Otto Hostettler's Blog

Posts Tagged ‘Gewalt im Kinderheim

Maturandin durchleuchtet Geschichte des Seraphischen Liebeswerkes

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Die Maturaarbeit der 19-jährigen Aline Muller ist schwere Kost: Sie durchleutet die erniedrigenden Strafen und sexuellen Missbräuche im Kinderheim Courtepin FR des Seraphischen Liebeswerks in den 60er Jahren.

Drei Zeitzeugen interviewte die Maturandin Aline Muller aus dem freiburgischen Courtaman für ihre Arbeit, die Aussagen deckten sich in weiten Teilen, wie die Freiburger Nachrichten in ihrer Ausgabe vom 6. April 2013 berichten. Die ehemaligen Bewohner des Kinderheims in Courtepin erzählten ihr von drakonischen Strafen und sexuellem Missbrauch. Sie mussten stundenlang Bibeln auf den Händen tragen, Schläge mit dem Schlüsselbund erdulden und wurden unter die kalte Dusche gesteckt – als Folge für schlechte Schulnoten.

Ein Zeitzeuge berichtete der Maturandin auch, wie eine Nonne «fast jeden Abend einen Jungen zu sich ins Zimmer geholt» habe. Dort habe das Kind die Schwester «nach Läusen absuchen müssen» berichtet die Freiburger Nachrichten. «Lausen, wie bei den Affen», habe die Schwester zu den Kindern jeweils gesagt. Zuerst am Kopf, dann unter den Armen und besonders lang hätten die Kinder den Intimbereich der Nonne nach Läusen absuchen müssen.

Die Maturandin hat aber nicht nur Zeitzeugen befragt, sondern auch die offiziellen Publikationen der damaligen Kinderheim-Vernatwortlichen analysiert. Hier berichtete das Seraphische Liebeswerk von tollen Ferien, die «Spass» gemacht hätten, wie das Heim mit den Kindern nach Freiburg ins Kino gegangen sei oder in Murten den Zirkus Knie besucht habe. Die Eigendarstellung des Kinderhilfswerks des Kapuzinerordens kontrastiert allerdings gravierend mit den Erinnerungen der Betroffenen, hält die Maturandin fest.

Den Bericht der Freiburger Nachrichten (KinderheimCourtepin).

Hinweis: Informationsabend zum Alltag im Kinderheim Courtepin von Maturandin Aline Muller.
Ort: Altersheim Home St-François, Le Centre 1, Courtepin FR (19.30 Uhr auf Französisch; 20.30 Uhr auf Deutsch).

Written by Otto Hostettler

11. April 2013 at 22:16

Wer genau war Opfer, wer Täter?

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Angenommen, Sie müssten als externe Untersuchungskommission abklären, was hinter den Vorwürfen früherer Heimkinder steckt. Diese erzählen, sie seien jahrelang gedemütigt worden, hätten unwürdige und von Gewalt geprägte Strafen über sich ergehen lassen müssen oder seien sogar sexuell missbraucht worden («Dünkeln und duschen» im Kinderheim «Maria hilf» Laufen)

Frage: Wie würden Sie den Titel dieses Berichts wählen?

  1. «Aufarbeitung von Missständen in Kinderheimen des Klosters Ingenbohl»
  2. «Ingenbohler Schwestern in Kinderheimen»

Aufgrund der Betrachtungsweise können Sie nun entweder die Opfer der damaligen Erziehungsverantwortlichen thematisieren oder aber auch die aufopfernde Arbeit der Nonnen würdigen. Zusammenfassend können Sie dann das grosse Wort «Gerechtigkeit» darüber stellen.

Lösungshinweis: Bei der Präsentation des Berichts betonte der Wettinger Notar und Kommissionspräsident Magnus Küng, man dürfe «im Sinn einer differenzierten Betrachtungsweise den institutionellen Gesamtkontext nicht ausser Acht» lassen. Alles klar?

