Otto Hostettler's Blog

Posts Tagged ‘Kloster Ingenbohl

Wer genau war Opfer, wer Täter?

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Angenommen, Sie müssten als externe Untersuchungskommission abklären, was hinter den Vorwürfen früherer Heimkinder steckt. Diese erzählen, sie seien jahrelang gedemütigt worden, hätten unwürdige und von Gewalt geprägte Strafen über sich ergehen lassen müssen oder seien sogar sexuell missbraucht worden («Dünkeln und duschen» im Kinderheim «Maria hilf» Laufen)

Frage: Wie würden Sie den Titel dieses Berichts wählen?

  1. «Aufarbeitung von Missständen in Kinderheimen des Klosters Ingenbohl»
  2. «Ingenbohler Schwestern in Kinderheimen»

Aufgrund der Betrachtungsweise können Sie nun entweder die Opfer der damaligen Erziehungsverantwortlichen thematisieren oder aber auch die aufopfernde Arbeit der Nonnen würdigen. Zusammenfassend können Sie dann das grosse Wort «Gerechtigkeit» darüber stellen.

Lösungshinweis: Bei der Präsentation des Berichts betonte der Wettinger Notar und Kommissionspräsident Magnus Küng, man dürfe «im Sinn einer differenzierten Betrachtungsweise den institutionellen Gesamtkontext nicht ausser Acht» lassen. Alles klar?

Machen Sie sich ein Bild von der Betrachtungsweise der vom Kloster Ingenbohl eingesetzten externen Untersuchungskommission. (Schlussbericht Expertenkommission 230113)

 

Written by Otto Hostettler

31. Januar 2013 at 15:44

Tatort Kinderheim: Die düstere Rolle der Kirche

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Jetzt hat sich auch die Luzerner Behörde vergewissern können, was Betroffene seit Jahrzehnten schildern: Kinder wurden in Heimen systematisch verprügelt, gedemütigt, missbraucht. Ein Forschungsbericht listet erschreckende Einzelheiten. Für eine Entschädigung der Opfer sieht Luzern hingegen keine Rechtsgrundlage.

In den Kinderheimen des Kantons Luzern stand über Jahrzehnte hinweg an vorderster Front die katholische Kirche. Es waren Ordensschwestern, die Buben und Mädchen dazu zwangen, ihr Erbrochenes zu essen, die ihnen zur Strafe kein Essen mehr gaben oder sie tagelang ins «Chruzi» sperrten, wie der kleine fensterlose Raum in der berüchtigten Anstalt Rathausen genannt wurde. Es waren nicht zuletzt auch die beiden katholischen Priester, die über Jahre hinweg für solche Gewaltorgien verantwortlich waren und auch Kinder sexuell missbrauchten. Viele wussten davon, niemand unternahm etwas dagegen (Schlussbericht_Kinderheime_Luzern). Im «Beobachter» schilderte ein Bewohner seine Geschichte.

Besonders bitter für die Betroffenen: Die beiden ehemaligen Rathausen-Direktoren, die in der Luzerner Forschungsarbeit genannt und thematisiert werden, erlebten die historische Aufarbeitung ihrer eigenen Vergangenheit nicht mehr. Direktor Anton S. starb erst vor wenigen Monaten. In der Todesanzeige waren seine Rathausen-Jahre nicht erwähnt, ganz offensichtlich wollte sich die katholische Kirche dieser Vergangenheit nicht stellen. Im Nachhinein wollte niemand für die Todesanzeige verantwortlich sein, Erstunterzeichner war Bischof Felix Gmür. Er sagte gegenüber dem Beobachter, es sei nicht klar, wer die Todesanzeige zu verantworten habe.

Während der Kanton Luzern zusammen mit der katholischen Kirche Luzern mit ihrem Bericht zur historischen Aufarbeitung der Geschichte beitragen, drücken sich andere weiterhin um ihre Verantwortung. Wie und wann das Kloster Ingenbohl ihre angekündigte historische Aufarbeitung präsentiert, ist nicht klar. Still wurde es auch um die Heilsarmeee. Vor bald zwei Jahren kündigte sie eine historische Untersuchung an, was inzwischen passiert ist, ist ebenfalls unklar. Wie das Kloster Ingenbohl führte auch die Heilsarmee jahrzehntelang in verschiedenen Gebieten der Schweiz Kinderheime. Schlagzeilen machte etwa das Kinderheim Paradies in Mettmenstetten, mehrere Zeitzeugen erzählten erschütternde Erlebnisse.

Written by Otto Hostettler

16. Oktober 2012 at 17:40

Verdingt, versorgt, vergessen

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Lange genug gewartet: Betroffene früherer Zwangsmassnahmen werden ungeduldig. Die offizielle Schweiz lässt sich Zeit, sich der eigenen Geschichte zu stellen.

