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Margrit Schweizer, Mutter ohne Kind

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Schweizer Behörden nahmen bis in die siebziger Jahre unverheirateten Müttern ihre Kinder weg. 
Die Frauen haben bis heute kein Recht, etwas über ihre Töchter und Söhne zu erfahren.

Seltener Moment: Margrit Schweizer mit ihrer  Tochter (sowie ihrer Mutter).

Seltener Moment: Margrit Schweizer mit ihrer Tochter (sowie ihrer Mutter).

«Am 15. März 1966 gebar ich abends um 22.20 Uhr in der Klinik Obach 
in Solothurn eine Tochter. Ich war überglücklich, als ich sie im Arm ­hatte. Am nächsten Morgen stand der Präsident der Vormundschaftsbehörde neben dem Bett und er­öffnete mir, ich müsse das Baby zur Adoption freigeben. Einen Grund nannte er nicht. Ich weigerte mich, das Formular zu unterschreiben. Meine Tochter konnte ich ­zweimal stillen. Dann strichen sie mir die Brüste mit Kampfer­salbe ein und ­banden sie ab.

Ich war 20, als ich von meinem zehn Jahre älteren Freund schwanger wurde. 
Er war ein flotter Typ, sagte aber, er werde sein Leben lang nie heiraten. Stattdessen wollte er mir ein Kuvert mit Geld geben und die Sache so erledigen. Das wollte ich nicht. Ich freute mich auf mein Kind. ­Geplant war, dass meine Eltern zum Kind schauen, damit ich arbeiten konnte.

Als ich ein paar Tage nach der Geburt meine Tochter Karin im Säuglingszimmer holen wollte, drohte mir die Schwester, 
sie müsse auf Anweisung der Behörde die Polizei rufen, wenn ich das Baby mitnehme. Für mich brach eine Welt zusammen. Ich musste Karin dortlassen und allein nach Hause. Sechs Wochen lang besuchte ich sie in der Klinik, eines Tages war Karin nicht mehr dort. Man hatte sie zu einer Pflege­familie gebracht. Später kam sie in ein Kinderheim nach Grenchen. Es war grauenhaft, ich war machtlos, ich war den Behörden ausgeliefert. Ich bin nie straffällig geworden, liess mir nie etwas zuschulden kommen und war auch nie bevormundet. Warum nur haben sie mir mein Kind weggenommen?

Ich wollte Karin unbedingt zurück. Nach ein paar Monaten kam sie zu einer Bauernfamilie. Dort wuchs sie auch auf. Immerhin hatte sie es gut dort. Wenn ich freihatte, durfte ich sie für ein paar Stunden abholen. Die Vormundschaftsbehörde sagte mir, wenn ich heiraten würde, könne ich mein Kind wieder­haben. Dann lernte ich ­einen Mann kennen, es war die Liebe meines ­Lebens. Wir hatten grosse ­Pläne, wollten heiraten. Doch ich war in einem Dilemma: Er lebte in Österreich. Wäre ich zu ihm gezogen, hätte ich meine Tochter endgültig verloren. Ich entschied mich für meine Tochter und liess meine grosse Liebe ziehen.

Doch ich verlor auch meine Tochter. Per Gerichtsbeschluss entzog man mir die elterliche Gewalt. Ich wurde nach Solothurn vorgeladen. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Die ­Behörden fragten meine Tochter: ‹Wen hast du lieber: Mama oder Mami?› Das war zu viel für mich, ich konnte nur noch schreien und lief davon. Meiner Tochter mache ich keinen Vorwurf, ich kann ihr nicht böse sein. Aber bis heute habe ich eine unglaubliche Wut auf die Behörden von damals.

Den Kontakt zu Karin konnte ich noch ein paar Jahre aufrechterhalten. Irgendwann brach er ab. Später einmal musste ich einen Geburtsschein besorgen. Da stand: ‹Vater: unbekannt›. Das ist unglaublich. Ich selber habe gesehen, wie die Schwester auf das Formular den Namen des Kindsvaters schrieb. Er hat auch ­jahrelang Alimente bezahlt.

In meinem Umfeld weiss fast niemand von meiner Geschichte, ich schäme mich dafür. Ich habe eine Tochter, aber ich konnte nie ihre Mutter sein.»

Den vollständigen Artikel zu diesem Thema im Beobachter 25/2012.

Written by Otto Hostettler

11. Dezember 2012 at 11:17

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