Otto Hostettler's Blog

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Gewalt in Kinderheimen: Privater lanciert Aufarbeitung

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Die düstere Geschichte der Schweizer Kinderheime dokumentieren: Weil die offizielle Schweiz noch immer davor zurückschreckt, macht sich jetzt die private Stiftung von Guido Fluri daran.

Viele von ihnen sind über 50, einige weit über 80. Doch damals, da waren sie Kinder. Etwa Karin Bürgisser: Anfang der siebziger Jahre war sie im Töchterinstitut auf der Steig in Schaffhausen von einer jähzornigen Erzieherin fast ertränkt worden. Oder Eveline Kuster (Name geändert), die in den sechziger Jahren im Waisenhaus Winterthur tagsüber vom Waisenvater windelweich geprügelt und nachts während Jahren sexuell missbraucht wurde – das erste Mal im Alter von neun Jahren.

Wie Tausende andere Kinder kamen sie ins Heim, weil sie entweder unehelich zur Welt gekommen waren oder das Leben ihrer Eltern nicht der damaligen Norm entsprach. Manchmal reichte es, wenn eine Vormundschaftsbehörde befand, ein Kind sei «schwer erziehbar».

Bis heute hat die offizielle Schweiz wenig getan, um die unrühmliche Geschichte der Kinderheime aufzuarbeiten. Aktiv wird jetzt ein Privater. Der 44-jährige Guido Fluri, der sich mit seiner nach ihm benannten Stiftung unter anderem gegen Gewalt an Kindern engagiert, startet ein umfangreiches Projekt zur Aufarbeitung der Geschichte sämtlicher Kinderheime der Schweiz.

Anlaufstelle für Betroffene, die zum Projekt «Historische Aufarbeitung Kinderheime der Schweiz» bei­tragen können: www.kinderheime-schweiz.ch; E-Mail: info@kinderheime-schweiz.ch; Telefon 078 658 04 31

Musterbrief für Betroffene zur Akteneinsicht findet sich hier.

Den vollständigen Artikel lesen Sie im Beobachter 24/2010

Written by Otto Hostettler

24. November 2010 at 21:16

Heilsarmee will Journalist einbinden

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Eben erst musste die Heilsarmee im Beobachter über sich die Schlagzeile lesen: «Heilsarmee foutiert sich um 82-jährige Frau». Der Hintergrund: Frühere Bewohner des Heilsarmee-Kinderheims in Mettmenstetten ZH mit dem wohlklingenden Namen «Paradies» berichteten dem Beobachter von entwürdigenden Zuständen, Gewalt und Demütigungen. Eine 82-jährige Frau verlangte darauf von der Heilsarmee eine Stellungnahme – und wurde von den Verantwortlichen über Monate hinweg ignoriert. Erst als sich der Beobachter einschaltete, fand man Zeit, sich bei der betagten Frau zu entschuldigen.

Jetzt unternimmt die Heilsarmee einen ungewöhnlichen Schritt: Sie kontaktierte mich als Journalist, um mir einen Auftrag zuzuhalten. Gegen Bezahlung, wohlverstanden. Die Vorstellung der Heilsarmee: Ich soll für die Weihnachts-Spendenaktion eine «berührende Lebensgeschichte» einer Person schreiben. Damit ich nicht etwa auf die Idee kommen könnte, die Lebensgeschichte  der besagten 82-jährigen Frau zu erzählen, würde diese Person durch die Heilsarmee bestimmt. Ganz wichtig aber: «Selbstverständlich würden wir ihren Aufwand nach Absprache vergüten», hält der Sprecher fest, der gleichzeitig PR-Beauftragter ist. Honorar nach Wunsch, sozusagen.

«Embedded journalism» nennt sich das, eingebetteter Journalismus. Eine Institution zeigt sich gegenüber einem Journalisten mit einem Auftrag erkenntlich. Dieser wiederum – so vermutlich die Hoffnung – hat später nicht nur keine Zeit mehr für weitere Recherchen. Und er hat aufgrund des gutbezahlten Auftrags auch Hemmungen, seinen neuen Auftraggeber kritisch zu beleuchten.

Das Angebot der Heilsarmee habe ich dankend abgelehnt.

Written by Otto Hostettler

24. September 2010 at 15:27

Erziehungsanstalt Rathausen: Gewalt, Missbrauch, Suizide

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Eduard Steiner verbrachte seine Kindheit in der Erziehungsanstalt Rathausen LU (1939 bis 1952).

