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Lockerbie: Die Schweiz schweigt seit 25 Jahren

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25 Jahre nach dem Absturz der Pan Am-Jumbo über Lockerbie gibt der Terroranschlag noch immer Rätsel auf. Wichtige Spuren führen in die Schweiz – und wurden nie geklärt.

lockerbieOffiziell ist der Terroranschlag von Lockerbie geklärt: Abdelbaset al-Megrahi, Sicherheitschef der Libyan Arab Airlines und Offizier des libyschen Geheimdienstes, wurde Anfang 2001 von einem schottischen Gericht zu lebenslanger Haft verurteilt. Für das Gericht war erwiesen, dass er den Koffer mit der Bombe in jenen Jumbo-Jet der Pan Am schmuggelte, der am Abend des 21. Dezember 1988 über der schottischen Stadt Lockerbie explodierte. Alle 259 Menschen an Bord sowie elf Einwohner der Ortschaft starben.

Der verurteilte al-Megrahi ist seit zwei Jahren tot, doch der Fall kommt nicht zur Ruhe. Letztes Jahr listete die schottische Justizaufsichtsbehörde in einem 800-seitigen Bericht eine Reihe gravierender Unstimmigkeiten bei den Ermittlungen auf. Das Fazit: Das Urteil wäre womöglich anders ausgefallen, wären der Verteidigung im Vorfeld des Prozesses nicht zahlreiche Informationen vorenthalten worden. Hinterbliebene, Juristen und frühere Polizeiermittler um den renommierten Rechtsprofessor Robert Black fordern seit Jahren, die Wahrheit müsse endlich auf den Tisch.

Im grössten je in Europa verübten Terroranschlag spielt auch die Schweiz eine wichtige Rolle. Doch die Schweiz unternahm wenig, um zur Aufklärung beizutragen. Den Beobachter behinderte die Bundesanwaltschaft in den letzten drei Jahren sogar massiv bei der Recherche. Drei zentrale Fragen sind bis heute ungeklärt.

Wie ist es möglich, dass der Zürcher Elektronik-Händler Edwin Bollier für den Schlüsselbeweis verantwortlich sein soll, juristisch aber nie belangt wurde?

Mit seiner Firma Mebo war Bollier nach offizieller Lesart des Gerichts so etwas wie der Gehilfe der Attentäter. In den 1980er Jahren lieferte er dem Ghaddafi-Regime 20 elektronische Schaltuhren vom Typ MST-13. Ein solcher Timer soll später die Bombe über Lockerbie zur Explosion gebracht haben. Trotz der angeblich klaren Beweislage wurde Bollier juristisch nie belangt – weder in Schottland noch in der Schweiz. Bollier ist bis heute überzeugt, er sei benutzt worden, um einen Täter aus dem Umfeld Ghaddafis zu finden. Tatsächlich spielte sich unmittelbar nach dem Attentat Eigenartiges ab. Im Juni 1989 wurden zwei Bundespolizisten bei Bolliers Firma vorstellig. Sie interessierten sich für die Schaltuhren, die nach Libyen geliefert worden waren. Ein Mitarbeiter händigte den Beamten einen Prototyp aus. Wenige Monate später tauchte in Schottland ein fingernagelgrosses Fragment genau eines solchen Timers auf. Auf diesem Beweisstück basiert letztlich die gesamte These, die Täter seien Libyer. Bollier ist überzeugt, das Beweisstück sei aus diesem Prototyp erstellt worden. Tatsächlich gibt es rund um diesen Schlüsselbeweis erstaunliche Unstimmigkeiten (Beobachter Nr. 12/2012): So war das angeblich in Lockerbie gefundene Teil der Leiterplatte mit reinem Zinn beschichtet – jene nach Libyen gelieferten Timer aber mit einer Zinn-Blei-Legierung.

War der verurteilte Abdelbaset al-Megrahi bloss ein Beauftragter des Ghaddafi-Regimes, der mit einem mysteriösen Hassan Badri von Zürich aus das Handelsembargo umging und Libyen mit wichtigen Gütern versorgte?

