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Organspende: BAG verwedelt die brisante Neuerung

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Das Bundesamt für Gesundheit verpackt eine brisante Änderung zum Thema Organspende so unverständlich, dass den Medien die Lust auf Nachfragen vergeht – damit ist das Thema vom Tisch.

Das Bundesamt für Gesundheit will das Transplantationsgesetz so ändern, dass künftig Angehörige im Namen eines Koma-Patienten entscheiden können, ob bereits vor dem Tod organerhaltende Massnahmen eingeleitet werden sollen. Das heisst: Ohne Einwilligung eines Patienten könnten dereinst am noch lebenden Menschen bereits chirurgische Eingriffe vorgenommen werden.  Damit wäre für die Organentnahme nicht mehr der irreversible Hirntod entscheidender Zeitpunkt, sondern der Herztod. Die Gesetzesänderung dazu wird Ende Jahr dem Parlament vorgelegt, wie das Bundesamt für Gesundheit ankündigt.

Damit die Medien die Brisanz dieser Neuigkeit nicht erkennen und das Thema auch nicht breit aufgegriffen wird, verpackte das Bundesamt für Gesundheit diese ethisch-moralische Grundsatzfrage in seiner Pressemitteilung in ein völlig anderes Thema und wählt zudem eine schwer verständliche Beschreibung. In bestem Behördendeutsch tönt das dann so:  «Neben der Gleichstellung von Grenzgängerinnen unbd Grenzgängern sowie ihrer nicht erwerbstätigen, in der Schweiz krankenversicherter Familienangehörigen bei der Organzuteilung sieht die Teilrevision des Transplantationsgesetzes verschiedene Präzisierungen vor. So wird der Zeitpunkt der Anfrage an die Angehörigen für eine allfällige Organentnahme genauer geregelt, ebenso wie die Zustimmung zu vorbereitenden medizinischen Massnahmen bei Urteilsunfähigkeit einer Spenderin oder eines Spenders.»

Alles klar? Um was es wirklich geht, ist hier zu lesen: Ärzte wollen den Hirntod nicht mehr abwarten (Beobachter 12/2012).

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Written by Otto Hostettler

3. Juli 2012 at 15:54

Ärzte wollen Hirntod nicht mehr abwarten

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Komapatienten müssen damit rechnen, dass man ohne ihr Einverständnis vorbereitende ­Eingriffe für ­eine Organentnahme an ihnen vornimmt. Die Gesetzesänderung dazu liegt schon bereit.

Der Druck, neue Organspender zu finden, wird immer grösser. Über 1100 Personen warten aktuell in der Schweiz auf ein Organ, das ihr Leben retten könnte. So lang war die Warteliste noch nie. Pro Jahr durchgeführt werden aber nur rund 500 Transplantationen.

Jetzt plant das Bundesamt für Gesundheit (BAG), das erst 2007 eingeführte Transplantationsgesetz bereits wieder zu ändern. Neu geregelt werden soll die Grundsatzfrage, ab welchem Zeitpunkt ­erste medizinische Massnahmen eingeleitet werden können, um danach Herz, Lunge, Niere, Leber und andere Organe zu entnehmen. Die Revi­sion ist weit fortgeschritten. Schon in den nächsten Wochen will das zuständige Bundesamt die revidierte Regelung den vorberatenden Kommissionen von National- und Ständerat vorlegen.

Angekündigt hatte das BAG den Entwurf im Herbst als «Präzisierung» des heutigen Transplantationsgesetzes. Doch dahinter steckt mehr: Künftig soll es möglich sein, bei einem Menschen bereits vor dem Eintritt des Todes gerinnungshemmende oder gefässerweiternde Medikamente zu ver­abreichen oder arte­rielle Kanülen zur Kühlung der Organe zu setzen. Das ethische Problem dabei: Diese sogenannten organ­erhaltenden Massnahmen sind medizi­nische Eingriffe, dienen aber nicht dem gesundheitlichen Wohl des Sterbenden, sondern liegen einzig im Interesse des künftigen Empfängers.

Gemäss der geplanten Formulierung dürfen Ärzte bei Pa­tienten, deren Hirn stark beschädigt ist, deren Herz aber noch schlägt, mit solchen organ­erhaltenden Massnahmen beginnen. Heute müssen Ärzte zuerst den Hirntod abwarten, also bis alle Funktionen des Hirns ausgefallen sind und der Mensch nach wissenschaftlicher Definition als tot gilt.