Zwei Jahre sind vergangen, seit Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf an einem bewegenden Anlass im Frauengefängnis Hindelbank administrativ Versorgte empfing. Die Frauen waren ohne Gerichtsverfahren ins Gefängnis gesteckt worden, bloss weil den Ämtern ihr Lebensstil oder jener ihrer Eltern nicht passte.

Seit der Feier ist es still geworden. Bei weiteren Betroffenen fürsorgerischer Zwangs­massnahmen hat sich die offizielle Schweiz nicht entschuldigt – weder bei den Kindern, die verdingt oder ins Waisenhaus gebracht wurden, obwohl sie keine Waisen waren, noch bei den Frauen, die man gegen ihren Willen oder ohne ihr Wissen sterilisierte. In Bern heisst es lediglich, das Bundesamt für Justiz bereite einen Anlass für Verdingkinder vor. Ein konkretes Datum ist nicht in Sicht.

Nun verlieren die Betroffenen die Geduld. Die Vereine der administrativ Versorgten, Fremdplatzierten, Netzwerk-Verdingt und eine Gruppe Zwangssterilisierter wenden sich in einem Aufruf an den Bundesrat und die Konferenz der Kantonsregierungen. Sie fordern, dass sich der Bund endlich offiziell bei den Betroffenen entschuldigt.

Brief-KDK-120903

Zum vollständigen Beobachter-Artikel (Beobachter 19/2012)
Musterbrief für Akteneinsicht.
 

Kirche «vergisst» Rathausen-Vergangenheit

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Direktor Anton S. war bei den Kindern gefürchtet wegen sei­ner drakonischen Strafen in der Erziehungsanstalt Rathausen Anfang der fünfziger Jahre. Nun ist er 96­jährig gestorben. In der Todesanzeige des Bistums Basel klafft im Lebenslauf eine Lücke: die Zeit in Rathausen.

«Für alle Kinder, die unter Anton S. gelitten haben, ist das ein Affront», sagt ein 78­jähri­ ger ehemaliger Bewohner. Wie schon sein Vorgänger habe S. immer wieder «brutal» zuge­schlagen, auch bei Mädchen. «Sie mussten sich auf den Tisch legen und den Hintern frei ma­chen. Dann kam Direktor S. mit dem Stock.» Betroffene berich­ten aus dieser Zeit von zahlrei­chen physischen, psychischen und sexuellen Übergriffen.

Die Todesanzeige führt Bischof Felix Gmür als Erstunterzeich­ner auf. Es sind alle priesterli­chen Stationen von S. aufgelis­tet, ausser der Direktorenstelle in Rathausen. Das Bistum gibt an, er sei in dieser Zeit Vikar in Basel gewesen. Darauf ange­sprochen, lässt Bischof Gmür ausrichten, dem Bistum sei nicht bekannt, wer den Auftrag für die Anzeige erteilt habe.

Für den ehemaligen Kinder­heimbewohner ist klar: Die Kir­che wolle nicht zur Rathausen­ Vergangenheit des Priesters stehen. Das Heim wurde bis in die siebziger Jahre vom Kloster Ingenbohl geführt, als Direktor amtete jeweils ein Priester. Das Kinderheim steht zurzeit im Zentrum einer Untersuchung des Kantons Luzern über die damaligen Zustände. Sie soll auch die Hintergründe zu meh­ reren Todesfällen aufklären, darunter wahrscheinlich auch Suizide. Auch die vom Kloster Ingenbohl beauftragte Kom­mission hat mit der Aufarbei­tung der düsteren Vergangen­heit begonnen.

 

(Bild: http://www.kinderheime-schweiz.ch)
 

Written by Otto Hostettler

2. Februar 2012 at 14:49

Morgenröte im Kloster Ingenbohl

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Sie sollten in Kinderheimen für das Wohl der Kinder sorgen. Doch im Alltag waren die Ingenbohler Schwestern damit oft überfordert. Mehr noch: Sie führten in ihren Heimen die Kinder mit harter Hand – buchstäblich. Jetzt setzt das Kloster eine externe Arbeitsgruppe ein.

Einstige Zöglinge erzählen von rabiaten Erziehungsmethoden und drakonischen, folterähnlichen Strafen. Willy Mischler etwa, der in den 60er Jahren mehrere Jahre im Waisenhaus «Maria hilf» in Laufen (damals BE) lebte, berichtete von grausamen Vorgängen: Minutenlang wurde er zur Strafe kopfüber in einen Wassereimer gesteckt. Weit verbreitet war auch, Kinder kalt abzuduschen. Oder ihnen den Nachthafen mit einem Lederriemen an den Hintern zu binden und die Kleinen so stundenlang sitzen zu lassen («Misshandelt im Kinderheim»; «Die Schwester mit dem Stock gab das Kommando»; «Rathausen: Gewalt, Missbrauch, Suizide»). 

