Otto Hostettler's Blog

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Warum ich mich gegen PR abgrenze

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Gibt es «gute» Lobbyisten und «böse» Lobbyisten? Nein, deshalb sollten wir Journalisten eine gesunde Distanz zu dieser Branche wahren.

twitterDie Twitter-Nachricht war an mich gerichtet: «ich freue mich auf eine Replik», schrieb Oliver Classen, hartnäckiger Themenplatzierer der NGO «Erklärung von Bern». Er verlinkte dazu einen Text über darbenden Journalismus und die Notwendigkeit von NGOs, den zusammengesparten Redaktionen mit eigenen Recherchen auszuhelfen. Auslöser seiner Rechtfertigung war eine Twitter-Meldung, in der er Anfang Jahr seine Teilnahme am  Recherchetag des Medienausbildungszentrums MAZ in Luzern ankündigte. Die Frage, die ich darauf via Twitter schrieb, drängte sich förmlich auf: Was hat eigentlich ein Lobbyist am Recherchetag der Schweizer Journalisten zu suchen? Classen war nicht Referent und er war auch nicht als Teilnehmer eines Podiumsgesprächs vorgesehen. Und Recherchieren muss er auch nicht mehr lernen. Der frühere Journalist und heutige NGO-Sprecher hat dies als Co-Autor des Buchs «Rohstoff, das gefährlichste Geschäft der Schweiz» bewiesen.

Also: Warum besuchte Classen einen Anlass, an dem sich Journalisten über Recherche  austauschen?  Die Antwort ist einfach. Classen kam wegen der Journalisten. Selten versammeln sich in der Schweiz so viele neugierige, motivierte Journalistinnen und Journalisten an einem Ort. Gegen 80 an der Zahl konnte er am Recherche-Anlass auf einen Schlag treffen. Um seine Themen in Schweizer Medien zu platzieren, braucht Classen Zugang zu Journalisten. An diesem Treffen standen für ihn Aufwand und Ertrag in einem traumhaften Verhältnis. Effizienter kann Lobbyismus kaum sein.

Die Frage ist durchaus selbstkritisch gemeint: Hätten wir Journalisten andere Lobbyisten auch an der Tagung teilnehmen lassen? Etwa Thomas B. Cueni, Cheflobbyist von Interpharma, Jürg Wildberger von Hirzel.Nef.Schmid-Konsulenten. Wie so viele Lobbyisten waren auch Cueni und Wildberger einst Journalisten. Wetten, dass ein Aufschrei durch die Medienszene erfolgt, wenn der Interpharma-Chef am Recherchetag aufkreuzt?

Classen sieht sich noch immer als Journalist, er ist sogar «konsterniert», mit klassischen Lobbyisten verglichen zu werden. Es gibt Journalisten, die sagen, er sei eben ein «guter» Lobbyist. Die «Erklärung von Bern», die sich für eine gerechtere Welt einsetzt, sei gar nicht so weit weg von der Tätigkeit eines «Beobachters», der sich «stark für die Schwachen» auf die Fahne geschrieben habe. Ja, der «Beobachter» wehrt sich mitunter anwaltschaftlich für die Interessen seiner Leser. Manchmal werden sie von Betrügern geprellt, manchmal von Behörden schickaniert oder drangsaliert. Dann setzt sich die Redaktion für sie ein, schreibt ihnen ein Gesuch um Akteneinsicht oder übergibt einen Musterbrief zur Beanstandung einer Abzocker-Rechnung. Andere Medien setzen sich beispielsweise für weniger Regulierungen im Finanzmarkt ein (Finanz und Wirtschaft) oder kritisieren die Allmacht der Banken (WOZ). Journalisten müssen meiner Meinung nach eine Haltung haben. Anders gesagt: Journalismus ohne Haltung ist haltlos. Praktisch jede Themensetzung von Journalisten ist letztlich Politik. Völlig vermessen ist nun aber, den «Beobachter» als Lobbyorganisation herbei zu argumentieren mit dem Ziel, die «Erklärung von Bern» als journalistische Kraft zu definieren.