Die zweite Änderung ist genauso brisant: Bisher durften solche Eingriffe vor dem Tod nur dann durchgeführt werden, wenn Betroffene «frei zugestimmt» hatten. Falls sich die sterbende Person nie für oder gegen eine Organspende ausgesprochen hat, sollen neu Angehörige im Namen des Sterbenden solchen Eingriffen zustimmen – also vor seinem Tod und ohne sein ausdrückliches Einverständnis, nur aufgrund des «mutmasslichen Willens» des bewusstlosen, aber noch lebenden Patienten.

Für Angehörige von hirnverletzten Pa­tienten können solche Entscheide enorm belastend sein, ja sogar unerträglich. Sie müssen nicht nur damit fertig werden, in einer medizinisch aussichtslosen Situation die lebenserhaltenden Massnahmen auszusetzen und so das Leben ihres Angehörigen zu beenden, also passive Sterbehilfe zu leisten. Sie müssen auch damit rechnen, dass nicht sie den Zeitpunkt für das Lebensende ihres Angehörigen bestimmen, sondern Ärzte: Werden organerhaltende Massnahmen eingeleitet, wird der Tod genau dann herbeigeführt, wenn er optimal in den Ablauf einer anstehenden Transplantation passt.

Wie eine solche Organentnahme in der Praxis abläuft, beschreibt die Stiftung Dialog Ethik in ihrer jüngsten Publikation anhand eines Fallbeispiels: Für den Therapieabbruch wird der noch lebende Patient 
in einen Operationssaal gebracht. Die Angehörigen können sich verabschieden, zusammen mit einem Betreuungsteam wird die Beatmungsmaschine abgeschaltet.

Im Nebenzimmer steht ein Transplantationsteam bereit, jetzt muss alles schnell gehen. Entweder entnimmt das Team die Organe unverzüglich nach Eintritt des Herzstillstands, oder es setzt den Kreislauf nach der Feststellung des Hirntods – exakt zehn Minuten nach dem Herzstillstand – mit einer Herz-Lungen-Maschine wieder in Gang. Damit werden die Organe wieder durchblutet, die anstehende Transplanta­tion kann beginnen.

Patientenschützerin Margrit Kessler kennt solche Situationen: «Nach den vorgeschriebenen zehn Minuten stürzen sich die Ärzte wie Bienen auf den Körper, um ihn wiederzubeleben. Es ist unglaublich.» Der für tot erklärte Patient werde reanimiert, einzig zum Zweck, ihm möglichst viele Organe entnehmen zu können. «Kann man da noch von Sterben in Würde sprechen?» Mit dieser neuen Regelung werde der Arzt Richter über Leben und Tod. «Je nach seiner ethischen Einstellung kann er den Tod früher oder später herbeiführen», sagt Kessler. «Die operativen Eingriffe am noch lebenden Patienten mit dem Ziel, Spenderorgane zu erhalten, und die dann folgende Herztodherbeiführung durch den Arzt sind ethisch nicht vertretbar.» Werde diese Regelung eingeführt, werde sie ihren Organspendeausweis zerreissen.

In Deutschland und Kanada etwa ist die Organentnahme bereits nach dem Herztod nicht erlaubt. Die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften, die die Gesetzesrevision vorangetrieben hat, stützt sich bei ihrer Einschätzung auf ein Gutachten des Neuen­burger Rechts­gelehrten Oli­vier Guillod. Im Auftrag des BAG kommt er zum Schluss, dass schon heute vorbereitende Massnahmen für eine Organentnahme vor dem Tod erlaubt ­seien, selbst wenn der mutmassliche Wille zu einer Organspende nicht bekannt sei. Seine Überlegung dahin­ter: Angenommen, ein Sterbender befürwortet tatsächlich ­eine Organspende, dann wären solche Eingriffe unabdingbar, um später eine Transplantation überhaupt erfolgreich durchführen zu können.

