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Erziehungsanstalt Rathausen: Gewalt, Missbrauch, Suizide

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Eduard Steiner verbrachte seine Kindheit in der Erziehungsanstalt Rathausen LU (1939 bis 1952).

«Ich kam 1939 als 5-Jähriger nach Rathausen. Meine Mutter war an einer Lungenblutung gestorben. So wurde ihr Tod jedenfalls offiziell bezeichnet. Tatsächlich aber wurde sie erschossen. Ich war mit ihr auf einem Ausflug und wir sassen ausserhalb von Cham auf einer Bank, ich auf ihren Knien. Plötzlich spürte ich an meinem Kopf einen Schmerz, eine Schrotkugel hatte mich getroffen. Über dem Auge habe ich noch heute eine Narbe. Meine Mutter verblutete. Der Fall wurde nie aufgeklärt, Akten dazu gibt es offenbar keine. War ich das Ziel und der Schütze hat meine Mutter getroffen? Wer mein Vater ist, weiss ich bis heute nicht. Von Behörden und Amtsstellen werde ich seit Jahrzehnten abgewimmelt.

In Rathausen mussten wir schon mit fünf, sechs Jahren hart arbeiten. Tannzapfen zusammen lesen, Kartoffeln graben, im Winter gefällte Bäume auf die Wege ziehen. Arbeiten, nichts als Arbeiten. Von Spielen sprach niemand. Beim kleinsten Fehler, beim kleinsten Ungeschick wurde einem ein Bambusrohr über den Grind geschlagen. Es reichte, wenn ein bisschen Suppe über den Tellerrand schwappte. Einmal an einem Mittagessen hatte es wieder einmal zu wenig Brot. Einige reklamierten. Da sagte eine deutsche Nonne, die auch immer dreinschlug: «Der Führer hätte euch längst der Endlösung zugeführt.»
Wir waren eine Gruppe von Knaben, die immer wieder rebellierte, Streiche spielte. Einmal umwickelte ich bei der Glocke im Turm den Metallstab, damit es keinen Glockenschlag mehr gab. Das gab eine Riesensache. Wenn wir erwischt wurden, gab es halt wieder Strafen. Das spielte uns mit der Zeit keine Rolle mehr, wir kamen sowieso immer dran.

Es gab nicht nur Körperstrafen, es gab auch Demütigungen, Psychoterror würde man heute sagen. Prügel gab es tagtäglich, ja stündlich. Wenn wir geschlagen wurden, hiess es, wir seien selber Schuld. Einmal wurde ich für zwei Tage und zwei Nächte im „Chrutzi“, einer Gefängniszelle, eingesperrt. Ohne Matratze, mit einem Eimer, etwas Suppe und vielen Schlägen auf dem Kopf.

Zu Essen gab es praktisch jeden Tag im Wasser gekochte Kartoffeln. Wir nannten dies ironisch «Moses», also: «Der aus dem Wasser gezogene». Mit 17 Jahren wog ich nur 34 Kilo, so steht es in einem Arztbericht.

Direktor L. verging sich an minderjährigen Knaben, das wusste man. Er versuchte auch mich zu missbrauchen. Einmal sah ich, wie zwei Knaben aus dem Gästezimmer von zwei Priestern herauskamen. Die Knaben mussten erbrechen und hatten Durchfall, es war grauenhaft. Als ich etwa 11-Jährig war, ging ich mit einem anderen Knaben auf das Stadthalteramt Luzern. Dort wollten wir uns über die Zustände im Kinderheim beschweren. Doch sie ohrfeigten uns und jagten uns davon.

Der neue Direktor S. rühmte sich, die Zustände im Kinderdörfli zu verbessern. Aber unter ihm mussten wir genauso hart arbeiten wie zuvor. Meist bis spät abends. Und er war perfid. Er schlug die Kinder genauso wie sein Vorgänger. In der Näherei liess er sich aus Zeltstoff ein Etui nähen, in dem er seinen Stock aufbewahren konnte.

Viele Kinder waren verzweifelt und litten unter den Zuständen in Rathausen. Es gab auch mehrere Todesfälle, Suizide. Mehrere Kinder stürzten sich aus Verzweiflung ins Wasser, zum Beispiel Ottilia. Die Nonnen sagten nach ihrem Tod einfach, Ottilia sei unerlaubt schwimmen gegangen. Aber sie war eine ausgezeichnete Schwimmerin. Das war kein Unfall. In einem anderen Fall wurde ein Knabe von einem Stromschlag getötet. Kurz vor diesem «Unfall» sagte er uns: «ich gehe an den Strom».
Einmal, nach einer Bemerkung zum Abendmahl, zitierte mich der Vikar zur Strafe in die Kirche. Ich musste hinknien und beten, die Arme ausstrecken, er legte schwere Bücher auf meine Hände und ich durfte mich nicht bewegen. Gleichzeitig schlug er mit einem Messingstab auf meinen Kopf. Ich lernte in Rathausen eines: nie, nie aufgeben.»

Als Eduard Steiner 18-jährig von Rathausen wegkam, lernte er Gärtner. Später bildete er sich unaufhörlich weiter und brachte es zum Logistikchef einer Baufirma. Schliesslich führte ich viele Jahre zusammen mit meiner Frau einen Antiquitäten-Handel und eine Baufirma, die sich auf die Renovation historischer Häuser spezialisierte. Er ist seit 45 Jahren in zweiter Ehe verheiratet, hat einen erwachsenen Sohn sowie eine Tochter aus erster Ehe.


