Otto Hostettler's Blog

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AKW Mühleberg: Die Sache mit der Wasserleitung

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Der halbstaatliche bernische Energiekonzern BKW nimmt das AKW Mühleberg vorübergehend vom Netz. Für 10 Millionen soll die Wasserzufuhr für den Notfall verbessert werden.

Es ist nicht gerade ein Alltagsereignis, wenn ein AKW ausserplanmässig vom Netz genommen wird. Doch jetzt schaltet die BKW Energie AG Mühleberg kurzum ab – zumindest vorübergehend. Die BKW begründet dies mit «neuen Erkenntnissen» in der Folge von Fukushima. Für 10 Millionen Franken soll die Wasserzufuhr für den Notfall verbessert werden.

Doch die Erkenntnisse sind alles andere als neu. Bisher war die Wasserentnahme aus der Aare aber kein Problem. Im Gegenteil. Die Aufsichtsbehörde Ensi sprach attestierte dem Notstandsystem, es stütze sich auf eine «räumlich weit verzweigte Kühlwasserentnahme aus der Aare» ab, die im Notfall Wasser aus der Aare in das AKW Pumpen würde. Recherchen des Beobachters zeigten eine andere Realität: Die Wasserzufuhr des Notfallsystems besteht lediglich aus einer einzigen Leitung mit zwei Öffnungen besteht, wie ein Sicherheitsbericht der BKW belegt. Und: Zum Notstandssystem Susan führt nur eine einzige Leitung, die Pumpen dazu liegen auf einer Ebene 11 Meter unterhalb des Reaktors (Beobachter 11/2011 «Die Akte Mühleberg»). Ein «räumlich weit verzweigtes» System zur Entnahme von Wasser aus der Aare sieht anders aus.

Jetzt lobt sich die BKW für ihren 10-Millionen-Investitionsschritt gleich selber: Sie spricht vom «Sicherheitsverständnis» der Unternehmung, das die BKW zu diesem Schritt bewogen habe. Interessant nur, dass die Erkenntnis ausgerechnet zu jenem Zeitpunkt reifte als auch die Frist der Aufsichtsbehörde zu Ende ging, verschiedene Anworten auf offene Fragen abzuliefern.

(Bild: BKW-FMB Energie AG)

Written by Otto Hostettler

29. Juni 2011 at 22:56

Fukushima – der Ausstieg hat längst begonnen

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Nach der Mehrfach-Katastrophe von Fukushima sollten wir in der Schweiz wiedereinmal ein paar aktuelle Statistiken beachten. Zum Beispiel jene der Windenergie. Oder der Solarenergie.

Die aktuellen Statistiken der Wind- und Solarbranche gehen zurzeit in den Schlagzeilen von Fukushima unter. Doch sie haben es in sich: Seit ein paar Jahren geht bei der Windenergie – fast überall ausser in der Schweiz – buchstäblich die Post ab. Alleine in Europa wurden letztes Jahr Windräder mit einer Leistung von über 9000 Megawatt installiert. Zum Vergleich: Diese Leistung erreichen etwa 30 Atomkraftwerke in der Grösse von Mühleberg.

Im Jahr zuvor kam ebenfalls die Leistung von 30-Mühleberg-AKWs dazu (10’000 Megawatt). Alle Windräder Europas produzieren inzwischen Strom mit einer totalen Leistung von 84’000 Megawatt. Weltweit kamen 2009 total 37’000 Megawatt neue Leistung dazu. Das entspricht etwa einer Leistung von 37 AKWs in der Grösse von Gösgen. Gösgen wiederum ist etwa dreimal leistungsfähiger als Mühleberg. Der Zubau von 2009 steigerte die weltweit installierte Leistung der Windkraft auf einen Schlag um einen Drittel auf 158’000 Megawatt (The European Wind Energy Assosiation).

In den Zahlen stecken einige Überraschungen: Wer an Wind denkt, denkt an Nordeuropa. Doch am meisten neue Windräder wurden europaweit in Spanien aufgestellt. Und weil die Windräder im Meer («off-shore») zurzeit in aller Munde sind, glauben viele, Windstrom werde inzwischen zu einem guten Teil auf dem Meer produziert. Doch weit gefehlt. Beim europäischen Zubau wurde nur der allerkleinste Teil der neuen Windräder ins Meer gestellt. Die neuen «Off-Shore»-Windparks kommen gerademal auf eine Leistung von 800 Megawatt. In diesem Bereich ist also künftig noch einiges zu erwarten.