Die «Erklärung von Bern» erfüllt – wie viele andere Lobbyorganisationen – aus ihrer Sicht unverzichtbare Arbeit. Sie recherchiert, bereitet Zahlen auf, sucht spannende Fallbeispiele, um eine gewünschte Situation treffend darzustellen. Letztlich tut sie das in der Hoffnung, via Medien eine Breitenwirkung zu erzielen. So arbeitet aber auch Interpharma, etwa wenn sie mit einer Wertschöpfungsstudie nachweist, wie wichtig die Pharmaindustrie als Arbeitgeberin für die Region Basel ist. Lobbyisten sind wichtige Input-Geber für Journalisten. Aber meiner Meinung nach gibt es keine «guten» oder «böse» Lobbyisten. Deshalb sollten wir auch eine gesunde Distanz zu dieser Branche wahren. Die Lobbyisten machen es genauso. Lobbyisten, die etwas auf sich haben, agieren zurückhaltend, nicht aufdringlich.

Die Selbstsicht von Classen deckt sich ausserdem in einem anderen Punkt vollständig mit derjenigen von anderen (zeitgemässen) Lobbyisten. Er nimmt für sich in Anspruch, ein «Informationsermöglicher» zu sein und kein «Informationsverhinderer». Aber: Angenommen, ein Journalist würde über einen Mobbingfall bei der «Erklärung von Bern» recherchieren oder über finanzielle Unstimmigkeiten in der Kasse der NGO. Wäre Classen dann auch ein «Informationsermöglicher»?

Am meisten aber stört mich an Classens Sicht, dass er sich als Demokratieretter aufspielt. Er behauptet allen Ernstes, die «Medienkrise» erzeuge «demokratierelevante Informationslücken». Er als PR-Journalist könne diese Lücke mit «nötiger PR» schliessen. Mit Verlaub, von was für einer «demokratierelevanten Informationslücke» spricht Classen? Machen Journalisten heute einen schlechteren Job als ihre Vorgänger in den 80er Jahren? Kaum. Klar, es hat sich einiges verändert in der Medienszene, das Geschäftsmodell von Zeitungen funktioniert nicht mehr wie vor 30 Jahren. Aber deswegen sind die Zeitungen nicht schlechter. Trotz aller Sparrunden gibt es heute in vielen Zeitungen immer wieder hervorragende Geschichten. Wie schon früher. Es gibt aber auch immer wieder Themen, die wir Journalisten verschlafen, leider. Wie früher auch schon. Sicher, wir können immer besser werden. Aber dass früher alles besser war, ist ein Mythos.

Ist «Para-Journalismus» eine Bereicherung?, fragt Oliver Classen schliesslich. Ja, zweifellos. Aber nicht für den Journalismus, sondern für die PR-Branche.

 

Die Twitter-Diskussion findet sich hier.

«Para-Journalismus als Bedrohung und/oder Bereicherung», Oliver Classen in der Medienwoche:
http://www.werbewoche.ch/zeitung/para-journalismus-als-bedrohung-undoder-bereicherung

 

 

Written by Otto Hostettler

19. Februar 2014 at 14:19

Die Menschenversuche von Münsterlingen

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Der Schweizer Psychiater Roland Kuhn gilt als «Vater der Antidepressiva». Doch dieser Ruhm gründet auf Hunderte von ahnungslosen Patienten. Betroffene leiden bis heute, Todesfälle wurden nie untersucht.

titel3Während Jahrzehnten liess die Pharmaindustrie neue Wirkstoffe  an nicht zustimmungsfähigen Kranken und Kindern testen. Recherchen des Beobachters zeigen erstmals das Ausmass solcher Medikamentenversuche: In der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen TG verabreichte der Psychiatrieprofessor Roland Kuhn über Jahrzehnte hinweg seinen Patienten nicht bewilligte Substanzen. Die Tests dienten unter anderem zur Entwicklung des ersten Antidepressiva, das noch heute als Tofranil im Handel ist. Die Pharmaindustrie verdankt Kuhn Milliardenumsätze.

