Otto Hostettler's Blog

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Heilsarmee zahlt betagter Frau nach 68 Jahren ihren Lohn

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Mit 68 Jahren Verspätung bezahlt die Heilsarmee einer früheren Angestellten ihren Lohn.

Späte Genugtuung: Die Heilsarmee bezahlt einer früheren Angestellten des Kinderheims Paradies in Mettmenstetten ZH mit 68 Jahren Verspätung ihren Lohn aus. Klara Zelg (Name geändert) arbeitete 1945 als damals 16-jährige für ein Jahr in der Säuglingsabteilung. Vereinbart worden war mit dem Vormund ein Monatslohn von 25 Franken. Die Heilsarmee-Verantwortliche bezahlte aber damals der jungen Frau nur zwei Franken pro Woche aus, also acht Franken pro Monat. Jetzt hat die Heilsarmee der betagten Frau 3500 Franken überwiesen und sich gleichzeitig «in aller Form für das in ihrer Kindheit erlittene Unrecht entschuldigt».

Noch vor drei Jahren foutierte sich die Heilsarmee während Monaten um die betagte Frau (siehe hier). Die damals 82-jährige Klara Zelg*, die 1938 mit ihren vier Geschwistern ins Heim gekommen war, wollte endlich die leidvolle Geschichte hinter sich lassen und schrieb deshalb dem Hauptquartier. Sie berichtete von erbärmlichen Zuständen und drakonischen Strafen. Doch statt verständnisvolle Worte erhielt die Frau monatelang gar keine Antwort.

Klara Zelg, die jahrzehntelang mit niemandem über ihre Erlebnisse gesprochen hatte, liess nicht locker und schrieb der Heilsarmee Brief um Brief. Zuletzt mit der Forderung, man möge ihr endlich den nie ausbezahlten Lohn überweisen. «Es geht mir nicht zuletzt um die Würde all jener Kinder, die im «Paradies» geschlagen, zur Strafe in den Keller eingesperrt wurde oder auf Essen verzichten mussten», sagt Klara Zelg. «Und um die Glaubwürdigkeit all jener, die damals demütigende Rituale und Schläge über sich ergehen lassen mussten, nur weil sie Bettnässer waren und damit leben müssen, dass ihre Aussagen bis heute angezweifelt werden».

Jetzt ging plötzlich alles ganz schnell: Die Angelegenheit wurde zur Chefsache erklärt, eine externe Anlaufstelle wurde eingerichtet und die Forderung der betagten Frau umgehend erfüllt.

Den vollständigen Artikel lesen Sie im Beobachter 24/2013.

Written by Otto Hostettler

30. November 2013 at 13:08

Kanton Bern entschuldigt sich bei Verdingkindern

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Der Schritt war fällig und ist für viele Betroffene eine späte Genugtuung. Jetzt hat sich der Kanton Bern bei den tausenden von Verding- und Heimkindern entschuldigt.

Anlass zur öffentlichen Entschuldigung bildete die Studie einer Forschergruppe von Juristen, Historikerinnen und Soziologen. Sie untersuchten am Beispiel der Gemeinden Lützelflüh und Sumiswald die Fremdplatzierungspraxis im Kanton Bern von 1912 bis 1978. Anlässlich der Buchpräsentation sagte Regierungsrat Christoph Neuhaus vor rund 100 früheren Verding- und Heimkindern: «Die damalige Praxis der Fremdplatzierungen ist eines der dunkelsten Kapitel der jüngeren Geschichte in der Schweiz. Der Kanton Bern spielt dabei eine traurige Rolle.»

Die Studie der Forschergruppe bestätigt Erzählungen von Betroffenen und zeigt, wie die Gesellschaft während Jahrzehnten mit Kindern umgegangen ist. Ganz offensichtlich wurde der Obhutsentzug im Kanton Bern gezielt zur Bekämpfung der Armut eingesetzt. Sprich: Kinder wurden nicht zu ihrem Wohl in fremde Familien platziert, sondern aus finanziellen Gründen. Familien, die den Behörden aus verschiedensten Gründen ein Dorn im Auge war, wurden teils auch genötigt, einen Teil ihrer Kinder wegzugeben. Mit den Verdingkindern konnten die Behörde zwar die finanzielle Situation der Familien verbessern.

