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So behindert die Bundesanwaltschaft Journalisten

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Ein Lehrstück, wie die Bundesanwaltschaft mit allen Mitteln Recherchen verhindern will. Die Geschichte hinter der Geschichte zum Swissair-Absturz von 1970.

Der Swissair-Absturz von 1970 in Würenlingen war der grösste terroristische Anschlag, der je in der Schweiz verübt wurde. Bis heute bleibt ungeklärt, weshalb sich die mutmasslichen Täter nie vor einem Gericht verantworten mussten. Was lief damals hinter den Kulissen? Weshalb werden die Angehörigen der Opfer bis heute im Unwissen über die Hintergründe der Tat gelassen? Während zwei Jahren suchte der Beobachter nach Antworten auf diese Fragen, ständig behindert durch die Bundesanwaltschaft. Ein Katz-und-Maus-Spiel in vier Akten.

Behinderung 1: Die Einstellungsverfügung von 2000:

Im Zusammenhang mit Recherchen zum 40 Jahrestag des Bombenanschlags auf die Swissair-330 «Coronado» stellte sich heraus, dass das Strafverfahren gegen die zwei mutmasslichen Haupttäter und ihre beiden Helfer bereits im Jahr 2000 eingestellt worden war. Der Beobachter wollte darauf Einsicht in diese Einstellungsverfügung. Obschon gemäss Bundesverfassung Urteile der Justiz öffentlich sind – drunter zählen gemäss konstanter Bundesgerichtspraxis auch Einstellungsverfügungen und Strafbefehle – lehnte die Bundesanwaltschaft das Begehren ab. Nach einer Beschwerde des Beobachters kam das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, die Bundesanwaltschaft müsse das Einsichtsgesuch neu prüfen, sie habe vor ihrem Entscheid nicht einmal eine Interessenabwägung vorgenommen. Fazit: Der Beobachter erhielt die Einstellungsverfügung – mit beträchtlicher Verzögerung.

Behinderung 2: Die polizeilichen Ermittlungsakten von 1970:

Um den Fall des Swissair-Absturzes von 1970 zu rekonstruieren, wollte der Beobachter im Bundesarchiv die Ermittlungsakten der Polizei einsehen. Die Bundesanwaltschaft lehnte das Gesuch ab, es hiess, die Akten seien gesperrt. Gründe wurden zunächst keine genannt. Erst als der Beobachter eine beschwerdefähige Verfügung verlangte, kam die Bundesanwaltschaft auf ihren Entscheid zurück. Plötzlich hiess es, das Wiedererwägungsgesuch (das gar nie gestellt wurde!), sei gutgeheissen worden. Allerdings mit einer Einschränkung: Ein Dokument von 1989 durfte der Beobachter nicht einsehen.

Behinderung 3: Das Protokoll des Polizeitreffens von 1989

Beim fraglichen Dokument von 1989, das der Beobachter nicht einsehen durfte, handelte es sich um ein Protokoll der Bundesanwaltschaft, das 19 Jahre nach dem Flugzeugabsturz von Würenlingen erstellt wurde. Fünf Monate nach dem Bombenanschlag auf den PanAm-Jumbo in Lockerbie diskutierten schottische und schweizerische Polizeiermittler während zwei Tagen mögliche Parallelen zwischen den beiden Anschlägen. Die Einsicht in dieses Dokument sei aus Gründen des Staatsschutzes nicht möglich und würde die Beziehungen zu anderen Staaten sowie die «innere und äussere Sicherheit gefährden», argumentierte die Bundesanwaltschaft. In den Akten des Bundesarchiv lag lediglich ein «Stellvertreter» (Bild).

