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Kehrtwende bei der Heilsarmee, Stille im Kloster Ingenbohl

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Die Heilsarmee will alte Vorfälle in ­ihrem Kinderheim Paradies in Mettmenstetten ZH nun doch «von unabhängi­ger Stelle» aufarbeiten lassen, erklärt Direk­tionsmitglied Martin Künzi. Noch vor wenigen Wochen hatte das die Heilsarmee abgelehnt. Sie foutierte sich während Monaten um die 82-jährige Klara Zelg (Name geändert), die dem Hilfswerk von schrecklichen Er­leb­nis­sen in den Vierzigern berichtete. Erst als sich der Beobachter einschaltete, entschuldigte sich das christliche Hilfswerk bei der betagten Frau.

Doch für eine historische Aufarbeitung der Vorfälle im Kinderheim, bot die Heilsarmee nicht Hand. Es gebe auch positive Rückmeldungen, so dass man keine Veranlassung sehe, das Archiv zu durchforsten. Zur Kehrtwende kam es nun, als der Beobachter der Heilsarmee von über einem Dutzend weiterer Betroffener vorlegte, die alle über ähnliche Erlebnisse berichten wie die 82-jährige Frau. Klara Zelg erinnerte sich zum Beispiel, wie sie im  schwach beleuchteten Kellergang mit dem Teppichklopfer traktiert wurde, weil sie das Bett nässte. Die Heimleiterin trichterte ihr ein: «Wenn Du im Dorf, in der Schule oder einem Lehrer ‚etwas’ über das ‚Paradies’ erzählst, dann wirst Du von Deinen Geschwistern getrennt und kommst in eine Erziehungsanstalt.»

Schläge, Prügel und rigides Strafensystem waren nur das Eine. Jeden Abend nach dem Essen musste S.W. im Nähzimmer dreckige, von Schweiss durchtränkte Knabensocken flicken. Bis ihre Finger derart wund waren, dass sie tagsüber in der Schule den Füllfederhalter kaum noch in der Hand halten konnte. Ihre Schwester kam nie über die Zustände im Kinderheim hinweg und nahm sich später das Leben.

Unklar ist weiterhin, inwiefern sich die Ingenbohler Schwestern ihrer Geschich­te stellen. Sie führten unter anderem die berüchtigte Anstalt Rathausen oder das Kinderheim Mariahilf in Laufen ­(da­mals BE). Im Mai wurde eine Arbeits­gruppe ­angekündigt; bis heute ist noch nicht mal klar, wer diese leiten soll.

Einzig der Kanton Luzern ist derzeit daran, frü­here Übergriffe in Heimen systematisch zu dokumentieren. Der Kanton Bern wollte zwar die Geschichte der Heim- und Verdingkinder auf­arbeiten, entstanden ist nun aber ein Bericht über die Praxis der Fremdplatzierung in Lützelflüh und Sumiswald.

Written by Otto Hostettler

24. November 2010 at 20:58

Gewalt in Kinderheimen: Die Liste wird länger

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Auch Monate nach der Publikation «Qualen im Kinderheim» im Beobachter  melden sich Betroffene bei der Redaktion. Sie berichten von einer erschütternden Kindheit im Heim, von täglichen Demütigungen, Gewalt und Missbrauch. Viele haben ihre Geschichte bis heute nicht bewältigt, sie wurden mit ihren Erlebnissen alleine gelassen. Andere müssen damit leben, dass man ihnen ihre Geschichte nicht glaubt.

