Otto Hostettler's Blog

Posts Tagged ‘fürsorgerische Zwangsmassnahmen

Die Menschenversuche von Münsterlingen

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Der Schweizer Psychiater Roland Kuhn gilt als «Vater der Antidepressiva». Doch dieser Ruhm gründet auf Hunderte von ahnungslosen Patienten. Betroffene leiden bis heute, Todesfälle wurden nie untersucht.

titel3Während Jahrzehnten liess die Pharmaindustrie neue Wirkstoffe  an nicht zustimmungsfähigen Kranken und Kindern testen. Recherchen des Beobachters zeigen erstmals das Ausmass solcher Medikamentenversuche: In der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen TG verabreichte der Psychiatrieprofessor Roland Kuhn über Jahrzehnte hinweg seinen Patienten nicht bewilligte Substanzen. Die Tests dienten unter anderem zur Entwicklung des ersten Antidepressiva, das noch heute als Tofranil im Handel ist. Die Pharmaindustrie verdankt Kuhn Milliardenumsätze.

Die Recherche war aufwändig: Dokumente gefunden habe ich vor allem im Staatsarchiv Thurgau, bei Swissmedic und im Medizinhistorischen Archiv. Dazu habe ich ein halbes Dutzend nationale und internationale Publikationen ausgewertet, mit Betroffenen und früheren Angestellten gesprochen. Die Informationen und Erkenntnisse ergeben ein erschreckendes Bild:

  • Dokumentiert sind mindestens 1600 Fälle von Medikamentenversuchen (vor allem Largactil, Imipramin/Tofranil, Ketoimipramin, Maprotilin/Ludiomil sowie zahlreiche Derivate dieser Substanzen)
  • die Versuche deckten eine Zeitspanne von über 30 Jahren ab
  • im wichtigsten Versuch verbrauchte der Psychiater 20’000 Pillen und 1000 Ampullen – pro Monat. Zusammengerechnet verabreichte er seinen Patienten in diesem Jahresversuch mindestens 6 Kilogramm des Wirkstoffs
  • dokumentiert sind Versuche an schwer depressiven Schwangeren
  • Versuche an schwer Kranken

«Die Experimente des Dr. Kuhn», Beobachter 3/2014;

Heilsarmee lanciert Anlaufstelle

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Drei Jahre nach den ersten Meldungen über denkwürdige Zustände in einem Kinderheim der Heilsarmee lanciert die Institution eine externe Anlaufstelle für Betroffene.

paradiesJetzt stellt sich auch die Heilsarmee ihrer eigenen Geschichte. Drei Jahre nachdem eine damals 82-jährige Frau im «Beobachter» über schreckliche Zustände und fragwürdige Strafmethoden im Kinderheim Paradies in Mettmenstetten ZH berichtet hatte, lanciert die Heilsarmee eine externe Anlaufstelle für Betroffene. Sie wolle «Menschen, denen in ihrer Kinder- und Jugendzeit in einer Heilsarmeeinstitution Unrecht geschehen ist, die Möglichkeit bieten, die Erlebnisse aufzuarbeiten», verkündet die Heilsarmee. Man wolle «betroffenen Menschen Gehör, Verständnis und Beratung anbieten und sich für das Verhalten und die erzieherischen Methoden früherer Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern entschuldigen».

Als externe Anlaufstelle amtet Nico Vital, pensionierter Lehrer, Jugendpsychologe und langjähriger Leiter des Kinder- und Jugendheims Maiezyt in Wabern (Bern).

Externe Anlaufstelle für Betroffene in Einrichtungen der Heilsarmee:
c/o Nico Vital, Seestrasse 31, 2572 Mörigen
Telefon:  079 543 28 69

Die Heilsarmee betont, die Anlaufstelle arbeite neutral und unabhängig. Sie unterstehe der Schweigepflicht und behandle Informationen auch gegenüber der Heilsarmee «streng vertraulich».