Offiziell tönte es anders: Behörden wollten mit der Fremdplatzierung die Verwahrlosung der Kinder verhindern. Doch tatsächlich diente der Entzug der Obhut auch dazu, Eltern unter Druck zu setzen, ihren Lebenswandel zu ändern. Oft war den örtlichen Behörden das Wohl der Kinder egal, die Aufsicht funktionierte nur schlecht – oder gar nicht.

Justizdirektor Neuhaus sagte vor den Verding- und Heimkindern: «Die damals verantwortlichen Behörden haben leider das Wohl des Kindes allzu häufig nicht beachtet. Im Namen des Regierungsrats entschuldige ich mich hiermit ausdrücklich bei den damaligen Pflegekindern. Solche Fehler dürfen wir nicht wiederholen.»

Für viele Betroffene ist die Entschuldigung eine spät Genugtuung. Viele leiden bis heute unter ihrer schweren Kindheit. Andernorts warten ehemalige Fremdplatzierte weiterhin darauf, dass ihr Leid nicht weiter unter den Teppich gekehrt wird (etwa Kloster Ingenbohl, Heilsarmee).

«Die Behörde beschliesst – zum Wohl des Kindes?»; Fremdplatzierte Kinder im Kanton Bern 1912 – 1978. ISBN: 978-3-03919-203-8. Herausgeber: Historischer Verein des Kantons Bern; Verlag: hier+jetzt

Written by Otto Hostettler

16. März 2011 at 16:01

Erziehungsanstalt Rathausen: Gewalt, Missbrauch, Suizide

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Eduard Steiner verbrachte seine Kindheit in der Erziehungsanstalt Rathausen LU (1939 bis 1952).

«Ich kam 1939 als 5-Jähriger nach Rathausen. Meine Mutter war an einer Lungenblutung gestorben. So wurde ihr Tod jedenfalls offiziell bezeichnet. Tatsächlich aber wurde sie erschossen. Ich war mit ihr auf einem Ausflug und wir sassen ausserhalb von Cham auf einer Bank, ich auf ihren Knien. Plötzlich spürte ich an meinem Kopf einen Schmerz, eine Schrotkugel hatte mich getroffen. Über dem Auge habe ich noch heute eine Narbe. Meine Mutter verblutete. Der Fall wurde nie aufgeklärt, Akten dazu gibt es offenbar keine. War ich das Ziel und der Schütze hat meine Mutter getroffen? Wer mein Vater ist, weiss ich bis heute nicht. Von Behörden und Amtsstellen werde ich seit Jahrzehnten abgewimmelt.

In Rathausen mussten wir schon mit fünf, sechs Jahren hart arbeiten. Tannzapfen zusammen lesen, Kartoffeln graben, im Winter gefällte Bäume auf die Wege ziehen. Arbeiten, nichts als Arbeiten. Von Spielen sprach niemand. Beim kleinsten Fehler, beim kleinsten Ungeschick wurde einem ein Bambusrohr über den Grind geschlagen. Es reichte, wenn ein bisschen Suppe über den Tellerrand schwappte. Einmal an einem Mittagessen hatte es wieder einmal zu wenig Brot. Einige reklamierten. Da sagte eine deutsche Nonne, die auch immer dreinschlug: «Der Führer hätte euch längst der Endlösung zugeführt.»
Wir waren eine Gruppe von Knaben, die immer wieder rebellierte, Streiche spielte. Einmal umwickelte ich bei der Glocke im Turm den Metallstab, damit es keinen Glockenschlag mehr gab. Das gab eine Riesensache. Wenn wir erwischt wurden, gab es halt wieder Strafen. Das spielte uns mit der Zeit keine Rolle mehr, wir kamen sowieso immer dran.

Es gab nicht nur Körperstrafen, es gab auch Demütigungen, Psychoterror würde man heute sagen. Prügel gab es tagtäglich, ja stündlich. Wenn wir geschlagen wurden, hiess es, wir seien selber Schuld. Einmal wurde ich für zwei Tage und zwei Nächte im „Chrutzi“, einer Gefängniszelle, eingesperrt. Ohne Matratze, mit einem Eimer, etwas Suppe und vielen Schlägen auf dem Kopf.

Zu Essen gab es praktisch jeden Tag im Wasser gekochte Kartoffeln. Wir nannten dies ironisch «Moses», also: «Der aus dem Wasser gezogene». Mit 17 Jahren wog ich nur 34 Kilo, so steht es in einem Arztbericht.