Machen Sie sich ein Bild von der Betrachtungsweise der vom Kloster Ingenbohl eingesetzten externen Untersuchungskommission. (Schlussbericht Expertenkommission 230113)

 

Written by Otto Hostettler

31. Januar 2013 at 15:44

Tatort Kinderheim: Die düstere Rolle der Kirche

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Jetzt hat sich auch die Luzerner Behörde vergewissern können, was Betroffene seit Jahrzehnten schildern: Kinder wurden in Heimen systematisch verprügelt, gedemütigt, missbraucht. Ein Forschungsbericht listet erschreckende Einzelheiten. Für eine Entschädigung der Opfer sieht Luzern hingegen keine Rechtsgrundlage.

In den Kinderheimen des Kantons Luzern stand über Jahrzehnte hinweg an vorderster Front die katholische Kirche. Es waren Ordensschwestern, die Buben und Mädchen dazu zwangen, ihr Erbrochenes zu essen, die ihnen zur Strafe kein Essen mehr gaben oder sie tagelang ins «Chruzi» sperrten, wie der kleine fensterlose Raum in der berüchtigten Anstalt Rathausen genannt wurde. Es waren nicht zuletzt auch die beiden katholischen Priester, die über Jahre hinweg für solche Gewaltorgien verantwortlich waren und auch Kinder sexuell missbrauchten. Viele wussten davon, niemand unternahm etwas dagegen (Schlussbericht_Kinderheime_Luzern). Im «Beobachter» schilderte ein Bewohner seine Geschichte.

Besonders bitter für die Betroffenen: Die beiden ehemaligen Rathausen-Direktoren, die in der Luzerner Forschungsarbeit genannt und thematisiert werden, erlebten die historische Aufarbeitung ihrer eigenen Vergangenheit nicht mehr. Direktor Anton S. starb erst vor wenigen Monaten. In der Todesanzeige waren seine Rathausen-Jahre nicht erwähnt, ganz offensichtlich wollte sich die katholische Kirche dieser Vergangenheit nicht stellen. Im Nachhinein wollte niemand für die Todesanzeige verantwortlich sein, Erstunterzeichner war Bischof Felix Gmür. Er sagte gegenüber dem Beobachter, es sei nicht klar, wer die Todesanzeige zu verantworten habe.

Während der Kanton Luzern zusammen mit der katholischen Kirche Luzern mit ihrem Bericht zur historischen Aufarbeitung der Geschichte beitragen, drücken sich andere weiterhin um ihre Verantwortung. Wie und wann das Kloster Ingenbohl ihre angekündigte historische Aufarbeitung präsentiert, ist nicht klar. Still wurde es auch um die Heilsarmeee. Vor bald zwei Jahren kündigte sie eine historische Untersuchung an, was inzwischen passiert ist, ist ebenfalls unklar. Wie das Kloster Ingenbohl führte auch die Heilsarmee jahrzehntelang in verschiedenen Gebieten der Schweiz Kinderheime. Schlagzeilen machte etwa das Kinderheim Paradies in Mettmenstetten, mehrere Zeitzeugen erzählten erschütternde Erlebnisse.

Written by Otto Hostettler

16. Oktober 2012 at 17:40

Kehrtwende bei der Heilsarmee, Stille im Kloster Ingenbohl

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Die Heilsarmee will alte Vorfälle in ­ihrem Kinderheim Paradies in Mettmenstetten ZH nun doch «von unabhängi­ger Stelle» aufarbeiten lassen, erklärt Direk­tionsmitglied Martin Künzi. Noch vor wenigen Wochen hatte das die Heilsarmee abgelehnt. Sie foutierte sich während Monaten um die 82-jährige Klara Zelg (Name geändert), die dem Hilfswerk von schrecklichen Er­leb­nis­sen in den Vierzigern berichtete. Erst als sich der Beobachter einschaltete, entschuldigte sich das christliche Hilfswerk bei der betagten Frau.

