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Die denkwürdigen Anfangsjahre im AKW Mühleberg

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Der Start im Atomkraftwerk Mühleberg gleicht einer beispiellosen Serie von Pannen. Akten im Bundesarchiv zeigen, wie die Betreiberfirma BKW trotz teils ungeklärten Pannen darauf drängte, den Betrieb aufzunehmen. Die Aufsichtsbehörde hinkte immer einen Schritt hinterher.

Der 28. Juli 1971 hätte zu einem grossen Tag für die BKW werden sollen. Im Kommandoraum ihres fertiggebauten Atomkraftwerks in Mühleberg stand eine Gruppe Gäste, darunter Spitzenleute der Betreiberfirma BKW sowie der Kraftwerkhersteller BBC und des amerikanischen Atomkraftwerkbauers General Electric. Sie alle wollten miterleben, wenn das Kraftwerk die Leistung hochfährt. Ein feierlicher Moment sollte es werden. Doch es kam anders.

Am Nachmittag hatte noch alles planmässig begonnen. Um 13 Uhr wurde ein Volllastabschaltungsversuch vorgenommen. Dabei wurde die Leistung der Turbinengruppe B von 156 Megawatt Leistung auf Null reduziert. Die Beipassventile wurde voll geöffnet und die ungeheure Menge frischen Dampfs strömte in den Kondensator. Der Abschaltversuch klappte, die Leistung wurde wieder hochgefahren. Das erste Mal lief die Turbinengruppe anschliessend während mehreren Stunden auf Volllast.

Bereits drei Monate zuvor, am 7. März lief der Reaktor ein erstes Mal «kritisch», die nukleare Kettenreaktion wurde gestartet, die dadurch frei gesetzte Wärme brachte Wasser zum verdampfen, die Turbinen wurden angetrieben. Es folgten verschiedene Versuche auf Teillast, am 11. Juni 1971 spies das AKW zum ersten Mal vorübergehend Strom ins Netz. Mühleberg war nun so gut wie bereit, in wenigen Monaten an Netz zu gehen. Die offizielle Inbetriebnahme war für Oktober geplant.

Am besagten 28. Juli 1971, kurz vor 21 Uhr, versammelte sich also die Gästeschar im Kommandoraum und wollte miterleben, wie die beiden Turbogruppen aufeinander angestimmt, synchronisiert werden. Alles lief nach Plan, ein Monteur machte einen letzten Kontrollgang. Im Kommandoraum waren alle Anzeigen normal. Um 21. 15 Uhr und 40 Sekunden wurde an der Turbinengruppe B ein Alarm «Steueröldruck tief» ausgelöst, der Reaktordruck stieg an. Ein Monteur wurde ins Maschinenhaus geschickt, dieser meldete starke Rauchentwicklung.

45 Sekunden nach dem Alarm erfolgte völlig unerwartet ein Schnellschluss der Turbinengruppe B, der Generator stellte ab, der Reaktor wurde teilweise heruntergefahren. Die Minuten waren dramatisch: in den ersten fünf Sekunden des Vorfalls gingen 20 Alarme los, in der allerersten Minuten waren es 80 Alarme. Die versammelte Gästeschar musste hilflos zusehen, wie die Operateure nicht wussten, was sich genau im AKW ereignet hat. Im technischen Bericht zum Brand, den der erste Kraftwerksleiter Hans-Rudolf Lutz mitverfasst hat, heisst es: «Für das Betriebspersonal war es unmöglich, die Vorgänge unmittelbar richtig zu deuten, umso mehr, als dass nach etwa 1,5 Minuten die ersten Fehlalarme und Fehlanzeigen auftraten.»

Durch starke Vibrationen konnte sich im Hydrauliksystem eine Schraube lösen, über 2000 Liter Öl liefen aus der Turbinengruppe B aus und entzündeten sich. Im Maschinenhaus kam zu einer Explosion, es bildete sich starker Rauch. Erst eineinhalb Stunden nach Ausbruch war klar, wo der Brandherd lag.