Immerhin, in einigen Fällen wollen heutige Behörden die Verfehlungen untersuchen und sich bei Betroffenen entschuldigen. Im Kanton Luzern beispielsweise hat das Gesundheits- und Sozialdepartement den Historiker Markus Furrer beauftragt, die Vorkommnisse in Erziehungsanstalten und Kinderheimen aufzuarbeiten. Inwiefern die Ingenbohler Schwestern ihre eigene unrühmliche Geschichte aufarbeiten werden, ist nach wie vor unklar. Vor Monaten kündigten sie die Einsetzung einer Arbeitsgruppe an, bis heute ist aber nicht einmal bekannt, wer diese Kommission leiten soll. Das Kloster war in der Schweiz verantwortlich für eine ganze Reihe von Heimen, darunter die berüchtigte Erziehungsanstalt Rathausen oder das Waisenhaus „Maria Hilf“ in Laufen (damals BE).

In diesen Heimen sind Gewalt, Demütigungen und Missbrauch durch Betroffene dokumentiert:

Vorwürfe

Name des Heims

Ort

Kanton

Gewalt

Kinderheim Klösterli

Wettingen

AG

Elektroschock auf Hintern

Kinderheim Soldanella

Klosters

GR

brutales Baderitual, Gewalt

Töchterinstitut auf der Steig

Schaffhausen

SH

Gewalt, Psychoterror

Erziehungsanstalt Lärchenheim

Lutzenberg

AR

kopfüber in Wassereimer, kalt abduschen

Kinderheim Maria hilf Laufen

Laufen

BE (BL)

Gewalt, Psychoterror, Bettnässer

Kinderdörfli Rathausen

Rathausen

LU

Prügel, sexueller Missbrauch

Waisenhaus Winterthur

Winterthur

ZH

Prügel, Bettnässer, auf Boden schlafen

Kinderheim Paradies

Mettmenstetten

ZH

Gewalt, sex. Missbrauch unter Jugendl.

Schulheim Gott hilft, Wiesen

Herisau

AR

Gewalt

Sanatorium für schwächliche und
nervenkranke Kinder

Steinen

SZ

nackt stramm stehen, Schläge

Kinderheim Selzach

Selzach

SO

Gewalt

Kinderstube Hubelmatt

Luzern

LU

Gewalt, Wassertortur, fesseln, Topf an Hintern

Kinderheim Courtepin

Courtepin

FR

Gewalt, Erbrochenes essen

Kinderheim Birnbäumen

St. Gallen

SG

Essensentzug, Essen auf Toilette

Kinderheim Sonnhalde, ?

Luzern

LU

„ganz schlimm“

Kinderheim St. Benedikt

Hermettschwil

AG

Prügel, Nötigung von Bettnässer

Landerziehungsheim Alsbisbrunn

Hausen a.A.

ZH

massive Prügel, Verletzungen

Evangelisches Kinderheim Freienstein

Freienstein

ZH

Prügel, Tritte, Schläge

Seraphisches Liebeswerk

Luzern

LU

Sexuelle Gewalt unter Jugendl.

Kinderheim Blaurain

Basel

BS

Sexuelle Gewalt, Bock im Keller!

Kinderheim Knuttwil

Knuttwil

LU

Pflaster Mund, Erbrochenes essen

Kinderheim Bombinasco

Bombinasco

TI

Sexueller Missbrauch

Kinderheim Oberzil

St. Gallen

SG

Misshandelt im Kinderheim

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Bis weit in die 70er Jahre wurden Kinder in Schweizer Kinderheimen offensichtlich systematisch gedemütigt, geprügelt und missbraucht. Der Artikel im Beobachter hat dutzendweise Reaktionen ausgelöst. Gemeldet haben sich auch zahlreiche weitere Opfer, wie etwa C.M., der im Kinderheim Soldanella in Klosters Elektroschocks als Strafe erlebte.

Wer mehr wissen will über die eigene Vergangenheit im Kinderheim kann Einsicht in seine Akten verlangen. Ein Musterbrief findet sich hier: Musterbrief_Akteneinsicht.

Wer sich über Erlebnisse in Kinderheimen mit anderen Betroffenen austauschen will, wendet sich an: kinderheim-vergangenheit@gmx.ch

Written by Otto Hostettler

21. Mai 2010 at 10:51