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Spionage: Nestlé kann sich kaum erinnern

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Nestlé möchte sich am liebsten nicht mehr an die Details erinnern, wie die Securitas in ihrem Auftrag drei Spioninnen in globalisierungskritische Kreise einschleuste. 

Der Spionagefall Nestlé hat die Hauptakteure doch noch eingeholt: Securitas und Nestlé müssen sich gegenwärtig vor dem Lausanner Bezirksgericht wegen möglicher Persönlichkeitsverletzungen und Verletzung des Datenschutzes verantworten. Während Jahren spionierten zwei Frauen eine Lausanner Autorengruppe der globalisierungskritischen Organisation Attac aus. Diese Autorengruppe veröffentlichte 2004 ein kritisches Buch über den Nahrungsmittelmulti. Was die Globalisierungskritiker nicht wussten: In ihrem Kreis war eine Angestellte von Securitas, sie rapportierte regelmässig an die Sicherheitsfirma und an Nestlé. Die Frau mit dem Pseudonym Sara Meylan wurde später von einer zweiten Spionin ersetzt, diese war noch bis 2008 bei Attac aktiv, behauptete aber, nur bis 2005 für Securitas tätig gewesen sein. Die Vorgesetzte von «Sara Meylan» wiederum infiltrierte nebenbei eine andere linke Gruppierung. Diese dritte Spionin flog erst 2008 auf.

Jetzt fordern die bespitzelten Attac-Mitglieder von Securitas und Nestlé 27’000 Franken Schadenersatz und die Herausgabe aller über sie gesammelten Akten. Gestern mussten in diesem Spionagefall verschiedene Akteure vor dem Lausanner Bezirksgericht erscheinen. Drei ehemalige Kadermitglieder von Nestlé antworteten auf die Fragen der Attac-Anwälte nur einsilbig, wollten sich an wenig konkretes mehr erinnern können oder stritten ab, überhaupt von der Überwachungsaktion gewusst zu haben.

Der damalige Nestlé-Generalsekretär Bernhard Daniel gab zwar zu, Securitas ein «Spezialmandat» übertragen zu haben, um die Sicherheit zu verstärken. Wer genau überwacht werden sollte, habe er aber nicht gewusst. Er habe die Rapporte von Sara Meylan gelesen, konnte sich jetzt aber nicht mehr erinnern, was er damit getan hatte. Auf hartnäckige Nachfragen der Attac-Anwälte reagierte der frühere Nestlé-Generalsekretär unwirsch: «Das ist acht Jahre her und ich hatte noch anderes zu tun». Securitas gab sich bekanntlich keine Blösse.

Nestlés damaliger PR-Chef war noch wortkarger, beziehungsweise wusste gemäss eigenen Aussagen gar nichts über den Fall. «Ich war nie informiert, dass irgendjemand infiltriert werden sollte.» Die Rapporte der Spionin habe er nie gesehen. Pikant: Stattdessen hatte er Zugriff auf einen Textentwurf, den Sara Meylan für das kritische Nestlé-Buch geschrieben hatte. Von wem das Manuskript kam, habe er nicht gewusst, er habe es nur «korrigiert». Auch er sagte immer wieder: «Ich erinnere mich nicht.»

Sein Vorgesetzter bei Nestlé gab immerhin an, die Spionagerapporte vom firmeninternen Sicherheitsdienst erhalten zu haben. Aber sonst wusste auch er angeblich fast nichts: «Ich erhielt zwar die Rapporte, wusste aber nicht wer der Autor war.» Spannend hingegen, wie es überhaupt dazu kam: «Securitas informierte uns, dass sie jemanden platzieren konnten. Man bot uns an, Informationen zu liefern.» Nestlé griff zu. Von den anderen beiden Frauen, die für Nestlé Globalisierungskritiker bespitzelten, will der frühere Kommunikationschef nichts gewusst haben.

Als einzige der drei Spioninnen im Solde Nestlés trat vor dem Einzelrichter in Lausanne nur Sara Meylan auf. Die beiden anderen teilten dem Bezirksgericht schriftlich mit, dass sie nicht erscheinen würden, weil sie sich physisch bedroht fühlten. Sara Meylan erschien in schwarzer Punkerkluft, gepierce Nase, pechschwarze Haare bis tief über die Augen, schwere Stiefel, Lederjacke mit Kapuzen-Shirt darunter.