Das brennende Öl unter der Turbine setzte die mittlerweile auf einer Pritsche verlegten Kabel in Brand, das Feuer breitete sich aus, sogar durch Maueröffnungen. Peter Courvoisier, damals Chef der Sektion für die Sicherheitsfragen in Atomanlagen (Vorläufer der heutigen Aufsichtsbehörde) beschrieb in seinem persönlichen Rapport diesen Moment als «eine heikle Situation». Courvoisier: «Zweifellos am schlimmsten und gefährlichsten ist aber, dass Kabelstege in Brand geraten sind ud zwar so heftig, dass nur noch das Kupfer der Leitungen da ist.» Erst über zwei Stunden nach Ausbruch konnte der Brand – kurz bevor das Feuer auf die Kabel übergreifen konnte, die zum Reaktorgebäude führen – unter Kontrolle gebracht und gelöscht werden. Anfänglich mühte sich die Feuerwehr lange mit dem stark brennenden Dach ab.

Der Brand im Maschinenhaus verzögerte die Inbetriebnahme nicht nur um fast ein Jahr, er kostete auch über 20 Millionen Franken. Denkwürdiger ist aber, dass die BKW der Öffentlichkeit schon damals nicht die ganze Wahrheit sagte: In einer Pressemitteilung, die noch in der Nacht veröffentlicht wurde, hiess es, 30 Sekunden nach Ausbruch des Brandes sei die Brandwache der Stadt Bern alarmiert worden. Im offiziellen Bericht des damaligen Kraftwerksleiters Hans-Rudolf Lutz steht hingegen, dass die Berufsfeuerwehr Bern um 21.19 Uhr alarmiert worden. Das wären fast vier Minuten nach Brandausbruch.

Die Öffentlichkeit hat zudem nie erfahren, dass es während des Brandes noch zu einer weiteren Panne gekommen ist, die glücklicherweise keine Folgen gehabt hatte. 46 Sekunden nach Ausbruch des Brands hätte der Reaktor automatisch abgeschaltet werden sollen. Doch es kam nur zu einem so genannten Teilscram. Der Grund, weshalb die Notabschaltung nicht funktionierte, wurde nie herausgefunden. Im Bericht über den Brand heisst es lapidar: «Es konnte nicht geklärt werden, warum (…) kein Vollscram stattfand.»

Die Aufsichtsbehörde hat kaum Zeit, sich dieser Panne zu widmen. Die Eidgenössische Kommission für die Sicherheit von Atomanlagen tagte am 5. November 1971. Im Protokoll heisst es zum Traktandum «Stand Mühleberg»: «Aus Zeitmangel wird dieses Traktandum nicht behandelt.» An der folgenden Sitzung im Mai 1972 ist Mühleberg wieder kein Thema. Unmittelbar vor dem Traktandum «Mühleberg» heisst es im Protokoll: «Aus Zeitmangel muss die Sitzung an dieser Stelle abgebrochen werden.» Da änderte auch die Tatsache nichts daran, dass es nur ein Monat zuvor im AKW Mühleberg wiederum zu sieben ungeplanten Schnellabschaltungen gekommen war. Einer gar «aus nicht eruierbarem Grund». Trotzdem wurde die Anlage gleich wieder hochgefahren.

Bereits in den Monaten vor dem Brand im Juli 1971 war es in Mühleberg immer wieder zu kleinen Störungen gekommen. Die monatlich der Aufsichtsbehörde abgelieferten Rapporte zeugen von einer hastigen Endphase des Baus. Im April 1971 schreibt ein Mitglied handschriftlich – und offensichtlich genervt – in sein Exemplar dieser Rapporte: «Immer wieder die gleichen Klein-Probleme». Reinigungsfilter im Brennelement sind defekt, Abwasserpumpen sind verstopft, Dichtungen im Zischenkühlkreislauf werden zerstört, der Druck des Wasser verformt sogar die Deckel der Wasserkammer.

Immer wieder sorgen die die Speisewasserpumpen für Probleme. Umschaltungen funktionieren nicht, es kommt zu «Scrams» (Schnellabschaltungen). Alleine im Juli 1971, in den Tagen vor dem Brand, kam es zu zehn ungeplanten Schnellabschaltungen, im Monat zuvor waren es sogar elf gewesen, wie Akten im Bundesarchiv zeigen. Im April 1972 kam zum wiederholten Mal zu mehreren Störungen bei der Speisewasserpumpe. In der Liste der rapportierten Pannen, die sich in den Akten des stellvertrenden Atomaufsehers des Bundes finden, notierte jemand sichtlich genervt: «Sind Pumpen-Umschaltungen Glücksspiele?».