Eine andere Zahl gibt Angesichts der hiesigen Diskussion um erneuerbare Energien ebenfalls zu denken. Bis anhin gibt man in der Schweiz den Photovoltaikanlagen – also der Produktion von Strom durch Solaranlagen – keine grosse Zukunftschancen. In Deutschland hat der technologische Quantensprung bei gleichzeitig sinkenden Preisen für Solarzellen eine erstaunliche Entwicklung hinter sich. Letztes Jahr erreichte die Solarstrom-Produktion 12 Milliarden Kilowattstunden. Soviel prognostizierten die rot-grünen Optimisten unter Bundeskanzler Schröder für das Jahr 2050.

Erstaunlich dabei: Die Hälfte dieser Strommenge stammt aus Anlagen, die erst im Jahr zuvor installiert wurden. Alleine die letztes Jahr neu produzierte Strommenge entspricht etwa 10 Prozent des schweizerischen Jahresverbrauchs.

Und was machen wir in der Schweiz? Wir limitieren die Förderung der erneuerbaren Energien und hindern damit aktuell über 8000 Gesuchsteller daran neue Solaranlagen, Windräder, Biomasse-Kraftwerke und Kleinwasserkraftwerke zu bauen. All diese Projekte könnten jährlich 3,7 Milliarden Kilowattstunden Strom produzieren. Weit mehr als das AKW Mühleberg.

Written by Otto Hostettler

29. März 2011 at 15:36

AKW Mühleberg: Geheimnis um die Sicherheit

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Alle Schweizer AKWs sollen nach der Katastrophe in Japan einer umfassenden Sicherheitsprüfung unterzogen werden. In Mühleberg wurde eine solche Prüfung erst gerade vorgenommen, doch die Akten bleiben unter Verschluss.

Alle paar Jahre müssen die Betreiber der Schweizer Atomkraftwerke in einer so genannten Periodischen Sicherheitsüberprüfung PSÜ umfassend nachweisen, dass ihr AKW alle sicherheitsrelevanten Standards erfüllt. Vor wenigen Jahren musste sich auch Mühleberg wieder einer PSÜ unterziehen. Der umfassende Sicherheitscheck von Schweizer AKWs, den Bundesrätin Doris Leuthard jetzt angeordnet hat, gibt es also für Mühleberg bereits.

Im Gegensatz zu den Berichten anderer Schweizer Atomkraftwerke hält der halbstaatliche bernische Energiekonzern BKW die PSÜ zu ihrem Kraftwerk bis heute unter Verschluss. Anwohner des AKWs erkämpften vor Gericht immerhin eine minimale Einsicht in diese Akten. Doch der allergrösste Teil der Sicherheitsüberprüfung darf die Bevölkerung nicht sehen.

Öffentlich zugänglich ist hingegen eine Analyse der Aufsichtsbehörde ENSI zu diesem Sicherheitscheck. In einer über 500-seitigen «Sicherheitstechnischen Stellungnahme» (Seite 45) bewertete die staatliche Aufsicht 2007 die Sicherheitsprüfung des AKW Betreibers. Nach der Katastrophe von Fukushima liest sich die Einschätzung der Aufsichtsbehörde zum letzten Sicherheitsnachweis von Mühleberg in einem neuen Licht. Auf Seite 45 beispielsweise listet die Atom-Aufsichtsbehörde auf, ob die verschiedenen Systeme in einem schweren Unfall funktionieren würden. Das Resultat ist ernüchternd.

Gemäss dieser sicherheitstechnischen Einstufung funktionieren 17 der 37 mechanischen Sicherheitssystemen im Fall eines schweren Erdbebens nicht. Darunter ist etwa das Kernsprühsystem, ein oberhalb des Reaktors angebrachte Ringleitung zur Kühlung im Notfall (weist notabene bereits heute Risse auf) oder das Kühlsystem des Brennelement-Beckens. In den Brennelement-Becken werden die ausgedienten, aber noch wärme absondernden Brennstäbe gelagert, bis sie eine Temperatur erreichen, um ins Zwischenlager verfrachtet zu werden. In Fukushima (gleiche Raktorentypen wie Mühleberg) sind ausgerechnet die Brennelement-Becken zurzeit teilweise ausser Kontrolle geraten.