Meylan bestätigte vieles, was bereits bekannt war. Dass sie für den in Lausanne stationierten Securitas-Mann Gilbert M. gearbeitet hatte. Dass sie nach dessen Abgang bei Securitas die Rapporte seiner Nachfolgerin ablieferte. Aufgehört habe sie schliesslich, weil sie den Druck des Doppellebens nicht mehr ertragen habe. Später, als der Fall durch eine Sendung des Westschweizer Fernsehens aufgedeckt wurde, habe sie dem Untersuchungsrichter Rapporte übergeben, weil sie unter einem enormen Druck gestanden habe.

Ein Teil dieses Spionagefalls ist allerdings bis heute ungeklärt: Wie nämlich ist der Fall überhaupt bei der Organisation Transparency international gelandet, die die Geschichte dem Westschweizer TV weiterreichte und somit publik machte? Nestlés Anwalt versuchte es auf die harmlose Tour, in dem er die eigene Informantin am Schluss der Einvernahme ganz nebenbei fragte, ob sie eigentlich an Transparency international gelangt sei. «Nein», sagte Sara Meylan keck.

Das Urteil in diesem Fall steht noch aus.

Written by Otto Hostettler

24. Januar 2012 at 21:47

Nestlé: Arroganz der Mächtigen

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Der Nahrungsmittelmulti Nestlé liess jahrelang Globalisierungskritiker ausspionieren – und muss sich jetzt vor Gericht dafür erklären.

Am liebsten schweigt sich Nestlé zu unbequemen Fragen am liebsten aus.  Das war schon 2008 so. Damals enthüllte das Westschweizer Fernsehen, dass der milliardenschwere Weltkonzern eine handvoll Globalisierungskritiker bespitzeln liess. Sie arbeiteten an einem Buch über den Nahrungsmittel-Multi. Über die Sicherheitsfirma Securitas wurde eine Frau mit dem Pseudonym «Sara Meylan» in die Lausanner Gruppe von Attac eingeschleust. Sie arbeitete im kleinen Kreis mit – und notierte eifrig  von den Sitzungen. Die Informationen landeten direkt am Nestlé-Hauptsitz in Vevey.

Für die Aktion beauftragte Nestlé den Sicherheitskonzern Securitas. Der Beobachter zeichnete damals nach, wie der weitverzweigte Securitas-Konzern für der Bespitzelung vorging: Über die guten Verbindungen zur Bahnsicherheitsfirma Securitrans organisierte man der Nestlé-Spionin ein Halbtax-Abo. Als Adresse deponierte die Spionin bei den SBB die Anschrift des damaligen Chefs der Westschweizer Bahnpolizei. Mit diesem Ausweis wurde sie zur unverdächtigen Mitläuferin. Jeder andere SBB-Kunde hätte eine Identitätskarte vorweisen müssen – das Pseudonym wäre aufgeflogen («Wie die Securitas um sich greift»).

«Sara Meylan» rapportierte nicht nur über die Arbeitsgruppe der Attac, sondern auch über andere Exponenten. Etwa wenn der brasilianische Umweltschützer Franklin Frederick in der Schweiz weilte und  über die aktuelle juristische Auseinandersetzung mit Nestlé in Brasilien berichtete. Die Spionin notierte etwa, dass Frederick nun bei den Kirchen anklopfen wolle, wann welche Sitzung stattfindet et cetera. Dazu lieferte die Agentin auch gleich die E-Mail-Adresse des Umweltschützers für den Fall, dass sich Nestlé für dessen Korrespondenz interessieren sollte. Und sie notierte auch ihre eigenen Auslagen. Einmal etwa trank sie eine warme Schokolade und ein Glas Eistee für total Fr. 6.80, dazu gab sie fünf Franken Kollekte für die Saalmiete aus. Spannend ist dieser Umstand deshalb, weil sich gleichzeitig der damalige Nestlé-Direktor Roland Decorvet in den Stiftungsrat des kirchlichen Hilfswerks HEKS wählen liess.

Jetzt muss sich Nestlé und Securitas doch noch für dieses fragwürdige Verhalten öffentlich rechtfertigen. Am 24. und 25. Januar stehen die beiden Firmen in Lausanne vor Gericht. Die Gruppe Attaq klagte Securitas und Nestlé ein, die Privatsphäre ihrer Mitglieder verletzt zu haben. Denn nach «Sraha Meylan» flog eine weitere Securitas-Angestellte auf: «Shanti Muller» infiltrierte für Securitas zwischen 2002 und mindestens bis 2005 weitere globalisierungskritische Organisationen. Sie wurde später sogar «Sarah Meylans» Vorgesetzte. Eine dritte Spionin war sogar noch 2008 bei Attac aktiv.

