Otto Hostettler's Blog

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Nespresso: kräftig im Mund, hartnäckig im Abgang

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Nespresso-Telefon-Verkäufer sind ha-ha-ha-hartnäckige Zeitgenossen. Und mindestens so mühsam.

cloony

Neulich um fünf vor zwölf, mittags, am Telefon:

Er: Guten Tag, hier ist Xy von Nespresso. Spreche ich mit Herrn sowieso?
Ich: Ja

Er: Gut, ich rufe an, um Ihnen die Angebote von Nespresso zu erläutern.
Ich: Danke, das ist nicht nötig. Wir kennen ihr Angebot und brauchen nichts.

Er: Ihre Frau ist aber Kundin von Nespresso, kann ich sie kurz sprechen?
Ich: Schauen Sie, meine Partnerin kommt schon wieder zu Ihnen, wenn sie Nachschub braucht. Das habe ich vorgestern bereits Ihrer Kollegin erklärt, als sie anrief. Es ist nicht nötig, dass Sie alle paar Tage anrufen und mir etwas verkaufen wollen.

Er: Also das hier ist kein Werbeanruf…
Ich: … ach ja, was ist es denn?

Er: Ich will Ihnen nur ein Angebot machen, falls Ihre Kaffeemaschine einmal repariert werden müsste.
Ich: (leicht genervt) Das nenne ich Werbeanruf. Wir haben aber keine Kaffeemaschine von Nespresso und benötigen nichts.

Er: Ach ja, Sie haben keine Nespresso-Maschine? Weshalb kauft Ihre Frau dann unsere Kapseln?
Ich: (ziemlich genervt). Eigentlich brauche ich mich nicht zu rechtfertigen. Aber meine Partnerin kauft Nespresso-Kapseln, damit sie im Büro Kaffee trinken kann. Thats it. Wir brauchen nichts von Ihnen. Bitte notieren Sie dies in Ihrer Datenbank.

Er: Gut, dann kontrollieren wir doch Ihre Angaben in unserer Datenbank. Stimmt diese Adresse noch?
Ich: (sehr genervt) Habe ich mich bei Ihnen gemeldet, um die Adresse zu ändern?

Er: Nein.
Ich: Also, dann hat sich auch nichts geändert!

Er: Telefonnummer stimmt also auch noch.
Ich: Hören Sie, ich beende jetzt dieses Gespräch und ich möchte von Ihnen nicht mehr angerufen werden.

Er: Das ist wirklich kein Werbeanruf.
Ich: nein, nein, überhaupt nicht. Auf wiederhören.

–Ende–

(Bild: Nespresso.com)
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Written by Otto Hostettler

4. November 2009 at 14:30

Veröffentlicht in Datenschutz, Konsum, Wirtschaft

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Ernährungslehre à la Nestlé

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Nestlés brilliante PR-Abteilung: Öffentliche Institutionen wie das Spitalzentrum Biel verbreiten eine fragwürdige Werbe-Broschüre des Nahrungsmittelmultis.

pyramideLehrerinnen predigen die wissenschaftlich abgestützte Ernährungspyramide mittlerweile in jedem Kindergarten, jetzt macht sich auch Nestlé die breit akzeptierte Darstellung von gesundem Essen zu Nutze. Aber: Der Nahrungsmittelkonzern hat die Ernährungspyramide kurzerhand zu Firmenzwecken optimiert. Entstanden ist eine ratgebermässig aufgemachte PR-Broschüre unter den Titel «Verdauung gut – alles gut!».

Die wissenschaftliche Ernährungslehre stellt der Konzern so dar, dass man sich mehr oder weniger ausschliesslich mit Nestlé-Produkten ernähren soll kann. Die Pyramide basiert auf Wasser (Vitel, Contrex, San Pellegrino), Bouillon (Maggi) oder Kaffee (Nestcafé-Gold, Incarom, Nespresso). Bei der Ebene mit den Früchten und Gemüsen finden sich die Tiefkühlprodukte aus eigenem Haus (Findus). Weiter oben sind die Cornflakes (Nestlé-Fitness), Joghurt (LC1), Polenta (Maggi) oder Hamburger (Findus). Natürlich fehlen auch Mayonnaise (Thomy) und Süssgetränke (Nestea) nicht. Auf dem Gipfel platzierte Nestlé Cailler-Schokolade, Staldencrème, Pralinato-Glacé und ähnliches.