Das Katz-und-Maus-Spiel ging wieder los. Der Beobachter verlangte eine beschwerdefähige Verfügung und reichte darauf beim Justiz- und Polizeidepartement Beschwerde ein. Dieses stellte sich hinter die Bundesanwaltschaft und lehnte die Beschwerde ab. Der Beobachter legte erneut Rekurs ein, nächste Instanz: Der Bundesrat. Im Vorfeld dieses Bundesratsentscheides wollte das Finanzdepartement vom Justizdepartement wissen, weshalb konkret dieses Dokument geheim bleiben sollte, da es sich um eine Sitzung ausserhalb formeller zwischenstaatlicher Abläufe gehandelt hatte. Sprich: Es war ein informelles Treffen ohne jegliche Vorkehrungen zur Geheimhaltung (Rechtshilfe), das nun 23 Jahre später plötzlich geheim sein sollte. Alleine aufgrund der Fragestellung des Finanzdepartement an das Justizdepartement geschah plötzlich Eigenartiges: Das Justizdepartement bot dem Beobachter plötzlich einen Vergleich an: Das Dokument werde ausgehändigt, wenn der Beobachter die Anonymisierung der im Dokument erwähnten Sitzungsteilnehmer akzeptiere. Und: Der Bund übernehme die Auslagen für den Anwalt des Beobachters. Dann das grosse Aber: Aus dem Dokument dürfe auszugsweise zitiert werden, doch in das Dokument dürften keine anderen Journalisten Einsicht haben, auch nicht Beobachter-Journalisten. Sprich: Redaktionsintern hätte gar nicht über dieses Dokument diskutiert werden können. Falls andere Beobachter-Journalisten Einblick in das Dokument haben möchten, müssten diese ebenfalls ein Einsichtsgesuch stellen, hiess es aus dem Justizdepartement. Nach einigem juristischem Hin und Her durfte der Beobachter dem Justizdepartement eine Liste mit Namen von Personen einreichen, die nun ebenfalls in das Dokument einsehen durften.

Behinderung 4: Die Einstellungsverfügung von 2004

Weil die Recherchen inzwischen aufgrund des Polizeitreffens von 1989 auch die Thematik Lockerbie erreichte, ergab sich die Erkenntnis, dass ein Strafverfahren gegen den Zürcher Elektronikhändler Edwin Bollier wegen allfälliger Mittäterschaft im Fall Lockerbie 2004 still und leise eingestellt wurde. Der Beobachter verlangte wiederum Einsicht in die Einstellungsverfügung, worauf die Bundesanwaltschaft antwortete, man finde diese Einstellungsverfügung nicht mehr. Schliesslich tauchte die Einstellungsverfügung doch noch auf, mit dem spannenden Fazit, dem umtriebigen Unternehmer könne nicht nachgewiesen werden, dass er oder eine von ihm hergestellte Schaltuhr im Zusammenhang mit der Bombe von Lockerbie gestanden habe. Bolliers Timer war bekanntlich massgebendes Beweisstück der Ermittler gegen die aus Libyen stammende Täterschaft.

Trotz der bundesanwaltschaftlichen Verhinderungsmassnahmen sind inzwischen folgende Artikel entstanden:

Den Bombenbauer ignorierten sie

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Grösster Terroranschlag in der Schweiz: Die Bundes­anwaltschaft merkte jahrzehntelang nicht, dass ein berüchtigter palästinensischer Bomben­bauer seine Finger 
im Spiel hatte.

Der Swissair-Flug 330 von Zürich nach Tel Aviv endete am 21. Fe­bruar 1970 in einer Katastrophe. Das Flugzeug stürzte bei Würenlingen ab, alle 47 Menschen an Bord kamen ums Leben. Verantwortlich gemacht wurden vier Exponenten der palästinensischen Splittergruppe PFLP – General Command. Sie hatten in Deutschland ein Radio mit Höhenmesser und Sprengstoff präpariert und es an eine fiktive Adresse in Jerusalem abgeschickt. Vor Gericht verantworten mussten sich die Tatverdächtigen nie. Angeblich konnten sie aus juristischer Sicht nie genügend identifiziert werden (siehe Beobachter 21/2010).

Das ist die offizielle Leseart. Umfangreiche Recherchen des Beobachters zeigen nun: Die Schweizer Bundesanwaltschaft hat während Jahrzehnten Fakten und wichtige Hinweise übersehen. Sogar offensichtlich zusammenhängende internationale Ereignisse ignorierte sie.

