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Heilsarmee zahlt betagter Frau nach 68 Jahren ihren Lohn

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Mit 68 Jahren Verspätung bezahlt die Heilsarmee einer früheren Angestellten ihren Lohn.

Späte Genugtuung: Die Heilsarmee bezahlt einer früheren Angestellten des Kinderheims Paradies in Mettmenstetten ZH mit 68 Jahren Verspätung ihren Lohn aus. Klara Zelg (Name geändert) arbeitete 1945 als damals 16-jährige für ein Jahr in der Säuglingsabteilung. Vereinbart worden war mit dem Vormund ein Monatslohn von 25 Franken. Die Heilsarmee-Verantwortliche bezahlte aber damals der jungen Frau nur zwei Franken pro Woche aus, also acht Franken pro Monat. Jetzt hat die Heilsarmee der betagten Frau 3500 Franken überwiesen und sich gleichzeitig «in aller Form für das in ihrer Kindheit erlittene Unrecht entschuldigt».

Noch vor drei Jahren foutierte sich die Heilsarmee während Monaten um die betagte Frau (siehe hier). Die damals 82-jährige Klara Zelg*, die 1938 mit ihren vier Geschwistern ins Heim gekommen war, wollte endlich die leidvolle Geschichte hinter sich lassen und schrieb deshalb dem Hauptquartier. Sie berichtete von erbärmlichen Zuständen und drakonischen Strafen. Doch statt verständnisvolle Worte erhielt die Frau monatelang gar keine Antwort.

Klara Zelg, die jahrzehntelang mit niemandem über ihre Erlebnisse gesprochen hatte, liess nicht locker und schrieb der Heilsarmee Brief um Brief. Zuletzt mit der Forderung, man möge ihr endlich den nie ausbezahlten Lohn überweisen. «Es geht mir nicht zuletzt um die Würde all jener Kinder, die im «Paradies» geschlagen, zur Strafe in den Keller eingesperrt wurde oder auf Essen verzichten mussten», sagt Klara Zelg. «Und um die Glaubwürdigkeit all jener, die damals demütigende Rituale und Schläge über sich ergehen lassen mussten, nur weil sie Bettnässer waren und damit leben müssen, dass ihre Aussagen bis heute angezweifelt werden».

Jetzt ging plötzlich alles ganz schnell: Die Angelegenheit wurde zur Chefsache erklärt, eine externe Anlaufstelle wurde eingerichtet und die Forderung der betagten Frau umgehend erfüllt.

Den vollständigen Artikel lesen Sie im Beobachter 24/2013.

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Written by Otto Hostettler

30. November 2013 at 13:08

Heilsarmee will Journalist einbinden

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Eben erst musste die Heilsarmee im Beobachter über sich die Schlagzeile lesen: «Heilsarmee foutiert sich um 82-jährige Frau». Der Hintergrund: Frühere Bewohner des Heilsarmee-Kinderheims in Mettmenstetten ZH mit dem wohlklingenden Namen «Paradies» berichteten dem Beobachter von entwürdigenden Zuständen, Gewalt und Demütigungen. Eine 82-jährige Frau verlangte darauf von der Heilsarmee eine Stellungnahme – und wurde von den Verantwortlichen über Monate hinweg ignoriert. Erst als sich der Beobachter einschaltete, fand man Zeit, sich bei der betagten Frau zu entschuldigen.

Jetzt unternimmt die Heilsarmee einen ungewöhnlichen Schritt: Sie kontaktierte mich als Journalist, um mir einen Auftrag zuzuhalten. Gegen Bezahlung, wohlverstanden. Die Vorstellung der Heilsarmee: Ich soll für die Weihnachts-Spendenaktion eine «berührende Lebensgeschichte» einer Person schreiben. Damit ich nicht etwa auf die Idee kommen könnte, die Lebensgeschichte  der besagten 82-jährigen Frau zu erzählen, würde diese Person durch die Heilsarmee bestimmt. Ganz wichtig aber: «Selbstverständlich würden wir ihren Aufwand nach Absprache vergüten», hält der Sprecher fest, der gleichzeitig PR-Beauftragter ist. Honorar nach Wunsch, sozusagen.