Auf der schönen Grafik steht aber kein Wort vom hohen Zuckergehalt der Cornflakes, kein Wort vom hohen Salzgehalt in den Fertigprodukten, kein Wort vom übermässigen Fett in der Mayonnaise und kein Wort von der verkappten Zuckerbombe Eistee. Würde Nestlé die ungesunden Nährwerte ausserdem mit dem Ampelsystem darstellen, wären auf den Produkten der Nestlé-Ernährungspyramide gleich eine Reihe roter Punkte zu vergeben. Doch die Nahrungsmittel-Industrie sträubt sich bekanntlich weiterhin, den Konsumenten übersichtliche Informationen zu liefern. Viel lieber stellt die Industrie ihre Produkte als gesund dar, statt den Kunden reinen Wein einzuschenken.

Ganz offensichtlich fallen auch Fachleute auf die als sachliche Übersicht aufgemachte PR herein. Zu finden ist das Nestlé-Produkteprogramm nämlich auch in öffentlichen Spitälern, beispielsweise im Spitalzentrum Biel. Mitten in den Faltblättern der zahlreichen nichtkommerziellen Beratungsstellen für Herz, Ohren, Augen, Übergewicht, Diabetes, werdende Mütter etc.

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Written by Otto Hostettler

14. August 2009 at 11:25

Nestlé: Die zwei Gesichter des Herrn D.

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© Beobachter 2009

Seit Nestlé-Generaldirektor Roland Decorvet im Stiftungsrat des kirchlichen Hilfswerks Heks ist, gärt es an der Kirchenbasis. Denn Nestlé verfolgt Interessen, die das Heks klar ablehnt.

Die Wahl von Roland Decorvet in den Stiftungsrat des kirchlichen Hilfswerks Heks sorgt für Unmut. Denn Roland Decorvet ist nicht irgendwer. Er ist Generaldirektor des Nahrungsmittelkonzerns Nestlé, der wiederum mit 280000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf der ganzen Welt in den ersten neun Monaten dieses Jahres 81,4 Milliarden Franken Umsatz verbuchte – 7,6 Milliarden Franken allein mit dem Verkauf von Wasser. Ganz anders die Interessen des Hilfswerks: Das Heks fordert den freien, kostenlosen Zugang zu Wasser als Menschenrecht.

Mehr noch: Der neue Stiftungsrat im kirchlichen Hilfswerk repräsentiert just jenen Konzern, der jahrelang und systematisch Arbeitsgruppen der Antiglobalisierungsorganisation Attac bespitzeln liess (siehe Artikel zum Thema «Überwachung: Wie die Securitas um sich greift»). Mindestens drei Maulwürfe unterwanderten die Attac. Sie interessierten sich nicht nur für das Buch über Nestlé, an dem eine Autorengruppe arbeitete, sondern auch für den brasilianischen Umweltschützer Franklin Frederick, der engen Kontakt zur Szene hat.

Hartnäckig kritisiert Franklin Frederick seit Jahren den Nahrungsmittelkonzern für sein Geschäft mit Trinkwasser in Brasilien. Immer wieder reist er in die Schweiz, trifft Umweltorganisationen und Hilfswerke, hält Vorträge bei Kirchgemeinden und hat dazu beigetragen, dass die Kirchen der Schweiz die sogenannte Wassererklärung unterzeichneten. Darin wird Wasser als öffentliches Gut bezeichnet, das jedem Menschen zusteht. Eine Privatisierung von Quellen wird klar abgelehnt.