Mit der Anlaufstelle erfüllt die Heilsarmee eine zentrale Forderung eines externen Beratungsbüros, das einen internen Bericht auswertete. Dieser interne Bericht war allerdings lediglich eine «Situationsanalyse» mit vier «Schlüsselpersonen» der Heilsarmee und einer Befragung von 29 pensionierten Offizieren und Leitungspersonen. Anschliessend war die Rede von drei Fällen, die auf «nicht korrektes Verhalten» hingewiesen hätten. Dem «Beobachter» hingegen waren über ein Dutzend Betroffene namentlich bekannt, die von schrecklichen Zuständen und drakonischen Strafen im Kinderheim «Paradies» berichteten. Aus den Schilderungen sind auch zwei Suizide dokumentiert, die mit dem Erlebten in diesem Heim im Zusammenhang stehen.

Written by Otto Hostettler

13. November 2013 at 17:23

Zeitung rät bei spielenden Kindern: «hart durchgreifen»

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Wenn Kinder nicht gehorchen, soll man «hart durchgreifen», empfiehlt das «Bieler Tagblatt». Das erinnert an eine längst vergangen geglaubte Zeit.

hartdurchgreifenDer Fall stammt nicht aus grauer Vorzeit. Und doch klingt der Rat der Lokalzeitung «Bieler Tagblatt» (Ausgabe 18. Juli 2013) an die 60er und 70er Jahre, als Behörden entschieden, wie man mit Kindern umgehen soll, wenn sie nicht gehorchen. In einem gross aufgemachten Artikel über Trampolin steht als Ratschlag: «Es muss ebenfalls hart durchgegriffen werden, wenn die Kinder trotz aller Warnungen zu zweit oder zu dritt hüpfen wollen.»

«Hart durchgreifen»? Was genau sich die Autorin unter diesem Ratschlag vorstellt, führt sie nicht weiter aus. «Hart durchgreifen» war einst ein oft  verwendeter Begriff von Vormundschaftsbehörden. Er findet sich in unzähligen Akten von Betroffenen so genannter «fürsorgerischer Zwangsmassnahmen» wieder.

Unter dieser Bezeichnung steckte der Staat bis Anfang der 80er Jahre tausende von Kindern und Jugendlichen zur «Nacherziehung» in Anstalten und Gefängnisse, platzierte sie in Waisenhäuser, auch wenn sie gar keine Waisen waren oder gab die Kinder gegen den Willen der Eltern zur Adoption frei. Oft reichte es, wenn die Kinder und Jugendlichen nicht parierten, so genannt «schwer erziehbar» oder «renitent» waren, in den Augen der Behörden ein «liederliches Leben» führten oder «arbeitsscheu» waren. Übrig geblieben aus dieser Zeit sind unzählige Frauen und Männer, die bis heute unter ihrer Geschichte leiden. Was diese weggesperrten, verdingten und Zwangsadoptierten unter «hart durchgreifen» in Erinnerung haben, lässt sich hier nachlesen.

Der Ratschlag, auf einem Trampolin dürften die Kinder nicht zu zweit oder zu dritt hüpfen, wirkt vor diesem Hintergrund wie aus einer anderen Zeit. Vermutlich will dieser Hinweis nur «das Beste» für sie. Doch: was genau ist eigentlich «das Beste» für ein Kind?

 

Written by Otto Hostettler

19. Juli 2013 at 15:21

Fremdplatzierte bereiten Volksinitiative vor

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Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen bereiten eine Volksinitiative vor. Sie befürchten, der Runde Tisch von Bundesrätin Simonetta Sommaruga werde zur Alibiübung.

fremdplatziertBetroffene von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen verlieren die Geduld. Weil es nicht vorwärts geht in der Aufarbeitung und der Hilfe für Verding- und Heimkinder, Administrativ Versorgte, Zwangssterilisierte und Zwangsadoptierte wollen sie nun eine Volksinitiative lancieren, wie der «Beobachter» in seiner neusten Ausgabe berichtet.

«Falls der Runde Tisch nicht bis im Frühling 2014 zu greifbaren Resultaten kommt, wird die Guido-Fluri-Stiftung eine Volksinitiative lancieren», sagt Stiftungspräsident Guido Fluri. Der 46-jährige Unternehmer war als Kind selber fremdplatziert, jetzt engagiert er sich mit seiner Stiftung für die Aufarbeitung dieses düsteren Kapitels Schweizer Sozialgeschichte. Für die Volksinitiative hat die Stiftung bereits eine Million Franken zurückgestellt, wie der «Beobachter» weiter schreibt.