Vorbereitende Massnahmen für eine Organentnahme widersprächen nicht unbedingt den Interessen eines Menschen, 
in Würde zu sterben, sagt Olivier Guillod. Seiner Ansicht nach geht es für Patienten mit einer aussichtslosen Diagnose nicht mehr um einen therapeutisch bedingten Eingriff und deshalb auch nicht um einen Entscheid zwischen Leben und Tod. «Eher ist es ein Entscheid zwischen zwei Arten, das Leben dieser Patienten ausklingen zu lassen.»

Doch es gibt auch eine andere Sicht. Die Zürcher Medizinrechtlerinnen Birgit Christensen und Margot Michel betrachten die geplante Gesetzesänderung kritisch. Wenn künftig bereits vor dem Tod eines Menschen «Drittinteressen» berücksichtigt würden, werde die Rechtsposition des noch lebenden Menschen «beträchtlich eingeschränkt», schreiben sie in einer Analyse. Margot Michel: «Alle medizinischen Behandlungen vor dem Tod stellen eine Verletzung der körperlichen Integrität des Patienten dar. Sie sind deshalb in der Regel nur mit dessen Einwilligung rechtmässig.» Und: «Es besteht die Gefahr, dass ein Mensch vor dem Tod für Drittinteressen instrumentalisiert wird.»

Trotz schwerwiegenden juristischen Zweifeln und ohne die Gesetzesänderung abzuwarten, hat die Akademie der Medizinischen Wissenschaften ihre Richtlinien genau in diesem Punkt bereits überarbeitet und die neue Standesregelung schon am 
1. September 2011 in Kraft gesetzt. Damit ist der Herztod anstelle des Hirntods als entscheidendes Kriterium für anstehen­de Organentnahmen für Ärzte bereits ver­bindlich ge­regelt. Erste Universitätsspitäler wenden die neue Praxis an. Der Jahres­bericht 2011 von Swiss­transplant weist ­jedenfalls drei Fälle von «Spendern nach Herzstillstand» aus.

Für die Akademie der Medizinischen Wissenschaften stehen die neuen Richt­linien nicht im Widerspruch zur geltenden Gesetzgebung. Es sei nur eine Präzisierung, betont die stellvertretende Generalsekretärin Michelle Salathé. Dabei stützt sich die Akademie auf die rechtliche Aus­legung von Gutachter Guillod, der beim Erarbeiten der neuen Richtlinien auch gleich noch als Berater mitgewirkt hat.

Doch ganz so wohl scheint es der Fachorganisation nicht zu sein. Man wolle ­«Ärzte keineswegs in eine Situation bringen, sich zwischen Standesrecht und ­gesetzlichen Bestimmungen entscheiden zu müssen», betont sie. Doch genau das könnte eintreffen. Margot Michel: «Diese Richtlinien sind teilweise nicht mit dem geltenden Transplantationsgesetz vereinbar.» Für sie ist klar: «Die Akademie der Medizinischen Wissenschaften hat ihre Richtlinien etwas vorschnell angepasst.»

Dass sich Ärzterichtlinien und Gesetzesentwurf auffallend ähnlich sind, ist kein Zufall. Der Vorschlag für die Formulierung der entscheidenden Passage stammt von der Akademie selber, wie Michelle Salathé bestätigt. Es gehe darum, «Interpretationsschwierigkeiten», die allerdings nicht weiter ausgeführt werden, zu beseitigen.

Offensichtlich befürchtete die Akademie, mit dem 2007 eingeführten Gesetz würde die Zahl der Spender zurückgehen. Salathé: «Aufgrund der unklaren Situation bestand die Gefahr, dass weniger Transplantationen durchgeführt werden, als unter anderen Umständen möglich wären.» Die Zahlen zeigen einen anderen Trend auf. Bei der Einführung des Gesetzes zählte man vor fünf Jahren 81 tote Organspender, im letzten Jahr waren es bereits 99.

Sind Sie Organspender? Was denken Sie zu diesem Thema? Diskutieren Sie im «Beobachter»-Forum.
 
© Bergringfoto – Fotolia.com
 

Written by Otto Hostettler

7. Juni 2012 at 21:06

Wer richtig liegt, hat noch nicht unbedingt recht

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Was macht eine Patientenschützerin, die vernimmt, dass ein Chefarzt einer Patientin den offenen Bauch mit einer hochgiftigen Substanz (Methylenblau) spült, was zuvor erst an Ratten getestet worden war? Was, wenn sie erfährt, dass der Chefarzt bei Darmoperationen keine künstlichen Darmausgänge anlegt, wie es die Standardtherapie vorsieht?  Und was, wenn sie erfährt, dass der gleiche angesehene Chefarzt an einem Tag zwischen 8.15 Uhr und 16.15 Uhr in vier Operationssälen dreizehn Eingriffe persönlich vorgenommen haben soll?