Die Strategie der beiden Grosskonzerne lautete bisher: Aussitzen. Sie verharmlosten die Bespitzelung, spielten das Ausmass herunter und beteuerten, mit dem Abgang von «Sarah Meylan» sei der Einsatz von Agenten beendet worden. Nestlé und Securitas gaben nur zu, was öffentlich bekannt wurde. Drei Jahre lang zog sich das Verfahren hin, jetzt ist die öffentliche Verhandlung terminiert. Die juristischen Winkelzüge und die Verzögerungstaktik der beiden Grosskonzerne hat ein Ende.

Das Strafverfahren wurde bereits im Sommer 2009 eingestellt. Der Grund: «Privatspionage» sei kein Straftatbestand. Jetzt steht aber der Zivilprozess an. Nestlé wird alles daran setzen, sich auch hier wieder elegant aus der Affäre zu ziehen. Doch ganz so spurlos wird dieser Prozess nicht am Nahrungsmittelmulti vorbei gehen. Zu gross wird die Aufmerksamkeit in den Medien sein. Die Details der Bespitzelung werden noch einmal ausgeleuchtet, Nestlé wird den Richtern und den Klägern Fragen beantworten müssen.

Ob Nestlé – juristisch gesehen – die Privatsphäre der Kritiker verletzt hat oder nicht, wird im bevorstehenden Prozess nicht der wichtigste Punkt sein: Das stetige Schweigen und Mauern des Konzern war bisher das Beste, was den Kritikern passieren konnte. Sie können nun noch einmal im medialen Schweinwerferlicht ihre gesamte Kritik am Nahrungsmittelproduzenten ausbreiten. Die Arroganz der Mächtigen könnte Nestlés grösstes Problem werden.

(Bild: http://www.securitas.ch)

Written by Otto Hostettler

17. Januar 2012 at 11:18

Nestlé: Die zwei Gesichter des Herrn D.

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© Beobachter 2009

Seit Nestlé-Generaldirektor Roland Decorvet im Stiftungsrat des kirchlichen Hilfswerks Heks ist, gärt es an der Kirchenbasis. Denn Nestlé verfolgt Interessen, die das Heks klar ablehnt.

Die Wahl von Roland Decorvet in den Stiftungsrat des kirchlichen Hilfswerks Heks sorgt für Unmut. Denn Roland Decorvet ist nicht irgendwer. Er ist Generaldirektor des Nahrungsmittelkonzerns Nestlé, der wiederum mit 280000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf der ganzen Welt in den ersten neun Monaten dieses Jahres 81,4 Milliarden Franken Umsatz verbuchte – 7,6 Milliarden Franken allein mit dem Verkauf von Wasser. Ganz anders die Interessen des Hilfswerks: Das Heks fordert den freien, kostenlosen Zugang zu Wasser als Menschenrecht.

Mehr noch: Der neue Stiftungsrat im kirchlichen Hilfswerk repräsentiert just jenen Konzern, der jahrelang und systematisch Arbeitsgruppen der Antiglobalisierungsorganisation Attac bespitzeln liess (siehe Artikel zum Thema «Überwachung: Wie die Securitas um sich greift»). Mindestens drei Maulwürfe unterwanderten die Attac. Sie interessierten sich nicht nur für das Buch über Nestlé, an dem eine Autorengruppe arbeitete, sondern auch für den brasilianischen Umweltschützer Franklin Frederick, der engen Kontakt zur Szene hat.

Hartnäckig kritisiert Franklin Frederick seit Jahren den Nahrungsmittelkonzern für sein Geschäft mit Trinkwasser in Brasilien. Immer wieder reist er in die Schweiz, trifft Umweltorganisationen und Hilfswerke, hält Vorträge bei Kirchgemeinden und hat dazu beigetragen, dass die Kirchen der Schweiz die sogenannte Wassererklärung unterzeichneten. Darin wird Wasser als öffentliches Gut bezeichnet, das jedem Menschen zusteht. Eine Privatisierung von Quellen wird klar abgelehnt.

