Zeit sind unzählige Frauen und Männer, die bis heute unter ihrer Geschichte leiden. Was diese weggesperrten, verdingten und Zwangsadoptierten unter «hart durchgreifen» in Erinnerung haben, lässt sich hier nachlesen.

Der Ratschlag, auf einem Trampolin dürften die Kinder nicht zu zweit oder zu dritt hüpfen, wirkt vor diesem Hintergrund wie aus einer anderen Zeit. Vermutlich will dieser Hinweis nur «das Beste» für sie. Doch: was genau ist eigentlich «das Beste» für ein Kind?

 

Written by Otto Hostettler

19. Juli 2013 um 15:21

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