1972 kommt es in Mühleberg zu «Würgassen-ähnlichen Effekten» im Torus, dem riesigen unterirdischen Stahlring, der rund um den Reator reicht und zum Druckausgleich dienen soll. Als Dampf in den Torus geleitet wird, beginnt dieser Teil der Anlage zu vibrieren. Ähnliches ereignete sich bereits im typengleichen deutschen Reaktor Würgassen. Bei General Electric, dem AKW-Bauer in den USA, ist der Konstruktionsmangel bekannt, er sollte weitreichende Folgen haben. Drei Ingenieure hatten grosse Sicherhheitsbedenken und forderten, solche AKW-Typen vom Netz zu nehmen. General Electric wollte nicht auf die hören, bis sie schliesslich unter Protest aus der Firma austraten (mehr zu diesem Thema in «Angelis Ansichten»)

1973 treten in einer mit Mühleberg vergleichbaren amerikanischen Anlage Risse an den Speisewasserverteilringen auf. Im Sommer 1973, nur gerade vier Monate nach der offiziellen Einweihung, werden diese Komponente deshalb auch in Mühleberg inspiziert. Und siehe da: Es werden “Kleine Anzeichen von Anrissen” in Speisewasserevrteilringen entdeckt, «die aber einen weiteren Betrieb ohne weiteres zuliessen».

Ein Jahr später müssen die Verteilringe der Speisewasserleitungen doch ersetzt werden. An einer Stelle sind sie gebrochen und an drei weiteren Stellen angerissen.

Das Interview zu den aktuellen Sicherheitsproblemen mit BKW-Chef Kurt Rohrbach findet sich im Beobachter 11/2011. Die komplette Berichterstattung «Die Akte Mühleberg» findet sich im aktuellen Beobachter.

Quelle: Bundesarchiv E 8190 (B) 1985/128 288.13; E8190 (B)-01 1986/181 062.240

AKW Mühleberg: Geheimnis um die Sicherheit

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Alle Schweizer AKWs sollen nach der Katastrophe in Japan einer umfassenden Sicherheitsprüfung unterzogen werden. In Mühleberg wurde eine solche Prüfung erst gerade vorgenommen, doch die Akten bleiben unter Verschluss.

Alle paar Jahre müssen die Betreiber der Schweizer Atomkraftwerke in einer so genannten Periodischen Sicherheitsüberprüfung PSÜ umfassend nachweisen, dass ihr AKW alle sicherheitsrelevanten Standards erfüllt. Vor wenigen Jahren musste sich auch Mühleberg wieder einer PSÜ unterziehen. Der umfassende Sicherheitscheck von Schweizer AKWs, den Bundesrätin Doris Leuthard jetzt angeordnet hat, gibt es also für Mühleberg bereits.

Im Gegensatz zu den Berichten anderer Schweizer Atomkraftwerke hält der halbstaatliche bernische Energiekonzern BKW die PSÜ zu ihrem Kraftwerk bis heute unter Verschluss. Anwohner des AKWs erkämpften vor Gericht immerhin eine minimale Einsicht in diese Akten. Doch der allergrösste Teil der Sicherheitsüberprüfung darf die Bevölkerung nicht sehen.

Öffentlich zugänglich ist hingegen eine Analyse der Aufsichtsbehörde ENSI zu diesem Sicherheitscheck. In einer über 500-seitigen «Sicherheitstechnischen Stellungnahme» (Seite 45) bewertete die staatliche Aufsicht 2007 die Sicherheitsprüfung des AKW Betreibers. Nach der Katastrophe von Fukushima liest sich die Einschätzung der Aufsichtsbehörde zum letzten Sicherheitsnachweis von Mühleberg in einem neuen Licht. Auf Seite 45 beispielsweise listet die Atom-Aufsichtsbehörde auf, ob die verschiedenen Systeme in einem schweren Unfall funktionieren würden. Das Resultat ist ernüchternd.

Gemäss dieser sicherheitstechnischen Einstufung funktionieren 17 der 37 mechanischen Sicherheitssystemen im Fall eines schweren Erdbebens nicht. Darunter ist etwa das Kernsprühsystem, ein oberhalb des Reaktors angebrachte Ringleitung zur Kühlung im Notfall (weist notabene bereits heute Risse auf) oder das Kühlsystem des Brennelement-Beckens. In den Brennelement-Becken werden die ausgedienten, aber noch wärme absondernden Brennstäbe gelagert, bis sie eine Temperatur erreichen, um ins Zwischenlager verfrachtet zu werden. In Fukushima (gleiche Raktorentypen wie Mühleberg) sind ausgerechnet die Brennelement-Becken zurzeit teilweise ausser Kontrolle geraten.