Lesen Sie den ganzen Beitrag «Ein dunkles Kapitel» über die fällige Wiedergutmachung an administrativ Versorgten, Zwangssterilisierten, Verding- und Heimkinder im Beobachter 18/2010

(Bild: Stephan Rappo)

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Written by Otto Hostettler

2. September 2010 at 08:23

Gewalt in Kinderheimen: Die Liste wird länger

with 15 comments

Auch Monate nach der Publikation «Qualen im Kinderheim» im Beobachter  melden sich Betroffene bei der Redaktion. Sie berichten von einer erschütternden Kindheit im Heim, von täglichen Demütigungen, Gewalt und Missbrauch. Viele haben ihre Geschichte bis heute nicht bewältigt, sie wurden mit ihren Erlebnissen alleine gelassen. Andere müssen damit leben, dass man ihnen ihre Geschichte nicht glaubt.

Immerhin, in einigen Fällen wollen heutige Behörden die Verfehlungen untersuchen und sich bei Betroffenen entschuldigen. Im Kanton Luzern beispielsweise hat das Gesundheits- und Sozialdepartement den Historiker Markus Furrer beauftragt, die Vorkommnisse in Erziehungsanstalten und Kinderheimen aufzuarbeiten. Inwiefern die Ingenbohler Schwestern ihre eigene unrühmliche Geschichte aufarbeiten werden, ist nach wie vor unklar. Vor Monaten kündigten sie die Einsetzung einer Arbeitsgruppe an, bis heute ist aber nicht einmal bekannt, wer diese Kommission leiten soll. Das Kloster war in der Schweiz verantwortlich für eine ganze Reihe von Heimen, darunter die berüchtigte Erziehungsanstalt Rathausen oder das Waisenhaus „Maria Hilf“ in Laufen (damals BE).

In diesen Heimen sind Gewalt, Demütigungen und Missbrauch durch Betroffene dokumentiert:

Vorwürfe

Name des Heims

Ort

Kanton

Gewalt

Kinderheim Klösterli

Wettingen

AG

Elektroschock auf Hintern

Kinderheim Soldanella

Klosters

GR

brutales Baderitual, Gewalt

Töchterinstitut auf der Steig

Schaffhausen

SH

Gewalt, Psychoterror

Erziehungsanstalt Lärchenheim

Lutzenberg

AR

kopfüber in Wassereimer, kalt abduschen

Kinderheim Maria hilf Laufen

Laufen

BE (BL)

Gewalt, Psychoterror, Bettnässer

Kinderdörfli Rathausen

Rathausen

LU

Prügel, sexueller Missbrauch

Waisenhaus Winterthur

Winterthur

ZH

Prügel, Bettnässer, auf Boden schlafen

Kinderheim Paradies

Mettmenstetten

ZH

Gewalt, sex. Missbrauch unter Jugendl.

Schulheim Gott hilft, Wiesen

Herisau

AR

Gewalt

Sanatorium für schwächliche und
nervenkranke Kinder

Steinen

SZ

nackt stramm stehen, Schläge

Kinderheim Selzach

Selzach

SO

Gewalt

Kinderstube Hubelmatt

Luzern

LU

Gewalt, Wassertortur, fesseln, Topf an Hintern

Kinderheim Courtepin

Courtepin

FR

Gewalt, Erbrochenes essen

Kinderheim Birnbäumen

St. Gallen

SG

Essensentzug, Essen auf Toilette

Kinderheim Sonnhalde, ?

Luzern

LU

„ganz schlimm“

Kinderheim St. Benedikt

Hermettschwil

AG

Prügel, Nötigung von Bettnässer

Landerziehungsheim Alsbisbrunn

Hausen a.A.

ZH

massive Prügel, Verletzungen

Evangelisches Kinderheim Freienstein

Freienstein

ZH

Prügel, Tritte, Schläge

Seraphisches Liebeswerk

Luzern

LU

Sexuelle Gewalt unter Jugendl.

Kinderheim Blaurain

Basel

BS

Sexuelle Gewalt, Bock im Keller!

Kinderheim Knuttwil

Knuttwil

LU

Pflaster Mund, Erbrochenes essen

Kinderheim Bombinasco

Bombinasco

TI

Sexueller Missbrauch

Kinderheim Oberzil

St. Gallen

SG

Misshandelt im Kinderheim

with one comment

Bis weit in die 70er Jahre wurden Kinder in Schweizer Kinderheimen offensichtlich systematisch gedemütigt, geprügelt und missbraucht. Der Artikel im Beobachter hat dutzendweise Reaktionen ausgelöst. Gemeldet haben sich auch zahlreiche weitere Opfer, wie etwa C.M., der im Kinderheim Soldanella in Klosters Elektroschocks als Strafe erlebte.

Wer mehr wissen will über die eigene Vergangenheit im Kinderheim kann Einsicht in seine Akten verlangen. Ein Musterbrief findet sich hier: Musterbrief_Akteneinsicht.

Wer sich über Erlebnisse in Kinderheimen mit anderen Betroffenen austauschen will, wendet sich an: kinderheim-vergangenheit@gmx.ch

Written by Otto Hostettler

21. Mai 2010 at 10:51