Die Recherche war aufwändig: Dokumente gefunden habe ich vor allem im Staatsarchiv Thurgau, bei Swissmedic und im Medizinhistorischen Archiv. Dazu habe ich ein halbes Dutzend nationale und internationale Publikationen ausgewertet, mit Betroffenen und früheren Angestellten gesprochen. Die Informationen und Erkenntnisse ergeben ein erschreckendes Bild:

  • Dokumentiert sind mindestens 1600 Fälle von Medikamentenversuchen (vor allem Largactil, Imipramin/Tofranil, Ketoimipramin, Maprotilin/Ludiomil sowie zahlreiche Derivate dieser Substanzen)
  • die Versuche deckten eine Zeitspanne von über 30 Jahren ab
  • im wichtigsten Versuch verbrauchte der Psychiater 20’000 Pillen und 1000 Ampullen – pro Monat. Zusammengerechnet verabreichte er seinen Patienten in diesem Jahresversuch mindestens 6 Kilogramm des Wirkstoffs
  • dokumentiert sind Versuche an schwer depressiven Schwangeren
  • Versuche an schwer Kranken

«Die Experimente des Dr. Kuhn», Beobachter 3/2014;

Lockerbie: Die Schweiz schweigt seit 25 Jahren

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25 Jahre nach dem Absturz der Pan Am-Jumbo über Lockerbie gibt der Terroranschlag noch immer Rätsel auf. Wichtige Spuren führen in die Schweiz – und wurden nie geklärt.

lockerbieOffiziell ist der Terroranschlag von Lockerbie geklärt: Abdelbaset al-Megrahi, Sicherheitschef der Libyan Arab Airlines und Offizier des libyschen Geheimdienstes, wurde Anfang 2001 von einem schottischen Gericht zu lebenslanger Haft verurteilt. Für das Gericht war erwiesen, dass er den Koffer mit der Bombe in jenen Jumbo-Jet der Pan Am schmuggelte, der am Abend des 21. Dezember 1988 über der schottischen Stadt Lockerbie explodierte. Alle 259 Menschen an Bord sowie elf Einwohner der Ortschaft starben.

Der verurteilte al-Megrahi ist seit zwei Jahren tot, doch der Fall kommt nicht zur Ruhe. Letztes Jahr listete die schottische Justizaufsichtsbehörde in einem 800-seitigen Bericht eine Reihe gravierender Unstimmigkeiten bei den Ermittlungen auf. Das Fazit: Das Urteil wäre womöglich anders ausgefallen, wären der Verteidigung im Vorfeld des Prozesses nicht zahlreiche Informationen vorenthalten worden. Hinterbliebene, Juristen und frühere Polizeiermittler um den renommierten Rechtsprofessor Robert Black fordern seit Jahren, die Wahrheit müsse endlich auf den Tisch.

Im grössten je in Europa verübten Terroranschlag spielt auch die Schweiz eine wichtige Rolle. Doch die Schweiz unternahm wenig, um zur Aufklärung beizutragen. Den Beobachter behinderte die Bundesanwaltschaft in den letzten drei Jahren sogar massiv bei der Recherche. Drei zentrale Fragen sind bis heute ungeklärt.

Wie ist es möglich, dass der Zürcher Elektronik-Händler Edwin Bollier für den Schlüsselbeweis verantwortlich sein soll, juristisch aber nie belangt wurde?