Ganz offensichtlich ist der umtriebige Umweltschützer aus Brasilien dem weltgrössten Wasserhändler ein Dorn im Auge. Dies geht aus den vertraulichen Berichten hervor, die die Securitas-Angestellte mit dem Pseudonym Sara Meylan dem Nestlé-Konzern ablieferte und die dem Beobachter in Auszügen vorliegen. Darin taucht immer wieder Fredericks Name auf.

Spitzelin Sara Meylan rapportierte fleissig, was Franklin Frederick über die aktuelle juristische Auseinandersetzung mit Nestlé in Brasilien berichtet. Die Spionin notiert, dass Frederick nun bei den Kirchen anklopfen wolle, wann welche Sitzung stattfindet et cetera. Dazu lieferte die Agentin auch gleich die E-Mail-Adresse des Umweltschützers für den Fall, dass sich Nestlé für dessen Korrespondenz interessieren sollte. Und sie vergisst nicht, ihre eigenen Auslagen zu notieren: eine warme Schokolade und ein Glas Eistee für total Fr. 6.80, fünf Franken Kollekte für die Saalmiete.

Das Hilfswerk, das sich Toleranz und Dialog auf die Fahne geschrieben hat, wird auffällig einsilbig jenen gegenüber, die unbequeme Fragen zum neuen Stiftungsrat stellen. Der Stiftungsratspräsident und liberale Nationalrat Claude Ruey lässt die Fragen des Beobachters unbeantwortet.

Decorvet hat zuvor die Diskussion über seine Person selber angeheizt: Er, dessen Familie seit fünf Generationen aus Pfarrern besteht, kanzelte gegenüber der Zeitung «Reformierte Presse» sowie dem Magazin des Heks die Kritiker als «politisch extrem links» und als «minorité négligeable» ab, also als vernachlässigbare Minderheit. Gleichzeitig behauptete der neue Heks-Stiftungsrat kühn: «Nestlé ist die beste Entwicklungsorganisation, die es gibt.»

Weiterlesen im Beobachter 25/08

(Bild: Alban Kakulya)

Written by Otto Hostettler

11. Dezember 2008 at 15:26

Wie die Securitas um sich greift

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© Beobachter 2008

Die Bewachungsfirma Securitas kann sich bei ihren geheimdienstlichen Schnüffeleien auf ein weites Netzwerk stützen. Im Fall Nestlé/Attac führt eine Spur an die Spitze der SBB-Bahnpolizei.

Nach diesem Tag gab es von Sara Meylan kein Lebenszeichen mehr. Am 12. Juni 2004 aber war sie noch dabei, als die Westschweizer Antiglobalisierungsgruppe Attac gerade ihr Buch über den Nahrungsmittelkonzern Nestlé publiziert hatte und dessen Geschäftspraktiken mit einer öffentlichen Veranstaltung anprangerte. In der Nestlé-Zentrale war das neue Buch hingegen kalter Kaffee, der Maulwurf hatte den Inhalt längst geliefert. Sara Meylans Mission war zu Ende.

Als Securitas-Spitzel im Auftrag von Nestlé hatte die junge Frau ein Jahr zuvor in Lausanne eine Autorengruppe der Organisation Attac infiltriert, wie das Westschweizer Fernsehen publik machte. Die Securitas begründet die Aktion mit dem damals am Genfersee durchgeführten Gipfel der wichtigsten Industrienationen (G-8) – die Observation sei im Namen der Sicherheit erfolgt. Doch: Der G-8-Gipfel in Evian war längst vorbei, als die siebenköpfige Gruppe – Sara Meylan inklusive – beschloss, über Nestlé ein kritisches Buch zu schreiben.

Über Sara Meylans wahre Identität wird nach wie vor gerätselt. Sie gab an, in Neuenburg zu wohnen und bei einer Versicherung zu arbeiten. In Neuenburg arbeitete sie zwar nachweislich mindestens ein Mal – an einem Computer eines Internetcafés. Fotos von ihr gibt es keine, ausser jenem auf dem Halbtaxabo, das sie damals benutzte. Auf diesem Bild, das dem Beobachter vorliegt, trägt sie schulterlanges, zum Rossschwanz gebundenes Haar. Das Gesicht kantig, die Augen stark geschminkt, den Mund zu einem Strich gepresst.