Doch für eine historische Aufarbeitung der Vorfälle im Kinderheim, bot die Heilsarmee nicht Hand. Es gebe auch positive Rückmeldungen, so dass man keine Veranlassung sehe, das Archiv zu durchforsten. Zur Kehrtwende kam es nun, als der Beobachter der Heilsarmee von über einem Dutzend weiterer Betroffener vorlegte, die alle über ähnliche Erlebnisse berichten wie die 82-jährige Frau. Klara Zelg erinnerte sich zum Beispiel, wie sie im  schwach beleuchteten Kellergang mit dem Teppichklopfer traktiert wurde, weil sie das Bett nässte. Die Heimleiterin trichterte ihr ein: «Wenn Du im Dorf, in der Schule oder einem Lehrer ‚etwas’ über das ‚Paradies’ erzählst, dann wirst Du von Deinen Geschwistern getrennt und kommst in eine Erziehungsanstalt.»

Schläge, Prügel und rigides Strafensystem waren nur das Eine. Jeden Abend nach dem Essen musste S.W. im Nähzimmer dreckige, von Schweiss durchtränkte Knabensocken flicken. Bis ihre Finger derart wund waren, dass sie tagsüber in der Schule den Füllfederhalter kaum noch in der Hand halten konnte. Ihre Schwester kam nie über die Zustände im Kinderheim hinweg und nahm sich später das Leben.

Unklar ist weiterhin, inwiefern sich die Ingenbohler Schwestern ihrer Geschich­te stellen. Sie führten unter anderem die berüchtigte Anstalt Rathausen oder das Kinderheim Mariahilf in Laufen ­(da­mals BE). Im Mai wurde eine Arbeits­gruppe ­angekündigt; bis heute ist noch nicht mal klar, wer diese leiten soll.

Einzig der Kanton Luzern ist derzeit daran, frü­here Übergriffe in Heimen systematisch zu dokumentieren. Der Kanton Bern wollte zwar die Geschichte der Heim- und Verdingkinder auf­arbeiten, entstanden ist nun aber ein Bericht über die Praxis der Fremdplatzierung in Lützelflüh und Sumiswald.

Written by Otto Hostettler

24. November 2010 at 20:58

Gewalt im Kinderheim: Symbolische Wiedergutmachung

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Als Kinder erlebten sie in den 60er Jahren eine schlimme Zeit im Waisenhaus «Maria Hilf» in Laufen (damals BE). Sie wurden für Kleinigkeiten geschlagen, eingesperrt oder noch schlimmer: sie wurden minutenlang kopfüber in einen Wassereimer gesteckt und kalt abgeduscht. Nach über 40 Jahren erhielten sie nun eine symbolische Wiedergutmachung. An einer Feier in Laufen bedauerten die heutigen Heimverantwortlichen sowie je ein Vertreter der Berner und Baselbieter Regierung, was damals den Kindern angetan worden war. Dem Treffen fern blieben die Ingenbohler Schwestern.

Der Berner Justizdirektor Christoph Neuhaus gab sich selbstkritisch: «Ja, wir wären damals für die Aufsicht des Waisenhauses Laufen zuständig gewesen.» Doch offensichtlich funktionierte die Aufsicht schlecht. Neuhaus: «Es tut mir aufrichtig leid, was passiert ist.» Worte des Bedauerns auch vom Baselbieter Regierungsrat Urs Wüthrich: «Die wichtigste Form der Wiedergutmachung ist, aus Fehlern zu lernen.»

Das Treffen initiierte Willy Mischler, der wie andere auch von den Ordensschwestern «geduscht und gedünkelt» wurde (siehe Beobachter 10/2010). Die früheren Bewohner konnten nun am Empfang auch ihre Akten einsehen – oder was davon noch übrig ist. Mischler forderte am Treffen, die Schweiz solle einen Fonds für Opfer von vormundschaftlichen Zwangsmassnahmen äufnen: «Viele hatten nach Jahren im Heim einen äusserst schlechten Start ins Leben und können es bis heute nicht meistern.» Für solche Härtefälle brauche es finanzielle Unterstützung.

Wer mehr wissen will über die eigene Vergangenheit im Kinderheim kann Einsicht in seine Akten verlangen. Ein Musterbrief findet sich hier: Musterbrief_Akteneinsicht.

Written by Otto Hostettler

5. Oktober 2010 at 15:58