In Mühleberg würde bei einem schweren Erdbeben aber auch folgende Systeme nicht funktionieren: Reaktor-Umwälzsystem, Abfahr- und Toruskühlsystem, Vergiftungssystem, Hilfskühlwassersystem im Reaktorgebäude, Abgassystem, Notabluftsystem, Notstromdieselanlage, Steuerluftsysteme, Reaktorwasser-Reinigungssystem, Containment-Rückpumpsystem, Inertierungssystem des Primärcontainments, Zwischenkühlwassersystem Reaktorgebäude, Hochreservoir-Einspeisung sowie die Notstromversorgung vom Wasserwerk Mühleberg, sowie ein Sicherheits-Ablassventil.

(Bild: www.bkw-fmb.ch)

Written by Otto Hostettler

18. März 2011 at 09:57

AKW-Mühleberg: Gegner erhalten Einsicht in geheimes Gutachten

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Erfolg für die Gegner des Atomkraftwerks Mühleberg: Sie erhalten Einsicht in ein bisher geheim gehaltenes Gutachten über die Risse im Kernmantel des AKW.

Im Verfahren um die unbefristete Betriebsbewilligung des AKW Mühleberg forderten Kritiker unter anderem auch Einsicht in den Sicherheitsbericht. Das Bundesstrafgericht hat nun in einer Zwischenverfügung entschieden, dass die Gegner zumindest beschränkte Einsicht in diese Akten erhalten sollen. Dabei geht es um ein Gutachten zu den Rissen im Kernmantel des Reaktors sowie um drei weitere Unterlagen («Von Rissen darf keiner wissen», Beobachter 3/2009). Das Bundesstrafgericht kommt zum Schluss, das Recht auf Einsicht überwiege bei diesen Unterlagen das Interesse auf Geheimhaltung wegen Geschäftsgeheimnissen der Betreibergesellschaft BKW.

Keinen Zugang erhalten die AKW-Gegner aber in die von der Aufsichtsbehörde als «vertraulich» eingestuften Akten. Hier würden öffentliche Geheimhaltungsinteressen, die die innere Sicherheit betreffen würden, überwiegen.

Written by Otto Hostettler

9. Dezember 2010 at 14:09

Nun auch ein Riss am Druckbehälter

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© Beobachter 2009/Otto Hostettler

Nicht nur der Kernmantel des AKW Mühlebergs hat Risse. Jetzt wurde auch eine «Rissanzeige» am Reaktordruckbehälter entdeckt.

Bei der Jahresrevision wurde Anfang September im AKW Mühleberg erstmals ein Riss im Reaktordruckbehälter entdeckt. «Sicherheitstechnisch unbedenklich», sagt das Nuklearinspektorat als Aufsichtsbehörde. Der halbstaatliche Berner Energiekonzern BKW als Betreibergesellschaft informiert trotzdem wortkarg. Im neusten «Monatsbericht» der BKW steht nur ein verklausulierter Satz: «Die Überprüfungen am Reaktordruckbehälter ergaben eine für die Sicherheit nicht relevante Anzeige bei einer Rundnaht.»

Mehr Information liefert die Aufsichtsbehörde: «Eine Rissanzeige an einer Rundnaht erforderte eine bruchmechanische Bewertung. Das Nuklearinspektorat hat die Analyse überprüft und sich überzeugt, dass die Anzeige sicherheitstechnisch unbedenklich ist.»

Weitergewachsen sind übrigens auch die bereits seit Jahren bekannten Risse im Kernmantel.

Den vollständigen Artikel lesen Sie im Beobachter 21/09

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Written by Otto Hostettler

17. Oktober 2009 at 13:02

AKW Mühleberg: Von Rissen darf keiner wissen

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© Beobachter 2009

Die Risse im Kernmantel des bald 40-jährigen AKW Mühleberg werden immer grösser. Trotzdem will man eine unbefristete Betriebsbewilligung – und hält die Sicherheitsberichte unter dem Deckel. Ein solcher Bericht enthält brisante Informationen.