«Embedded journalism» nennt sich das, eingebetteter Journalismus. Eine Institution zeigt sich gegenüber einem Journalisten mit einem Auftrag erkenntlich. Dieser wiederum – so vermutlich die Hoffnung – hat später nicht nur keine Zeit mehr für weitere Recherchen. Und er hat aufgrund des gutbezahlten Auftrags auch Hemmungen, seinen neuen Auftraggeber kritisch zu beleuchten.

Das Angebot der Heilsarmee habe ich dankend abgelehnt.

Written by Otto Hostettler

24. September 2010 at 15:27

Qualen im Kinderheim: Heilsarmee schaut weg

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Es sind ergreifende Worte, die die 82-jährige S.W. schreibt: «Wenn die Köchin sah, dass ich den Teller mit Haberbrei stehen liess, zog sie mich am Arm in die Küche und blockierte meine Arme und Hände zwischen ihren Knien. Mit einem Suppenlöffel stopfte sie mir den kalten Brei in den Mund. Ich musste mich übergeben und schrie, trotzdem stopfte sie ungeachtet weiter. Sie klemmte mir die Nase zu, damit ich den Mund wieder öffnen musste. So ging die Prozedur dann weiter.»

Jahrzehntelang hatte sie ihre Geschichte verdrängt, bis der Beobachter über genau dieses Kinderheim der Heilsarmee berichtete. S.W. verbrachte mit ihren Geschwistern die Jahre zwischen 1938 und 1945 im Kinderheim «Paradies» in Mettmenstetten ZH. Eine leidvolle Zeit. Im schwach beleuchteten Kellergang wurde sie mit dem Teppichklopfer traktiert, weil sie das Bett nässte. Die Heimleiterin trichterte ihr ein: «Wenn Du im Dorf, in der Schule oder einem Lehrer ‚etwas’ über das ‚Paradies’ erzählst, dann wirst Du von Deinen Geschwistern getrennt und kommst in eine Erziehungsanstalt.»

Schläge, Prügel und rigides Strafensystem waren nur das Eine. Jeden Abend nach dem Essen musste S.W. im Nähzimmer dreckige, von Schweiss durchtränkte Knabensocken flicken. Bis ihre Finger derart wund waren, dass sie tagsüber in der Schule den Füllfederhalter kaum noch in der Hand halten konnte. Ihre Schwester kam nie über die Zustände im Kinderheim hinweg und nahm sich später das Leben.

Als der Beobachter über die in Schweizer Kinderheimen bis weit in die 70er Jahre verbreiteten Demütigungen, Misshandlungen und Missbräuche berichtete, schreibt S.W. ihre Erlebnisse aus der Zeit im Heilsarmee-Kinderheim auf. Darauf wendet sie sich an die Leitung der Heilsarmee, in der Hoffnung auf ein mitfühlendes Wort oder sogar auf eine Entschuldigung. Doch es passierte nichts. Sie schreibt ein zweites Mal. Wieder keine Antwort.

Erst als der Beobachter bei der Heilsarmee nachfragt, befasst man sich mit dem Fall. Lapidar heisst es, der Heilsarmee liege neben jener Schilderung von S.W. auch eine «sehr positive» Rückmeldung über das Kinderheim vor. Sprecher Künzi kommt zum Schluss, es dränge sich deshalb «keine umfassende Aufarbeitung» der Geschichte im Kinderheim «Paradies» auf. Immerhin sagt der Heilsarmee-Sprecher zum Fall: «Die Heilsarmee bedauert das erlittene Unrecht ihrer Kindheit sehr.» Im Beobachter 10/2010 tönte es noch anders.  Damals versicherte er man sei bereit, sich bei betroffenen Personen zu entschuldigen. Jetzt ist davon nicht mehr die Rede.