Bollier war lange vor dem Attentat von Lockerbie auf dem Radar westlicher Geheimdienste, weil er seit den frühen 70er Jahren Chiffriergeräte, Funkausrüstungen und weiteres elektronisches Material in die DDR und nach Libyen verkaufte. Dokumente, die dem Beobachter vorliegen, zeigen: Bollier half kräftig mit, dass sich Ghaddafi im Westen mit elektronischen Gütern eindecken konnte. Seine Libyen-Connection gipfelte darin, dass er 1988 und 1989 im Zürcher Novapark einem gewissen Hassan Badri ein Büro vermietete.

Badri hatte zuvor in Liechtenstein die Aviation Business Holding gegründet. Am 23. Februar 1988 eröffnete er bei der Schweizerischen Kreditanstalt am Flughafen Zürich-Kloten ein Privatkonto mit der Nummer 0383-645281-60, fünf Tage später zahlte er am Schalter 1,05 Millionen Franken ein – in bar. Auf das Firmenkonto 201-697-32 hatte ein weiterer Libyer Zugriff: Abdelbaset al-Megrahi, der 2001 verurteilte Lockerbie-Attentäter.

Megrahi und Badri deckten sich bei führenden Schweizer Luftfahrtfirmen mit Zubehör für Libyens Flugzeugflotte ein, wie Dokumente belegen. Zudem beschafften sie für Ghaddafi via Zürich verschiedenste Fahrzeuge. Im April 1988 etwa waren es zehn Ambulanzfahrzeuge, Typ Peugeot 505. 15 weitere Peugeot 505 wollten sie explizit in “luxuriöser Ausstattung”. Dazu kamen 20 Toyota “King Cab” 4×4 sowie 50 Harley-Davidson-Motorräder “Electra Glide”. In Zürich verhandelte Badri im März 1988 mit einer Firma aus Monte Carlo über den Kauf von Flugzeugen des Typs Fokker F-27. Wenige Monate später organisierte er ein Pilotentraining in Frankreich oder Marokko. Für den Schweizer Flugzeugbauer Farner war Badri gleichzeitig als “technischer Berater” tätig, der angebliche Lockerbie-Attentäter Megrahi gab auf seinem Einreiseantrag 1988 an, er arbeite ebenfalls für Farner. Badri verschwand schliesslich genauso mysteriös, wie er aufgetaucht war.

Badri

Mysteriöser Hassan Badri: Einkäufer Libyens, in der Schweiz tätig für Farner. Bei der Konto-Eröffnung am Flughafen legte er 1.05 Mio. Fr. in bar auf den Tresen.

 

 

SKA-Auszug

Zwei Tage nach Lockerbie wurden Millionen aus dem Iran auf ein Konto in Lausanne überwiesen und an palästinensische Extremisten weitergeleitet. Was unternahm die Schweiz?

Der frühere CIA-Beamte Robert Baer, Ende der 80er Jahre verantwortlich für ausländische Geheimdienstquellen mit Schwergewicht Naher Osten, veröffentlichte ein Jahr nach dem Lockerbie-Prozess ein brisantes Buch. Baer, der im Prozess nicht einvernommen worden war, schilderte gestützt auf Geheimdienstquellen, was Grossbritannien stets bestritten hatte: Zwei Tage nach dem Attentat von Lockerbie wurden aus dem Iran elf Millionen US-Dollar auf das Konto Nr. 20551 der Indosuez Bank in Lausanne überwiesen. Gemäss Baer gehörte das Konto einem führenden Mitglied der palästinensischen Extremistengruppe PFLP-GC. Diese Gruppe um den berüchtigten Ahmed Jibril hat sich seit Ende der 60er Jahre immer wieder zu Attentaten auf zivile Flugzeuge bekannt, unter anderem zum Anschlag auf die Swissair-Coronado 1970, bei dem 47 Menschen starben. Von der Lausanner Bank wurde gemäss Baers Quellen am 24. und 25. April 1989 Geld auf PFLP-GC-Konten verschoben. Je 500 000 Dollar landeten beim PFLP-GC-Anführer Abu Talb und dessen Statthalter in Westdeutschland, Hafez Dalkamoni. Damit schloss sich der Kreis. Wenige Wochen vor dem Lockerbie-Attentat gelang den deutschen Behörden mit der “Aktion Herbstlaub” ein harter Schlag gegen die palästinensische Terrorzelle. Ein gutes Dutzend Mitglieder wurde verhaftet, darunter Dalkamoni und der Bombenbauer und mutmassliche Mehrfachagent Marwan Khreesat. Trotz internationalem Haftbefehl liess man ihn nach kurzer Zeit frei. In den Einvernahmen gab Khreesat zu, fünf Bomben gebaut zu haben; man fand aber nur vier. Die Lockerbie-Ermittler waren anfänglich überzeugt, Bombe Nummer 5 sei im Pan-Am-Jumbo explodiert und die Täterschaft sei bei der Terrorgruppe PFLP-GC zu suchen.