Ganz offensichtlich ist der umtriebige Umweltschützer aus Brasilien dem weltgrössten Wasserhändler ein Dorn im Auge. Dies geht aus den vertraulichen Berichten hervor, die die Securitas-Angestellte mit dem Pseudonym Sara Meylan dem Nestlé-Konzern ablieferte und die dem Beobachter in Auszügen vorliegen. Darin taucht immer wieder Fredericks Name auf.

Spitzelin Sara Meylan rapportierte fleissig, was Franklin Frederick über die aktuelle juristische Auseinandersetzung mit Nestlé in Brasilien berichtet. Die Spionin notiert, dass Frederick nun bei den Kirchen anklopfen wolle, wann welche Sitzung stattfindet et cetera. Dazu lieferte die Agentin auch gleich die E-Mail-Adresse des Umweltschützers für den Fall, dass sich Nestlé für dessen Korrespondenz interessieren sollte. Und sie vergisst nicht, ihre eigenen Auslagen zu notieren: eine warme Schokolade und ein Glas Eistee für total Fr. 6.80, fünf Franken Kollekte für die Saalmiete.

Das Hilfswerk, das sich Toleranz und Dialog auf die Fahne geschrieben hat, wird auffällig einsilbig jenen gegenüber, die unbequeme Fragen zum neuen Stiftungsrat stellen. Der Stiftungsratspräsident und liberale Nationalrat Claude Ruey lässt die Fragen des Beobachters unbeantwortet.

Decorvet hat zuvor die Diskussion über seine Person selber angeheizt: Er, dessen Familie seit fünf Generationen aus Pfarrern besteht, kanzelte gegenüber der Zeitung «Reformierte Presse» sowie dem Magazin des Heks die Kritiker als «politisch extrem links» und als «minorité négligeable» ab, also als vernachlässigbare Minderheit. Gleichzeitig behauptete der neue Heks-Stiftungsrat kühn: «Nestlé ist die beste Entwicklungsorganisation, die es gibt.»

Weiterlesen im Beobachter 25/08

(Bild: Alban Kakulya)

Written by Otto Hostettler

11. Dezember 2008 at 15:26

Wie die Securitas um sich greift

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© Beobachter 2008

Die Bewachungsfirma Securitas kann sich bei ihren geheimdienstlichen Schnüffeleien auf ein weites Netzwerk stützen. Im Fall Nestlé/Attac führt eine Spur an die Spitze der SBB-Bahnpolizei.

Nach diesem Tag gab es von Sara Meylan kein Lebenszeichen mehr. Am 12. Juni 2004 aber war sie noch dabei, als die Westschweizer Antiglobalisierungsgruppe Attac gerade ihr Buch über den Nahrungsmittelkonzern Nestlé publiziert hatte und dessen Geschäftspraktiken mit einer öffentlichen Veranstaltung anprangerte. In der Nestlé-Zentrale war das neue Buch hingegen kalter Kaffee, der Maulwurf hatte den Inhalt längst geliefert. Sara Meylans Mission war zu Ende.

Als Securitas-Spitzel im Auftrag von Nestlé hatte die junge Frau ein Jahr zuvor in Lausanne eine Autorengruppe der Organisation Attac infiltriert, wie das Westschweizer Fernsehen publik machte. Die Securitas begründet die Aktion mit dem damals am Genfersee durchgeführten Gipfel der wichtigsten Industrienationen (G-8) – die Observation sei im Namen der Sicherheit erfolgt. Doch: Der G-8-Gipfel in Evian war längst vorbei, als die siebenköpfige Gruppe – Sara Meylan inklusive – beschloss, über Nestlé ein kritisches Buch zu schreiben.

Über Sara Meylans wahre Identität wird nach wie vor gerätselt. Sie gab an, in Neuenburg zu wohnen und bei einer Versicherung zu arbeiten. In Neuenburg arbeitete sie zwar nachweislich mindestens ein Mal – an einem Computer eines Internetcafés. Fotos von ihr gibt es keine, ausser jenem auf dem Halbtaxabo, das sie damals benutzte. Auf diesem Bild, das dem Beobachter vorliegt, trägt sie schulterlanges, zum Rossschwanz gebundenes Haar. Das Gesicht kantig, die Augen stark geschminkt, den Mund zu einem Strich gepresst.