«Ich kam 1939 als 5-Jähriger nach Rathausen. Meine Mutter war an einer Lungenblutung gestorben. So wurde ihr Tod jedenfalls offiziell bezeichnet. Tatsächlich aber wurde sie erschossen. Ich war mit ihr auf einem Ausflug und wir sassen ausserhalb von Cham auf einer Bank, ich auf ihren Knien. Plötzlich spürte ich an meinem Kopf einen Schmerz, eine Schrotkugel hatte mich getroffen. Über dem Auge habe ich noch heute eine Narbe. Meine Mutter verblutete. Der Fall wurde nie aufgeklärt, Akten dazu gibt es offenbar keine. War ich das Ziel und der Schütze hat meine Mutter getroffen? Wer mein Vater ist, weiss ich bis heute nicht. Von Behörden und Amtsstellen werde ich seit Jahrzehnten abgewimmelt.

In Rathausen mussten wir schon mit fünf, sechs Jahren hart arbeiten. Tannzapfen zusammen lesen, Kartoffeln graben, im Winter gefällte Bäume auf die Wege ziehen. Arbeiten, nichts als Arbeiten. Von Spielen sprach niemand. Beim kleinsten Fehler, beim kleinsten Ungeschick wurde einem ein Bambusrohr über den Grind geschlagen. Es reichte, wenn ein bisschen Suppe über den Tellerrand schwappte. Einmal an einem Mittagessen hatte es wieder einmal zu wenig Brot. Einige reklamierten. Da sagte eine deutsche Nonne, die auch immer dreinschlug: «Der Führer hätte euch längst der Endlösung zugeführt.»
Wir waren eine Gruppe von Knaben, die immer wieder rebellierte, Streiche spielte. Einmal umwickelte ich bei der Glocke im Turm den Metallstab, damit es keinen Glockenschlag mehr gab. Das gab eine Riesensache. Wenn wir erwischt wurden, gab es halt wieder Strafen. Das spielte uns mit der Zeit keine Rolle mehr, wir kamen sowieso immer dran.

Es gab nicht nur Körperstrafen, es gab auch Demütigungen, Psychoterror würde man heute sagen. Prügel gab es tagtäglich, ja stündlich. Wenn wir geschlagen wurden, hiess es, wir seien selber Schuld. Einmal wurde ich für zwei Tage und zwei Nächte im „Chrutzi“, einer Gefängniszelle, eingesperrt. Ohne Matratze, mit einem Eimer, etwas Suppe und vielen Schlägen auf dem Kopf.

Zu Essen gab es praktisch jeden Tag im Wasser gekochte Kartoffeln. Wir nannten dies ironisch «Moses», also: «Der aus dem Wasser gezogene». Mit 17 Jahren wog ich nur 34 Kilo, so steht es in einem Arztbericht.

Direktor L. verging sich an minderjährigen Knaben, das wusste man. Er versuchte auch mich zu missbrauchen. Einmal sah ich, wie zwei Knaben aus dem Gästezimmer von zwei Priestern herauskamen. Die Knaben mussten erbrechen und hatten Durchfall, es war grauenhaft. Als ich etwa 11-Jährig war, ging ich mit einem anderen Knaben auf das Stadthalteramt Luzern. Dort wollten wir uns über die Zustände im Kinderheim beschweren. Doch sie ohrfeigten uns und jagten uns davon.

Der neue Direktor S. rühmte sich, die Zustände im Kinderdörfli zu verbessern. Aber unter ihm mussten wir genauso hart arbeiten wie zuvor. Meist bis spät abends. Und er war perfid. Er schlug die Kinder genauso wie sein Vorgänger. In der Näherei liess er sich aus Zeltstoff ein Etui nähen, in dem er seinen Stock aufbewahren konnte.

Viele Kinder waren verzweifelt und litten unter den Zuständen in Rathausen. Es gab auch mehrere Todesfälle, Suizide. Mehrere Kinder stürzten sich aus Verzweiflung ins Wasser, zum Beispiel Ottilia. Die Nonnen sagten nach ihrem Tod einfach, Ottilia sei unerlaubt schwimmen gegangen. Aber sie war eine ausgezeichnete Schwimmerin. Das war kein Unfall. In einem anderen Fall wurde ein Knabe von einem Stromschlag getötet. Kurz vor diesem «Unfall» sagte er uns: «ich gehe an den Strom».
Einmal, nach einer Bemerkung zum Abendmahl, zitierte mich der Vikar zur Strafe in die Kirche. Ich musste hinknien und beten, die Arme ausstrecken, er legte schwere Bücher auf meine Hände und ich durfte mich nicht bewegen. Gleichzeitig schlug er mit einem Messingstab auf meinen Kopf. Ich lernte in Rathausen eines: nie, nie aufgeben.»