Baer ist überzeugt, dass die in die Schweiz überwiesenen elf Millionen Dollar die “Erfolgsprämie” der Palästinenser waren. Die Vorgeschichte: Am 3. Juli 1988 hatten die Amerikaner über dem Persischen Golf – angeblich irrtümlich – einen iranischen Airbus abgeschossen. 224 Erwachsene und 66 Kinder starben. Iran drohte daraufhin mit Vergeltung. Baer schildert in seinem Buch, wie ein Offizier der iranischen Revolutionsgarde kurz nach dem Abschuss des Airbus an einem Treffen im Libanon den PFLP-GC-Exponenten Dalkamoni und ein weiteres Kadermitglied der Gruppe anwies, “ein amerikanisches Flugzeug in die Luft zu jagen mit dem Ziel, so viele Menschen wie möglich zu töten”.

Ob die Schweiz jemals im Fall der Elf-Millionen-Transaktion ermittelt hat, ist nicht bekannt. Die Bundesanwaltschaft tut, was sie im Fall Lockerbie immer getan hat: Sie schweigt.

Den vollständigen Artikel finden Sie im Beobachter 25/3013

© Beobachter

Written by Otto Hostettler

17. Dezember 2013 at 10:34

So behindert die Bundesanwaltschaft Journalisten

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Ein Lehrstück, wie die Bundesanwaltschaft mit allen Mitteln Recherchen verhindern will. Die Geschichte hinter der Geschichte zum Swissair-Absturz von 1970.

Der Swissair-Absturz von 1970 in Würenlingen war der grösste terroristische Anschlag, der je in der Schweiz verübt wurde. Bis heute bleibt ungeklärt, weshalb sich die mutmasslichen Täter nie vor einem Gericht verantworten mussten. Was lief damals hinter den Kulissen? Weshalb werden die Angehörigen der Opfer bis heute im Unwissen über die Hintergründe der Tat gelassen? Während zwei Jahren suchte der Beobachter nach Antworten auf diese Fragen, ständig behindert durch die Bundesanwaltschaft. Ein Katz-und-Maus-Spiel in vier Akten.

Behinderung 1: Die Einstellungsverfügung von 2000:

Im Zusammenhang mit Recherchen zum 40 Jahrestag des Bombenanschlags auf die Swissair-330 «Coronado» stellte sich heraus, dass das Strafverfahren gegen die zwei mutmasslichen Haupttäter und ihre beiden Helfer bereits im Jahr 2000 eingestellt worden war. Der Beobachter wollte darauf Einsicht in diese Einstellungsverfügung. Obschon gemäss Bundesverfassung Urteile der Justiz öffentlich sind – drunter zählen gemäss konstanter Bundesgerichtspraxis auch Einstellungsverfügungen und Strafbefehle – lehnte die Bundesanwaltschaft das Begehren ab. Nach einer Beschwerde des Beobachters kam das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, die Bundesanwaltschaft müsse das Einsichtsgesuch neu prüfen, sie habe vor ihrem Entscheid nicht einmal eine Interessenabwägung vorgenommen. Fazit: Der Beobachter erhielt die Einstellungsverfügung – mit beträchtlicher Verzögerung.