Mit dem Gedenkanlass von diesem Frühjahr initiierte Bundesrätin Simonetta Sommaruga auch einen Runden Tisch. Hier diskutieren jetzt Zwangssterilisierte, Verding- und Heimkinder sowie Administrativ Versorgte und Zwangsadoptierte mit Behörden- und Kirchenvertreter sowie verschiedenen Verbänden und Historikern über die Aufarbeitung. Doch dieser Prozess kommt nur zögerlich voran, zwischen den Sitzungen vergehen jeweils Monate. Zentrale Forderungen der Betroffenen sind die konsequente historische Aufarbeitung sowie eine Entschädigung und einen Härtefallfonds. Bis heute leben zahlreiche Betroffene aufgrund ihrer traumatischen Kindheits- und Jugendjahren in seelischer und finanzieller Armut.

Das Interview mit Guido Fluri im Beobachter 14/2013.
 

Verdingt und weggesperrt: Eine Entschuldigung genügt nicht.

(Bildmontage: Walter Emmisberger)

Maturandin durchleuchtet Geschichte des Seraphischen Liebeswerkes

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Die Maturaarbeit der 19-jährigen Aline Muller ist schwere Kost: Sie durchleutet die erniedrigenden Strafen und sexuellen Missbräuche im Kinderheim Courtepin FR des Seraphischen Liebeswerks in den 60er Jahren.

Drei Zeitzeugen interviewte die Maturandin Aline Muller aus dem freiburgischen Courtaman für ihre Arbeit, die Aussagen deckten sich in weiten Teilen, wie die Freiburger Nachrichten in ihrer Ausgabe vom 6. April 2013 berichten. Die ehemaligen Bewohner des Kinderheims in Courtepin erzählten ihr von drakonischen Strafen und sexuellem Missbrauch. Sie mussten stundenlang Bibeln auf den Händen tragen, Schläge mit dem Schlüsselbund erdulden und wurden unter die kalte Dusche gesteckt – als Folge für schlechte Schulnoten.

Ein Zeitzeuge berichtete der Maturandin auch, wie eine Nonne «fast jeden Abend einen Jungen zu sich ins Zimmer geholt» habe. Dort habe das Kind die Schwester «nach Läusen absuchen müssen» berichtet die Freiburger Nachrichten. «Lausen, wie bei den Affen», habe die Schwester zu den Kindern jeweils gesagt. Zuerst am Kopf, dann unter den Armen und besonders lang hätten die Kinder den Intimbereich der Nonne nach Läusen absuchen müssen.

Die Maturandin hat aber nicht nur Zeitzeugen befragt, sondern auch die offiziellen Publikationen der damaligen Kinderheim-Vernatwortlichen analysiert. Hier berichtete das Seraphische Liebeswerk von tollen Ferien, die «Spass» gemacht hätten, wie das Heim mit den Kindern nach Freiburg ins Kino gegangen sei oder in Murten den Zirkus Knie besucht habe. Die Eigendarstellung des Kinderhilfswerks des Kapuzinerordens kontrastiert allerdings gravierend mit den Erinnerungen der Betroffenen, hält die Maturandin fest.

Den Bericht der Freiburger Nachrichten (KinderheimCourtepin).

Hinweis: Informationsabend zum Alltag im Kinderheim Courtepin von Maturandin Aline Muller.
Ort: Altersheim Home St-François, Le Centre 1, Courtepin FR (19.30 Uhr auf Französisch; 20.30 Uhr auf Deutsch).

Written by Otto Hostettler

11. April 2013 at 22:16

Entschuldigung kann nur der erste Schritt sein

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Jahrelang mussten sich tausende von Frauen und Männern dafür rechtfertigen, dass sie als Kinder und Jugendliche in Heimen, Anstalten und Gefängnissen versorgt waren. Jetzt sollen sie mit einem öffentlichen Anlass in Bern zumindest symbolische Genugtuung erfahren. Reicht das?