Als Eduard Steiner 18-jährig von Rathausen wegkam, lernte er Gärtner. Später bildete er sich unaufhörlich weiter und brachte es zum Logistikchef einer Baufirma. Schliesslich führte ich viele Jahre zusammen mit meiner Frau einen Antiquitäten-Handel und eine Baufirma, die sich auf die Renovation historischer Häuser spezialisierte. Er ist seit 45 Jahren in zweiter Ehe verheiratet, hat einen erwachsenen Sohn sowie eine Tochter aus erster Ehe.


Lesen Sie den ganzen Beitrag «Ein dunkles Kapitel» über die fällige Wiedergutmachung an administrativ Versorgten, Zwangssterilisierten, Verding- und Heimkinder im Beobachter 18/2010

(Bild: Stephan Rappo)

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Written by Otto Hostettler

2. September 2010 at 08:23

Qualen im Kinderheim: Heilsarmee schaut weg

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Es sind ergreifende Worte, die die 82-jährige S.W. schreibt: «Wenn die Köchin sah, dass ich den Teller mit Haberbrei stehen liess, zog sie mich am Arm in die Küche und blockierte meine Arme und Hände zwischen ihren Knien. Mit einem Suppenlöffel stopfte sie mir den kalten Brei in den Mund. Ich musste mich übergeben und schrie, trotzdem stopfte sie ungeachtet weiter. Sie klemmte mir die Nase zu, damit ich den Mund wieder öffnen musste. So ging die Prozedur dann weiter.»

Jahrzehntelang hatte sie ihre Geschichte verdrängt, bis der Beobachter über genau dieses Kinderheim der Heilsarmee berichtete. S.W. verbrachte mit ihren Geschwistern die Jahre zwischen 1938 und 1945 im Kinderheim «Paradies» in Mettmenstetten ZH. Eine leidvolle Zeit. Im schwach beleuchteten Kellergang wurde sie mit dem Teppichklopfer traktiert, weil sie das Bett nässte. Die Heimleiterin trichterte ihr ein: «Wenn Du im Dorf, in der Schule oder einem Lehrer ‚etwas’ über das ‚Paradies’ erzählst, dann wirst Du von Deinen Geschwistern getrennt und kommst in eine Erziehungsanstalt.»

Schläge, Prügel und rigides Strafensystem waren nur das Eine. Jeden Abend nach dem Essen musste S.W. im Nähzimmer dreckige, von Schweiss durchtränkte Knabensocken flicken. Bis ihre Finger derart wund waren, dass sie tagsüber in der Schule den Füllfederhalter kaum noch in der Hand halten konnte. Ihre Schwester kam nie über die Zustände im Kinderheim hinweg und nahm sich später das Leben.

Als der Beobachter über die in Schweizer Kinderheimen bis weit in die 70er Jahre verbreiteten Demütigungen, Misshandlungen und Missbräuche berichtete, schreibt S.W. ihre Erlebnisse aus der Zeit im Heilsarmee-Kinderheim auf. Darauf wendet sie sich an die Leitung der Heilsarmee, in der Hoffnung auf ein mitfühlendes Wort oder sogar auf eine Entschuldigung. Doch es passierte nichts. Sie schreibt ein zweites Mal. Wieder keine Antwort.

Erst als der Beobachter bei der Heilsarmee nachfragt, befasst man sich mit dem Fall. Lapidar heisst es, der Heilsarmee liege neben jener Schilderung von S.W. auch eine «sehr positive» Rückmeldung über das Kinderheim vor. Sprecher Künzi kommt zum Schluss, es dränge sich deshalb «keine umfassende Aufarbeitung» der Geschichte im Kinderheim «Paradies» auf. Immerhin sagt der Heilsarmee-Sprecher zum Fall: «Die Heilsarmee bedauert das erlittene Unrecht ihrer Kindheit sehr.» Im Beobachter 10/2010 tönte es noch anders.  Damals versicherte er man sei bereit, sich bei betroffenen Personen zu entschuldigen. Jetzt ist davon nicht mehr die Rede.

Written by Otto Hostettler

31. August 2010 at 14:48

«Die Schwester mit dem Stock gab das Kommando»

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 © Beobachter 2010/Otto Hostettler

Sie waren Täter und Opfer zugleich: Angestellte in Kinderheimen der sechziger und siebziger Jahre hatten es schwer, wenn sie sich gegen Gewalt an den Kindern wehrten.