Ausgerechnet ihr Halbtaxabo fördert nun aber eine brisante Verbindung zutage, die Fragen aufwirft: Wurde die Aktion sorgfältig von der Securitas geplant, und griff sie dafür auf ihre guten Verbindungen zu den SBB zurück? Denn ein Angehöriger des Topkaders der Bahnpolizei, die zur SBB-Tochter Securitrans gehört (siehe nachfolgendes Organigramm), taucht nun plötzlich in indirektem Zusammenhang mit der Bespitzelung auf, wie Recherchen des Beobachters zeigen.

Die Halbtaxkarte von Sara Meylan mit der Nummer RBC 287 wurde von den SBB am 8. September 2003 ausgestellt. Als Adresse der Spionin war im SBB-System Folgendes registriert: «c/o Pascal Delessert, Avenue du Château 58, 1008 Prilly». Bei Pascal Delessert, der tatsächlich an dieser Adresse wohnt, handelt es sich um keinen Geringeren als den damaligen Chef der Westschweizer Bahnpolizei.

Es fragt sich somit, ob Meylan gegenüber den SBB falsche Angaben machte oder ob die Securitas das Halbtax ausgerechnet an den damaligen Westschweizer Bahnpolizei-Chef schicken liess. Denkbar ist auch, dass Meylan das Abonnement gar nicht am Schalter löste, sondern von ihrem Auftraggeber für die Observation persönlich in die Hand gedrückt bekam. Zwei weitere Möglichkeiten bestehen zumindest theoretisch: Die Adressangabe von Meylan hat den Tatsachen entsprochen, womit sie damals beim Bahnpolizei-Chef gewohnt hätte; oder der Bahnpolizei-Chef hat mit der Schnüffelaktion gar nichts zu tun. Klar ist einzig: Die Agentin musste unbedingt über ein Halbtax verfügen. Denn in der Schweiz besitzen über zwei Millionen Personen ein Halbtax, wer keines hat, ist in einer Gruppe wie der Attac, die häufig durch die Schweiz reist, geradezu auffällig.

Tatsächlich muss sich das Familienunternehmen Securitas, bisher Garant für Seriosität und Zuverlässigkeit, unangenehme Fragen gefallen lassen: Securitas-Nachtwächter haben in unzähligen Firmen Zugang zu Räumlichkeiten und könnten – theoretisch – im Auftrag von Konkurrenten Informationen sammeln.

Die Securitas arbeitete nicht nur mit den Spitzen der SBB-Bahnpolizei zusammen, sondern auch mit der Waadtländer Kantonspolizei. Securitas-Generalsekretär Reto Casutt bestätigte bereits im Westschweizer Fernsehen freimütig, dass die Waadtländer Polizei mit Informationen aus der Observation beliefert worden sei. Damit wird klar, dass die Securitas ihr vorzügliches Netzwerk tatsächlich nutzt.

Die investigativen Tätigkeiten haben sich längst zu einem lukrativen Geschäftsfeld entwickelt. Ein ehemaliges Kadermitglied der Securitas erklärt denn auch, dass der Konzern «nichts tut, was keinen Umsatz bringt». Ein anderer Securitas-Kadermann, der jahrelang Zugang zum innersten Zirkel hatte, rechtfertigt das neue Geschäftsfeld mit der ausländischen Konkurrenz, die solche Dienste längst anbiete – auch in der Schweiz. Und dieses lukrative Geschäft mit der verdeckten Überwachung will sich die Nummer eins im Schweizer Sicherheitsmarkt nicht entgehen lassen.

Starker Mann des Unternehmens ist Generaldirektor Hans Winzenried, sekundiert von Generalsekretär Reto Casutt. Winzenried präsidiert neben zahlreichen gruppeninternen Firmen auch die Securitrans (unter anderem Bahnpolizei), die zu 51 respektive 49 Prozent den SBB und der Securitas gehört. Operativer Chef: Martin Graf, ehemaliger Securitas-Kadermann.

Als Kommandant der Bahnpolizei diente der frühere Luzerner Polizeikommandant Jörg Stocker. Unter nebulösen Begründungen wurde er im Februar abgesetzt, dient dem SBB-Unternehmen aber weiterhin für «Spezialaufgaben». Sein neuer Job: Er ist Verwaltungsratspräsident der Crime Investigation Services AG (CIS), die zur Securitas-Gruppe gehört und in deren Verwaltungsrat auch Reto Casutt sitzt.

Weiterlesen im Beobachter 14/08

(Bild: http://www.securitas.ch)

Written by Otto Hostettler

9. Juli 2008 at 15:10

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