Ausgerechnet ihr Halbtaxabo fördert nun aber eine brisante Verbindung zutage, die Fragen aufwirft: Wurde die Aktion sorgfältig von der Securitas geplant, und griff sie dafür auf ihre guten Verbindungen zu den SBB zurück? Denn ein Angehöriger des Topkaders der Bahnpolizei, die zur SBB-Tochter Securitrans gehört (siehe nachfolgendes Organigramm), taucht nun plötzlich in indirektem Zusammenhang mit der Bespitzelung auf, wie Recherchen des Beobachters zeigen.

Die Halbtaxkarte von Sara Meylan mit der Nummer RBC 287 wurde von den SBB am 8. September 2003 ausgestellt. Als Adresse der Spionin war im SBB-System Folgendes registriert: «c/o Pascal Delessert, Avenue du Château 58, 1008 Prilly». Bei Pascal Delessert, der tatsächlich an dieser Adresse wohnt, handelt es sich um keinen Geringeren als den damaligen Chef der Westschweizer Bahnpolizei.

Es fragt sich somit, ob Meylan gegenüber den SBB falsche Angaben machte oder ob die Securitas das Halbtax ausgerechnet an den damaligen Westschweizer Bahnpolizei-Chef schicken liess. Denkbar ist auch, dass Meylan das Abonnement gar nicht am Schalter löste, sondern von ihrem Auftraggeber für die Observation persönlich in die Hand gedrückt bekam. Zwei weitere Möglichkeiten bestehen zumindest theoretisch: Die Adressangabe von Meylan hat den Tatsachen entsprochen, womit sie damals beim Bahnpolizei-Chef gewohnt hätte; oder der Bahnpolizei-Chef hat mit der Schnüffelaktion gar nichts zu tun. Klar ist einzig: Die Agentin musste unbedingt über ein Halbtax verfügen. Denn in der Schweiz besitzen über zwei Millionen Personen ein Halbtax, wer keines hat, ist in einer Gruppe wie der Attac, die häufig durch die Schweiz reist, geradezu auffällig.

Tatsächlich muss sich das Familienunternehmen Securitas, bisher Garant für Seriosität und Zuverlässigkeit, unangenehme Fragen gefallen lassen: Securitas-Nachtwächter haben in unzähligen Firmen Zugang zu Räumlichkeiten und könnten – theoretisch – im Auftrag von Konkurrenten Informationen sammeln.

Die Securitas arbeitete nicht nur mit den Spitzen der SBB-Bahnpolizei zusammen, sondern auch mit der Waadtländer Kantonspolizei. Securitas-Generalsekretär Reto Casutt bestätigte bereits im Westschweizer Fernsehen freimütig, dass die Waadtländer Polizei mit Informationen aus der Observation beliefert worden sei. Damit wird klar, dass die Securitas ihr vorzügliches Netzwerk tatsächlich nutzt.

Die investigativen Tätigkeiten haben sich längst zu einem lukrativen Geschäftsfeld entwickelt. Ein ehemaliges Kadermitglied der Securitas erklärt denn auch, dass der Konzern «nichts tut, was keinen Umsatz bringt». Ein anderer Securitas-Kadermann, der jahrelang Zugang zum innersten Zirkel hatte, rechtfertigt das neue Geschäftsfeld mit der ausländischen Konkurrenz, die solche Dienste längst anbiete – auch in der Schweiz. Und dieses lukrative Geschäft mit der verdeckten Überwachung will sich die Nummer eins im Schweizer Sicherheitsmarkt nicht entgehen lassen.