Behinderung 2: Die polizeilichen Ermittlungsakten von 1970:

Um den Fall des Swissair-Absturzes von 1970 zu rekonstruieren, wollte der Beobachter im Bundesarchiv die Ermittlungsakten der Polizei einsehen. Die Bundesanwaltschaft lehnte das Gesuch ab, es hiess, die Akten seien gesperrt. Gründe wurden zunächst keine genannt. Erst als der Beobachter eine beschwerdefähige Verfügung verlangte, kam die Bundesanwaltschaft auf ihren Entscheid zurück. Plötzlich hiess es, das Wiedererwägungsgesuch (das gar nie gestellt wurde!), sei gutgeheissen worden. Allerdings mit einer Einschränkung: Ein Dokument von 1989 durfte der Beobachter nicht einsehen.

Behinderung 3: Das Protokoll des Polizeitreffens von 1989

Beim fraglichen Dokument von 1989, das der Beobachter nicht einsehen durfte, handelte es sich um ein Protokoll der Bundesanwaltschaft, das 19 Jahre nach dem Flugzeugabsturz von Würenlingen erstellt wurde. Fünf Monate nach dem Bombenanschlag auf den PanAm-Jumbo in Lockerbie diskutierten schottische und schweizerische Polizeiermittler während zwei Tagen mögliche Parallelen zwischen den beiden Anschlägen. Die Einsicht in dieses Dokument sei aus Gründen des Staatsschutzes nicht möglich und würde die Beziehungen zu anderen Staaten sowie die «innere und äussere Sicherheit gefährden», argumentierte die Bundesanwaltschaft. In den Akten des Bundesarchiv lag lediglich ein «Stellvertreter» (Bild).

Das Katz-und-Maus-Spiel ging wieder los. Der Beobachter verlangte eine beschwerdefähige Verfügung und reichte darauf beim Justiz- und Polizeidepartement Beschwerde ein. Dieses stellte sich hinter die Bundesanwaltschaft und lehnte die Beschwerde ab. Der Beobachter legte erneut Rekurs ein, nächste Instanz: Der Bundesrat. Im Vorfeld dieses Bundesratsentscheides wollte das Finanzdepartement vom Justizdepartement wissen, weshalb konkret dieses Dokument geheim bleiben sollte, da es sich um eine Sitzung ausserhalb formeller zwischenstaatlicher Abläufe gehandelt hatte. Sprich: Es war ein informelles Treffen ohne jegliche Vorkehrungen zur Geheimhaltung (Rechtshilfe), das nun 23 Jahre später plötzlich geheim sein sollte. Alleine aufgrund der Fragestellung des Finanzdepartement an das Justizdepartement geschah plötzlich Eigenartiges: Das Justizdepartement bot dem Beobachter plötzlich einen Vergleich an: Das Dokument werde ausgehändigt, wenn der Beobachter die Anonymisierung der im Dokument erwähnten Sitzungsteilnehmer akzeptiere. Und: Der Bund übernehme die Auslagen für den Anwalt des Beobachters. Dann das grosse Aber: Aus dem Dokument dürfe auszugsweise zitiert werden, doch in das Dokument dürften keine anderen Journalisten Einsicht haben, auch nicht Beobachter-Journalisten. Sprich: Redaktionsintern hätte gar nicht über dieses Dokument diskutiert werden können. Falls andere Beobachter-Journalisten Einblick in das Dokument haben möchten, müssten diese ebenfalls ein Einsichtsgesuch stellen, hiess es aus dem Justizdepartement. Nach einigem juristischem Hin und Her durfte der Beobachter dem Justizdepartement eine Liste mit Namen von Personen einreichen, die nun ebenfalls in das Dokument einsehen durften.

Behinderung 4: Die Einstellungsverfügung von 2004

Weil die Recherchen inzwischen aufgrund des Polizeitreffens von 1989 auch die Thematik Lockerbie erreichte, ergab sich die Erkenntnis, dass ein Strafverfahren gegen den Zürcher Elektronikhändler Edwin Bollier wegen allfälliger Mittäterschaft im Fall Lockerbie 2004 still und leise eingestellt wurde. Der Beobachter verlangte wiederum Einsicht in die Einstellungsverfügung, worauf die Bundesanwaltschaft antwortete, man finde diese Einstellungsverfügung nicht mehr. Schliesslich tauchte die Einstellungsverfügung doch noch auf, mit dem spannenden Fazit, dem umtriebigen Unternehmer könne nicht nachgewiesen werden, dass er oder eine von ihm hergestellte Schaltuhr im Zusammenhang mit der Bombe von Lockerbie gestanden habe. Bolliers Timer war bekanntlich massgebendes Beweisstück der Ermittler gegen die aus Libyen stammende Täterschaft.