Direktor L. verging sich an minderjährigen Knaben, das wusste man. Er versuchte auch mich zu missbrauchen. Einmal sah ich, wie zwei Knaben aus dem Gästezimmer von zwei Priestern herauskamen. Die Knaben mussten erbrechen und hatten Durchfall, es war grauenhaft. Als ich etwa 11-Jährig war, ging ich mit einem anderen Knaben auf das Stadthalteramt Luzern. Dort wollten wir uns über die Zustände im Kinderheim beschweren. Doch sie ohrfeigten uns und jagten uns davon.

Der neue Direktor S. rühmte sich, die Zustände im Kinderdörfli zu verbessern. Aber unter ihm mussten wir genauso hart arbeiten wie zuvor. Meist bis spät abends. Und er war perfid. Er schlug die Kinder genauso wie sein Vorgänger. In der Näherei liess er sich aus Zeltstoff ein Etui nähen, in dem er seinen Stock aufbewahren konnte.

Viele Kinder waren verzweifelt und litten unter den Zuständen in Rathausen. Es gab auch mehrere Todesfälle, Suizide. Mehrere Kinder stürzten sich aus Verzweiflung ins Wasser, zum Beispiel Ottilia. Die Nonnen sagten nach ihrem Tod einfach, Ottilia sei unerlaubt schwimmen gegangen. Aber sie war eine ausgezeichnete Schwimmerin. Das war kein Unfall. In einem anderen Fall wurde ein Knabe von einem Stromschlag getötet. Kurz vor diesem «Unfall» sagte er uns: «ich gehe an den Strom».
Einmal, nach einer Bemerkung zum Abendmahl, zitierte mich der Vikar zur Strafe in die Kirche. Ich musste hinknien und beten, die Arme ausstrecken, er legte schwere Bücher auf meine Hände und ich durfte mich nicht bewegen. Gleichzeitig schlug er mit einem Messingstab auf meinen Kopf. Ich lernte in Rathausen eines: nie, nie aufgeben.»

Als Eduard Steiner 18-jährig von Rathausen wegkam, lernte er Gärtner. Später bildete er sich unaufhörlich weiter und brachte es zum Logistikchef einer Baufirma. Schliesslich führte ich viele Jahre zusammen mit meiner Frau einen Antiquitäten-Handel und eine Baufirma, die sich auf die Renovation historischer Häuser spezialisierte. Er ist seit 45 Jahren in zweiter Ehe verheiratet, hat einen erwachsenen Sohn sowie eine Tochter aus erster Ehe.


Lesen Sie den ganzen Beitrag «Ein dunkles Kapitel» über die fällige Wiedergutmachung an administrativ Versorgten, Zwangssterilisierten, Verding- und Heimkinder im Beobachter 18/2010

(Bild: Stephan Rappo)

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Written by Otto Hostettler

2. September 2010 at 08:23

Qualen im Kinderheim: Heilsarmee schaut weg

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Es sind ergreifende Worte, die die 82-jährige S.W. schreibt: «Wenn die Köchin sah, dass ich den Teller mit Haberbrei stehen liess, zog sie mich am Arm in die Küche und blockierte meine Arme und Hände zwischen ihren Knien. Mit einem Suppenlöffel stopfte sie mir den kalten Brei in den Mund. Ich musste mich übergeben und schrie, trotzdem stopfte sie ungeachtet weiter. Sie klemmte mir die Nase zu, damit ich den Mund wieder öffnen musste. So ging die Prozedur dann weiter.»

Jahrzehntelang hatte sie ihre Geschichte verdrängt, bis der Beobachter über genau dieses Kinderheim der Heilsarmee berichtete. S.W. verbrachte mit ihren Geschwistern die Jahre zwischen 1938 und 1945 im Kinderheim «Paradies» in Mettmenstetten ZH. Eine leidvolle Zeit. Im schwach beleuchteten Kellergang wurde sie mit dem Teppichklopfer traktiert, weil sie das Bett nässte. Die Heimleiterin trichterte ihr ein: «Wenn Du im Dorf, in der Schule oder einem Lehrer ‚etwas’ über das ‚Paradies’ erzählst, dann wirst Du von Deinen Geschwistern getrennt und kommst in eine Erziehungsanstalt.»