Richtig: die Präsidentin der Schweizerischen Patientenorganisation Margrit Kessler stellte Fragen. Denn: Der Chefarzt führte seine experimentellen Behandlungen durch, ohne die Patienten umfassend zu informieren. Mehrere Patienten starben bei diesen unüblichen Eingriffen.

Doch nicht etwa der Chefarzt rückte ins Zentrum des Interesses, sondern die Patientenschützerin. Plötzlich fand sie sich selber inmitten von zahlreichen Gerichtsverfahren. Fast zehn Jahre stand Margrit Kessler vor  Gerichten. Der Fall nahm geradezu groteske Züge an. Zehn mal entschieden St. Galler Gerichte über sie, vier mal beschäftigte sich das Bundesgericht mit dem Fall. 2005 wurde sie vom St. Galler Kreisgericht verurteilt wegen falsches Zeugnisses, übler Nachrede, Verleumdung und sah sich auf einmal mit Verfahrens- und Genugtuungskosten von über 200’000 Franken konfrontiert. Kessler liess sich nicht unterkriegen und forderte beharrlich ihr Recht ein. Erst 2009 rehabilitierte sie das Bundesgericht.

Jetzt hat die Präsidentin der Schweizerischen Patientenorganisation SPO ihren zehnjährigen Kampf gegen die «Halbgötter in Schwarz und Weiss» als Buch zusammengefasst. In zahlreichen Details und Episoden schildert sie, wie ihre Kritik an den experimentellen Behandlungsmethoden für sie zum Albtraum wurde. Sie zeigt auch die eigenartige Dynamik der St. Galler Justiz, wem die Behörde Glauben schenkte, wie sie offensichtliche Widersprüche und Merkwürdigkeiten nicht hinterfragte und wie sie die hartnäckige Patientenschützerin ganz generell behandelte.

Das Buch dokumentiert die problematische Tätigkeit eines Arztes, der Forschung an Patienten betrieb und dies den Betroffenen vorenthielt. Das Buch zeigt gleichzeitig, wie es in der Schweiz um die Rechte der Patienten steht: leider alles andere andere als gut.

«Halbgötter in Schwarz und Weiss»; Rückblick auf einen Medizinskandal, der zum Justizskandal wurde. Margrit Kessler; Verlage Xanthippe. Erhältlich im Buchhandel oder direkt  hier.

Written by Otto Hostettler

15. April 2010 at 20:21

Heimliche Versuche am Menschen

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© Beobachter 2010/Otto Hostettler

Eine Gesetzeslücke erlaubt Ärzten, an Patienten zu forschen, ohne diese zu informieren. In Zukunft müssen sie ihre Versuche einfach offiziell als «Einzelexperiment» deklarieren.

Eine Gesetzeslücke erlaubt Ärzten, an Patienten zu forschen, ohne  diese zu informieren. In Zukunft müssen sie ihre Versuche einfach  offiziell als «Einzelexperiment» deklarieren.

Die grosse Enttäuschung blieb Elisabeth Küffer* erspart. Sie war bereits sieben Jahre tot, als das Bundesgericht ihren Arzt vollumfänglich freisprach. Als einer von 186 Patientinnen war ihr von einem bekannten Basler Onkologen zur Krebstherapie Lipoteichonsäure verabreicht worden – eine Substanz, die nirgendwo auf der Welt als Medikament zugelassen ist und niemals am Menschen hätte eingesetzt werden dürfen.

Am Anfang des Verfahrens hatte Elisabeth Küffer so etwas wie Genugtuung verspürt. Denn als die krebskranke Frau realisiert hatte, dass ihr Onkologe sie als «Versuchskaninchen» missbraucht hatte, ermittelte die Staatsanwaltschaft Basel-Stadt hartnäckig gegen den renommierten Arzt.