Written by Otto Hostettler

31. August 2010 at 14:48

Gewalt in Kinderheimen: Die Liste wird länger

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Auch Monate nach der Publikation «Qualen im Kinderheim» im Beobachter  melden sich Betroffene bei der Redaktion. Sie berichten von einer erschütternden Kindheit im Heim, von täglichen Demütigungen, Gewalt und Missbrauch. Viele haben ihre Geschichte bis heute nicht bewältigt, sie wurden mit ihren Erlebnissen alleine gelassen. Andere müssen damit leben, dass man ihnen ihre Geschichte nicht glaubt.

Immerhin, in einigen Fällen wollen heutige Behörden die Verfehlungen untersuchen und sich bei Betroffenen entschuldigen. Im Kanton Luzern beispielsweise hat das Gesundheits- und Sozialdepartement den Historiker Markus Furrer beauftragt, die Vorkommnisse in Erziehungsanstalten und Kinderheimen aufzuarbeiten. Inwiefern die Ingenbohler Schwestern ihre eigene unrühmliche Geschichte aufarbeiten werden, ist nach wie vor unklar. Vor Monaten kündigten sie die Einsetzung einer Arbeitsgruppe an, bis heute ist aber nicht einmal bekannt, wer diese Kommission leiten soll. Das Kloster war in der Schweiz verantwortlich für eine ganze Reihe von Heimen, darunter die berüchtigte Erziehungsanstalt Rathausen oder das Waisenhaus „Maria Hilf“ in Laufen (damals BE).

In diesen Heimen sind Gewalt, Demütigungen und Missbrauch durch Betroffene dokumentiert:

Vorwürfe

Name des Heims

Ort

Kanton

Gewalt

Kinderheim Klösterli

Wettingen

AG

Elektroschock auf Hintern

Kinderheim Soldanella

Klosters

GR

brutales Baderitual, Gewalt

Töchterinstitut auf der Steig

Schaffhausen

SH

Gewalt, Psychoterror

Erziehungsanstalt Lärchenheim

Lutzenberg

AR

kopfüber in Wassereimer, kalt abduschen

Kinderheim Maria hilf Laufen

Laufen

BE (BL)

Gewalt, Psychoterror, Bettnässer

Kinderdörfli Rathausen

Rathausen

LU

Prügel, sexueller Missbrauch

Waisenhaus Winterthur

Winterthur

ZH

Prügel, Bettnässer, auf Boden schlafen

Kinderheim Paradies

Mettmenstetten

ZH

Gewalt, sex. Missbrauch unter Jugendl.

Schulheim Gott hilft, Wiesen

Herisau

AR

Gewalt

Sanatorium für schwächliche und
nervenkranke Kinder

Steinen

SZ

nackt stramm stehen, Schläge

Kinderheim Selzach

Selzach

SO

Gewalt

Kinderstube Hubelmatt

Luzern

LU

Gewalt, Wassertortur, fesseln, Topf an Hintern

Kinderheim Courtepin

Courtepin

FR

Gewalt, Erbrochenes essen

Kinderheim Birnbäumen

St. Gallen

SG

Essensentzug, Essen auf Toilette

Kinderheim Sonnhalde, ?

Luzern

LU

„ganz schlimm“

Kinderheim St. Benedikt

Hermettschwil

AG

Prügel, Nötigung von Bettnässer

Landerziehungsheim Alsbisbrunn

Hausen a.A.

ZH

massive Prügel, Verletzungen

Evangelisches Kinderheim Freienstein

Freienstein

ZH

Prügel, Tritte, Schläge

Seraphisches Liebeswerk

Luzern

LU

Sexuelle Gewalt unter Jugendl.

Kinderheim Blaurain

Basel

BS

Sexuelle Gewalt, Bock im Keller!

Kinderheim Knuttwil

Knuttwil

LU

Pflaster Mund, Erbrochenes essen

Kinderheim Bombinasco

Bombinasco

TI

Sexueller Missbrauch

Kinderheim Oberzil

St. Gallen

SG