Schläge, Prügel und rigides Strafensystem waren nur das Eine. Jeden Abend nach dem Essen musste S.W. im Nähzimmer dreckige, von Schweiss durchtränkte Knabensocken flicken. Bis ihre Finger derart wund waren, dass sie tagsüber in der Schule den Füllfederhalter kaum noch in der Hand halten konnte. Ihre Schwester kam nie über die Zustände im Kinderheim hinweg und nahm sich später das Leben.

Als der Beobachter über die in Schweizer Kinderheimen bis weit in die 70er Jahre verbreiteten Demütigungen, Misshandlungen und Missbräuche berichtete, schreibt S.W. ihre Erlebnisse aus der Zeit im Heilsarmee-Kinderheim auf. Darauf wendet sie sich an die Leitung der Heilsarmee, in der Hoffnung auf ein mitfühlendes Wort oder sogar auf eine Entschuldigung. Doch es passierte nichts. Sie schreibt ein zweites Mal. Wieder keine Antwort.

Erst als der Beobachter bei der Heilsarmee nachfragt, befasst man sich mit dem Fall. Lapidar heisst es, der Heilsarmee liege neben jener Schilderung von S.W. auch eine «sehr positive» Rückmeldung über das Kinderheim vor. Sprecher Künzi kommt zum Schluss, es dränge sich deshalb «keine umfassende Aufarbeitung» der Geschichte im Kinderheim «Paradies» auf. Immerhin sagt der Heilsarmee-Sprecher zum Fall: «Die Heilsarmee bedauert das erlittene Unrecht ihrer Kindheit sehr.» Im Beobachter 10/2010 tönte es noch anders.  Damals versicherte er man sei bereit, sich bei betroffenen Personen zu entschuldigen. Jetzt ist davon nicht mehr die Rede.

Written by Otto Hostettler

31. August 2010 at 14:48

«Die Schwester mit dem Stock gab das Kommando»

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 © Beobachter 2010/Otto Hostettler

Sie waren Täter und Opfer zugleich: Angestellte in Kinderheimen der sechziger und siebziger Jahre hatten es schwer, wenn sie sich gegen Gewalt an den Kindern wehrten.

Als Vorspeise gab es eine Tracht Prügel. Beim Essen wurde gebetet, anschliessend ging es im Heimleiterbüro mit neuen Strafaktionen weiter. «Alle Angestellten wussten von den Zuständen, aber was sollten wir tun?», erzählt Elisabeth Stadler. Sie litt unter Schlaflosigkeit, fühlte sich schuldig und überfordert. Sie war verzweifelt über die eigene Machtlosigkeit. Immer wieder wälzte die damals 25-Jährige Suizidgedanken.

Als frischgebackene Sozialarbeiterin hatte Stadler 1966 den Kopf voller Ideale – landete aber in der harten Realität. An ihrem ersten Arbeitsort im damaligen Landerziehungsheim Albisbrunn in Hausen am Albis herrschte Mitte der Sechziger ein Strafsystem, das ihr noch 44 Jahre später Angst macht. Ausgerechnet in diesem Vorzeigeheim, das zuvor jahrzehntelang von Koryphäen der Sozialarbeit geführt worden war und die Entwicklung schweizweit prägte.

Als junge Angestellte leitete sie mit ihrem Mann eine Gruppe mit einem guten Dutzend Burschen im Alter von 15 bis 21 Jahren. Ein Vorfall veränderte ihr weiteres Berufsleben: Ein Bewohner hatte eine Lehrstelle als Koch in Aussicht. Sein Makel: Er war Bettnässer. Der Heimleiter sagte ihm kurzerhand, er könne die Lehre nur antreten, wenn er das Bett nicht mehr nässe. Der Bursche liess sich fortan heimlich über Wochen jede Nacht mehrmals von Zimmerkollegen wecken, um rechtzeitig die Toilette zu erreichen. Aus Angst, dennoch ins Bett zu machen, schnürte er sich sogar das Glied zu. War das Bett am Morgen trotzdem nass, schaffte Stadlers Mann die nassen Laken heimlich in die Wäscherei.

Der Heimleiter wusste von alledem nichts. Seiner jungen Angestellten sagte er deshalb schulterklopfend: «Sehen Sie, es geht doch. Man muss nur wollen!» Das war Elisabeth Stadler zu viel. Sie sprach Mitarbeiter auf die Missstände an. Schliesslich wandte sie sich an die Heimkommission.