Als Vorspeise gab es eine Tracht Prügel. Beim Essen wurde gebetet, anschliessend ging es im Heimleiterbüro mit neuen Strafaktionen weiter. «Alle Angestellten wussten von den Zuständen, aber was sollten wir tun?», erzählt Elisabeth Stadler. Sie litt unter Schlaflosigkeit, fühlte sich schuldig und überfordert. Sie war verzweifelt über die eigene Machtlosigkeit. Immer wieder wälzte die damals 25-Jährige Suizidgedanken.

Als frischgebackene Sozialarbeiterin hatte Stadler 1966 den Kopf voller Ideale – landete aber in der harten Realität. An ihrem ersten Arbeitsort im damaligen Landerziehungsheim Albisbrunn in Hausen am Albis herrschte Mitte der Sechziger ein Strafsystem, das ihr noch 44 Jahre später Angst macht. Ausgerechnet in diesem Vorzeigeheim, das zuvor jahrzehntelang von Koryphäen der Sozialarbeit geführt worden war und die Entwicklung schweizweit prägte.

Als junge Angestellte leitete sie mit ihrem Mann eine Gruppe mit einem guten Dutzend Burschen im Alter von 15 bis 21 Jahren. Ein Vorfall veränderte ihr weiteres Berufsleben: Ein Bewohner hatte eine Lehrstelle als Koch in Aussicht. Sein Makel: Er war Bettnässer. Der Heimleiter sagte ihm kurzerhand, er könne die Lehre nur antreten, wenn er das Bett nicht mehr nässe. Der Bursche liess sich fortan heimlich über Wochen jede Nacht mehrmals von Zimmerkollegen wecken, um rechtzeitig die Toilette zu erreichen. Aus Angst, dennoch ins Bett zu machen, schnürte er sich sogar das Glied zu. War das Bett am Morgen trotzdem nass, schaffte Stadlers Mann die nassen Laken heimlich in die Wäscherei.

Der Heimleiter wusste von alledem nichts. Seiner jungen Angestellten sagte er deshalb schulterklopfend: «Sehen Sie, es geht doch. Man muss nur wollen!» Das war Elisabeth Stadler zu viel. Sie sprach Mitarbeiter auf die Missstände an. Schliesslich wandte sie sich an die Heimkommission.

Was als Aktion des Personals gedacht war, funktionierte aber nicht. Die anderen Mitarbeiter hielten sich zurück, Elisabeth Stadler und ihr Mann standen plötzlich alleine da – und erhielten die Kündigung. Die allgemein gehaltene Begründung lautete: «unterschiedliche Arbeitsauffassung». Am Rand einer Sitzung aber sprach ein Mitglied der Heimkommission Klartext: «Wir seien störende Elemente und müssten aus dem Mitarbeiterstab eliminiert werden.»

Den vollständigen Artikel lesen Sie im Beobachter 15/2010

 

Written by Otto Hostettler

9. August 2010 at 16:10

Remo Largo über die Gewalt in Kinderheimen

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© Beobachter 2010/Otto Hostettler

Bis weit in die siebziger Jahre wurden Kinder in Heimen misshandelt, gedemütigt und missbraucht. Im Beobachter berichteten Betroffene über ihre Erlebnisse. Doch wie konnten solch schwere Übergriffe üblich sein? Kinderarzt Remo Largo sieht als Basis dafür die repressive Erziehungshaltung, die damals breite Akzeptanz fand. 

Beobachter: Betroffene berichteten im Beobachter, wie sie in Kinderheimen bis in die siebziger Jahre unter Gewalt litten. Weshalb konnten sich Erziehungsmethoden aus dem 19. Jahrhundert so lange halten?

Remo Largo: Die Situation in Kinderheimen spiegelt die Erziehungshaltung, die damals auch in der übrigen Gesellschaft verbreitet war. Die repressive Haltung war auch in Familien üblich. Dies änderte sich erst in den sechziger Jahren. Hinzu kam, dass sich niemand um diese Arbeit in Heimen riss.

Beobachter: Was lösen Strafen wie kopfüber in einen Wassereimer gesteckt zu werden oder auf den Hintern angebundene Nachttöpfe bei Kindern aus?
Largo: Es gibt Betroffene, die leiden ein Leben lang darunter und werden allenfalls auch wieder zu gewalttätigen Erziehenden. Andere können das Trauma verarbeiten und überwinden – je nach Persönlichkeit.

Beobachter: Viele berichten von Prügelstrafen.
Largo: Körperstrafe war zu dieser Zeit weit verbreitet. In den sechziger Jahren wurde in Familien mehr als die Hälfte der Kinder geschlagen. Heute sind es noch 20 Prozent. Aber nur noch fünf Prozent der Eltern sehen die Körperstrafe als legitimer Teil der Erziehung. Eine Mehrheit jener Eltern, die heute noch schlagen, tun dies, weil sie in Konfliktsituationen nicht mehr weiterwissen und die Kontrolle verlieren. Die meisten bedauern dies im Nachhinein.