Starker Mann des Unternehmens ist Generaldirektor Hans Winzenried, sekundiert von Generalsekretär Reto Casutt. Winzenried präsidiert neben zahlreichen gruppeninternen Firmen auch die Securitrans (unter anderem Bahnpolizei), die zu 51 respektive 49 Prozent den SBB und der Securitas gehört. Operativer Chef: Martin Graf, ehemaliger Securitas-Kadermann.

Als Kommandant der Bahnpolizei diente der frühere Luzerner Polizeikommandant Jörg Stocker. Unter nebulösen Begründungen wurde er im Februar abgesetzt, dient dem SBB-Unternehmen aber weiterhin für «Spezialaufgaben». Sein neuer Job: Er ist Verwaltungsratspräsident der Crime Investigation Services AG (CIS), die zur Securitas-Gruppe gehört und in deren Verwaltungsrat auch Reto Casutt sitzt.

Weiterlesen im Beobachter 14/08

(Bild: http://www.securitas.ch)

Written by Otto Hostettler

9. Juli 2008 at 15:10

Dickmacher: Plötzlich sind sie gesund

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Ampel

Was sagt mehr aus: Nährwertkennzeichnung der Industrie ("GDA-System", oben); oder die "Ampel"-Darstellung (unten)?

© Beobachter 2008/Otto Hostettler

Man rechne mit kleinen Portionen und einem hohen Tagesbedarf, und schon steht ein Produkt gesünder da, als es ist. Die Industrie nennt das dann «ausgezeichnet informiert».

Die wirtschaftliche Kraft hinter den vier Buchstaben ist gewaltig: Die FIAL, die Föderation der schweizerischen Nahrungsmittelindustrien, umfasst über 200 teils multinationale Firmen, die gesamthaft einen Umsatz von fast 30 Milliarden Franken erwirtschaften. Steht ein Konsument im Laden vor dem Lebensmittelregal, blickt er fast ausschliesslich auf Produkte, deren Hersteller sich in der FIAL verbinden. Schweizer Konsumenten kommen an der Organisation nicht vorbei.

Diese Macht kaschiert die FIAL mit höflichen Worten und charmanten Auftritten. Als der Co-Geschäftsführer Franz U. Schmid an einem runden Tisch des Bundesamts für Gesundheit (BAG) zum Thema Übergewicht und Fettleibigkeit zum Referat ansetzte, hiess es auf der Folie: «Die Schweizer Nahrungsmittelindustrie als Teil der Lösung». Neben schönen Absichtserklärungen präsentierte Schmid im Frühling 2006 ein neues, einheitliches und freiwilliges System für die Nährwertangaben auf Lebensmittelverpackungen. Weil inzwischen mehr als jeder dritte Schweizer übergewichtig oder fettleibig ist, steht die Branche vor der entscheidenden Frage: Wie sagt man einem Konsumenten, dass er mit einem Lebensmittel zu viel Zucker oder ungesunde Fettsäuren zu sich nimmt, das Produkt aber trotzdem kaufen soll?

Dass sich die Industrie in den letzten Jahren zum Thema Übergewicht Gedanken gemacht hat, hat seinen Grund: Die britische Gesundheitsbehörde beschloss 2005 ein einfaches und verständliches Deklarationssystem und führte es 2006 auch gleich ein – auf freiwilliger Basis. Mit einem sogenannten Ampelsystem wird der jeweilige Gehalt von Fett, Zucker, Salz und gesättigten Fettsäuren farblich plakativ markiert. Rot steht für «nur in kleinen Mengen hin und wieder verzehren», Orange heisst, «es ist okay, es häufiger zu essen», und Grün bedeutet «eine gesunde Wahl». Die britische Art, Ernährungshinweise darzustellen, ist bei Konsumenten auf breite Akzeptanz gestossen, wie Studien zeigen. Anfang 2008 waren bereits 10’000 Einzelprodukte mit den Ernährungshinweisen nach dem Ampelsystem gekennzeichnet.