So etwa den Bombenanschlag auf den Pan-Am-Jumbo Ende 1988 in Lockerbie mit 270 Toten. Fünf Monate nach dem Attentat reisten der schottische Chief Inspector James Gilchrist und zwei seiner Leute nach Bern, um ihre Ermittlungsergebnisse mit der Bundesanwaltschaft zu diskutieren. Am Treffen dabei war auch der Ermittlungsleiter der Zürcher Kantonspolizei vom Swissair-Absturz 1970.

Das Protokoll dieser «Fachgespräche» vom 24. und 25. Mai 1989 offenbart, wie untätig die Bundesbehörde zwischen 1970 und 1989 gewesen war. Auf dieses Aktenstück ist der Beobachter bereits bei den Recherchen zum 40. Jahrestag des Absturzes gestossen. Doch die Bundesanwaltschaft verweigerte damals die Einsicht. Angeblich sei das Dokument «von aktueller Staatsschutzrelevanz» und könne «die Beziehungen zu ausländischen Staaten gefährden». Erst nach einem juristischen Seilziehen gab das Justiz- und Polizeidepartement die Akte jetzt frei.

Niemand erkannte die Hinweise

Aus diesem Dokument wird klar: Die Schotten gingen davon aus, dass ein als Bombenspezialist bekannter palästinensischer Extremist namens Marwan Abdel Razzak Khreesat wohl auch beim Bombenanschlag auf die Swissair eine Schlüsselrolle gespielt hatte. Der heute 67-jährige Jordanier war jahrelang Weggefährte des gewaltbereiten Palästinenserführers Achmed Jibril, eines Kontrahenten von Jassir Arafat. Er lebt heute angeblich in Jordaniens Hauptstadt Amman.

Ein erster Hinweis auf Khreesat war bereits in den Ermittlungen nach dem Swissair-Absturz aufgetaucht, nur erkannte ihn damals niemand. Ein Crew-Mitglied der nationalen jordanischen Fluggesellschaft, nur mit dem Vornamen «Marwan» bekannt, war ins Visier der Ermittler geraten. Im Februar 1970, wenige Tage vor dem Anschlag, traf dieser den Haupttatverdächtigen Sufian Kaddoumi, der später das Paket mit der Bombe zur Post gebracht haben soll. Aktenkundig ist dies, weil Kaddoumi seiner deutschen Freun­din schrieb, er müsse in München seinen «Bruder» Mar­wan treffen. Dieser habe ihm einen Teekocher nach Deutschland mitgebracht. Die Ermittler gingen davon aus, dass der Kocher ein Codewort für Sprengstoff war.

Dass «Marwan» nicht identifiziert wurde, lässt sich nur mit einer banalen Fehl­interpretation erklären. Die Polizei kam nicht auf die Idee, dass mit dem Begriff «Bruder» ein Landsmann gemeint war. Im Ermittlungsbericht heisst die ominöse Person deshalb «Marwan Kaddoumi».

Neue Erkenntnisse – keine Ermittlungen

Die schottischen Ermittler klärten 1989 die Bundesbehörden zudem darüber auf, dass das Täter-Schema von Würenlingen neben Lockerbie zu einem dritten Attentat passte. Details, die hier schon Jahre zuvor hätten bekannt sein müssen: 1972 explodierte in einer El-Al-Maschine nach dem Abflug von Rom eine Bombe; die beschädigte Maschine konnte aber wieder landen. Der Sprengsatz war in einem Plattenspieler eingebaut und wurde Khreesat zugeordnet.

Weshalb der Anschlag von Rom – nur zwei Jahre nach Würenlingen – die Bundesanwaltschaft nicht aufgerüttelt hatte, ist nicht klar. Genauso wenig nachvollziehbar ist auch, weshalb das schottisch-schweizerische Treffen von 1989 keine weiteren Ermittlungen ausgelöst hat. Ende 1989 war Khreesats Vergangenheit im Detail allen bekannt, die es wissen wollten. Denn ein FBI-Team von Lockerbie befragte den Jordanier in Amman am 12. und 13. November ausführlich. Im umfangreichen Bericht ist nachzulesen, wie der palästinensische Bombenbauer über seine zahlreichen Sprengstoffanschläge spricht und beiläufig «eine Anzahl Höhenmesser» erwähnt, die er Anfang der 70er Jahre in verschiedenen Flugzeugen platziert habe.