In Mühleberg würde bei einem schweren Erdbeben aber auch folgende Systeme nicht funktionieren: Reaktor-Umwälzsystem, Abfahr- und Toruskühlsystem, Vergiftungssystem, Hilfskühlwassersystem im Reaktorgebäude, Abgassystem, Notabluftsystem, Notstromdieselanlage, Steuerluftsysteme, Reaktorwasser-Reinigungssystem, Containment-Rückpumpsystem, Inertierungssystem des Primärcontainments, Zwischenkühlwassersystem Reaktorgebäude, Hochreservoir-Einspeisung sowie die Notstromversorgung vom Wasserwerk Mühleberg, sowie ein Sicherheits-Ablassventil.

(Bild: www.bkw-fmb.ch)

Written by Otto Hostettler

18. März 2011 at 09:57

Fukushima: Das Ende des jahrelangen Reinwaschens der Atomkraft

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Seit der AKW-Katastrophe von Tschernobyl 1986 hatte die Energiewirtschaft nur ein Ziel: Das Terrain ebnen, um in der Schweiz den Ausstieg aus der Atomenergie zu verhindern und dereinst weitere Atomkraftwerke zu bauen. Schritt um Schritt wurde die Atomkraft schöngeredet. Aus dem Atomkraftwerk wurde ein Kernkraftwerk. Wer in Diskussionen Tschernobyl erwähnte, erntete die Bemerkung: «So etwas kann bei uns nicht passieren».

Einen Höhepunkt bildete die seit ein paar Jahren verbreitete Argumentation, AKWs würden CO2-freien Strom produzieren. Damit rückten die Stromkonzerne ihre AKWs in die Nähe der Sonnen- und Windenergie, ohne dies tatsächlich zu behaupten. AKW, so die Message, ist quasi grüner Stom. Kein Wort über die unhaltbaren Zustände in den Uranminen, kein Wort über die unglaublichen Massen von Beton, die für den Bau von AKW nötig sind, kein Wort vom nach wie vor ungelösten Abfallproblem.

Die PR-Maschinerie leistete in den vergangenen Jahren ganze Arbeit. Die Stromwirtschaft gründete zahlreiche Vereinigungen, die unabhängig von einander mit Aktionen an die Öffentlichkeit traten – mit jeweils klarem Publikum im Fokus. Sie tragen so schöne Namen wie «Aktion für eine vernünftige Energiepolitik AVES», «Frauen für Energie», «Forum Medizin und Energie», «Christen & Energie». Alle hatten eine Botschaft: Kernenergie ist die Energie der Zukunft.

Parallel dazu wurde die Energiewirtschaft nicht müde, international die «Renaissance der Atomkraft» zu predigen. Regelmässig wurde dazu vermeldet, wie viele Atomkraftwerke weltweit im Bau seien. Dass eine stattliche Anzahl teils seit Jahrzehnten im Bau sind und defacto längst zu Bauriunen wurden, verschwieg die Branche grosszügig (siehe hier im Blog).

Fast hätten es die Stromkonzerne geschafft. Voraussichtlich 2013 hätte das Volk an der Urne über neue AKWs entscheiden sollen. Die Vorzeichen standen gut, in einer Konsultativumfrage sagte der Kanton Bern schon mal ja zur Atomkraft – wenn auch knapp. Jetzt ist alles anders. Der Spiegel titelt in seiner neusten Ausgabe: «Das Ende des Atomzeitalters – Fukushima 12. März 2011, 15.36 Uhr». Die Deutsche Regierung stellt kurzum sieben alter Atommeiler ab. Bundesrätin Doris Leuthard sistiert die Rahmenbewilligungsgesuche.

Nach der Atomkatastrophe in Japan beschleicht einem ein mulmiges Gefühl, wenn man sich an die Störfälle der letzten Jahre in Schweizer AKWs erinnert. Wie war das mit den Rissen im Kernmantel in Mühleberg? Wie war das mit der langen Pendenzenliste der Aufsichtsbehörde, die auch heute noch nicht erledigt ist (siehe “von Rissen darf keiner wissen” Beobachter 3/2009)?

Written by Otto Hostettler

15. März 2011 at 15:09

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