Im übrigen Europa aber lehnen Lebensmittelgiganten wie Nestlé, Coca-Cola, Kraft Foods, Kellogg’s, Unilever und andere das Ampelsystem strikt ab. Sie hatten im September 2005 eiligst eine eigene Art der Nährwertangaben kreiert. Genau dieses System adaptierte die Industrie auch für die Schweiz. Auch wenn die FIAL im April 2006 dem BAG, den Gesundheitsorganisationen und Konsumentenverbänden dieses System erst in unverbindlichen Worten vorstellte, die Einführung hatte bereits begonnen. Kellogg’s Schweiz beschriftete bereits Ende 2005 die ersten Produkte nach der neuen Art: Kalorien, Zucker, Fett und Salz werden neu mit eigenen kleinen Symbolen dargestellt. Noch wichtiger aber ist die neue Berechnungsart. Die Angaben auf der Verpackung setzen die Werte in ein Verhältnis zum täglichen Bedarf. Neu werden Kalorien, Zucker, Fett und Salz zudem nicht mehr pro 100 Gramm angegeben, sondern in «Portionen» umgerechnet. So klingen die Zucker- oder Fettgehalte selbst bei Dickmachern auf einmal harmlos.

Auf einer Halbliterflasche Coca-Cola oder Sprite etwa prangt nun der Zucker-Hinweis: 25 Gramm, dazu die Bemerkung, dies entspreche 28 Prozent des täglichen Verbrauchs. Tatsächlich ist aber der Zuckergehalt einer Flasche doppelt so hoch. Denn als eine «Portion», auf die sich die Angaben beziehen, gilt eine halbe Flasche. Kommt dazu, dass die Prozentangabe verharmlosend wirkt: Als Basis für den Tagesbedarf werden 90 Gramm Zucker angenommen, die Weltgesundheitsorganisation WHO ihrerseits empfiehlt für Erwachsene lediglich 50 bis 60 Gramm. Das heisst umgerechnet: Wer eine 0,5-Liter-Flasche dieses Süssgetränks zu sich nimmt, deckt damit den Zuckerbedarf eines ganzen Tages.

Ähnlich bei Mayonnaise: Weil Nestlé die Portion mit bescheidenen 15 Gramm definiert, steht auf der Tube in der Rubrik «Fett»: 17 Prozent des täglichen Bedarfs. Doch tatsächlich besteht Mayonnaise zu 80 Prozent aus purem Fett. Wer schon jemals ein Ei mit Mayonnaise gegessen hat, weiss, dass es bei einem einzigen Druck auf die Tube nicht bleibt.

Kinder in der Zuckerfalle

Noch krasser sind die Nährwertangaben beziehungsweise die Portionendefinition bei Pommes Chips. Bei Pringles bilden 14 einzelne Chips eine «Portion». Nur dank dieser Kleinmenge geht die Rechnung auf. Gemäss Packungshinweis verzehrt man nur 9 Gramm Fett. Gemessen an der täglichen Dosis von 70 Gramm klingt das nach wenig. Realistischer ist jedoch, dass jemand eine halbe Packung Pringles isst – und damit bereits fast die Hälfte des gesamten Tagesbedarfs an Fett zu sich nimmt.

Besonders trügerisch sind die Angaben bei Cornflakes: Die Kellogg’s Smacks etwa, die sich mit Verpackung und beigelegtem Spielzeug gezielt an Kinder richten, bemessen ihre Angaben am Kalorienbedarf einer erwachsenen Person. Dank der klein gewählten Portion und der hoch angesetzten Zuckertagesmenge von 90 Gramm heisst es in der Nährwertangabe, man nehme nur 14 Prozent des täglichen Bedarfs zu sich. Berücksichtigt man aber, dass Kinder weniger Zucker benötigen (laut WHO 38 Gramm) und am Frühstückstisch ihre Schale randvoll füllen, ist der Tagesbedarf an Zucker bereits um 8 Uhr morgens mehr als zur Hälfte gedeckt.

Und was sagt die Industrie und das Bundesamt für Gesundheit?

Weiterlesen im Beobachter 9/2008

Written by Otto Hostettler

29. April 2008 at 11:22