Beobachter: Wann hörte man auf, den Willen der Kinder zu brechen und sie so zu Gehorsam zu erziehen?
Largo: Das war ein schleichender Prozess. Die 68er Bewegung und die antiautoritäre Erziehung waren lediglich Phänomene eines viel tiefer gehenden gesellschaftlichen Wandels. Gehorsam war bei uns nicht nur ein Mittel, sondern der eigentliche Zweck der Erziehung. In der jüdisch-christlichen Tradition wurde das Kind so erzogen, dass es als Erwachsener nicht aufmuckt und sich der Obrigkeit fügt.  

Beobachter: In Kinderheimen legten auch Frauen bei Strafen eine unglaubliche Phantasie an den Tag.
Largo: Das waren Ausnahmesituationen mit überforderten Erzieherinnen. Die überwiegende Mehrheit der Frauen hat sich nicht so verhalten – was den Männern gar nicht behagte. Die Pädagogen beklagten bereits vor Jahrhunderten die enge Beziehung zwischen Mutter und Kind. Daher der Begriff «Affenliebe».

Beobachter: Was braucht es für eine Erziehung ohne Repression und Autorität?
Largo: Wenn man nicht autoritär und repressiv erziehen will, braucht es erstens eine Beziehung, in der sich das Kind akzeptiert und aufgehoben fühlt. Zweitens braucht es eine natürliche Autorität, die sich aus der Kompetenz des Erwachsenen ergibt. Ein Kind akzeptiert den Vater nicht einfach nur deshalb, weil er der Vater ist. Es akzeptiert ihn, wenn dieser etwas besser weiss oder besser kann. Genauso ein Lehrer, er kann heute den Schülern nicht einfach nur deshalb Anweisungen geben, weil er der Lehrer ist. Er muss mit seinen Kompetenzen glaubwürdig sein.

Remo Largo, 67, leitete 30 Jahre lang die Abteilung «Wachstum und Entwicklung» am Kinderspital Zürich. Seine Studien über die kindliche Entwicklung finden international Beachtung, seine Bücher «Babyjahre», «Kinderjahre» und «Schülerjahre» wurden Klassiker.

Das vollständige Interview lesen Sie im Beobachter 12/2010

Written by Otto Hostettler

11. Juni 2010 at 14:08

Kinderheime: Weitere Opfer klagen an

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Als Reaktion auf den Artikel «Düstere Jahre» im Beobachter meldeten sich zahlreiche weitere Opfer.

So berichtet etwa C. M. über folterähnliche Strafen im Kinderheim Soldanella in Klosters in den sechziger Jahren. Der Heimleiter (genannt «Onkel») hielt den Kindern Elektroden an den nackten Hintern, seine Frau (das «Tanti») drehte derweil an einem verkabelten Telefon­induktor und erzeugte so Strom. Andere Kinder mussten dem Prozedere im Halbkreis zuschauen.

In Winterthur sucht Stadträtin Pearl Pedergnana aufgrund des Beobachter-Berichts Kontakt zu einem Opfer des früheren Winterthurer Waisenvaters. Das tut auch die Frau des schwer beschuldigten, vor einigen Jahren verstorbenen Heimleiters.

Die Ingenbohler Schwestern, die zahlreiche Heime führ­ten, riefen öffentlich Betroffene auf, sich beim Orden zu melden. Willy Mischler, der im Kinderheim Laufen (damals BE) von Ingenbohler Schwestern miss­handelt wurde, sagt dazu: «Ich zweifle, ob es den Schwestern ernst ist, sich ihrer Geschichte zu stellen.» Mischler hatte dem Orden geschrieben – aber auch nach drei Wo­chen keine Antwort erhalten. Er erwartet von den Ingenbohler Schwes­tern eine offene Aufarbeitung ihrer Geschichte und symbolische Wie­dergutmachung für die Opfer. Dazu will er sich nun mit anderen Betroffenen zusammenschliessen.

Im Kanton Luzern hat der Regierungsrat den Geschichts­professor Markus Furrer be­auftragt, die Vergangenheit in den Luzerner Heimen zu untersuchen. Im Fokus steht insbe­sondere das Kinderheim Rathausen.

Wer sich über seinen Heimaufenthalt bei den Ingenbohler Schwestern ­austauschen will: kinderheim-vergangenheit@.gmx.ch

Zum Musterbrief, mit dem Betroffene Akteneinsicht verlangen können, geht es hier

Written by Otto Hostettler

28. Mai 2010 at 22:30

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