Mit seiner Firma Mebo war Bollier nach offizieller Lesart des Gerichts so etwas wie der Gehilfe der Attentäter. In den 1980er Jahren lieferte er dem Ghaddafi-Regime 20 elektronische Schaltuhren vom Typ MST-13. Ein solcher Timer soll später die Bombe über Lockerbie zur Explosion gebracht haben. Trotz der angeblich klaren Beweislage wurde Bollier juristisch nie belangt – weder in Schottland noch in der Schweiz. Bollier ist bis heute überzeugt, er sei benutzt worden, um einen Täter aus dem Umfeld Ghaddafis zu finden. Tatsächlich spielte sich unmittelbar nach dem Attentat Eigenartiges ab. Im Juni 1989 wurden zwei Bundespolizisten bei Bolliers Firma vorstellig. Sie interessierten sich für die Schaltuhren, die nach Libyen geliefert worden waren. Ein Mitarbeiter händigte den Beamten einen Prototyp aus. Wenige Monate später tauchte in Schottland ein fingernagelgrosses Fragment genau eines solchen Timers auf. Auf diesem Beweisstück basiert letztlich die gesamte These, die Täter seien Libyer. Bollier ist überzeugt, das Beweisstück sei aus diesem Prototyp erstellt worden. Tatsächlich gibt es rund um diesen Schlüsselbeweis erstaunliche Unstimmigkeiten (Beobachter Nr. 12/2012): So war das angeblich in Lockerbie gefundene Teil der Leiterplatte mit reinem Zinn beschichtet – jene nach Libyen gelieferten Timer aber mit einer Zinn-Blei-Legierung.

War der verurteilte Abdelbaset al-Megrahi bloss ein Beauftragter des Ghaddafi-Regimes, der mit einem mysteriösen Hassan Badri von Zürich aus das Handelsembargo umging und Libyen mit wichtigen Gütern versorgte?

Bollier war lange vor dem Attentat von Lockerbie auf dem Radar westlicher Geheimdienste, weil er seit den frühen 70er Jahren Chiffriergeräte, Funkausrüstungen und weiteres elektronisches Material in die DDR und nach Libyen verkaufte. Dokumente, die dem Beobachter vorliegen, zeigen: Bollier half kräftig mit, dass sich Ghaddafi im Westen mit elektronischen Gütern eindecken konnte. Seine Libyen-Connection gipfelte darin, dass er 1988 und 1989 im Zürcher Novapark einem gewissen Hassan Badri ein Büro vermietete.

Badri hatte zuvor in Liechtenstein die Aviation Business Holding gegründet. Am 23. Februar 1988 eröffnete er bei der Schweizerischen Kreditanstalt am Flughafen Zürich-Kloten ein Privatkonto mit der Nummer 0383-645281-60, fünf Tage später zahlte er am Schalter 1,05 Millionen Franken ein – in bar. Auf das Firmenkonto 201-697-32 hatte ein weiterer Libyer Zugriff: Abdelbaset al-Megrahi, der 2001 verurteilte Lockerbie-Attentäter.

Megrahi und Badri deckten sich bei führenden Schweizer Luftfahrtfirmen mit Zubehör für Libyens Flugzeugflotte ein, wie Dokumente belegen. Zudem beschafften sie für Ghaddafi via Zürich verschiedenste Fahrzeuge. Im April 1988 etwa waren es zehn Ambulanzfahrzeuge, Typ Peugeot 505. 15 weitere Peugeot 505 wollten sie explizit in “luxuriöser Ausstattung”. Dazu kamen 20 Toyota “King Cab” 4×4 sowie 50 Harley-Davidson-Motorräder “Electra Glide”. In Zürich verhandelte Badri im März 1988 mit einer Firma aus Monte Carlo über den Kauf von Flugzeugen des Typs Fokker F-27. Wenige Monate später organisierte er ein Pilotentraining in Frankreich oder Marokko. Für den Schweizer Flugzeugbauer Farner war Badri gleichzeitig als “technischer Berater” tätig, der angebliche Lockerbie-Attentäter Megrahi gab auf seinem Einreiseantrag 1988 an, er arbeite ebenfalls für Farner. Badri verschwand schliesslich genauso mysteriös, wie er aufgetaucht war.