Was als Aktion des Personals gedacht war, funktionierte aber nicht. Die anderen Mitarbeiter hielten sich zurück, Elisabeth Stadler und ihr Mann standen plötzlich alleine da – und erhielten die Kündigung. Die allgemein gehaltene Begründung lautete: «unterschiedliche Arbeitsauffassung». Am Rand einer Sitzung aber sprach ein Mitglied der Heimkommission Klartext: «Wir seien störende Elemente und müssten aus dem Mitarbeiterstab eliminiert werden.»

Den vollständigen Artikel lesen Sie im Beobachter 15/2010

 

Written by Otto Hostettler

9. August 2010 at 16:10

Gewalt in Kinderheimen: Die Liste wird länger

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Auch Monate nach der Publikation «Qualen im Kinderheim» im Beobachter  melden sich Betroffene bei der Redaktion. Sie berichten von einer erschütternden Kindheit im Heim, von täglichen Demütigungen, Gewalt und Missbrauch. Viele haben ihre Geschichte bis heute nicht bewältigt, sie wurden mit ihren Erlebnissen alleine gelassen. Andere müssen damit leben, dass man ihnen ihre Geschichte nicht glaubt.

Immerhin, in einigen Fällen wollen heutige Behörden die Verfehlungen untersuchen und sich bei Betroffenen entschuldigen. Im Kanton Luzern beispielsweise hat das Gesundheits- und Sozialdepartement den Historiker Markus Furrer beauftragt, die Vorkommnisse in Erziehungsanstalten und Kinderheimen aufzuarbeiten. Inwiefern die Ingenbohler Schwestern ihre eigene unrühmliche Geschichte aufarbeiten werden, ist nach wie vor unklar. Vor Monaten kündigten sie die Einsetzung einer Arbeitsgruppe an, bis heute ist aber nicht einmal bekannt, wer diese Kommission leiten soll. Das Kloster war in der Schweiz verantwortlich für eine ganze Reihe von Heimen, darunter die berüchtigte Erziehungsanstalt Rathausen oder das Waisenhaus “Maria Hilf” in Laufen (damals BE).

In diesen Heimen sind Gewalt, Demütigungen und Missbrauch durch Betroffene dokumentiert:

Vorwürfe

Name des Heims

Ort

Kanton

Gewalt

Kinderheim Klösterli

Wettingen

AG

Elektroschock auf Hintern

Kinderheim Soldanella

Klosters

GR

brutales Baderitual, Gewalt

Töchterinstitut auf der Steig

Schaffhausen

SH

Gewalt, Psychoterror

Erziehungsanstalt Lärchenheim

Lutzenberg

AR

kopfüber in Wassereimer, kalt abduschen

Kinderheim Maria hilf Laufen

Laufen

BE (BL)

Gewalt, Psychoterror, Bettnässer

Kinderdörfli Rathausen

Rathausen

LU

Prügel, sexueller Missbrauch

Waisenhaus Winterthur

Winterthur

ZH

Prügel, Bettnässer, auf Boden schlafen

Kinderheim Paradies

Mettmenstetten

ZH

Gewalt, sex. Missbrauch unter Jugendl.

Schulheim Gott hilft, Wiesen

Herisau

AR

Gewalt

Sanatorium für schwächliche und
nervenkranke Kinder

Steinen

SZ

nackt stramm stehen, Schläge

Kinderheim Selzach

Selzach

SO

Gewalt

Kinderstube Hubelmatt

Luzern

LU

Gewalt, Wassertortur, fesseln, Topf an Hintern

Kinderheim Courtepin

Courtepin

FR

Gewalt, Erbrochenes essen

Kinderheim Birnbäumen

St. Gallen

SG

Essensentzug, Essen auf Toilette

Kinderheim Sonnhalde, ?

Luzern

LU

“ganz schlimm”

Kinderheim St. Benedikt

Hermettschwil

AG

Prügel, Nötigung von Bettnässer

Landerziehungsheim Alsbisbrunn

Hausen a.A.

ZH

massive Prügel, Verletzungen

Evangelisches Kinderheim Freienstein

Freienstein

ZH

Prügel, Tritte, Schläge

Seraphisches Liebeswerk

Luzern

LU

Sexuelle Gewalt unter Jugendl.

Kinderheim Blaurain

Basel

BS

Sexuelle Gewalt, Bock im Keller!