10-10-titelbildSie wurden im Kinderheim von Nonnen geschlagen, von Heimleitern missbraucht, sie wurden verdingt, in Anstalten versorgt oder sogar zur «Nacherziehung» in Gefängnissen gesteckt – ohne jemals von einem Gericht verurteilt worden zu sein. Sie landeten in Hindelbank (BE), in Bellechasse (FR), auf dem Tessenberg (BE) und mussten sich ein Leben lang dafür rechtfertigen. Ihr einziger Makel war: Sie oder ihre Eltern waren angeblich «arbeitsscheu» oder führten ein «liederliches Leben». Wurden Frauen unverheiratet schanger, wurden sie zwangssterilisiert, machmal ohne ihr Wissen. Oder die Behörde nahm ihnen die Kinder weg, oft ohne sie zu fragen.

Die Betroffenen dieser fürsorgerischen Zwangsmassnahmen sind längst 60, 70 oder gar über 80-jährig. Viele sind bis heute nicht über diese Ungerechtigkeiten hinweggekommen, sie fanden sich im späteren Leben nie zurecht und sind daran seelisch zerbrochen. Jetzt sollen diese Betroffenen Gerechtigkeit erfahren. Mit einem offiziellen Gedenkanlass für Verdingkinder, Heimkinder, administrativ Versorgte und Zwangssterilisierte will Bundesrätin Simonetta Sommaruga und wichtige Verbände sowie die Landeskirchen am 11. April 2013 im Kulturcasino Bern das Leid dieser Personen anerkennen. Dieser Gedenkanlass ist öffentlich, die Einladung findet sich hier (Einladung_Gedenkanlass_Deutsch).

Für viele Betroffene solcher fürsorgerischer Zwangsmassnahmen ist alleine dieser Gedenkanlass eine Genugtuung. Doch ebenso klar ist: Nur mit einer offiziellen Entschuldigung ist es nicht getan. Dieser Anlass kann nur der erste Schritt sein in einer umfassenden Aufarbeitung dieses düsteren Kapitels des Schweizer Sozialstaats. Es braucht eine breite historische Aufarbeitung, wie es beispielsweise das geplante Gesetz zur Rehabilitierung der administrativ Versorgten vorsieht. Nicht vom Tisch ist auch die Rehabilitierung der Zwangssterilisierten, die bereits vor einigen Jahren geplant war, dann aber vom Parlament als fertige Gesetzesvorlage schubladisiert wurde. Und schliesslich wird die Schweiz auch nicht darum herum kommen, Betroffenen finanzielle Widergutmachung zu leisten. Sei es auch nur in Form eines Härtefall-Fonds.

«Schöne Worte genügen uns nicht»; Verdingkinder und Zwangssterilisierte leiden noch heute – ein Hilfsfonds muss her. Beobachter 21/2011.

 

Wer genau war Opfer, wer Täter?

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Angenommen, Sie müssten als externe Untersuchungskommission abklären, was hinter den Vorwürfen früherer Heimkinder steckt. Diese erzählen, sie seien jahrelang gedemütigt worden, hätten unwürdige und von Gewalt geprägte Strafen über sich ergehen lassen müssen oder seien sogar sexuell missbraucht worden («Dünkeln und duschen» im Kinderheim «Maria hilf» Laufen)

Frage: Wie würden Sie den Titel dieses Berichts wählen?

  1. «Aufarbeitung von Missständen in Kinderheimen des Klosters Ingenbohl»
  2. «Ingenbohler Schwestern in Kinderheimen»

Aufgrund der Betrachtungsweise können Sie nun entweder die Opfer der damaligen Erziehungsverantwortlichen thematisieren oder aber auch die aufopfernde Arbeit der Nonnen würdigen. Zusammenfassend können Sie dann das grosse Wort «Gerechtigkeit» darüber stellen.

Lösungshinweis: Bei der Präsentation des Berichts betonte der Wettinger Notar und Kommissionspräsident Magnus Küng, man dürfe «im Sinn einer differenzierten Betrachtungsweise den institutionellen Gesamtkontext nicht ausser Acht» lassen. Alles klar?

Machen Sie sich ein Bild von der Betrachtungsweise der vom Kloster Ingenbohl eingesetzten externen Untersuchungskommission. (Schlussbericht Expertenkommission 230113)

 

Written by Otto Hostettler

31. Januar 2013 at 15:44

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