Badri

Mysteriöser Hassan Badri: Einkäufer Libyens, in der Schweiz tätig für Farner. Bei der Konto-Eröffnung am Flughafen legte er 1.05 Mio. Fr. in bar auf den Tresen.

 

 

SKA-Auszug

Zwei Tage nach Lockerbie wurden Millionen aus dem Iran auf ein Konto in Lausanne überwiesen und an palästinensische Extremisten weitergeleitet. Was unternahm die Schweiz?

Der frühere CIA-Beamte Robert Baer, Ende der 80er Jahre verantwortlich für ausländische Geheimdienstquellen mit Schwergewicht Naher Osten, veröffentlichte ein Jahr nach dem Lockerbie-Prozess ein brisantes Buch. Baer, der im Prozess nicht einvernommen worden war, schilderte gestützt auf Geheimdienstquellen, was Grossbritannien stets bestritten hatte: Zwei Tage nach dem Attentat von Lockerbie wurden aus dem Iran elf Millionen US-Dollar auf das Konto Nr. 20551 der Indosuez Bank in Lausanne überwiesen. Gemäss Baer gehörte das Konto einem führenden Mitglied der palästinensischen Extremistengruppe PFLP-GC. Diese Gruppe um den berüchtigten Ahmed Jibril hat sich seit Ende der 60er Jahre immer wieder zu Attentaten auf zivile Flugzeuge bekannt, unter anderem zum Anschlag auf die Swissair-Coronado 1970, bei dem 47 Menschen starben. Von der Lausanner Bank wurde gemäss Baers Quellen am 24. und 25. April 1989 Geld auf PFLP-GC-Konten verschoben. Je 500 000 Dollar landeten beim PFLP-GC-Anführer Abu Talb und dessen Statthalter in Westdeutschland, Hafez Dalkamoni. Damit schloss sich der Kreis. Wenige Wochen vor dem Lockerbie-Attentat gelang den deutschen Behörden mit der “Aktion Herbstlaub” ein harter Schlag gegen die palästinensische Terrorzelle. Ein gutes Dutzend Mitglieder wurde verhaftet, darunter Dalkamoni und der Bombenbauer und mutmassliche Mehrfachagent Marwan Khreesat. Trotz internationalem Haftbefehl liess man ihn nach kurzer Zeit frei. In den Einvernahmen gab Khreesat zu, fünf Bomben gebaut zu haben; man fand aber nur vier. Die Lockerbie-Ermittler waren anfänglich überzeugt, Bombe Nummer 5 sei im Pan-Am-Jumbo explodiert und die Täterschaft sei bei der Terrorgruppe PFLP-GC zu suchen.

Baer ist überzeugt, dass die in die Schweiz überwiesenen elf Millionen Dollar die “Erfolgsprämie” der Palästinenser waren. Die Vorgeschichte: Am 3. Juli 1988 hatten die Amerikaner über dem Persischen Golf – angeblich irrtümlich – einen iranischen Airbus abgeschossen. 224 Erwachsene und 66 Kinder starben. Iran drohte daraufhin mit Vergeltung. Baer schildert in seinem Buch, wie ein Offizier der iranischen Revolutionsgarde kurz nach dem Abschuss des Airbus an einem Treffen im Libanon den PFLP-GC-Exponenten Dalkamoni und ein weiteres Kadermitglied der Gruppe anwies, “ein amerikanisches Flugzeug in die Luft zu jagen mit dem Ziel, so viele Menschen wie möglich zu töten”.

Ob die Schweiz jemals im Fall der Elf-Millionen-Transaktion ermittelt hat, ist nicht bekannt. Die Bundesanwaltschaft tut, was sie im Fall Lockerbie immer getan hat: Sie schweigt.