Kinderheim Knuttwil

Knuttwil

LU

Pflaster Mund, Erbrochenes essen

Kinderheim Bombinasco

Bombinasco

TI

Sexueller Missbrauch

Kinderheim Oberzil

St. Gallen

SG

Remo Largo über die Gewalt in Kinderheimen

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© Beobachter 2010/Otto Hostettler

Bis weit in die siebziger Jahre wurden Kinder in Heimen misshandelt, gedemütigt und missbraucht. Im Beobachter berichteten Betroffene über ihre Erlebnisse. Doch wie konnten solch schwere Übergriffe üblich sein? Kinderarzt Remo Largo sieht als Basis dafür die repressive Erziehungshaltung, die damals breite Akzeptanz fand. 

Beobachter: Betroffene berichteten im Beobachter, wie sie in Kinderheimen bis in die siebziger Jahre unter Gewalt litten. Weshalb konnten sich Erziehungsmethoden aus dem 19. Jahrhundert so lange halten?

Remo Largo: Die Situation in Kinderheimen spiegelt die Erziehungshaltung, die damals auch in der übrigen Gesellschaft verbreitet war. Die repressive Haltung war auch in Familien üblich. Dies änderte sich erst in den sechziger Jahren. Hinzu kam, dass sich niemand um diese Arbeit in Heimen riss.

Beobachter: Was lösen Strafen wie kopfüber in einen Wassereimer gesteckt zu werden oder auf den Hintern angebundene Nachttöpfe bei Kindern aus?
Largo: Es gibt Betroffene, die leiden ein Leben lang darunter und werden allenfalls auch wieder zu gewalttätigen Erziehenden. Andere können das Trauma verarbeiten und überwinden – je nach Persönlichkeit.

Beobachter: Viele berichten von Prügelstrafen.
Largo: Körperstrafe war zu dieser Zeit weit verbreitet. In den sechziger Jahren wurde in Familien mehr als die Hälfte der Kinder geschlagen. Heute sind es noch 20 Prozent. Aber nur noch fünf Prozent der Eltern sehen die Körperstrafe als legitimer Teil der Erziehung. Eine Mehrheit jener Eltern, die heute noch schlagen, tun dies, weil sie in Konfliktsituationen nicht mehr weiterwissen und die Kontrolle verlieren. Die meisten bedauern dies im Nachhinein.

Beobachter: Wann hörte man auf, den Willen der Kinder zu brechen und sie so zu Gehorsam zu erziehen?
Largo: Das war ein schleichender Prozess. Die 68er Bewegung und die antiautoritäre Erziehung waren lediglich Phänomene eines viel tiefer gehenden gesellschaftlichen Wandels. Gehorsam war bei uns nicht nur ein Mittel, sondern der eigentliche Zweck der Erziehung. In der jüdisch-christlichen Tradition wurde das Kind so erzogen, dass es als Erwachsener nicht aufmuckt und sich der Obrigkeit fügt.  

Beobachter: In Kinderheimen legten auch Frauen bei Strafen eine unglaubliche Phantasie an den Tag.
Largo: Das waren Ausnahmesituationen mit überforderten Erzieherinnen. Die überwiegende Mehrheit der Frauen hat sich nicht so verhalten – was den Männern gar nicht behagte. Die Pädagogen beklagten bereits vor Jahrhunderten die enge Beziehung zwischen Mutter und Kind. Daher der Begriff «Affenliebe».

Beobachter: Was braucht es für eine Erziehung ohne Repression und Autorität?
Largo: Wenn man nicht autoritär und repressiv erziehen will, braucht es erstens eine Beziehung, in der sich das Kind akzeptiert und aufgehoben fühlt. Zweitens braucht es eine natürliche Autorität, die sich aus der Kompetenz des Erwachsenen ergibt. Ein Kind akzeptiert den Vater nicht einfach nur deshalb, weil er der Vater ist. Es akzeptiert ihn, wenn dieser etwas besser weiss oder besser kann. Genauso ein Lehrer, er kann heute den Schülern nicht einfach nur deshalb Anweisungen geben, weil er der Lehrer ist. Er muss mit seinen Kompetenzen glaubwürdig sein.

Remo Largo, 67, leitete 30 Jahre lang die Abteilung «Wachstum und Entwicklung» am Kinderspital Zürich. Seine Studien über die kindliche Entwicklung finden international Beachtung, seine Bücher «Babyjahre», «Kinderjahre» und «Schülerjahre» wurden Klassiker.

Das vollständige Interview lesen Sie im Beobachter 12/2010

Written by Otto Hostettler

11. Juni 2010 at 14:08

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