Schon vor Monaten hat die Provinzoberin des Klosters Ingenbohl, Schwester Marie-Marthe Schönenberger, eine externe Untersuchung angekündigt. Erst jetzt wurde bekannt, wie sich die Arbeitsgruppe zusammensetzt, die die Vorfälle in den Heimen der Ingenbohler Schwestern aufarbeiten soll:

–        Magnus Küng, Fürsprecher und Notar (Präsident der Arbeitsgruppe)

–        Hardy Notter, Rechtsanwalt

–        Beatrix Staub-Verhees, Psychologin

–        Anton Strittmatter, Erziehungswissenschaftler

–        Simon Rickenbacher, Kommunikationsberater

Nicht in der Gruppe vertreten sind Historiker sowie Betroffene von Übergriffen im Kinderheimen.

Ein anderes Projekt zur Aufarbeitung der Geschichte der Kinderheime der Schweiz wird von der Guido-Fluri-Stiftung getragen. In den nächsten drei Jahren wird der Zürcher Historiker Thomas Huonker Vorfälle in Kinderheimen der ganzen Schweiz dokumentieren und Zeitzeugen anhören ( «Privater lanciert Aufarbeitung»).   Einstige Bewohnerinnen und Bewohner von Kinderheimen, die in früheren Jahren Opfer von Übergriffen geworden sind, erhalten auch Unterstützung bei der Einsicht in ihre Akten.

Anlaufstelle für Betroffene: www.Kinderheime-Schweiz.ch

Written by Otto Hostettler

22. Dezember 2010 at 10:20

Kehrtwende bei der Heilsarmee, Stille im Kloster Ingenbohl

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Die Heilsarmee will alte Vorfälle in ­ihrem Kinderheim Paradies in Mettmenstetten ZH nun doch «von unabhängi­ger Stelle» aufarbeiten lassen, erklärt Direk­tionsmitglied Martin Künzi. Noch vor wenigen Wochen hatte das die Heilsarmee abgelehnt. Sie foutierte sich während Monaten um die 82-jährige Klara Zelg (Name geändert), die dem Hilfswerk von schrecklichen Er­leb­nis­sen in den Vierzigern berichtete. Erst als sich der Beobachter einschaltete, entschuldigte sich das christliche Hilfswerk bei der betagten Frau.

Doch für eine historische Aufarbeitung der Vorfälle im Kinderheim, bot die Heilsarmee nicht Hand. Es gebe auch positive Rückmeldungen, so dass man keine Veranlassung sehe, das Archiv zu durchforsten. Zur Kehrtwende kam es nun, als der Beobachter der Heilsarmee von über einem Dutzend weiterer Betroffener vorlegte, die alle über ähnliche Erlebnisse berichten wie die 82-jährige Frau. Klara Zelg erinnerte sich zum Beispiel, wie sie im  schwach beleuchteten Kellergang mit dem Teppichklopfer traktiert wurde, weil sie das Bett nässte. Die Heimleiterin trichterte ihr ein: «Wenn Du im Dorf, in der Schule oder einem Lehrer ‚etwas’ über das ‚Paradies’ erzählst, dann wirst Du von Deinen Geschwistern getrennt und kommst in eine Erziehungsanstalt.»

Schläge, Prügel und rigides Strafensystem waren nur das Eine. Jeden Abend nach dem Essen musste S.W. im Nähzimmer dreckige, von Schweiss durchtränkte Knabensocken flicken. Bis ihre Finger derart wund waren, dass sie tagsüber in der Schule den Füllfederhalter kaum noch in der Hand halten konnte. Ihre Schwester kam nie über die Zustände im Kinderheim hinweg und nahm sich später das Leben.

Unklar ist weiterhin, inwiefern sich die Ingenbohler Schwestern ihrer Geschich­te stellen. Sie führten unter anderem die berüchtigte Anstalt Rathausen oder das Kinderheim Mariahilf in Laufen ­(da­mals BE). Im Mai wurde eine Arbeits­gruppe ­angekündigt; bis heute ist noch nicht mal klar, wer diese leiten soll.

Einzig der Kanton Luzern ist derzeit daran, frü­here Übergriffe in Heimen systematisch zu dokumentieren. Der Kanton Bern wollte zwar die Geschichte der Heim- und Verdingkinder auf­arbeiten, entstanden ist nun aber ein Bericht über die Praxis der Fremdplatzierung in Lützelflüh und Sumiswald.

Written by Otto Hostettler

24. November 2010 at 20:58

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