Den vollständigen Artikel finden Sie im Beobachter 25/3013

© Beobachter

Written by Otto Hostettler

17. Dezember 2013 at 10:34

Heilsarmee zahlt betagter Frau nach 68 Jahren ihren Lohn

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Mit 68 Jahren Verspätung bezahlt die Heilsarmee einer früheren Angestellten ihren Lohn.

Späte Genugtuung: Die Heilsarmee bezahlt einer früheren Angestellten des Kinderheims Paradies in Mettmenstetten ZH mit 68 Jahren Verspätung ihren Lohn aus. Klara Zelg (Name geändert) arbeitete 1945 als damals 16-jährige für ein Jahr in der Säuglingsabteilung. Vereinbart worden war mit dem Vormund ein Monatslohn von 25 Franken. Die Heilsarmee-Verantwortliche bezahlte aber damals der jungen Frau nur zwei Franken pro Woche aus, also acht Franken pro Monat. Jetzt hat die Heilsarmee der betagten Frau 3500 Franken überwiesen und sich gleichzeitig «in aller Form für das in ihrer Kindheit erlittene Unrecht entschuldigt».

Noch vor drei Jahren foutierte sich die Heilsarmee während Monaten um die betagte Frau (siehe hier). Die damals 82-jährige Klara Zelg*, die 1938 mit ihren vier Geschwistern ins Heim gekommen war, wollte endlich die leidvolle Geschichte hinter sich lassen und schrieb deshalb dem Hauptquartier. Sie berichtete von erbärmlichen Zuständen und drakonischen Strafen. Doch statt verständnisvolle Worte erhielt die Frau monatelang gar keine Antwort.

Klara Zelg, die jahrzehntelang mit niemandem über ihre Erlebnisse gesprochen hatte, liess nicht locker und schrieb der Heilsarmee Brief um Brief. Zuletzt mit der Forderung, man möge ihr endlich den nie ausbezahlten Lohn überweisen. «Es geht mir nicht zuletzt um die Würde all jener Kinder, die im «Paradies» geschlagen, zur Strafe in den Keller eingesperrt wurde oder auf Essen verzichten mussten», sagt Klara Zelg. «Und um die Glaubwürdigkeit all jener, die damals demütigende Rituale und Schläge über sich ergehen lassen mussten, nur weil sie Bettnässer waren und damit leben müssen, dass ihre Aussagen bis heute angezweifelt werden».

Jetzt ging plötzlich alles ganz schnell: Die Angelegenheit wurde zur Chefsache erklärt, eine externe Anlaufstelle wurde eingerichtet und die Forderung der betagten Frau umgehend erfüllt.

Den vollständigen Artikel lesen Sie im Beobachter 24/2013.

Written by Otto Hostettler

30. November 2013 at 13:08

Ständeräte wollen kein Lobbyregister – warum auch?

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Die vorberatende Ständeratskommission will Lobbyisten nicht in einem speziellen Register erfassen. So bleiben auch ihre Verbindungen zu diesen Interessensvertretern weitgehend unter dem Deckel.

Die staatspolitische Kommission des Nationalrats hatte sich noch hitner ein neues Lobbyregister gestellt, in der vorberatenden Kommission des Ständerats hatte die parlamentarische Initiaitve von FDP-Nationalrat Andrea Caroni keine Chance. Die staatspolitische Kommission lehnte die Änderung mit 8 gegen 3 ab. Argumentiert wurde mit dem «erheblichen bürokratischen Aufwand» der mit einem Lobbyregister verbunden wäre. Angeblich würde ein solches Akkreditierungssystem zu noch mehr Lobbyisten führen.

Caronis Vorschlag: Lobbyisten, die Zugang zu den nicht öffentlichen Bereichen des Bundeshauses wollen, müssten sich registrieren – und dabei auch Ihre Arbeitgeber und Mandate offen legen. Heute müssen sie nur eine allgemeine Funktion angeben, PR-Büros und Anwälte können damit ihre Auftraggeber verschleiern. Das heutige System führt auch dazu, dass sich Lobbyisten kühn als «Gäste», «persönliche Mitarbeiter» oder «Geschäftsführer» figurieren. Kontrolliert werden die Angaben nicht. Siehe «Mischler im Bundeshaus».