Trotz der bundesanwaltschaftlichen Verhinderungsmassnahmen sind inzwischen folgende Artikel entstanden:

Lockerbie: Der entlastete Zürcher Gehilfe

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Der Zürcher Edwin Bollier belieferte jahrelang den DDR-Geheimdienst Stasi mit allerlei elektronischem Material. Bollier geschäftete auch mit dem Ghadaffi-Regime . Er baute in Libyen die Funknetze für Polizei und Militär auf – und lieferte 1985 zudem 20 Schaltuhren, die für die Zündung von Bomben verwendet werden können. Das zentrale Beweisstück im Lockerbieprozess, ein fingernagelgrosses Fragment eines Timers von Bollier, führte die Ermittler nach Libyen. Der Rest ist bekannt: Abdelbaset al-Megrahi wurde 2001 zu 27 Jahren Haft verurteilt, kürzlich ist er verstorben.

Recherchen des «Beobachters» zeigen: Wahrscheinlich war al-Megrahi gar nicht für den Absturz des PanAm-Jumbos mit 270 Toten veranwortlich. Beim zentralen Beweisstück gibt es gravierende Unstimmigkeiten.  Doch bis heute gilt der Timer MST-13 von Bollier als massgebendes Beweisstück für die libysche Täter-Theorie.

Erstaunliches Detail: Bollier wurde trotz des Lockerbie-Prozesses nie wegen Gehilfenschaft zu diesem Bombenattentat angeklagt. Mehr noch, die Schweiz konnte ihm nicht nachweisen, dass ein von ihm nach Libyen gelieferte Zeitzünder später in der Lockerbie-Bombe war.

Dies belegt ein bisher unveröffentlichtes Dokument der Bundesanwaltschaft, in dem das Strafverfahren gegen Edwin Bollier 2004 eingestellt wurde. In dieser Einstellungsverfügung, in die die Bundesanwaltschaft anfänglich dem Beobachter die Einsicht verweigerte und das Dokument erst auf eine Beschwerde vor Bundesverwaltungsgericht herausrückte, steht: «Mit Hinweis auf die umfassenden Darlegungen der Eidgenössischen Untersuchungsrichterin ist zusammenfassend davon auszugehen, dass Edwin Bollier nicht mit der Verwendung des von ihm bzw. der Mebo AG hergestellten und gelieferten MST-13 Timers zum Anschlag auf den Jumbo Jet Boeing 747 der PanAm in Zusammenhang gebracht werden kann.»

Beobachter 12/2012: «Lockerbie: Steckte wirklich Libyen dahinter?»

Written by Otto Hostettler

6. Juni 2012 at 14:54

Lockerbie: Wahrscheinlich steckte doch nicht Libyen dahinter

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Das wohl wichtigste Beweisstück, das zur Verurteilung eines 
libyschen Geheimdienstlers führte, war wahrscheinlich gefälscht.

Der Libyer Abdelbaset al-Megrahi, als Lockerbie-Attentäter zu lebenslanger Haft verurteilt, starb im Mai. Ob er aber tatsächlich 270 Menschenleben auf dem Gewissen hat, ist bis heute nicht restlos geklärt. Im Gegenteil: Es gibt begründete Zweifel, ob er die Bombe in den Pan-Am-Jumbo schmuggelte und ihn damit am 21. Dezember 1988 über der schottischen Kleinstadt Lockerbie zum Absturz brachte. Beobachter-Recherchen und Erkenntnisse aus neu aufgetauchten Akten zeigen, dass die offizielle Tätertheorie grundsätzlich hinterfragt werden muss.