Das Bundesgerichtsurteil von 2008 sorgt noch heute für Kopfschütteln unter Ärzten und Juristen. Öffentlich dazu äussern will sich ausser Patientenrechtlern aber kaum jemand. Eine Ausnahme bildet der Basler Richard Herrmann, Chefarzt der Klinik für Medizinische Onkologie am Unispital Basel: «Mit dieser fatalen Fehleinschätzung des Gerichts könnten in Zukunft beliebige Substanzen ahnungslosen Patienten abgegeben werden – anstelle einer anerkannten Therapie.»

Tatsächlich wurden in den letzten Jahren immer wieder Fälle von ehrgeizigen Ärzten publik, die an Patienten ohne deren Wissen experimentierten. Ein neues Humanforschungsgesetz, das spätestens im Herbst von Ständerat und Nationalrat verabschiedet werden soll, bezweckt eigentlich den Schutz der Menschenwürde. Doch wichtige Bereiche bei medizinischen Experimenten bleiben ungeregelt – zum Nachteil der Patienten.

Das neue Gesetz regelt nur die systematische Forschung. Dafür muss im Vorfeld eines Experiments ein Studienplan mit Ziel, Anzahl beteiligter Personen, Ablauf und ähnlichen Vorgaben bekannt gegeben und von einer Ethikkommission genehmigt werden. In solchen Fällen werden Ärzte über mögliche Gefahren ihrer unerprobten Behandlungsmethoden informieren und die schriftliche Einwilligung der Patienten einholen müssen.

Nicht unter das neue Gesetz fallen sollen aber Einzelexperimente, wenn zum Beispiel ein Arzt bei lebensbedrohenden Krankheiten als letzte Möglichkeit nicht zugelassene Arzneimittel verabreicht. Die Medizin spricht hier von «Compassionate Use». Für sie braucht es eine Bewilligung der Zulassungsbehörde Swissmedic.

Kein Thema im neuen Gesetz sind auch sogenannte Off-Label-Versuche. Dabei verabreicht der Arzt ein zwar zugelassenes Medikament, allerdings in unüblicher Dosierung oder für einen anderen Zweck. Dazu benötigt der Arzt keine Bewilligung, solche Heilversuche fallen in seine Therapiefreiheit. Gesetzlich nicht geregelt sind zudem alle Heilversuche der Chirurgie, also wenn ein Arzt ohne Notlage von einer Standardmethode abweicht.

Nach diesem Prinzip führte der Chefchirurg des St. Galler Kantonsspitals experimentelle Darmoperationen durch und behandelte eine Patientin mit dem Wirkstoff Methylenblau, der zuvor nur an Tieren getestet worden war. Als Margrit Kessler, Präsidentin der Schweizerischen Patientenorganisation (SPO), den Fall publik machte, musste sie sich fast zehn Jahre lang vor Gericht gegen den Arzt wehren. Das Bundesgericht rehabilitierte sie 2008. Kessler, die wegen ihres unermüdlichen Engagements 2007 vom Beobachter für den Prix Courage nominiert wurde, hat kürzlich die Geschichte des experimentierfreudigen Chefchirurgen und die zweifelhafte Rolle der St. Galler Justiz in ihrem Buch «Halbgötter in Schwarz und Weiss» veröffentlicht.

Zum neuen Humanforschungsgesetz spart die Patientenschützerin nicht mit deutlichen Worten: «Es ist stossend, dass für Patienten, die von einem Heilversuch betroffen sind, das Gesetz nicht gelten soll.» Kessler ist überzeugt: «Experimentelle Operationsmethoden werden mit dem neuen Gesetz einfach unter dem Deckmantel ‹Heilversuche› laufen.» Und sagt: «In der Schweiz haben vor allem die Ärzte Rechte und nicht die Patienten.»

Wie schlecht es um die Patientenrechte steht, ist auch bei der schweizerischen Zulassungsbehörde Swissmedic zu sehen. Hier sind die Patienten weiterhin ohne Vertretung. Geht es nach dem Willen des Bundesamts für Gesundheit, wird das auch so bleiben. Das Heilmittelgesetz, das auch die Zusammensetzung des verantwortlichen Institutsrats (ähnlich einem Verwaltungsrat) regelt und zurzeit überarbeitet wird, sieht diesbezüglich jedenfalls keine Änderung vor.

Den vollständigen Artikel lesen Sie im Beobachter 7/2010

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(Bild: Thinkstock Kollektion)

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