Welche Ständeräte sich gegen mehr Transparenz wehren,  ist nicht bekannt. Klar ist nur, die Mitglieder der staatspolitischen Kommission des Ständerats verfügen über eine Vielzahl von Verbindungen zu Firmen, Verbänden, Organisationen und Lobbyisten. Einigen von ihnen wird es recht sein, dass sie weiterhin im Halbschaten agieren können:

Robert Cramer, Kommissionspräsident, Grüne:
Ermöglicht Zugang zum Bundeshaus für:
Felix Wirz, Ecopolitics (zahlreiche Mandate im Bereich Ökologie und Mobilität)

Fabio Abate, FDP
Ermöglicht Zugang zum Bundeshaus für:
Vincenzo Pedrazzini, Vizepräsident FDP Schweiz, Anwalt, Pedrazzini Holding AG.
Pascale Bruderer, FDP:

Raphaël Comte, FDP:

Verena Diener, Grünliberale:
Ermöglicht Zugang zum Bundeshaus für:
Ronny Kaufmann, Schweizerische Post, Leiter Public Affair & Corporate Responsibility

Christine Egerszegi, FDP:
Ermöglicht Zugang zum Bundeshaus für:
Hanspeter Konrad, Schweizerischer Pensionskassenverband ASIP.

Christof Engler, CVP:
Ermöglicht Zugang zum Bundeshaus für:
Fadri Ramming, Regierungskonferenz der Gebirgskantone (RKGK)
;
Thomas Egger, Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für das Berggebiet (SAB)

Peter Föhn, SVP:

Filippo Lombardi, CVP:
Ermöglicht Zugang zum Bundeshaus für:
Maria Luisa Bernini Burkard, Swiss Communication Agency

Rudolf Wyder, Auslandschweizer Organisation

Thomas Minder, Parteilos:

Paul Niederberger, CVP:
Ermöglicht Zugang zum Bundeshaus für:
Roger Hegi, Sport-Toto-Gesellschaft
Fredy Müller, MUELLER Consulting & Partner

Urs Schwaller, CVP:
Ermöglicht Zugang zum Bundeshaus für:
Georges Spicher, Verband Schweizer Zementindustrie
Christian Castella, Fédération des Entreprises Romandes


Hans Stöckli, SP:
Ermöglicht Zugang zum Bundeshaus für:
Louis Perron, Perron Campaigns

(Persönliche Mitarbeiter und Gäste aus Familie nicht aufgeführt)

Written by Otto Hostettler

26. November 2013 at 08:40

Heilsarmee lanciert Anlaufstelle

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Drei Jahre nach den ersten Meldungen über denkwürdige Zustände in einem Kinderheim der Heilsarmee lanciert die Institution eine externe Anlaufstelle für Betroffene.

paradiesJetzt stellt sich auch die Heilsarmee ihrer eigenen Geschichte. Drei Jahre nachdem eine damals 82-jährige Frau im «Beobachter» über schreckliche Zustände und fragwürdige Strafmethoden im Kinderheim Paradies in Mettmenstetten ZH berichtet hatte, lanciert die Heilsarmee eine externe Anlaufstelle für Betroffene. Sie wolle «Menschen, denen in ihrer Kinder- und Jugendzeit in einer Heilsarmeeinstitution Unrecht geschehen ist, die Möglichkeit bieten, die Erlebnisse aufzuarbeiten», verkündet die Heilsarmee. Man wolle «betroffenen Menschen Gehör, Verständnis und Beratung anbieten und sich für das Verhalten und die erzieherischen Methoden früherer Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern entschuldigen».