Eine zentrale Rolle im Lockerbie-Fall spielte der Zürcher Elektronikhändler 
Edwin Bollier. Allein auf der Tatsache, dass er Mitte der achtziger Jahre Schaltuhren gebaut und nach Libyen geliefert hatte, 
beruht bis heute der gesamte offizielle Tat­hergang: Al-Megrahi soll eine Bombe mit einem solchen Timer in einem Koffer an Bord des Jumbos geschmuggelt haben.

Bolliers schillernde Vergangenheit machte ihn verdächtig: Er pflegte über Jahre hinweg intensive Kontakte zu hohen libyschen Regierungsstellen, Geheimdienst inklusive. Für das Gaddafi-Regime baute er unter anderem das Funknetz von Polizei und Militär auf – und lieferte 1985/86 ­erwiesenermassen 20 sogenannte MST-13-Schaltuhren. Seit Anfang der siebziger Jahre belieferte er auch den DDR-Geheimdienst Stasi mit allerlei elektronischem Material, etwa für Lügendetektoren und Telefonüberwachungen. Trotz Embargo war alles legal und mit Ausfuhrbewilligungen durch die Schweiz genehmigt.

Ins Visier der Ermittler geriet der Zürcher, als Monate nach dem Absturz in Lockerbie ein fingernagelgrosses Teil einer elektronischen Leiterplatte auftauchte. Die US-Bundespolizei FBI, die zusammen mit den schottischen Behörden die Lockerbie-Ermittlungen leitete, unterbreitete das Fragment der CIA zur Analyse. Dort identifizierte man das winzige Fundstück in kürzester Zeit als Teil einer Leiterplatte eines von Bollier produzierten MST-13-Timers.

Der Rückschluss auf Bollier gelang der CIA dank einem Timer, den die Amerikaner 1986 in Togo sicherstellen konnten. Dieser stammte angeblich aus der Serie, die Bollier 1985 für Libyen produziert hatte. Doch ausgerechnet hier tauchen jetzt gravierende Unstimmigkeiten auf, was die Authentizität dieses entscheidenden Referenztimers grundsätzlich in Frage stellt.

Dieser Timer enthielt einen Quarz, den es 1985 – als Bollier die Libyen-Timer produzierte – noch gar nicht gab. Dies belegen das Gerichtsfoto des Timers und Rechnungen der Zürcher Firma, die 1985 die Quarze an Bollier geliefert hatte und die dem Beob­achter vorliegen (siehe Bilder oben). Das könnte sich gravierend auf die Beweiskette auswirken: Ohne den «Togo-Timer» hätte das Fundstück gar nie Bollier und 
damit Libyen zugeordnet werden können.

Mit Hilfe eines in Togo sichergestellten Timers (Bild oben) wurde das «Beweisstück» von Lockerbie identifiziert. Doch darin steckt ein Quarz mit der Endziffer 4, den es 1985 noch gar nicht gab. Für die nach Libyen gelieferten Timer wurden nur Quarze mit der Endziffer 3 benutzt (Bild unten).

Ebenso brisant sind neue Erkenntnisse zum winzigen Leiterplatten-Fragment, das an der Absturzstelle gefunden wurde. Heute drängt sich sogar die Frage auf, ob es dieses für die gesamte Beweiskette entscheidende Fundstück überhaupt jemals gegeben hat. Denn sollte es tatsächlich Bestandteil eines nach Libyen gelieferten Timers gewesen sein, hätte es mit einer Legierung aus 70 Prozent Zinn und 30 Prozent Blei beschichtet sein sollen. So waren nämlich erwiesenermassen auch die anderen Libyen-Timer 
beschichtet. Doch der britische Journalist John Ashton, der seit 20 Jahren zu Lockerbie recherchiert, kann inzwischen auf Basis einer Laboranalyse der Ermittler nachweisen, dass das für die Anklage zentrale Beweisstück zweifelsfrei nur mit reinem Zinn beschichtet war.

Für Ashton ist allein aufgrund dieser Unstimmigkeit klar: «Dieses Fragment kann nicht aus der Serie stammen, die Bollier Mitte der achtziger Jahre nach Libyen geliefert hat.» Ashton, der zeitweise auch für Megrahis Verteidigungsteam arbeitete und nun mit «Megrahi: You are my Jury: The Lockerbie Evidence» ein zweites vielbeachtetes Buch veröffentlicht hat, ist überzeugt: «Hätte die Verteidigung über diese Details verfügt, hätte sich das entscheidend auf den Prozess ausgewirkt.»