Dieses Mal ist alles anders: Die halbstaatliche Betreiberfirma BKW will nicht öffentlich Rechenschaft ab­­legen über massgebliche Sicherheitsfragen des Atomkraftwerks Mühleberg. Obschon sie für das fast 40-jährige AKW derzeit vom Bund eine unbefristete Betriebsbewilligung verlangt, bleibt ein umfassender Sicherheits­bericht unter Verschluss. Eigenartig: Der letzte solche Bericht («SIB 89») war noch öffentlich, genauso wie die entsprechenden Berichte anderer Schweizer Atomanlagen.

Dabei birgt eine vertrauliche Expertise der BKW von 2007, die dem Beobachter vorliegt, brisante Details zu den Rissen an den Schweissnähten des Kernmantels. Diese waren vor bald 20 Jahren entdeckt worden. In einer aufwendigen Reparatur wurden Mitte der neunziger Jahre vier Zuganker als Klammern um den Kernmantel gebaut. Als die BKW vor zehn Jahren eine unbefristete Bewilligung verlangte (und nur eine befristete erhielt), liess Bundesrat Moritz Leuenberger bei der deutschen Prüfanstalt TÜV eine Expertise über mögliche Folgen der Risse erstellen. Der TÜV kam – damals – zum Schluss, die Risse seien kein Sicherheitsrisiko.

Den riesigen ­Klam­mern zum Trotz – der 157 Seiten starke vertrauliche BKW-Bericht belegt das Ausmass einer beunruhigenden Entwick­lung: Die am stärksten betroffene hori­zon­tale Schweissnaht Nummer elf weist inzwischen neun Risse auf, die sich gesamthaft über 2,4 Meter erstrecken – also fast über einen Viertel des Umfangs des Kernmantels.

Der längste dieser Risse misst 91 Zentimeter. Vor zehn Jahren war der längste noch 48 Zentimeter lang, die Gesamtlänge aller Risse nicht einmal halb so gross wie heute. Der tiefste Spalt misst gemäss der nie ver­öffentlichten Expertise 2,4 Zentimeter. Er durchdringt die 3,1 Zentimeter dicke Wand des Kernmantels um mehr als zwei Drittel.

Ein Blechteil fällt in den Reaktorkern

Über die Risse möchte die BKW am liebsten gar nicht sprechen. Gegenüber dem Beobach­ter heisst es nur, die am stärksten betroffene Schweissnaht sei zu «72 Prozent intakt». Sprich: Sie ist zu mehr als einem Viertel nicht «intakt». Irritierend: Die Aufsichtsbehörde Ensi ­(Eidgenössi­sches Nuklearsicherheitsinspektorat) hält in ihrem Jahresbericht summarisch fest, die Risse hätten «keinen Ein­fluss auf den sicheren Betrieb der Anlage».

Doch im AKW Mühleberg gibt es noch andere Probleme. Auch an der Kernsprüh­leitung sind Risse aufgetaucht. Und aus der Pendenzenliste der Aufsichts­behörde geht hervor, dass sogar der Ablauf der Morgen­sitzung im AKW zu wünschen übrig lässt.

Die Hintergründe der Vorfälle im AKW muss man sich aus den verschiedenen Publikationen der Aufsichtsbehörde zusammentragen: So ereignete sich beispielsweise während der Jahresrevision im August 2007 bei der sogenannten Brennelement-Wechselmaschine (einer Art Kran im Reaktorgebäude) eine denkwürdige Panne. Bei einem Test öffnete sich fälschlicherweise ein Greifer, so dass ein Kasten mit gebrauchten Brennelementen auf den Boden des Brennelement­beckens «abrutschte». Im Aufsichtsbericht heisst es dazu lapidar, zwei Luftschläuche seien vertauscht angeschlossen – und das Versehen bei der Funktionskontrolle über­sehen worden.

Wenige Tage später Phase zwei im Wechselmaschinendebakel: Das frisch sanierte Gerät wird über dem offenen Reaktor ausprobiert. Just zum Zeitpunkt, da mit dem Kran die Brennelemente in den Reaktorkern eingesetzt werden, löst sich ein Blechteil von der Maschine – das gute Stück entschwindet im Reaktorkern. Im Aufsichtsbericht heisst es beschwichtigend: «Das Teil konnte nicht geborgen werden. Es wurde jedoch nach­gewiesen, dass der Verlust dieses Kleinteils die Sicherheit der Anlage nicht gefährdet.»

Lesen Sie den vollständigen Artikel im Beobachter 3/09

Written by Otto Hostettler

6. Februar 2009 at 14:30

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