Einen weiteren Vorfall ignorierten die Schweizer ebenfalls: Wochen vor dem Lockerbie-Anschlag gelang den Deutschen der wohl grösste Coup gegen palästinen­sische Terroristen. Der deutsche Verfassungsschutz schnappte am 26. Oktober 1988 16 Mitglieder der einschlägig bekannten Befreiungsfront PFLP – General Command. Darunter auch Khreesat.

Dabei stellten die Deutschen auch vier in Radio- und TV-Geräte eingebaute Spreng­sätze sicher. Eine fünfte ebenfalls von Khreesat gebaute Bombe wurde nie gefunden. Bis heute sind mehrere ehemalige Ermittler überzeugt, dieser Sprengsatz sei im Jumbo über Lockerbie explodiert. Die deutschen Behörden liessen Khreesat nach 15 Tagen wieder frei, obschon er seit dem Anschlag in Rom international zur Fahndung ausgeschrieben war. Khreesat war inzwischen Doppelagent geworden, arbeitete für den jordanischen Geheimdienst und für den Bundesnachrichtendienst, wie verschiedene Einvernahmeprotokolle belegen.

Hat Swissair mit Terroristen verhandelt?

Auch an ganz anderer Stelle blieb die Bundesanwaltschaft untätig. Der schillernde Lausanner Bankier, Anwalt und Alt-Nazi François Genoud unterstützte über Jahre hinweg ungehindert die gewaltbereiten Palästinenser. Akten im Archiv der «Jüdischen Nachrichten» zeigen: Der Geldbeschaffer der Palästinenser wurde zwar vom Nachrichtendienst observiert, doch die Bundesanwaltschaft liess ihn gewähren.

Genoud soll einen Monat nach dem Absturz von Würenlingen gar mit der Swissair darüber verhandelt haben, «wie das Unternehmen künftig vor derlei Anschlägen verschont bleiben könnte», schreibt der deutsche Journalist Willi Winkler im Buch «Der Schattenmann: Von Goebbels zu Carlos». Ephraim Lapid, Anfang der siebziger Jahre als Mossad-General in Deutschland stationiert, muss es wissen: «Ganz viele Fluggesellschaften» hätten die Terrororganisationen «bestochen, um damit Flugzeugentführungen zu verhindern», sagt er im ARD-Dokumentarfilm «München 1970, als der Terror zu uns kam».*

Weshalb die Hintermänner des Swissair-Anschlags nie vor Gericht kamen, ist nicht klar. Einer der damals wichtigsten Polizeiermittler gesteht heute konsterniert: «Die Israeli offerierten uns, die Attentäter zu ergreifen und an die Schweiz auszuliefern.» Dazu kam es aber nicht. «Bundesbern hatte Angst», sagt der langjährige Kriminalpolizist.

«Für mich ist der Fall nicht abgeschlossen, dieser Terrorakt gehört aufgeklärt», for­dert René Spahr. Seine Tante Doris Rusca, 24, war Hostess an Bord der Swissair 330 nach Tel Aviv, als sich der Kopilot Armand Etienne um 13.33 Uhr verabschiedete: «330 is crashing, goodbye everybody.»

Den vollständigen Artikel lesen Sie im Beobachter 14/2012

Siehe auch: So behindert die Bundesanwaltschaft Journalisten.

Lockerbie: Der entlastete Zürcher Gehilfe

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Der Zürcher Edwin Bollier belieferte jahrelang den DDR-Geheimdienst Stasi mit allerlei elektronischem Material. Bollier geschäftete auch mit dem Ghadaffi-Regime . Er baute in Libyen die Funknetze für Polizei und Militär auf – und lieferte 1985 zudem 20 Schaltuhren, die für die Zündung von Bomben verwendet werden können. Das zentrale Beweisstück im Lockerbieprozess, ein fingernagelgrosses Fragment eines Timers von Bollier, führte die Ermittler nach Libyen. Der Rest ist bekannt: Abdelbaset al-Megrahi wurde 2001 zu 27 Jahren Haft verurteilt, kürzlich ist er verstorben.