Als externe Anlaufstelle amtet Nico Vital, pensionierter Lehrer, Jugendpsychologe und langjähriger Leiter des Kinder- und Jugendheims Maiezyt in Wabern (Bern).

Externe Anlaufstelle für Betroffene in Einrichtungen der Heilsarmee:
c/o Nico Vital, Seestrasse 31, 2572 Mörigen
Telefon:  079 543 28 69

Die Heilsarmee betont, die Anlaufstelle arbeite neutral und unabhängig. Sie unterstehe der Schweigepflicht und behandle Informationen auch gegenüber der Heilsarmee «streng vertraulich».

Mit der Anlaufstelle erfüllt die Heilsarmee eine zentrale Forderung eines externen Beratungsbüros, das einen internen Bericht auswertete. Dieser interne Bericht war allerdings lediglich eine «Situationsanalyse» mit vier «Schlüsselpersonen» der Heilsarmee und einer Befragung von 29 pensionierten Offizieren und Leitungspersonen. Anschliessend war die Rede von drei Fällen, die auf «nicht korrektes Verhalten» hingewiesen hätten. Dem «Beobachter» hingegen waren über ein Dutzend Betroffene namentlich bekannt, die von schrecklichen Zuständen und drakonischen Strafen im Kinderheim «Paradies» berichteten. Aus den Schilderungen sind auch zwei Suizide dokumentiert, die mit dem Erlebten in diesem Heim im Zusammenhang stehen.

Written by Otto Hostettler

13. November 2013 at 17:23

Abt. Nutzlose Piktogramme

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Die Welt ist voller Piktogramme. Doch nicht alle sind verständlich und folglich nutzlos. Das neuste Beispiel stammt von den SBB.

sbb KopieDas blaue Symbol prangt neusterdings an Türen von Intercitys und Neigezügen der SBB: Fünf weisse Säulen, von links nach rechts in aufsteigender Höhe, die letzte erinnert an ein Ausrufezeichen. Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein Säulendiagramm und erinnert an die Entwicklung der Netto-Verschuldung des Kantons Bern. Nur ohne Zahlen.

Das blaue Signet ist über den ganzen Zug verteilt, bei jeder Türe, auf Augenhöhe. Jeder Passagier muss es sehen, es geht gar nicht anders. Also: Es muss eine wichtig Botschaft sein, die mir die SBB mitteilen will. Doch: welche?

Auf Twitter fragte ich die Crowd:

tweet

 

 

 

 

Die Antworten kamen postwendend und waren vor allem eines – amüsant: “Achtung Treppe” rätselte @telecomuser. @Thunergiu schrieb: “Achtung, die Panflötenspieler sind wieder da!” Und @frauxirah meinte: “Am Telefon laut und deutlich sprechen, damit einem die Mitreisenden besser verstehen”.

Die richtige Antwort erhielt ich natürlich auch, sie ist viel banaler. Das Piktogramm beschilderte jene Wagen, die mit einem so genannten Repeater ausgerüstet sind und für besseren Handyempfang sorgen. Doch die Frage drängt sich auf: Wähle ich in Bern den Zug nach Zürich, nur weil da der Handyempfang besser ist, obschon ich nach Thun fahren sollte?

Bemerke ich nicht ohnehin, dass der Empfang in aufgerüsteten Wagen besser ist oder soll ich bei schlechtem Empfang durch den Zug gehen und mich beim Zugbegleiter nach dem 5-Säulen-Piktogramm erkundigen, bevor ich zum Handy greife?

Fazit: Das neue, omnipräsente Piktogramm ist unverständlich, nutzlos und macht keinen Sinn. Vermutlich stammt es von der Marketingabteilung und entpuppt sich damit als Werbegag.

Sind auch Sie schon unverständlichen, nutzlosen Piktogrammen begegnet?
Senden Sie mir Ihr Bild: otto.hostettle@beobachter.ch
 

Written by Otto Hostettler

13. September 2013 at 10:06

Veröffentlicht in Gesellschaft

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