All diese Unstimmigkeiten stützen Edwin Bolliers stetige Beteuerungen, das Fragment von Lockerbie sei nie Teil eines nach Libyen gelieferten Timers gewesen. Gleichzeitig bestreitet er aber auch nicht, dass das Fundstück von einer anderen 
Leiterplatte stammte, wie er sie damals in MST-13-Timern eingebaut hatte.

Bollier vermutet bis heute, das in Lockerbie gefundene Stück Leiterplatte stamme von einem Prototyp. Belegen kann er diese Theorie indessen nicht. Allerdings ist aktenkundig, dass am 22. Juni 1989 ein Kommissär der Bundespolizei in Bolliers Firma vorstellig wurde und einen Prototyp einer solchen Leiterplatte behändigte. Was daraus geworden ist, ist nicht bekannt.

Zu Unregelmässigkeiten kam es schon, als das winzige Elektronikbauteil in Lockerbie gefunden wurde: In den Akten ist der Fund anfänglich mit dem Datum 12. Januar 1990 dokumentiert, später mit dem 15. September 1989, und im Schlussbericht schreiben die zuständigen Experten plötzlich vom 
12. Mai 1989.

Klar ist, dass beim letzten Datum etwas nicht stimmen kann. Zwei Wochen nach dem 12. Mai tauschten sich drei hochrangige schottische Polizeiermittler in Bern mit der Bundesanwaltschaft über den Stand der Ermittlungen und mögliche Täterhypothesen aus. Doch ein damals neuer Fund eines möglicherweise vielversprechenden Beweisstücks war am zweitägigen Treffen in Bern nicht einmal am Rand ein Thema. Im Protokoll des Treffens vom 24./25. Mai 1989 steht jedenfalls kein Wort dazu.

Die Bundesanwaltschaft wollte dieses Protokoll mit allen Mitteln unter Verschluss halten, musste es aber dem Beobachter nach eineinhalbjährigem juristischem Seilziehen herausgeben. Gemäss den Aufzeichnungen diskutierten die Polizeibeamten damals als mögliche Täterschaft ausschliesslich die palästinensische Splittergruppe PFLP-Generalkommando. Das ist jene Gruppe, die auch für den Swissair-Absturz von Würenlingen (1970) und weitere Flugzeugattentate verantwortlich gemacht wurde.

Weitere Dokumente zeigen, dass es während der gesamten Ermittlungen immer wieder zu bedenklichen Vorgängen kam. Allen voran hielten die Briten jahrelang wichtige Dokumente unter Verschluss, die die offizielle Tatversion hätten in Frage stellen können. Erst kürzlich veröffentlichte die schottische Justizaufsichtsbehörde einen gut 800-seitigen Bericht dazu. Darin listet sie eine ganze Reihe von gravierenden Unstimmigkeiten bei den Ermittlungen auf. Die Behörde kommt zum Schluss, dass die Anklage den Verteidigern von Abdelbaset al-Megrahi wichtige Akten und Informationen vorenthalten habe. Mehrfach habe das Gericht deshalb das Recht des Angeschuldigten auf einen fairen Prozess verletzt.

Möglicherweise waren die jetzt bekannt gewordenen Unstimmigkeiten den Ermittlern schon Anfang der neunziger Jahre klar – zumindest teilweise. Denn selbst hochrangige Polizeimitarbeiter äusserten immer wieder Zweifel an der Echtheit des an der Absturzstelle gefundenen elektronischen Bauteils. So soll sogar der damalige Chef der zuständigen Abteilung in der Bundesanwaltschaft dem FBI-Chefermittler Richard Marquise anvertraut haben, er vermute, das Fragment sei an der Absturzstelle «platziert» worden. Marquise bestätigt diese Aussage gegenüber dem Beobachter auch heute noch.