Recherchen des «Beobachters» zeigen: Wahrscheinlich war al-Megrahi gar nicht für den Absturz des PanAm-Jumbos mit 270 Toten veranwortlich. Beim zentralen Beweisstück gibt es gravierende Unstimmigkeiten.  Doch bis heute gilt der Timer MST-13 von Bollier als massgebendes Beweisstück für die libysche Täter-Theorie.

Erstaunliches Detail: Bollier wurde trotz des Lockerbie-Prozesses nie wegen Gehilfenschaft zu diesem Bombenattentat angeklagt. Mehr noch, die Schweiz konnte ihm nicht nachweisen, dass ein von ihm nach Libyen gelieferte Zeitzünder später in der Lockerbie-Bombe war.

Dies belegt ein bisher unveröffentlichtes Dokument der Bundesanwaltschaft, in dem das Strafverfahren gegen Edwin Bollier 2004 eingestellt wurde. In dieser Einstellungsverfügung, in die die Bundesanwaltschaft anfänglich dem Beobachter die Einsicht verweigerte und das Dokument erst auf eine Beschwerde vor Bundesverwaltungsgericht herausrückte, steht: «Mit Hinweis auf die umfassenden Darlegungen der Eidgenössischen Untersuchungsrichterin ist zusammenfassend davon auszugehen, dass Edwin Bollier nicht mit der Verwendung des von ihm bzw. der Mebo AG hergestellten und gelieferten MST-13 Timers zum Anschlag auf den Jumbo Jet Boeing 747 der PanAm in Zusammenhang gebracht werden kann.»

Beobachter 12/2012: «Lockerbie: Steckte wirklich Libyen dahinter?»

Written by Otto Hostettler

6. Juni 2012 at 14:54

Lockerbie: Wahrscheinlich steckte doch nicht Libyen dahinter

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Das wohl wichtigste Beweisstück, das zur Verurteilung eines 
libyschen Geheimdienstlers führte, war wahrscheinlich gefälscht.

Der Libyer Abdelbaset al-Megrahi, als Lockerbie-Attentäter zu lebenslanger Haft verurteilt, starb im Mai. Ob er aber tatsächlich 270 Menschenleben auf dem Gewissen hat, ist bis heute nicht restlos geklärt. Im Gegenteil: Es gibt begründete Zweifel, ob er die Bombe in den Pan-Am-Jumbo schmuggelte und ihn damit am 21. Dezember 1988 über der schottischen Kleinstadt Lockerbie zum Absturz brachte. Beobachter-Recherchen und Erkenntnisse aus neu aufgetauchten Akten zeigen, dass die offizielle Tätertheorie grundsätzlich hinterfragt werden muss.

Eine zentrale Rolle im Lockerbie-Fall spielte der Zürcher Elektronikhändler 
Edwin Bollier. Allein auf der Tatsache, dass er Mitte der achtziger Jahre Schaltuhren gebaut und nach Libyen geliefert hatte, 
beruht bis heute der gesamte offizielle Tat­hergang: Al-Megrahi soll eine Bombe mit einem solchen Timer in einem Koffer an Bord des Jumbos geschmuggelt haben.

Bolliers schillernde Vergangenheit machte ihn verdächtig: Er pflegte über Jahre hinweg intensive Kontakte zu hohen libyschen Regierungsstellen, Geheimdienst inklusive. Für das Gaddafi-Regime baute er unter anderem das Funknetz von Polizei und Militär auf – und lieferte 1985/86 ­erwiesenermassen 20 sogenannte MST-13-Schaltuhren. Seit Anfang der siebziger Jahre belieferte er auch den DDR-Geheimdienst Stasi mit allerlei elektronischem Material, etwa für Lügendetektoren und Telefonüberwachungen. Trotz Embargo war alles legal und mit Ausfuhrbewilligungen durch die Schweiz genehmigt.

Ins Visier der Ermittler geriet der Zürcher, als Monate nach dem Absturz in Lockerbie ein fingernagelgrosses Teil einer elektronischen Leiterplatte auftauchte. Die US-Bundespolizei FBI, die zusammen mit den schottischen Behörden die Lockerbie-Ermittlungen leitete, unterbreitete das Fragment der CIA zur Analyse. Dort identifizierte man das winzige Fundstück in kürzester Zeit als Teil einer Leiterplatte eines von Bollier produzierten MST-13-Timers.

Der Rückschluss auf Bollier gelang der CIA dank einem Timer, den die Amerikaner 1986 in Togo sicherstellen konnten. Dieser stammte angeblich aus der Serie, die Bollier 1985 für Libyen produziert hatte. Doch ausgerechnet hier tauchen jetzt gravierende Unstimmigkeiten auf, was die Authentizität dieses entscheidenden Referenztimers grundsätzlich in Frage stellt.

Dieser Timer enthielt einen Quarz, den es 1985 – als Bollier die Libyen-Timer produzierte – noch gar nicht gab. Dies belegen das Gerichtsfoto des Timers und Rechnungen der Zürcher Firma, die 1985 die Quarze an Bollier geliefert hatte und die dem Beob­achter vorliegen (siehe Bilder oben). Das könnte sich gravierend auf die Beweiskette auswirken: Ohne den «Togo-Timer» hätte das Fundstück gar nie Bollier und 
damit Libyen zugeordnet werden können.

Mit Hilfe eines in Togo sichergestellten Timers (Bild oben) wurde das «Beweisstück» von Lockerbie identifiziert. Doch darin steckt ein Quarz mit der Endziffer 4, den es 1985 noch gar nicht gab. Für die nach Libyen gelieferten Timer wurden nur Quarze mit der Endziffer 3 benutzt (Bild unten).

Ebenso brisant sind neue Erkenntnisse zum winzigen Leiterplatten-Fragment, das an der Absturzstelle gefunden wurde. Heute drängt sich sogar die Frage auf, ob es dieses für die gesamte Beweiskette entscheidende Fundstück überhaupt jemals gegeben hat. Denn sollte es tatsächlich Bestandteil eines nach Libyen gelieferten Timers gewesen sein, hätte es mit einer Legierung aus 70 Prozent Zinn und 30 Prozent Blei beschichtet sein sollen. So waren nämlich erwiesenermassen auch die anderen Libyen-Timer 
beschichtet. Doch der britische Journalist John Ashton, der seit 20 Jahren zu Lockerbie recherchiert, kann inzwischen auf Basis einer Laboranalyse der Ermittler nachweisen, dass das für die Anklage zentrale Beweisstück zweifelsfrei nur mit reinem Zinn beschichtet war.

Für Ashton ist allein aufgrund dieser Unstimmigkeit klar: «Dieses Fragment kann nicht aus der Serie stammen, die Bollier Mitte der achtziger Jahre nach Libyen geliefert hat.» Ashton, der zeitweise auch für Megrahis Verteidigungsteam arbeitete und nun mit «Megrahi: You are my Jury: The Lockerbie Evidence» ein zweites vielbeachtetes Buch veröffentlicht hat, ist überzeugt: «Hätte die Verteidigung über diese Details verfügt, hätte sich das entscheidend auf den Prozess ausgewirkt.»

All diese Unstimmigkeiten stützen Edwin Bolliers stetige Beteuerungen, das Fragment von Lockerbie sei nie Teil eines nach Libyen gelieferten Timers gewesen. Gleichzeitig bestreitet er aber auch nicht, dass das Fundstück von einer anderen 
Leiterplatte stammte, wie er sie damals in MST-13-Timern eingebaut hatte.

Bollier vermutet bis heute, das in Lockerbie gefundene Stück Leiterplatte stamme von einem Prototyp. Belegen kann er diese Theorie indessen nicht. Allerdings ist aktenkundig, dass am 22. Juni 1989 ein Kommissär der Bundespolizei in Bolliers Firma vorstellig wurde und einen Prototyp einer solchen Leiterplatte behändigte. Was daraus geworden ist, ist nicht bekannt.

Zu Unregelmässigkeiten kam es schon, als das winzige Elektronikbauteil in Lockerbie gefunden wurde: In den Akten ist der Fund anfänglich mit dem Datum 12. Januar 1990 dokumentiert, später mit dem 15. September 1989, und im Schlussbericht schreiben die zuständigen Experten plötzlich vom 
12. Mai 1989.