Wäre zudem die offizielle These unantastbar, fragt sich, weshalb Bollier nie wegen Gehilfenschaft zur Rechenschaft gezogen wurde. Eine Strafuntersuchung gegen ihn wurde zwar eröffnet, allerdings erst zehn Jahre nach dem Attentat – und nur wenige Wochen vor dem Lockerbie-Prozess. 2004 wurde das Verfahren gegen Bollier in aller Stille wieder beendet. Aus der Einstellungsverfügung, in die die Bundesanwaltschaft dem Beobachter anfänglich aus Staatsschutzgründen die Einsicht verweigerte, die sie aber nach einer Beschwerde vor Bundesverwaltungsgericht herausrücken musste, geht nur hervor, dass Bollier nichts nachgewiesen werden konnte (die Einstellungsverfügung).

Nach all den neu aufgetauchten Fakten gibt sich Bollier kämpferisch: Er hat gegen den damaligen Bundespolizisten Anzeige eingereicht, weil dieser seinem Mitarbeiter im Juni 1989 unerlaubterweise ein elektronisches Bauteil abgenommen habe. Der Polizist konnte sich tatsächlich nicht einmal auf ein Strafverfahren stützen. Und die Schweiz hatte Schottland damals auch noch keine Rechtshilfe gewährt.

Zudem hat Bollier nun auch die Eidgenossenschaft verklagt: auf 47,7 Millionen Franken Schadenersatz.

Written by Otto Hostettler

6. Juni 2012 at 14:50

Swissair-Attentat: Das Geheimprotokoll von Würenlingen

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Die Hintermänner des Swissair-Attentats von 1970 hatten womöglich später beim Attentat von Lockerbie ebenfalls ihre Finger im Spiel. Darauf deutet ein geheimes Protokoll der Bundespolizei hin. Das Justiz- und Polizeidepartement verweigert dem Beobachter die Einsicht.

19 Jahre nach dem Swissair-Absturz von Würenlingen und wenige Monate nach der Explosion eines Pan Am-Jumbos über Lockerbie diskutierten schottische Polizeiermittler und die Bundespolizei mögliche Parallelen der beiden Anschlägen. Davon zeugt ein Protokoll, das in den Würenlingen-Akten im Bundesarchiv liegt. Das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement verweigert aber dem Beobachter die Einsicht in das möglicherweise brisante Dokument. Alle anderen Akten der Polizeiermittlung (Bild) konnte der Beobachter einsehen.

Gemäss dem Titel des geheimen Protokolls trafen sich die schottischen Polizeibeamten mit der Bundespolizei und Ermittlern einer Kantonspolizei. Das Treffen dauerte zwei Tage und fand am 24. und 25. Mai 1989 in Bern statt. Anfänglich hatten die Ermittler in Lockerbie ebenfalls das Generalkommando der palästinensischen Befreiungsfront PFLP-GC im Fokus, das für den Absturz der Swissair-Maschine von 1970 verantwortlich gemacht wird. Erst zwei Jahre später präsentierten amerikanische Ermittler zwei Libyer als angebliche Täter des Lockerbie-Anschlags.

Das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement will das Dokument der Bundesanwaltschaft noch bis im Jahr 2040 unter Verschluss halten, wie es in einer Verfügung an den Beobachter festhält. Sprich: Das Treffen von 1989 ist auch heute noch von derart grosser Brisanz, dass es weitere 30 Jahre geheim bleiben soll. Das EJPD schreibt: Eine Einsichtnahme würde «die Beziehungen zu ausländischen Staaten beeinträchtigen sowie die innere und äussere Sicherheit der Eidgenossenschaft gefährden». Zudem enthalte die Aktennotiz Informationen, «die im Zusammenhang mit dem Terrorismus stehen und aus denen Rückschlüsse in Bezug auf taktische oder operative Vorgehensweisen der Ermittlungsbehörden gezogen werden konnen.»

Bis heute mussten sich die mutmasslichen Täter des Swissair-Absturzes von 1970 nie vor einem Gericht verantworten, obschon sie schon wenige Tage nach dem Attentat ermittelt werden konnten (Hintergrund dazu im Beobachter 21/2010).

Den ganzen Artikel finden Sie im Beobachter 26/2010.

Written by Otto Hostettler

23. Dezember 2010 at 16:32

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