Klar ist, dass beim letzten Datum etwas nicht stimmen kann. Zwei Wochen nach dem 12. Mai tauschten sich drei hochrangige schottische Polizeiermittler in Bern mit der Bundesanwaltschaft über den Stand der Ermittlungen und mögliche Täterhypothesen aus. Doch ein damals neuer Fund eines möglicherweise vielversprechenden Beweisstücks war am zweitägigen Treffen in Bern nicht einmal am Rand ein Thema. Im Protokoll des Treffens vom 24./25. Mai 1989 steht jedenfalls kein Wort dazu.

Die Bundesanwaltschaft wollte dieses Protokoll mit allen Mitteln unter Verschluss halten, musste es aber dem Beobachter nach eineinhalbjährigem juristischem Seilziehen herausgeben. Gemäss den Aufzeichnungen diskutierten die Polizeibeamten damals als mögliche Täterschaft ausschliesslich die palästinensische Splittergruppe PFLP-Generalkommando. Das ist jene Gruppe, die auch für den Swissair-Absturz von Würenlingen (1970) und weitere Flugzeugattentate verantwortlich gemacht wurde.

Weitere Dokumente zeigen, dass es während der gesamten Ermittlungen immer wieder zu bedenklichen Vorgängen kam. Allen voran hielten die Briten jahrelang wichtige Dokumente unter Verschluss, die die offizielle Tatversion hätten in Frage stellen können. Erst kürzlich veröffentlichte die schottische Justizaufsichtsbehörde einen gut 800-seitigen Bericht dazu. Darin listet sie eine ganze Reihe von gravierenden Unstimmigkeiten bei den Ermittlungen auf. Die Behörde kommt zum Schluss, dass die Anklage den Verteidigern von Abdelbaset al-Megrahi wichtige Akten und Informationen vorenthalten habe. Mehrfach habe das Gericht deshalb das Recht des Angeschuldigten auf einen fairen Prozess verletzt.

Möglicherweise waren die jetzt bekannt gewordenen Unstimmigkeiten den Ermittlern schon Anfang der neunziger Jahre klar – zumindest teilweise. Denn selbst hochrangige Polizeimitarbeiter äusserten immer wieder Zweifel an der Echtheit des an der Absturzstelle gefundenen elektronischen Bauteils. So soll sogar der damalige Chef der zuständigen Abteilung in der Bundesanwaltschaft dem FBI-Chefermittler Richard Marquise anvertraut haben, er vermute, das Fragment sei an der Absturzstelle «platziert» worden. Marquise bestätigt diese Aussage gegenüber dem Beobachter auch heute noch.

Wäre zudem die offizielle These unantastbar, fragt sich, weshalb Bollier nie wegen Gehilfenschaft zur Rechenschaft gezogen wurde. Eine Strafuntersuchung gegen ihn wurde zwar eröffnet, allerdings erst zehn Jahre nach dem Attentat – und nur wenige Wochen vor dem Lockerbie-Prozess. 2004 wurde das Verfahren gegen Bollier in aller Stille wieder beendet. Aus der Einstellungsverfügung, in die die Bundesanwaltschaft dem Beobachter anfänglich aus Staatsschutzgründen die Einsicht verweigerte, die sie aber nach einer Beschwerde vor Bundesverwaltungsgericht herausrücken musste, geht nur hervor, dass Bollier nichts nachgewiesen werden konnte (die Einstellungsverfügung).

Nach all den neu aufgetauchten Fakten gibt sich Bollier kämpferisch: Er hat gegen den damaligen Bundespolizisten Anzeige eingereicht, weil dieser seinem Mitarbeiter im Juni 1989 unerlaubterweise ein elektronisches Bauteil abgenommen habe. Der Polizist konnte sich tatsächlich nicht einmal auf ein Strafverfahren stützen. Und die Schweiz hatte Schottland damals auch noch keine Rechtshilfe gewährt.

Zudem hat Bollier nun auch die Eidgenossenschaft verklagt: auf 47,7 Millionen Franken Schadenersatz.

Written by Otto Hostettler

6. Juni 2012 at 14:50

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